Interview: "Cyber-Security ist der Brandschutz des 21. Jahrhunderts"

Thomas Urban unterstützt seit dem Sommer 2016 als Geschäftsführer die Leitung der VdS Schadenverhütung GmbH und leitet nun u.a. die Brandschutzlaboratorien. Im Gespräch mit FeuerTRUTZ erläutert er seine neuen Aufgaben und die Entwicklung des Marktes aus VdS-Sicht.

Interview: Cyber-Security ist der Brandschutz des 21. Jahrhunderts
Im Gespräch mit FeuerTRUTZ erläutert VdS-Geschäftsführer Thomas Urban (li.) u.a. den Zusammenhang von Cybersicherheit und technischem Brandschutz. (Foto: FeuerTRUTZ)

März 2017. Herr Urban, die VdS ist eine Institution in der Sicherheitsbranche. Welche Aufgaben übernehmen Sie als neuer Geschäftsführer? Und wie ist die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Dr. Robert Reinermann, dem Sprecher der Geschäftsführung?

Herr Dr. Reinermann verantwortet neben der Technischen Prüfstelle mit derzeit sechs Niederlassungen in Deutschland sowie je einer in Polen, den Niederlanden, der Schweiz und der Tschechischen Republik auch das Risikomanagement, das Bildungszentrum, den Verlag und die zentralen Dienste unseres Unternehmens.
Für mich sind zu dem Bereich Security, den ich seit 2008 leite, noch die Leitung der Brandschutzlaboratorien und das Geschäftsfeld Geoexpertise hinzugekommen, das z.B. standortbezogene Gefährdungsanalysen für Industrie, Versicherer, Banken und Makler erstellt. In den Brandschutzlaboratorien prüfen wir neben Brandmeldetechnik auch Löschanlagen aller Art, Rauch- und Wärmeabzugsanlagen sowie Feststellanlagen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Brandschutzlaboratorien der VdS?

Wir werden in 2017 die Laboratorien organisatorisch von der Technischen Prüfstelle trennen. Letztere wird dann als eigenständiger Bereich aufgestellt sein. Auch wenn sich die Brandschutzprodukte von denen im Bereich Security unterscheiden, so sind die Abläufe für Prüfung und Zertifizierung doch ähnlich und weitere Prozessverbesserungen möglich.
Die Komplexität, Digitalisierung und Vernetzung der Produkte und Systeme nimmt zu, das sehen wir ganz klar bei den Produkten, die uns zur Prüfung vorgelegt werden. Obwohl die funktionalen Anforderungen an Produkte sich nicht grundsätzlich ändern, wie z.B. ‚Rauch melden‘ oder ‚Wärme melden‘, so verändern sich Technologien und Marktanforderungen doch ständig und haben Einfluss auf unsere Tätigkeiten in den Laboratorien. Da ist viel Dynamik spürbar und bei manchen Innovationen, zu denen passende Normen noch fehlen, müssen wir uns erst Gedanken machen, wie wir das optimal prüfen können. Dazu erstellen wir dann unter Einbeziehung z.B. der Feuerwehr und von Herstellerverbänden VdS- Richtlinien, in denen die Anforderungen und Prüfmethoden festgelegt werden. Viele unserer Richtlinien dienen später als Basis für Europäische Normen. Die Richtlinien veröffentlichen wir übrigens auch vorab, sie durchlaufen dann ein öffentliches Konsultationsverfahren, in dem sie jeder Experte kommentieren kann. Diese direkte Einbindung der Fachleute ist ein wichtiger Grund dafür, dass VdS-Richtlinien von Brandschutzverantwortlichen in vielen Ländern gern genutzt werden.

Das Interview ist in Ausgabe 1.2017 (Januar 2017) des FeuerTRUTZ Magazins erschienen.
Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 1.2017

Brandschutz wird immer komplexer. Welchen Stellenwert haben Zertifizierung und Qualitätssicherung aus Sicht der VdS?

Letztlich gilt: Qualität sichert Leben. Qualitätssicherung und Zertifizierung sind dafür die Grundlagen. Nicht zuletzt ergibt sich dadurch in einem unübersichtlicher werdenden Markt eine Entscheidungsgrundlage für die Verantwortlichen. Das wird gerade wegen der schon angesprochenen zunehmenden Komplexität und auch der Vielfalt am Markt immer wichtiger. Natürlich enthebt eine Zertifizierung die Bauherren und Planer nicht davon, sich, abgestimmt auf die Anforderungen des konkreten Gebäudes, eigene Gedanken zu machen. Auf die sachkundige Anwendung der Produkte muss großer Wert gelegt werden.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass Löschanlagen in der Industrie zunehmend auch nach anderen Regelwerken, z.B. FM, UL oder nach Norm, errichtet werden?

Wir sind von der Qualität und den Vorteilen des VdS-Regelwerkes in diesem Bereich natürlich überzeugt und das deckt sich auch mit dem Feedback, das wir aus dem Markt und übrigens auch aus dem Ausland bekommen. Gleichwohl mag es Anwendungsfelder geben, in denen auch andere Regelwerke sinnvoll angewendet werden könnten.

Eines Ihrer Schwerpunktthemen ist bereits Home Security. Welche Rolle spielt der Brandschutz im Smart Home der Zukunft?

Das ist in der Tat ein besonders spannendes Thema und noch sehe ich nicht eindeutig, dass sich da eine regelnde Kraft etabliert. Momentan wird der Smart Home-Markt oft durch Hersteller getrieben, die weder Brandschutz- noch Security-Erfahrung haben. Deren Systeme liefern einen gewissen Komfort und der Brand- und Einbruchschutz werden dann eben mitgeliefert. Dieser Ansatz ist mit Sicherheit nicht der richtige. Denn die Sicherheitsversprechen werden von den Systemen oft nicht eingehalten. Den einfachen Heimrauchmelder will ich, wenn er denn richtig installiert wurde, da mal ausnehmen. Schließlich müssen Rauchmelder gemäß den gesetzlichen Vorgaben immer auch autark funktionieren. Aber wenn es darüber hinausgeht, z.B. schon bei überschaubaren ‚Brandfallsteuerungen‘ wie dem Lichteinschalten im Flur oder dem Öffnen der Rollläden bei Brandalarm, braucht es Fachwissen und verlässliche, professionelle Systeme.
Besonders schlimm ist, dass diese Systeme so beworben werden, als lieferten sie die ‚absolute‘ Sicherheit, was dem Endverbraucher suggeriert: ‚Damit ist alles sicher, dir kann nichts passieren!‘. Das Mehr an Sicherheit durch die Smart Home-Produkte ist aber oft deutlich niedriger, als versprochen wird.

Smart Home- und Smart Security-Lösungen können ja eine Menge zum Teil sensible Daten erzeugen. Ist es gut, diese Daten in den Händen der Hersteller zu belassen?

Viele Smart Home-Lösungen zwingen den Verbraucher, seine Daten und sogar die Steuerung auf fremden Servern zu platzieren. Ob man das will, muss jeder für sich entscheiden. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, dass die eingesetzten Produkte mir die Möglichkeit lassen, über meine Daten zu bestimmen. Darüber hinaus müssen diese Lösungen von vornherein robust gegen Cyber-Angriffe, wie z.B. das einfache Ausspionieren von unverschlüsselten Daten, entwickelt werden. Denn wir gehen davon aus, dass Cyber-Security der Brandschutz des 21. Jahrhunderts ist. Alle Beteiligten sollten diesen Aspekt bei der Produktentwicklung und Anwendung unbedingt beachten. Wir sind mit allen relevanten Herstellerverbänden schon länger im Austausch darüber.
Dass IT-Sicherheit und technischer Brandschutz immer mehr zusammenwachsen, ist leider in der Normung noch nicht abgebildet. Wir bearbeiten dieses Thema intensiv. Im Security-Bereich sind wir da schon recht weit. Zum Beispiel gibt es bereits die VdS-Richtlinie 3169, in der Grundanforderungen für Apps und in Teil 2 auch für den Fernzugriff auf sicherungstechnische Anlagen aufgeführt sind.

Die VdS ist auch ein großer Ausbildungsträger im Thema Brandschutz. Sehen Sie hier Veränderungen, z.B. einen Trend zu E-Learning?

Sowohl die Präsenzveranstaltungen als auch das E-Learning werden sich weiterentwickeln. Wir sehen ganz eindeutig, dass in vielen unserer Lehrgänge das haptische Begreifen wichtig ist, sodass reines E-Learning hier nie ein adäquater Ersatz sein kann.

Die Fachwelt spricht nach wie vor über den Brand im Klinikum Bergmannsheil. Sehen Sie die Notwendigkeit für neue Richtlinien zum Brandschutz in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen?

Es ist richtig, dass es hier auf Gesetzesebene leider wenige bzw. nur ältere Bauvorschriften gibt. Einen Leitfaden für den Brandschutz in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen zur Unterbringung oder Behandlung von Personen bildet aber die VdS-Richtlinie 2226. Darin sind u.a. ganz konkrete Grundanforderungen und Schutzziele für solche Gebäude definiert – und auch dieses wichtige Werk gibt es auf www.vds.de zum kostenlosen Download.

Wie stehen Sie zum Thema Sprinklerschutz für Pflegezimmer?

Sprinkleranlagen wären hier natürlich effektiv, das zeigen die Erfahrungen zahlreicher Fälle, in denen sie dazu geführt haben, dass deutlich geringere Schäden entstanden sind. Das Problem ist aber, dass es dazu keine belastbaren Statistiken gibt. Die skandinavischen Länder sowie Australien und die USA vertrauen in Pflegeeinrichtungen längst auf den Schutz automatischer Löschanlagen und konnten die Mortalität damit um bis zu 82 % senken, wie eine NFPA-Studie bestätigt. Leider sehen viele Verantwortliche für die Sicherheit von Krankenhäusern den nachträglichen Einbau von Sprinkleranalagen gerade in älteren Bestandsbauten als schwierig und kostenintensiv an, zumal er i.d.R. im laufenden Krankenhausbetrieb erfolgen müsste. Für diese speziellen Gebäude bieten sich aber auch andere und günstigere technische Brandschutzsysteme an, z.B. Brandmeldeanlagen.

Zum Gesprächspartner

Thomas Urban leitet bereits seit dem Jahr 2008 den Bereich Security bei VdS. In seiner neuen Funktion verantwortet er weiterhin diesen Bereich und zusätzlich die Brandschutzlaboratorien sowie das junge Geschäftsfeld Geoexpertise. Der gebürtige Brandenburger ist Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik und begann bei VdS 1999 als Prüfer für Einbruchmeldeanlagen.

Das Interview ist in Ausgabe 1.2017 (Januar 2017) des FeuerTRUTZ Magazins erschienen.
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