Kommentar zum Grenfell Tower-Brand

Der Brand des 24-geschossigen, 2016 modernisierten Wohnhochhauses Grenfell Tower in London ist in erster Linie eine Tragödie für die betroffenen Bewohner und ihre Familien. Mindestens 79 der ca. 600 Bewohner starben bei dem Großbrand (Stand 19.06.2017). Unser Mitgefühl gehört den Angehörigen und allen betroffenen Bewohnern.

Kommentar zum Grenfell Tower Brand
Der verheerende Brand des Grenfell Towers am 14. Juni 2017 in London: Weil der bauliche Brandschutz versagte, konnte auch die Feuerwehr nichts mehr retten. Baulicher, anlagentechnischer, organisatorischer und abwehrender Brandschutz sind wie die Glieder einer Kette – hier ist sie mit schrecklichen Folgen gerissen. (Foto: @Natalie Oxford on Wikimedia)

Kommentar von André Gesellchen / Juni 2017. Bereits während die schockierenden Live-Bilder des brennenden Hochhauses über die Nachrichtensender gingen, begann die Suche nach Antworten. Experten äußerten sich über die offensichtlich extrem schnelle Ausbreitung des Brandes – vor allem die Dämmung der Fassade scheint dabei eine Schlüsselrolle gespielt zu haben. Vertreter von Feuerwehren und Brandschutzplaner äußerten sich in ungezählten Interviews zu möglichen Ursachen für das Ausmaß des Brandes und dazu, ob die Bewohner von Hochhäusern in Deutschland ebenfalls Angst vor einem solchen Inferno haben müssten. All dies ist verständlich, denn so außergewöhnliche und erschreckende Ereignisse verlangen nach Aufmerksamkeit, Erklärung und Einordnung.

Noch sind aber die Gründe für den ungewöhnlich schnellen und heftigen Brandverlauf am Grenfell Tower nicht abschließend geklärt. Die Fassadenkonstruktion hat die Ausbreitung des Feuers auf viele Stockwerke zwar wohl extrem begünstigt, aber auch andere Faktoren der Planung, Bauausführung und des Betriebs müssen bei der bereits angekündigten Untersuchung unter die Lupe genommen werden.

Dennoch lohnt es schon jetzt zu fragen, was wir, die Menschen, die im und für den vorbeugenden Brandschutz in Deutschland arbeiten, aus dem Grenfell Tower-Feuer und seiner öffentlichen Wahrnehmung lernen können. Denn es stellen sich mehrere wichtige Fragen:

Taugt das Unglück als Argument gegen die Brandschutz-(Kosten-)Kritiker?

Ich meine: Nein. Nicht nur weil es ein schmaler Grat ist zwischen dem berechtigen Hinweis auf die Wichtigkeit des vorbeugenden Brandschutzes und der Instrumentalisierung der Opfer. Sondern ebenfalls, weil so ein Brand auch in Deutschland passieren könnte! Zwar wohnt man in relativ neuen Hochhäusern ausgesprochen sicher, können wir aber wirklich ausschließen, dass ein Brandereignis mit vielen Toten z.B. in älteren Wohnhochhäusern auch bei uns möglich ist?

Planungsfehler, mangelhafte Bauausführung und schlampiger organisatorischer Brandschutz trotzen jeder Technischen Baubestimmung und jeder Norm.

Was können die Besitzer und Betreiber von Wohnimmobilien lernen?

Machen wir uns nichts vor: Die derzeitige öffentliche Aufmerksamkeit für den Brandschutz im Wohnungsbau wird bald vorbei sein. Vielleicht wird es in Großbritannien neue Brandschutzrichtlinien geben – sicherlich veränderte Vorgaben für den Feuerwiderstand von Hochhausfassaden. Vielleicht wir der vorbeugende Brandschutz dort auch grundsätzlich infrage gestellt und reformiert, so wie das in Deutschland nach 1996 infolge des Flughafenbrandes in Düsseldorf der Fall war.

Für die Besitzer und Betreiber größerer Wohnimmobilien gilt es aber auch hierzulande, nicht ohne weiteres zur Tagesordnung überzugehen. Natürlich kann es nicht schaden, die eigenen Objekte jetzt einer Revision zu unterziehen und ggf. beim Brandschutz nachzubessern. Aber die Lehre aus London ist an dieser Stelle eine andere. Sie führt weg von Bauordnungen, Normen und Wirtschaftlichkeitserwägungen. Sie führt uns zu den Menschen, zu den Bewohnern der Häuser. Denn Sie sind nicht nur diejenigen, um derentwillen der vorbeugende Brandschutz überhaupt existiert. Sie sind auch nicht nur die Zahler von Mieten und Nebenkosten. (Und ja, manchmal sind einzelne von Ihnen auch Brandschutztürenaufkeiler und Rauchwarnmelderabmontierer.) Aber vor allem sind Sie, wie man an den Bewohnern des Grenfell Towers lernen kann, Menschen, denen man zuhören und deren Sorgen man ernst nehmen sollte. Denn schon im November 2016 warnten die späteren Opfer des Brandes in einem Blog vor genau einem solchen Szenario .

Mein Appell daher an Wohnimmobilienbesitzer, -betreiber und Facility Manager: Starten oder intensivieren Sie den Dialog mit den Nutzern. Nehmen Sie den Brandschutz und entsprechende Hinweise oder Bedenken der Bewohner stets ernst.

Was können die Feuerwehren leisten?

Über die Leistungsfähigkeit der Feuerwehren ist in den letzten Jahren viel diskutiert worden (siehe Video unten). Grundsätzlich gilt: die Feuerwehren – gerade in den deutschen Großstädten – sind exzellent auf Einsätze in Hochhäusern vorbereitet. Sie kennen alle derartigen Objekte in ihrem Einsatzbereich und wissen, wie man einsatztaktisch vorgehen muss. Auch über die Londoner Feuerwehr, die als eine der besten der Welt gilt, lässt sich das nach allem, was wir derzeit über den Einsatz am Grenfell Tower wissen, sagen.

Aber: ein sich so schnell ausbreitendes Feuer wie das vom 14. Juni ist von keiner Feuerwehr der Welt zu kontrollieren und nicht mal die oberste Priorität in einem solchen Fall, die Evakuierung der Bewohner, kann dann noch geleistet werden.

Die bittere Lehre ist: Nicht die Feuerwehr kann in solchen (seltenen) Fällen den Tod vieler Bewohner verhindern, nur der vorbeugende Brandschutz kann das.

Welche Rolle spielt der Sparzwang der Bauherren?

Laut "The Times" hätten Mehrkosten von insgesamt nur 5.000 Pfund genügt, um die Fassade des Grenfell Towers mit schwerer entflammbaren Paneelen auszustatten . Ist also der Geiz der Bauherren für mangelnden Brandschutz und letztlich für die Toten verantwortlich?

Wer so argumentiert macht es sich zu einfach. Bauherren, deren Planer und ausführende Firmen dürfen die günstigsten erlaubten Baustoffe einsetzen. Das ist sogar vernünftig, sofern sich damit alle gewünschten Eigenschaften – zu denen Sicherheit und Feuerwiderstand freilich zählen – erreichen lassen. Es ist demnach erstens die Aufgabe des Gesetzgebers, "gefährliche" Baustoffe und Bauarten gar nicht erst zuzulassen und zweitens die Pflicht der Planer, immer dort beharrlich die Verwendung hochwertiger Materialien zu fordern, wo sonst nicht vertretbare Risiken entstünden.

Selbst wenn das Baurecht es also erlauben würde: Die Verwendung mit Polystyrol gefüllter Paneele an der Fassade von Wohnhochhäusern müsste jeder Brandschutzfachplaner von sich aus verweigern und jeder Bauleiter müsste einschreiten. Unabdingbar sind deshalb Unabhängigkeit und Konfliktfähigkeit der für den Brandschutz verantwortlichen.

Zusammenfassend lässt sich aus Sicht des vorbeugenden Brandschutzes in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes "selbstbewusst" feststellen: Auch wenn der Brandschutz in Deutschland heute grundsätzlich auf hohem Niveau liegt, hat die gesamte Branche noch viel Arbeit zu leisten und überhaupt keinen Grund für Hochmut.

Autor:

André Gesellchen, Redaktion FeuerTRUTZ Network

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