Brandfallsteuerungen: Typische Fallstricke und ihre Lösungsansätze

Eine Brandfallsteuerung gewährleistet, dass die einzelnen Anlagen wie Aufzüge, Alarmierung oder Lüftung miteinander vernetzt sind und auch im Brandfall funktionieren. Die Praxis zeigt allerdings oftmals Defizite in Planung und Umsetzung.

Brandfallsteuerungen: Typische Fallstricke und ihre Lösungsansätze
Abb. 1: Komplexität der technischen Gebäudeausrüstung in modernen Gebäuden (Foto: Eugen Nachtigall)

August 2017 / Von Eugen Nachtigall. Die klassische Gebäudetechnik wie auch die Sicherheitstechnik sind feste Bestandteile moderner Gebäude und entwickelten sich in den letzten Jahren sehr dynamisch weiter: Neue, spezialisierte und leistungsfähige Anlagen sind entstanden, um die steigenden Bedürfnisse der Gebäudeeigentümer und Nutzer nach Wirtschaftlichkeit und Sicherheit zu erfüllen (s. Abbildung 1). Die Brandmeldeanlage ist zweifelsohne die wichtigste sicherheitstechnische Anlage des Brandschutzes und übernimmt im Brandfall oft die anlagentechnische Steuerung von zahlreichen sicherheitsrelevanten Anlagen und Einrichtungen. Die Praxis zeigt jedoch, dass sie und weitere Teile der Sicherheitstechnik in sehr vielen Gebäuden – insbesondere im Bestand – teilweise erhebliche Defizite aufweisen. Dies betrifft auch sicherheitsrelevante Funktionen, die v.a. die Sicherheit von Personen im Brandfall betreffen können. Nachfolgend werden die typischen Fallstricke mit Bezug zu Brandfallsteuerungen plakativ aufgeführt. Diese werden dabei in drei Felder aufgeteilt, die sich inhaltlich überlappen (s. Abbildung 2). Um diese Fallstricke zu vermeiden bzw. zu beseitigen, empfehlen sich die skizzierten praxiserprobten Vorgehensweisen.

Brandfallsteuerungen: Typische Fallstricke und ihre Lösungsansätze
Abb.2: Übersicht zu den typischen Feldern von Fallstricken bei Brandfallsteuerungen (Quelle: Eugen Nachtigall)

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 4.2017 (Juli 2017) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 4.2017

Typische Fallstricke und ihre Lösungsansätze

1.) Personen

Verantwortung und Kompetenz: Niemand ist konkret für die Brandfallsteuerung zuständig bzw. verantwortlich. Das Thema ist mit niedriger Priorität etwa beim Facility Management oder der Instandhaltung angedockt. Es fehlt eine Schnittstellenposition zur Koordination der Gewerke. Die Beteiligten sind auf dem Themengebiet oftmals nicht ausreichend fachkundig oder verfügen nur über wenige Erfahrungen.

  • Lösungsansätze → Zum Aufbau von Kompetenzen im Bereich von Brandschutz und Brandfallsteuerungen gehören neben der Personalgewinnung auch Schulungen und Fortbildungen von Mitarbeitern. Bei größeren Liegenschaften lohnen sich maßgeschneiderte unternehmensinterne Schulungen, die neben Wissenstransfer und Best-Practice-Lösungen auch Team-Building und Beratung beinhalten können.

Agieren in Gewerken: Die Planer, Errichter und Prüfsachverständigen kümmern sich ausschließlich um ihre Anlagen. Anlagenübergreifende Planung, Errichtung und Prüfung finden oftmals nicht statt. Chaotisches Schnittstellenmanagement zeigt sich häufig bei Inbetriebnahmen von multifunktionalen Sonderbauten.

  • Lösungsansätze → Die Zusammenarbeit der Gewerke ist eine wichtige Managementaufgabe im Bauwesen. Sie kann für die Projektbeteiligten z.B. mit einem monetären Anreiz verbessert werden, der an gemeinsam zu erreichende Ziele geknüpft ist. 

Experten: Das Bauwesen wird immer komplexer. Dennoch werden Experten erst eingeschaltet, wenn die Probleme den Beteiligten „über den Kopf wachsen“. Diese Unsitte, Komplikationen auszusitzen bzw. zunächst mit eigenen Kräften lösen zu wollen, bringt auch größere Projekte finanziell und terminlich regelmäßig ins Wanken.

  • Lösungsansätze → Die rechtzeitige Einschaltung von Experten hilft oftmals, die Probleme im Vorfeld zu erkennen, und trägt somit maßgeblich zu der fristgerechten Inbetriebnahme bzw. zum erfolgreichen Projektabschluss bei.

2.) Dokumente

Dokumentation und Unvollständigkeit: Brandfallsteuerungen werden kaum dokumentiert, Gebäude von Betreibern oftmals wie eine Blackbox betrieben. Wenn überhaupt, gibt es oft nur eine Tabelle, in der die Brandfallsteuerungen unvollständig aufgeführt sind. Frei nach dem Motto „never change a running system“ werden die Brandfallsteuerungen von den Betreibern nicht überprüft oder angepasst und die Dokumentation – falls vorhanden – nicht aktualisiert.

  • Lösungsansätze → Die Dokumentation von Brandfallsteuerungen ist die wichtigste Grundlage für einen sicheren und wirtschaftlichen Betrieb eines Gebäudes [1]. Der erforderliche Umfang und die Qualität der Dokumentation sollten vertraglich vereinbart werden.
    In diesem Zusammenhang sollten einheitliche Gliederungen von Konzepten von Brandfallsteuerungen, Mustermatrizen, Musterplänen von Meldebereichen und anderen Musterdokumenten z.B. für Vollprobetests erarbeitet werden [2].

Änderungen: Zahlreiche Akteure (z.B. Betreiber oder Mieter) können Änderungen nach ihren Vorstellungen veranlassen. Meist prüft und dokumentiert niemand die Konsequenzen von baulichen und anlagentechnischen Änderungen im Hinblick auf den Brandschutz und die Brandfallsteuerungen.

  • Lösungsansätze → Änderungen sollten nur nach vorheriger Analyse und einer Genehmigung z.B. vom Brandfallmatrix-Beauftragten erfolgen. In der Praxis führt dies zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Bauvorhaben und einer i.d.R. besseren Planung.

3.) Abläufe

Prozesse: Es gibt keine standardisierten Abläufe und Prozesse, wenn es um den Umgang mit Brandfallsteuerungen geht. Bei Fragestellungen wird von den Beteiligten improvisiert, sodass je nach Randbedingungen und Projektbeteiligten unterschiedliche Lösungen gefunden werden.

  • Lösungsansätze → Einen guten Ansatz für eine strukturierte Vorgehensweise in allen Lebenszyklusphasen von Brandfallsteuerungen bietet die Richtlinienreihe VDI 6010 [3]. Ergänzend können bei „akuten Notfällen“ Methoden des Troubleshootings angewendet werden, um die Projekte in geordnete Abläufe zu bringen [4].

Konsequenzen: Änderungen an der Gebäudetechnik bzw. bauliche Änderungen werden nicht im Hinblick auf Brandfallsteuerungen durchdacht. Dies führt regelmäßig zu Verzögerungen bei der Inbetriebnahme und unerwarteten Kostensteigerungen.

  • Lösungsansätze → Die baulichen und/oder anlagentechnischen Änderungen und ihre Folgen sollten im Vorfeld sorgfältig analysiert werden. Auch die Projektleiter, die nicht primär für den Brandschutz zuständig sind, sollten die grundlegenden Zusammenhänge im Brandschutz und bei Brandfallsteuerungen verstehen, um die Konsequenzen der Änderungswünsche beurteilen zu können.

Strategie: Es gibt kein ganzheitliches strategisches Konzept zu den Themen Sicherheit, Brandschutz und Brandfallsteuerung. Vielmehr ist ein sicherer und wirtschaftlicher Betrieb von Zufällen abhängig und wird nicht proaktiv gesteuert.

  • Lösungsansätze → Im Rahmen einer ganzheitlichen Brandschutzstrategie, die sich in das übergeordnete Risikomanagementsystem einfügt, sollten auch Vorgaben an das Management von Brandfallsteuerungen im gesamten Gebäudelebenszyklus aufgestellt werden.

Fazit

Die Bedeutung von Brandfallsteuerungen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dies ist wenig verwunderlich, da allgemein Trends zur Technisierung und Digitalisierung in allen Lebensbereichen zu beobachten sind. Der Handlungsbedarf und die Defizite im Bereich von Brandfallsteuerungen werden den Entscheidern zunehmend bewusst. Eine besondere ­Herausforderung mit hohem Nachholbedarf stellen dabei die Brandfallsteuerungen in Bestandsgebäuden dar. Insbesondere für große Liegenschaften erscheint eine systemische Vorgehensweise im Rahmen einer ganzheitlichen Brandschutzstrategie, die Brandfallsteuerungen berücksichtigt, sinnvoll.

Autor

Prof. Dr.-Ing. Eugen Nachtigall: Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mosbach, Fakultät Technik – Bauingenieurwesen; im eigenen Ingenieurbüro tätig; wirkt bei der Richtlinienreihe VDI 6010 mit; führt Seminare im Bereich Brandschutz und Brandfallsteuerungen durch

Literatur

[1] Kraft, M., Roszak, M., Praxiswissen Brandschutz – Brandfallmatrix, FeuerTRUTZ Network GmbH, 2014

[2] Balow, J. et al., Wirkprinzipprüfungen und Vollprobetests für Gebäude, Kommentar zu VDI 6010 Blatt 3, Beuth Verlag GmbH, 2015

[3] Richtlinienreihe VDI 6010 „Sicherheitstechnische Einrichtungen für Gebäude“, VDI. URL: https://www.vdi.de/6010 (zuletzt besucht am 20.06.2017)

[4] Nachtigall, E., Troubleshooting-Methode zur Verbesserung des Brandschutzes in Gebäuden, sis – sicher ist sicher, Ausgabe 04/2015. URL: http://www.sisdigital.de/sis.04.2015.182 (zuletzt besucht am 20.06.2017)

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 4.2017 (Juli 2017) erschienen.
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