Löschwasserrückhaltung im Wandel

Die Regelungen für die Rückhaltung von Löschwasser sollen aus dem Baurecht ins Umweltrecht verlagert werden. In diesem Zuge muss die inhaltlich nicht mehr aktuelle Löschwasser-Rückhalte-Richtlinie überarbeitet werden. Der Beitrag beschreibt einen Ansatz, die Rückhaltung am maximal möglichen Löschwasservolumen zu orientieren – um dadurch künftig flexibel nachsteuern zu können.

Löschwasserrückhaltung im Wandel
Einrichtung zur Löschwasserrückhaltung bei einem Betrieb, der flüssige Düngemittel produziert. (Foto: Theo Grünewald/Lebosol Dünger GmbH)

Juli 2017 / Von Theo Grünewald. Durch den Unfall bei der Firma Sandoz im Jahr 1986 gelangten mit den ca. 10.000 bis 15.000 m³ Löschwasser große Mengen Pflanzenschutzmittel in den Rhein. Das Ökosystem des Gewässers wurde auf einer Länge von 400 km nachhaltig geschädigt. Nach diesem Unglück wurde 1992 in Deutschland mit der Löschwasser-Rückhalte-Richtlinie (LöRüRL) [1] eine Regelung getroffen, um Umweltschäden in solchen Fällen in Zukunft zu verhindern.

In den vergangenen 25 Jahren hat sich im Brandschutz sowie im Umweltschutz und bei der ebenfalls betroffenen Lagerung von Chemikalien erneut vieles verändert, sodass die heutigen Anforderungen mit denen von 1992 nicht mehr vergleichbar sind. Die LöRüRL allerdings wurde nicht angepasst und ist in fast unveränderter Form weiterhin gültig – was in vielen Anwendungsfällen zu Problemen bei der Planung und Genehmigung von Anlagen führt.

Für nicht unter die LöRüRL fallende Anlagen, bei denen aber Umweltschäden durch Brandfolgeprodukte oder durch Löschmittel zu befürchten sind (z. B. bei Reifenbränden), gelten ebenfalls mangelhafte rechtliche Regelungen. Hier werden aktuell der Besorgnisgrundsatz des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) [2] und neuerdings die noch nicht in Kraft getretene Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV) [3] als Grundlage für eine Rückhaltung herangezogen.

Das führt bei Unternehmern, Planern und Behörden immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten, die nicht selten vor Gericht enden. In den Urteilen wird meist die Anforderung der Behörde unterstützt und damit gerichtlich eine Löschwasserrückhaltung zur Notwendigkeit erklärt. Da jedoch keine Konkretisierung der Anforderungen vorliegt, wird die Anlage in Anlehnung an die veraltete LöRüRl ausgelegt: Je nach Bundesland und zuständiger Behörde kommt es entsprechend zu unterschiedlichen Anforderungen. Selbst innerhalb der Bundesländer entstehen durch fehlende einheitliche Vorgaben individuelle Auslegungen. Dies ist ein Zustand, der in der Praxis besonders bei Unternehmen mit mehreren Standorten in verschiedenen Bundesländern auffällt – und an dem auch eine bundeseinheitliche AwSV nichts ändert.

Diesen Umstand hat man in Hessen erkannt und im Jahr 2011 eine Hessenweit abgestimmte Empfehlung zur Rückhaltung verunreinigter Löschmittel im Brandfall [4] herausgegeben, die inzwischen eine weite Verbreitung und Anerkennung in Europa erfahren hat.

Parallel haben der Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) [5] und die VdS Schadenverhütung GmbH [6] für ihre speziellen Zwecke Leitfäden für die Löschwasserrückhaltung herausgegeben. Zudem finden sich in verschiedenen gesetzlichen Regelungen Verweise auf die Rückhaltung von Löschwasser. Es fehlen jedoch gesetzliche Konkretisierungen, wie diese auszuführen ist.

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 3.2017 (Mai 2017) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 3.2017

Grundlagen

Eine Löschwasserrückhaltung wird nach der LöRüRL nur gefordert, wenn die Mengenschwellen von 100 t Wassergefährdungsklasse (WGK) 1, 10 t WGK 2 oder 1 t WGK 3 überschritten werden. Bei einer gemischten Lagerung wird eine äquivalente Menge errechnet. Dazu gibt es noch viele Ausnahmen bei geringen Brandlasten, Suspensionen, verpackten oder unverpackten Stoffen in Pulverform usw. Stoffe wie Gummi (z. B. Reifen) oder wassergefährdende Löschmittel werden nicht berücksichtigt.

Diese Regelung führt in der Praxis zu Problemen und entspricht nicht dem Besorgnisgrundsatz des WHG. Hinzu kommt die fehlende Anpassung an Umwelt-, Technik- und Chemieentwicklungen der vergangenen 25 Jahre: Es ist noch immer möglich, 200 t von Stoffen der WGK 3 zu lagern, wenn diese in Pulverform und in Säcken verpackt vorliegen, ohne eine Rückhaltung zu realisieren.

Ein möglicher neuer Ansatz

Folgender Lösungsvorschlag basiert auf der Verfügbarkeit von Löschwasser und aus Schadenfällen bekannten statistischen Daten zu Löschzeiten bei der Brandbekämpfung. Das System ist mehrstufig aufgebaut:

  • Stufe 1: Eindeutig keine Rückhaltung notwendig
  • Stufe 2: Rückhaltung von einer Risikobewertung im konkreten Fall abhängig
  • Stufe 3: Rückhaltung eindeutig notwendig

In einer Risikoeinschätzung wird mittels eines Punktesystems die Gefahr für Boden und/oder Wasser ermittelt und das Objekt in eine der drei Stufen eingeordnet. Die Stufen 1 und 3 sind eindeutig. In Stufe 2 sind die Gefahren zu bewerten: Im Wesentlichen geht es darum, welche Auswirkungen eine Kontamination mit Löschwasser hat und inwieweit und mit welchem Aufwand die Schäden reversibel sind. Sind die Gefahren inakzeptabel, müssen Maßnahmen zur Rückhaltung getroffen werden.

Wenn dies notwendig ist, muss diese entsprechend der Grundmengen und der Einflussfaktoren ausgelegt werden. Ausgehend von einer statistisch nachgewiesenen Löschzeit von zwei Stunden, die ausreicht, um die überwiegende Zahl von Bränden zu löschen, wird mit der vorhandenen Löschwasserversorgung und einem Zuschlag für Niederschläge eine Grundmenge pro Fläche errechnet (s. Infokasten: Formel 1). Hier spielt es keine Rolle, welche WGK gelagert wird. In einem Faktorenverfahren werden die Einflussfaktoren auf eine Rückhaltung mit der Grundmenge multipliziert. Die Faktoren sind je nach ihrer Bewertung größer oder kleiner 1. Somit sind Zuschläge oder Abschläge möglich (s. Infokasten: Formel 2).

Löschwasserrückhaltung im Wandel: Formeln

Die Faktoren mit Einfluss auf die Rückhaltung sind folgende:

  • Brandlast (0,3 bis 1,3),
  • Verdrängungsvolumen von Lagerwaren und Einrichtungen (1,1 bis 1,25),
  • Brandschutzinfrastruktur, orientiert an der Muster-Industriebau-Richtlinie (MIndBauRL) (0,25 (für eine regelmäßig auditierte Löschanlage) bis 1,2),
  • Verpackung (0,5 bis 1,2),
  • Geschossigkeit der baulichen Anlage (1,0 bis 1,4) und
  • Brennbarkeit der Stoffe (0,5 bis 1,4).

Mit diesem Verfahren können die meisten Fälle in der Praxis abgedeckt werden. Für Ausnahmefälle werden ausdrücklich Ingenieurverfahren zugelassen. So können spezielle Anwendungen, wie sie z. B. in der Chemie vorkommen, schutzzielorientiert gelöst werden. Zudem können weitere allgemein anerkannte Verfahren angewendet werden. Entscheidend ist jedoch: Das vorgestellte System kann mehr als 90 % der Anwendungsfälle abdecken und somit eine einheitliche Regelung ermöglichen.

Download: Artikel "Rechtliche Anforderungen an ausreichende Löschwasserversorgung"


Der Artikel aus dem FeuerTRUTZ Magazin 2.2015 von Stefan Koch enthält Anmerkungen zum Urteil des OVG Koblenz vom 06.11.2014, 8 A 10560/14, juris.

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Eine aus Sicht des Verfassers notwendige Überarbeitung der bestehenden Regelung kann in Unternehmen die Kosten für den Umweltschutz beeinflussen. Somit ist eine an Faktoren orientierte Vorgehensweise eine pragmatische Lösung: Die regelmäßige Überarbeitung der Vorschrift in einem Rhythmus von drei bis fünf Jahren würde zu einer Richtlinie führen, die stets an die aktuellen Entwicklungen im Bau- und Umweltbereich angepasst ist. Die Faktoren könnten mit einem einfachen Verwaltungsakt festgelegt und somit auf schnellem Weg überarbeitet werden.

Ein positives Beispiel für die regelmäßige Anpassung einer gesetzlichen Regelung findet sich im Bereich Gefahrgut [7]. Hier werden in allen Staaten, die dem Abkommen beigetreten sind, die Vorschriften im Rhythmus von zwei Jahren an das tatsächliche Schadensgeschehen und die aktuellen Anforderungen angepasst.

Fazit

Die vorgeschlagene regelmäßige Überarbeitung der LöRüRL auf Basis statistischer Daten und Auswertungen von Schadenfällen könnte die Löschwasserrückhaltung aktuell halten und böte mehr Sicherheit für Unternehmen, Fachplaner, Sachversicherer und Behörden. 

Autor

Theo Grünewald, M. Eng.: Von der TAS/Hochschule Kaiserslautern zertifizierter Sachverständiger und Gutachter im vorbeugenden Brandschutz; Sicherheitsingenieur; Störfall- und Umweltmanagement-Beauftragter.

Literatur

[1] Richtlinie zur Bemessung von Löschwasser-Rückhalteanlagen beim Lagern wassergefährdender Stoffe (LöRüRL), Fassung August 1992 (In dieser Fassung sind die Änderungen der FK Bauaufsicht, 228. Sitzung, TOP 25, bereits eingearbeitet.)

[2] Wasserhaushaltsgesetz (WHG), Fassung Juli 2009 (BGBl. I S. 2585), zuletzt geändert am 29.03.2017, BGBl. I S. 626

[3] Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV), Entwurf, Stand: 31.12.2016

[4] Vollzug des Gebotes zur Rückhaltung verunreinigter Löschmittel im Brandfall, Hessenweit abgestimmte Empfehlung, Umweltministerium Hessen, Stand 17.11.2011

[5] Löschwasserrückhaltung, VCI-Leitfaden, Verband der Chemischen Industrie, Dezember 2014

[6] VdS 2557:2013-03 "Planung und Einbau von Löschwasser-Rückhalteeinrichtungen", Leitfaden

[7] Ridder, K., Holzhäuser, J.: "Gefahrgutverordnung Straße, Eisenbahn und Binnenschifffahrt (GGVSEB), Anlagen A und B zum ADR", Handbuch GGVSEB/ ADR, Loseblattsammlung, Ecomed Sicherheit, Landsberg am Lech, 2015

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 3.2017 (Mai 2017) erschienen.
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