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Sanierung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar

Groß war das Entsetzen, als im September 2004 die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar zu großen Teilen ein Raub der Flammen wurde. Das Feuer verzehrte einzigartige historische Werke, und das Gebäude erlitt schwere Schäden. Ironie des Schicksals: Als der Brand ausbrach, war ein neues Brandschutzkonzept bereits in Arbeit. Autor: Erhard Arnhold

 




Der Rokokosaal vor dem Brand

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (HAAB) zählt seit 1998 zum UNESCO Weltkulturerbe „Klassisches Weimar“. Die Bibliothek hat ihren Hauptsitz im „Grünen Schlösschen“, das Herzog Johann Wilhelm 1562 bis 1565 als fürstliches Wohngebäude inmitten einer Gartenanlage errichten ließ. Unter Herzogin Anna Amalia wurde der kleine Palast 1761 bis 1766 zum Bibliotheksgebäude umgestaltet. Mit Umbauten und Erweiterungen erhielt der Gebäudekomplex in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine heutige Gestalt.
Durch die zweckmäßige Raumgliederung konnten auf den drei Geschossebenen des Rokokosaals und in den angrenzenden Nebenräumen etwa 100.000 Bücher aufgestellt werden.

 


Der Brand und seine Folgen

Eine defekte Kabelverbindung war vermutlich die Ursache des verheerenden Feuers am 2. September 2004. Die verrostete Kabelklemme hatte offenbar längere Zeit hinter einer Wandverkleidung im Dachgeschoss geschmort, bevor die Brandmelder Alarm schlugen. Die HAAB verfügte zum Zeitpunkt des Brandes über eine automatische Brandmeldeanlage mit flächendeckenden Rauchmeldern, die über einen Hauptmelder direkt mit der Leitstelle der Feuerwehr verbunden war. Die Anlage war funktionstüchtig und hatte erst wenige Tage zuvor bei Bauarbeiten zur Vorbereitung der Sanierung einen „Fehlalarm“ ausgelöst.




Außenangriff mit einem C-Rohr über Drehleiter

Löschanlagen waren im Gebäude nicht vorhanden, ebenso gab es keine trockenen Steigleitungen für einen Feuerwehreinsatz im Gebäude. Beim Brand wurden neben einem großen Teil der historischen Bausubstanz kulturgeschichtlich einmalige Werke zerstört: Gemälde, Handschriften und seltene Drucke. Über 10.000 Bände der etwa 50.000 verbrannten Bücher sind vermutlich nicht wieder zu beschaffen. Weitere 62.000 Bände sind durch Feuer und Wasser zum Teil erheblich beschädigt worden.
Im Kernbereich des Hauses gibt es Bereiche, die vollständig vom Brand zerstört oder massiv beschädigt wurden. Darunter schließen sich die Ebenen an, die sowohl Brand- als auch Wasserschäden erlitten, sowie Räume, die „nur“ Wasserschäden zeigten. Erfreulicherweise sind einige Räume ohne Schäden davongekommen, unter anderem der Gentzanbau und der Bücherturm.

 


Das Brandschutzkonzept für die Sanierung

Die Stiftung Weimarer Klassik als Träger der HAAB hatte bereits vor dem Brand ein Fachplanungsbüro mit der Erarbeitung eines Brandschutzkonzeptes für die Sanierung des Stammgebäudes beauftragt. Der Brandverlauf und seine Folgen haben die neue Planung maßgeblich beeinflusst.
Das Stammhaus der HAAB besteht aus den Gebäudeteilen – von Nord nach Süd – Coudrayanbau, Grünes Schloss, Gentzanbau, Bibliotheksturm. Alle Gebäudeteile sind mehrgeschossig; die Baukonstruktion ist in der zur Errichtungszeit üblichen Bauweise ausgeführt.
Das Stammhaus wird über zwei Treppenräume erschlossen. Der Rokokosaal im Grünen Schloss bildet brandschutztechnisch vertikal einen Raum zwischen dem 1. Obergeschoss und dem 2. Mansardgeschoss. Die vorhandene Bausubstanz gibt eine sinnvolle Aufteilung in Brandabschnitte vor; die Trennung der Brandabschnitte musste allerdings teilweise ertüchtigt werden.

 


Schutzziele



Kulturgeschichtlich einmalige Buchbestände wurden beim Brand 2004 zerstört.

Für die Nutzung des Stammhauses der HAAB als Versammlungs- und Arbeitsstätte müssen durch bauliche, technische und organisatorische Maßnahmen solche Bedingungen geschaffen werden, dass bei einem bestimmungsgemäßen Betrieb Angestellte, Besucher oder Dritte keine Personenschäden erleiden. Im Notfall muss die Räumung des Gebäudes ohne Gefährdung von Personen möglich sein. Sie ist in diesem Sinne ein „bestimmungsgemäßer Verlauf“. Dem Ertüchtigen der notwendigen Treppenräume als Flucht- und Rettungswege im Coudray- sowie im Gentzanbau kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.
Neben diesem Schutzziel, das durch die ThürBO vorgegeben ist, kommt auch der Sachschutz als Schutzziel hinzu. Das Gebäude wird nach der Sanierung wieder mit originalen Büchern, Globen und Karten sowie Gemälden und Plastiken ausgestattet, die als Kulturgut zu schützen sind.

 


Brandschutztechnische Infrastruktur



Die Trennwand des Saales zum Coudrayanbau hielt den Brandbelastungen stand.

Die Löschwasserversorgung für das Gebäude erfolgt zum einen aus der öffentlichen Trinkwasserversorgung über Hydranten, zum anderen aus einer offenen Wasserentnahmestelle, dem Fluss Ilm, der ganzjährig genügend Wasser führt. Damit ist die Löschwasserversorgung ausreichend gewährleistet. Die Erschließung des Gebäudes für Rettungs- und Löscharbeiten durch die Feuerwehr ist sowohl von der Westseite als auch von der Ostseite gegeben. Die Zufahrten und Bewegungsflächen sind in ausreichendem Maße vorhanden, zugänglich und für die Feuerwehrfahrzeuge geeignet.
Für die Bereiche Bibliotheksturm und den Gentzanbau müssen jeweils die zweiten Rettungswege über Rettungsgeräte der Feuerwehr hergestellt werden. Dies ist vom Platz der Demokratie aus ebenso möglich wie von der Parkseite. Aufgrund der gegebenen Gebäudeausdehnung ist eine Verbesserung der Löschwasserversorgung innerhalb des Gebäudes erforderlich – hierzu wird der Einbau je einer trockenen Steigleitung DN 80 mit C-Anschlüssen in jedem Geschoss in den notwendigen Treppenräumen vorgesehen.

 


Das neue Brandschutzkonzept



Diese Übersicht zeigt massiv brandgeschädigte Bereiche (rote Kennzeichnung), Bereiche mit Brand- und Wasserschäden (gelb) sowie die Räume, die nur Wasserschäden zeigen (blau). Die grün gekennzeichneten Räume blieben unversehrt.

Das Brandschutzkonzept, das jetzt verwirklicht wurde, sieht jeweils eine brandschutztechnisch wirksame Trennung zwischen Coudrayanbau, Grünem Schloss und Gentzanbau vor. Der Bibliotheksturm wird ebenso wirksam baulich getrennt. Der vorhandene Treppenraum im Coudrayanbau wird zum notwendigen Treppenraum ausgebaut, der geplante Aufzug in der Trennwand zwischen Coudrayanbau und Grünem Schloss wird so ausgeführt, dass die Funktion der Brandwand vollständig gewährleistet bleibt.
Der Rokokosaal bildet einen Brandabschnitt vom 1. Obergeschoss bis zum 1. Mansardgeschoss – eine horizontale Trennung durch geschlossene Decken erfolgt nicht. Die vorhandenen Holzbalkendecken erbringen eine Feuerwiderstandsdauer von 90 Minuten. Die neue Decke über dem 1. Mansardgeschoss ist als Holzbalkendecke (in F 90-B) vorgesehen. Zur Entrauchung stehen auf allen Ebenen ausreichend öffenbare Fenster zur Verfügung. Die Geschosstrennung im Grünen Schloss zwischen Erdgeschoss und 1. Obergeschoss ist als feuerbeständige Decke F 90-A auszubilden – dies ist durch den Bestand weitestgehend erfüllt.
Die Anforderungen an die tragende und aussteifende Konstruktion sowie die Decken des Gentzanbaus werden gemäß ThürBO für Gebäudeklasse 4 auf mindestens F 60 – „hochfeuerhemmend“ festgelegt; der Bestand kann im Wesentlichen erhalten bleiben. Der Bibliotheksturm wird in seiner Konstruktion belassen, jedoch muss ein Natürlicher Rauchabzug (NRA) zur Sicherung der Eigenrettung sowie eines Feuerwehreinsatzes eingebaut werden.
Für alle öffentlich zugänglichen Bereiche des Hauses (Grünes Schloss, Coudrayanbau) sind zwei bauliche Rettungswege gewährleistet; im Bibliotheksturm sowie im Gentzanbau wird der zweite Rettungsweg über Rettungsgeräte der Feuerwehr sichergestellt.
Notwendige Brandschutztüren werden neu eingebaut; in bestimmten Fällen ist vorgesehen, historische Türen zu erhalten, aufzuarbeiten und durch die Nachrüstung von Dichtungen und Schließeinrichtungen entsprechend zu qualifizieren. Damit werden die Türqualitäten „feuerhemmend“ (T 30), „feuerhemmend und rauchdicht“ (T 30 RS), „Rauchschutz“ (RS) sowie „dicht- und selbstschließend“ (DSS) erreicht.

 


Brandfrüherkennung

Für einen wirksamen Brandschutz des Stammhauses der HAAB ist eine automatische Brandfrüherkennung unverzichtbar. Deshalb wird im Gebäude eine automatische Brandmeldeanlage (BMA) als Vollschutzanlage mit Alarmweiterschaltung zur Feuerwehr ausgestattet. Das bedeutet, alle begehbaren Räume, jedoch auch Zwischendecken, Installationsschächte und nicht begehbare Hohlräume (z. B. Deckenhohlräume oder die Hohlräume hinter den Verkleidungen im Rokokosaal), werden automatisch überwacht.
Zur Branddetektion werden eingesetzt:

  • herkömmliche Rauchmelder (optische Rauchmelder) für Bürobereiche, Arbeitsräumeund Technikräume, die öffentlichen
    Räume im Coudrayanbau, im UG, KG und EG des Grünen Schlosses sowie im Gentzbau
  • Rauchansaugsysteme im Rokokosaal und Bücherturm sowie Sonderlesesaal
  • Rauchansaugsysteme in den nicht zugänglichen Hohlräumen (Decken, Wandzwischenräume, besonders im Rokokosaal).

Die Kombination dieser Melder sichert eine Brandfrüh- und -frühesterkennung nach dem derzeitigen Stand der Technik. Mit der Brandmeldeanlage wird die
Löschanlage vorgesteuert.

 


Automatische Löschanlage

Für den Schutz der wertvollen Bestände im Rokokosaal sowie im Bibliotheksturm wird auf Wunsch des Bauherrn eine automatische Löschanlage installiert. Das System hat die Aufgaben, einen Brand schon in der Entstehungsbrandphase effektiv zu löschen und Menschen vor Schaden zu bewahren (im entsprechenden Raum müssen sich nach Auslösung der Löschanlage Personen auch ohne Schutzausrüstung mindestens 30 Minuten aufhalten können). Zudem darf die Löschanlage keine Schäden an der Einrichtung der Räume und der Bausubstanz verursachen. Die Löschanlage muss folgende Bereiche schützen:

  • den Rokokosaal
  • den Sonderlesesaal im 2. Mansardgeschoss
  • die Sonderbestände im Coudrayanbau
  • den Bibliotheksturm
  • die Lüftungszentrale im Dachgeschoss.




Übersicht über die vorgesehenen Brandabschnitte

Hierzu standen zwei grundsätzliche Varianten zur Auswahl: eine Hochdruck-Wassernebellöschanlage oder eine Gaslöschanlage. Als Ergebnis einer umfangreichen Untersuchung fiel die Entscheidung zugunsten einer Hochdruck-Wassernebellöschanlage mit einer maximalen Tropfengröße von 100 µm und einer Auslösetemperatur der Glasfässchen von 59 °C (Rokokosaal und Bibliotheksturm) bzw. 68 °C für die übrigen Bereiche. Die Anlage ist als vorgesteuerte Trockenanlage auszulegen, d. h., nach der Auslösung eines Brandalarms durch die BMA werden die ansonsten trockenen Rohre bis zu den verschlossenen Löschdüsen geflutet, jedoch erst beim Auftreten von Temperaturen von = 59 bzw. = 68 °C öffnen die Düsen, und der Löschvorgang beginnt. Die Wasserförderung und Nebelerzeugung erfolgt dabei über eine gasgetriebene Pumpeneinheit GPU – gasdriven pump unit – somit ist das Löschsystem von einer aufwendigen Notstromversorgung unabhängig. Die maximale Löschzeit aus dem Wasservorrat wird auf 40 Minuten festgelegt.
Zur Installation der Anlage ist die verdeckte Verlegung von Rohrleitungen (ca. 12–16 mm Durchmesser) im Rokokosaal und im Bibliotheksturm erforderlich, die notwendigen Löschdüsen müssen sichtbar installiert werden.


Rauchabzug

Rauchabzüge sind erforderlich in den notwendigen Treppenräumen im Coudrayanbau sowie im Gentzanbau – hier werden Rauchabzugsvorrichtungen über öffenbare Fenster mit manuellen Auslösetastern sowie einer Auslösung über die BMA verwendet. Im Bibliotheksturm erfolgt der Rauchabzug durch eine NRA.

 


Hohlräume

Hohlräume erschweren den Brandschutz Die komplizierte historische Bausubstanz, die vor allem im Bereich des Rokokosaales durch zahlreiche Hohlräume gekennzeichnet ist, birgt die Gefahr von Schwelbränden in diesen nicht zugänglichen Räumen. Da diese Abschnitte weitestgehend durch
empfindliche automatische Brandmelder überwacht werden und eine Melderauslösung dort nicht unwahrscheinlich ist, wird zur Abklärung dieser Situation eine Wärmebildkamera eingesetzt. Damit lassen sich verdeckte Glutnester exakt feststellen, auch durch geschlossene Holzverkleidungen
hindurch oder in Fußbodenkonstruktionen.
Ohne die Klärung mit der Wärmebildkamera müsste die Feuerwehr im Alarmfall historische Verkleidungen demontieren. Schäden wären sicher die Folge.
Alle Gebäudeteile erhalten eine Rettungswegkennzeichnung und eine Sicherheitsbeleuchtung mit Sicherheitsstromversorgung. Der Aufzug wird mit einer Brandfallsteuerung mit Verknüpfung zur Brandmeldeanlage ausgerüstet.

 


Organisatorischer Brandschutz

Für das Stammhaus der HAAB ist eine Brandschutzordnung nach DIN 14096 aufzustellen, die das Verhalten zur Brandvermeidung, das Verhalten im Brandfall sowie zur Brandbekämpfung regelt; alle Mitarbeiter sind darüber mindestens einmal jährlich zu informieren. Weiterhin sind die Nutzer über das Rettungskonzept und die Funktion der wichtigsten brandschutztechnischen Anlagen zu informieren – etwa im Rahmen der Benutzungsordnung der Bibliothek.

 


Fazit

Zwar erstrahlt jetzt die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in neuem Glanz. Doch die Verluste an Kulturgütern schmerzen noch. Das neue Brandschutzkonzept hat den Charme des historischen Rokokosaales bewahren können. Hoffen wir, dass anderenorts die fällige Sanierung für einen adäquaten Brandschutz rechtzeitig verwirklicht wird.


Autor: Erhard Arnhold (Ingenieurbüro Arnhold & Müllenberg, Prüfingenieur für vorbeugenden Brandschutz, Weimar)

 

Der vollständige Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin, Ausgabe 1.2008, erschienen.

 

Den Stand der Restaurierungsarbeiten können Sie auf der Homepage der Klassik Stiftung Weimar nachlesen:  www.anna-amalia-bibliothek.de


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