Interview: Wie sicher sind Hochhäuser in Deutschland?

Die FeuerTRUTZ Redaktion sprach in einem Interview mit vfdb-Präsident Dirk Aschenbrenner, der sich für die flächendeckende Einführung der Muster-Hochhausrichtlinie in allen Bundesländern einsetzt.

Interview: Wie sicher sind Hochhäuser in Deutschland?
(Bild: vfdb)

Herr Aschenbrenner, der tragische Brand des 1974 errichteten und bis 2016 modernisierten Hochhauses in London Mitte Juni ist nur der jüngste Vorfall in einer ganzen Reihe von Hochhausbränden in den letzten 1,5 Jahren. Auch wenn sich diese z.B. in Asien, der Golfregion und eben in London abgespielt haben, gibt es Rückschlüsse, die wir in Deutschland daraus ziehen müssen?

Um Rückschlüsse ziehen zu können, sind zunächst gesicherte Informationen über die Brandentstehung und den Brandverlauf notwendig. Grundsätzlich gilt in Deutschland seit vielen Jahrzehnten, dass wesentliche konstruktive Bestandteile eines Hochhauses – dazu zählt auch die Fassade – aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen müssen. Der aktuelle Stand der Brandschutz- und Sicherheitstechnik für Hochhäuser ist in der Muster-Hochhaus-Richtlinie definiert. Die vfdb setzt sich für die flächendeckende Einführung dieses Standards in allen Bundesländern ein.

Welche Punkte sind bei älteren Bestandshochhäusern besonders dringend zu überprüfen und ggf. nachzurüsten?

Im Zuge der Brand- oder Brandverhütungsschau sind Hochhäuser in regelmäßigen Abständen in Augenschein zu nehmen. Dabei dient die Brandschau der vorbeugenden Abwehr von Gefahren, die durch einen Brand entstehen können. Bei der Brandschau ist festzustellen, ob der Entstehung und Ausbreitung von Schadenfeuer im Interesse der Abwendung von Gefahren für Leben und Gesundheit in ausreichendem Maße vorgebeugt wird und bei einem Brand wirksame Lösch- und Rettungsarbeiten möglich sind. So ist festzustellen, ob

  • wegen baulicher oder anderer Mängel die Gefahr von Bränden besteht,
  • durch die Art der Nutzung die Gefahr von Bränden besteht,
  • die erforderlichen Brandabschnitte vorhanden sind und ob sie sich in vorschriftsmäßigem Zustand befinden,
  • die erforderlichen Rettungswege vorhanden sind und sicher benutzt werden können und
  • die erforderlichen Löschmittel, Löschgeräte und -anlagen sowie Feuermelde-/Brandmeldeeinrichtungen und Rauchabzugsanlagen vorhanden und einsatzfähig sind.

 Wo sehen Sie die Grenzen des technisch und wirtschaftlich Vertretbaren in der Sanierung von Hochhäusern erreicht?

Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Sind beispielsweise die Rettungswege nicht gesichert, sind unmittelbar die zwingend notwendigen Maßnahmen zu deren Ertüchtigung zu treffen. Unabhängig von wirtschaftlichen Betrachtungen. Das Gleiche gilt in meinen Augen, wenn eine rasche Brand- und Rauchausbreitung im oder am Hochhaus nicht ausgeschlossen werden kann.

In der Golfregion brannten zuletzt auch neu errichtete Hochhäuser, z.B. ein 60-stöckiges Hotel- und Wohnhochhaus im Zentrum Dubais. Das Hochhaus in London war zwar schon über 40 Jahre alt, wurde aber erst kürzlich saniert. Sehen Sie auch bei modernen Hochhäusern in Deutschland bisher vernachlässigte Risiken?

Grundsätzlich nicht. Gleichwohl sehe ich den Bedarf, die Veränderung von Verfahren, Materialien und Vorschriften (Standards) zukünftig einer umfassenden, szenarienbasierten Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen. Dies kann in vielen Fällen auch die Simulation im 1 : 1- Versuch bedeuten! Dabei sind die Feuerwehren und Experten des vorbeugenden Brandschutzes zu beteiligen. In der Vergangenheit hat es eine Reihe von Entwicklungen gegeben, bei denen die Auswirkungen auf das Sicherheitsniveau erst durch Schadensfälle realisiert wurden. Beispiele sind hier Schadensfälle mit Nagelplattenbinderkonstruktionen oder in Verbindung mit Photovoltaikanlagen. Die vfdb setzt sich daher für eine koordinierte und systematische Brandschutz- und Sicherheitsforschung ein.

Sind die Feuerwehren in deutschen Großstädten auf ähnliche Vorkommnisse gut vorbereitet?

Zunächst ist festzustellen, dass die Menschenrettung und Brandbekämpfung bei Hochhausbränden die Feuerwehren vor erhebliche Herausforderungen stellt. Nach meiner Einschätzung sind die Feuerwehren – in deren Zuständigkeitsbereich Hochhäuser fallen – auf Brände mit taktischen Konzepten und durch entsprechende Aus- und Fortbildung gut vorbereitet. In der deutschen Literatur wird der aktuelle Stand der Technik umfassend dargestellt. Hochhausbrände werden im Zuge von Übungen, aber auch (überregionaler) Fortbildungen wiederkehrend thematisiert.

Zum Gesprächspartner: Dirk Aschenbrenner, Präsident der vfdb e.V.

Das Interview ist im Rahmen des Brennpunkts zum Brand im Grenfell Tower im FeuerTRUTZ Magazin 4.2017 (Juli 2017) erschienen. Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 4.2017

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Grenfell Tower-Brand

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