Interview zur europäischen Normung

FeuerTRUTZ sprach im Interview mit Lance Rütimann, Board-Member von Euralarm (Vereinigung europäischer Hersteller von Sicherheitsanlagen für Brand, Einbruch und Überfall), über die Entwicklung europaweiter Standards für Produkte, die länderübergreifende Anerkennung von Qualifikationen und die Verbesserung des Brandschutzes in Beherbergungsstätten.

Euralarm: Interview zur europäischen Normung
Das Manifest „2016 to 2019 for a safer and more secure Europe“ kann unter www.euralarm.org heruntergeladen werden. (Quelle: Euralarm)

Mai 2017. Euralarm hat die Europäische Kommission und die EU-Normungsinstitutionen aufgerufen, für ein schnelleres und effektiveres einheitliches Normungssystem zu sorgen. Welche Anpassungen sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten für die Hersteller und deren Kunden?

"Euralarm hat schon 2014 in dem Briefing Market Driven Standardisation verlangt, dass der europäische Normierungsprozess von der Idee bis zur gültigen Norm überdacht werden muss, um Anforderungen nach mehr Effizienz und Schnelligkeit gerecht zu werden. Die Normierung ist ein wichtiges Instrument für alle Beteiligten am Markt – nicht nur für Anbieter und Abnehmer.
Um die nötigen Anpassungen zu verstehen, müssen wir zuerst die hauptsächlichen Herausforderungen erkennen:

  • Die nationalen Spiegelkomitees haben erheblichen Einfluss und Verantwortung. Sie können den Prozess beschleunigen, aber auch ins Stocken bringen.
  • Die Vorsitzenden der Fachausschüsse und die Obleute der Arbeitsgruppen sind auf Unterstützung angewiesen.
  • Die Consultants sollten unterstützend wirken, damit die Normenentwürfe der Arbeitsgruppen ohne Verzögerung publiziert und implementiert werden können.

Diese drei Aspekte bilden den Rahmen für die nötigen tiefgreifenden Anpassungen. Bedenken Sie zudem, dass die Industrie Fachkräfte für die Normierungsarbeit kostenlos zur Verfügung stellt. Verzögerungen hingegen verursachen unnötige Kosten – Geld, das für Innovationen und Weiterentwicklungen in den Unternehmen fehlt.
Seit der Publikation des Briefings ist eine enge und produktive Zusammenarbeit zwischen Euralarm und dem CEN-CENELEC Management Centre (CCMC) entstanden. Die Botschaft ist auch in der Kommission angekommen. Die Joint Initiative on Standardisation wurde im Juni 2016 lanciert, und Euralarm ist tatkräftig dabei, die Bedürfnisse unserer Industrie in die Diskussionen und Entscheidungen einzubringen."

Euralarm
Euralarm vertritt die elektronische Feuer- und Sicherheitsindustrie und setzt sich für diese in Markt, Gesetzgebung und Normung ein. Gegründet im Jahr 1970 vertritt Euralarm über 5.000 Unternehmen mit einem geschätzten Jahresumsatz von mehr als 67 Milliarden Euro. Zu den Euralarm-Mitgliedern zählen nationale Verbände und Einzelunternehmen aus ganz Europa, die Systeme und Dienste u.a. für Branddetektion, Einbruchsicherung, Zugangskontrolle, Videoüberwachung und Alarmübertragung entwickeln und produzieren.
www.euralarm.org

Ihr Verband tritt auch für einen einheitlichen Binnenmarkt bei der Prüfung, Auditierung und Zertifizierung von elektronischen Brandschutz- und Sicherheitsprodukten ein. Was fehlt noch, um das zu erreichen, und welche Vorteile ergäben sich für die Hersteller?

"Obwohl wir alle dieselben europäischen Normen für Produkte und Systeme anwenden, fehlt es immer noch an einer gegenseitigen Anerkennung der Zulassungsstellen: Wenn Produkte nach einer EN (z.B. EN 54) erfolgreich in einem Land getestet und zertifiziert wurden, werden diese Zertifizierungen (und somit auch die Testresultate) dennoch nicht automatisch in allen restlichen Ländern anerkannt. Dies hat zur Folge, dass ein Hersteller zusätzliche Kosten für Zulassungen aufbringen muss – Kosten, die sich in höheren Produktpreisen niederschlagen.
Als Antwort auf die unbefriedigende Situation am Markt hat Euralarm vor einigen Jahren die Initiative CertAlarm ins Leben gerufen – und bislang mehr erreicht, als andere Kooperationen nach erheblich mehr Zeit. Dennoch verursacht Protektionismus weiterhin Kosten für den Markt, ohne einen realen Mehrwert zu erbringen."

Nicht nur für den Warenverkehr gibt es zwischen den EU-Mitgliedsländern zum Teil noch Einschränkungen. Sehen Sie auch Handlungsbedarf bei der Anerkennung der Qualifikationen des Fachpersonals?

"Ja, wir sehen einen Handlungsbedarf. Auf der einen Seite gibt es bereits eine Knappheit an ausgebildeten Fachkräften. Auf der anderen Seite schränken wir uns ein, indem wir die verfügbaren Fachkräfte nicht grenzüberschreitend einsetzen können. Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) ist Anfang 2012 in Kraft getreten und hätte Besserungen ermöglichen sollen. Er definiert sieben Bildungsniveaus auf der Basis von drei Kriterien: Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen.
Damit sollten Vergleiche zwischen Ländern mit sehr unterschiedlichen Bildungssystemen und Abschlüssen möglich sein und die Grundlage für die gegenseitigen Anerkennungen bilden. Leider haben die Mitgliedstaaten die EQR nicht umgesetzt. Eine andere Lösung ist nicht in Sicht, also wird Euralarm weiterhin auf diese missliche Lage hinweisen und konstruktive Vorschläge in den öffentlichen Diskurs einbringen."

In dem neuen Manifest "2016 to 2019 for a safer and more secure Europe" betont Euralarm, dass der Brandschutz in Beherbergungsstätten dringend europaweit einheitlich geregelt und verbessert werden müsste. Gibt es Zahlen dazu, wie viele Hotelgäste in der EU pro Jahr durch Brände sterben oder verletzt werden?

"Laut Eurostat gab es 2015 in der EU mehr als 202.000 Beherbergungsstätten mit 13.661.000 Betten und mehr als 1,5 Milliarden Übernachtungen. Spezifische Zahlen über Brand- oder ähnliche Ereignisse mit Angaben über Verletzungen und Todesfälle fehlen bisher. Seit mehr als 15 Jahren wird an diesem Thema gearbeitet, leider ohne Erfolg. Weder die Europäische Kommission noch das Parlament schenken diesem Thema genügend Aufmerksamkeit – dabei trägt der Tourismus mehr als 4 % zum Bruttosozialprodukt bei.
Zu erwähnen ist auch die Entwicklung neuer Online-Dienste für die z.T. gelegentliche Vermietung von Zimmern oder Wohnungen. In den europäischen Städten erreichen diese Dienste bei Übernachtungen bereits Marktanteile von 25 bis über 50 %. Dabei ist der Brandschutz in den dort gebuchten Privatunterkünften meist wohl niedriger als bei klassischen Beherbergungsstätten, denn Letztere sind durch nationale Brandschutzrichtlinien geregelt."

Welche Punkte müssten als erste geregelt werden, um die Sicherheit in diesen klassischen Beherbergungsstätten zu erhöhen?

"Ganz wichtig wäre ein generelles europaweites Rauchverbot, was bereits in den meisten Hotels umgesetzt wurde. Dazu brauchen wir unbedingt eine Meldepflicht für Brandereignisse mit Angaben über die Zahl der Verletzten und Toten, das Ausmaß der Schäden, die Brandursachen, Brandschutzeinrichtungen (aktiv und passiv) usw. Und wir fordern regelmäßige Inspektionen (z.B. alle drei Jahre) durch eine unabhängige Fachperson mit Weisungsbefugnissen.
In Bezug auf den technischen Brandschutz müssen alle Räume, Gänge und Treppenhäuser mit Rauchmeldern und Handfeuermeldern ausgestattet sein. Zudem sollten die Fluchtwege klar und verständlich beschildert werden. In den Schlafräumen sind akustische Multikriterien-Melder (Rauch, Hitze und Brandgase) notwendig. Auch der organisatorische Brandschutz muss durch die Hotelleitung stets auf dem aktuellen Stand gehalten werden."

Die Digitalisierung und Vernetzung von Services und Produkten schreitet rasant voran. Sind die Hersteller, Errichter und Dienstleister für Brandschutz und Sicherheitssysteme gut aufgestellt, um Teil der künftigen Smart City zu werden?

"Vorerst ist die Smart City noch eine Vision und steckt in der Entwicklung. Bei den vielen Veranstaltungen und Normierungstätigkeiten auf ISO-Ebene geht es vor allem um logistische und energiebedingte Themen. Euralarm hat sich auf EU-Ebene sowie in den ISO Technical Committees 268 und 292 eingesetzt, damit Brandschutz und Sicherheit bei diesen Prozessen ebenfalls beachtet wird. Wie in unserem Manifest festgehalten, müssen Smart Cities diese Aspekte beinhalten.
Was unsere Industrie bewegt, sind die rasanten Veränderungen in der Vernetzung und Telekommunikation. Um da mithalten zu können, müssen Hersteller, Errichter und Dienstleister einiges in Ausbildung, Infrastruktur und Entwicklung investieren. Als Industrie müssen wir darauf achten, dass wir geeignete Fachkräfte haben, die sich sowohl in der Vernetzungstechnologie als auch im Brandschutz und/oder in der Sicherheitstechnologie auskennen. Dies ist eine positive neue Herausforderung mit vielen Chancen!
Um unsere Mitglieder zu unterstützen, veranstaltet Euralarm Symposien mit dem Fokus auf Themen wie Building Information Modeling, Internet of Things und Cyber Security. Am 8. Mai 2017 findet in London ein öffentliches Symposium statt. Unter anderem werden wir mit Vertretern des Marktes Geschäftschancen in der Digitalisierung behandeln."

Zum Gesprächspartner:

Lance Rütimann ist Board-Member bei Euralarm und arbeitet als Senior Manager Industry Affairs für die Building Technologies Division der Siemens Schweiz AG. In dieser Tätigkeit vertritt er die Interessen von Siemens in diversen Industrie-Verbänden und Komitees, sowohl europäisch wie international. Rütimann hat diverse Publikationen veröffentlicht und ist Referent bei zahlreichen Fachkonferenzen.

Das Interview ist in Ausgabe 3.2017 des FeuerTRUTZ Magazins (Mai 2017) erschienen. 
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin

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