Anlagen zur Sprachalarmierung und Evakuierung

Sprachalarmanlagen (SAA) und Elektroakustische Notfallwarnsysteme (ENS) sind wichtige Bestandteile von Sicherheitssystemen in der Gebäudetechnik. Sie werden in Notfallsituationen eingesetzt, um Personen mittels Sprachdurchsagen zu veranlassen, einen Bereich schnell und geordnet zu räumen.

Anlagen zur Sprachalarmierung und Evakuierung
Abb. 1: In Schulen z.B. können Sprachalarmanlagen das Verhalten der SchülerInnen und Lehrpersonen gezielt steuern: Flucht aus dem Gebäude im Brandfall, Einschließen in sicheren Bereichen bei Amokalarm. (Foto: Bosch Sicherheitssysteme GmbH)

November 2017 / Von Uwe Spatzier. Die Forderung nach einer SAA bzw. einem ENS wird u.a. aus dem Brandschutzkonzept für das Gebäude abgeleitet. Die bauordnungsrechtliche Forderung im Baugenehmigungsbescheid erfolgt durch die Bauaufsichtsbehörde.

Seit September 2007 ist in Deutschland die Anwendungsnorm für Sprachalarmanlagen DIN VDE 0833-4 [1] rechtsverbindlich bei einer Sprachalarmierung im Brandfall anzuwenden. Daneben besteht für Elektroakustische Notfallwarnsysteme mit DIN EN 60849/VDE 0828 [2] (Nachfolgenorm ab November 2017: DIN EN 50849/VDE0828-1 [3]) eine zusätzliche Norm speziell für Systeme, die für alle weiteren Evakuierungszwecke außerhalb des Brandfalles angewendet werden kann.

Die in Zusammenhang mit DIN VDE 0833-4 erforderlichen, als Bauprodukte zertifizierten Komponenten (gemäß EN 54-16/EN 54-4 [4]) für Sprachalarmzentralen und Lautsprecher (gemäß EN 54-24) definieren den Qualitäts- und Sicherheitsstandard im Markt. Auch für die Planung, den Aufbau, die Errichtung, den Betrieb und die Wartung wurden auf dem deutschen Markt durch die überarbeitete Fassung der DIN 14675 [5] für Sprachalarmanlagen Qualifizierungsmaßnahmen und Fachnachweise für alle Projektbeteiligten etabliert. So bietet z.B. der ZVEI mit seiner Akademie spezielle Seminare mit abschließender TÜV-Prüfung zur Verantwortlichen Person SAA nach DIN 14675 an.

Der Artikel ist in Ausgabe 5.2017 des FeuerTRUTZ Magazins (September 2017) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 5.2017

Einsatz in öffentlichen Gebäuden

Anlagen zur Sprachalarmierung und Evakuierung
Abb. 2: Gerade in Gebäuden mit vielen ortsunkundigen Besuchern sind im Brandfall sprachliche Hinweise reinen Signaltönen überlegen. (Foto: Bosch Sicherheitssysteme GmbH)

Öffentliche Gebäude, Hotels, Konferenzzentren, Einkaufszentren, Ladengeschäfte und Supermärkte bergen im Vergleich zu Wohn- oder Bürogebäuden im Falle eines Brandes oder eines anderen sicherheitsrelevanten Vorfalls zusätzliche Risiken:

  • zahlreiche, meistens ortsunkundige Besucher,
  • komplexe Objekte mit vielen Brandabschnitten,
  • erhöhte Brandlasten durch Dekorationen und leicht entzündlichen Waren.

Eine besondere Rolle im Brandfall spielt dabei die Alarmierung aller im Gebäude anwesenden Personen, wie z.B. Kunden, Mitarbeiter, Servicekräfte. Eine sichere und effektive Gebäudeevakuierung stellt hohe Anforderungen, da nur extrem kurze Zeitspannen zur Verfügung stehen. Bei einem Brand bleiben häufig weniger als zehn Minuten, um ihn zu detektieren, gefährdete Personen zu alarmieren und diese zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen. Andere Gefahrenlagen erfordern ebenso schnelles Handeln, jedoch entgegengesetzte Evakuierungsstrategien. So wird bei einer Terror- oder Amokdrohung der Einschluss in sichere Bereiche empfohlen.

Sprachalarmierung setzt sich durch

Für eine schnelle Alarmierung und eine effektive Gebäudeevakuierung setzt sich schon seit vielen Jahren mehr und mehr die Sprachalarmierung durch. Herkömmliche akustische Signalgeber wie Hupen oder Klingeln werden von vielen Menschen nicht ausreichend beachtet. Diese Signale enthalten nur wenige Informationen, was zu Verwirrung und Panik führen kann.

Besser geeignet sind Sprachalarmsysteme, die durch gespeicherte Durchsagen und/oder Livedurchsagen mittels Lautsprecher den Gebäudenutzern klare Handlungsanweisungen geben. Menschen reagieren auf das gesprochene Wort bis zu viermal schneller als auf reine akustische Alarmierungssignale. Insbesondere in Gebäuden mit vielen ortsunkundigen Besuchern kann durch eine Sprachalarmierung die Reaktionszeit drastisch verkürzt werden (s. Tabelle 1) [6]. Darüber hinaus können Durchsagen mehrsprachig gestaltet und Gebäude stufenweise geräumt werden, z.B. die am meisten gefährdeten Bereiche zuerst. Ebenso kann eine Räumung einfach beendet und der normale Betriebszustand schnell wiederhergestellt werden.

Anlagen zur Sprachalarmierung und Evakuierung
Tabelle: Veranschlagte Reaktionszeiten bei akustischen Signalgebern und Sprachdurchsagen einer Sprachalarmanlage aus [6]

Anlagentypen

In Deutschland werden zur sprachlichen Alarmierung zwei Anlagentypen eingesetzt: Sprachalarmanlagen (SAA) zur Alarmierung im Brandfall und Elektroakustische Notfallwarnsysteme (ENS). SAA sind Bestandteil von Brandmeldeanlagen (BMA) und werden von diesen im Brandfall automatisch angesteuert. Bei ENS wird die Evakuierung in allen Gefahrensituationen außer einem Brand von einer Sicherheitsleitstelle oder einer ständig besetzten Stelle ausgelöst. An SAA und ENS werden hohe Anforderungen bezüglich der Verfügbarkeit und der Funktion gestellt, um ein zuverlässigen Betrieb im Gefahrenfall jederzeit zu gewährleisten.

Anlagen zur Verteilung von Rufdurchsagen und Hintergrundmusik im Normalbetrieb werden häufig als Beschallungsanlagen (Public-Address(PA)-Systeme) bezeichnet. Ihr Aufbau ist nicht normiert und sie dürfen nicht für eine Alarmierung bzw. Evakuierung im Gefahrenfall verwendet werden. Umgekehrt können SAA oder ENS durchaus als Beschallungsanlage für allgemeine Durchsagen, Hintergrundmusik, Vordergrundmusik, Medienwiedergabe im Normalbetrieb verwendet werden, wenn eine ordnungsgemäße Funktion im Gefahrenfall dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Rechtliche Grundlagen

Die Landesbauordnungen (LBO) fordern über die Verkaufsstättenverordnungen für Verkaufsflächen über 2.000 m² Sprachalarmierungseinrichtungen, durch die Personen alarmiert und Anweisungen gegeben werden können. Die LBO an sich schreiben keinen Anlagentyp wie SAA oder ENS vor, dieser ergibt sich erst aus dem Brandschutzkonzept, das bei Sonderbauten verpflichtender Teil des Baugenehmigungsantrages ist und in die Baugenehmigung einfließt. Wird dort eine Sprachalarmierung im Brandfall bauaufsichtlich gefordert, ist zwingend eine SAA zu planen und zu errichten.

Anlagen zur Sprachalarmierung und Evakuierung
Abb. 3: Normenübersicht (Quelle: rhs – technik kommunizieren)

Vorrang für Sprachverständlichkeit

Bei der letzten Überarbeitung der DIN VDE 0833-4 (10.2014) wurde v.a. die neueste Ausgabe der Sprachverständlichkeitsnorm DIN EN 60268-16 [7] zugrunde gelegt. Zudem wurden die CIS-Werte (Common Intelligibility Scale) der alten Norm durch STI-Werte (Speech Transmission Index/Sprachübertragungsindex) ersetzt.

Die Sprachverständlichkeit im Gefahrenfall besitzt eine zentrale Bedeutung für die Wirksamkeit elektroakustischer Anlagen. Schließlich können Gebäudenutzer nur dann wirkungsvoll bei der Selbstrettung unterstützt werden, wenn die Signale und Durchsagen auch verstanden werden.

Die Sprachverständlichkeit ist von zahlreichen Faktoren abhängig, z.B. von Schallverteilung, Nachhallzeit und Abstrahlcharakteristik der Lautsprecher und Störschallpegel. Neben der gebäudespezifischen Raumakustik hat auch die Einrichtung (Möblierung, Teppiche, Glasflächen etc.) einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Übertragungsverhalten der SAA/des ENS und damit auch erhebliche Auswirkungen auf die Sprachverständlichkeit. Deshalb sollte bei Umbauten oder Neumöblierung unbedingt die Einhaltung eines normenkonformen STI-Wertes ≥ 0,5 überprüft werden. Die ZVEI-Leistungsgemeinschaft Beschallungstechnik hat in zahlreichen Mitteilungen und Broschüren detaillierte Informationen über Raumakustik und Sprachverständlichkeit zusammengestellt [8].

Flexibilität ist Trumpf

Eine SAA kann, bedingt durch die Anforderungen an Sprachverständlichkeit, durchaus auch für die Nutzung im Normalbetrieb, beispielsweise für Rufdurchsagen oder Hintergrundmusik genutzt werden. Betreiber sichern sich dadurch auch die größtmögliche Flexibilität. Selbst wenn initial von der Baubehörde keine Spracharmierung im Brandfall gefordert wird, kann sich der Einbau einer SAA also durchaus lohnen. Verkaufskonzepte im Handel, aber auch Einrichtungskonzepte von Gewerbebauten ändern sich immer schneller, sodass immer häufiger Umbauten oder Erweiterungen notwendig werden, um das Gebäude optimal zu nutzen und schließlich die geplanten Umsatzziele zu erreichen. Fordert die Baubehörde nach solchen Baumaßnahmen plötzlich doch eine Sprachalarmierung im Brandfall, dann kann der Wechsel von einer klassischen Beschallungsanlage/PA-Anlage oder eines ENS auf eine SAA teuer werden.

Insgesamt besitzen anlagentechnische Sicherheitsmaßnahmen im Vergleich zu baulichen Brandschutzlösungen häufig eine höhere Flexibilität. SAA, Brandmeldeanlagen oder auch automatische Löschanlagen lassen sich i.d.R. schnell mit geringem Aufwand an neue Anforderungen anpassen.

Ebenso profitieren Investoren, die Gebäude für eine flexible Nutzung bauen, von einer sorgfältigen Planung auch des vorbeugenden Brandschutzes. Mit anlagentechnischen Schutzmaßnahmen lässt sich ein hohes Sicherheitsniveau erzielen und das Gebäude für eine flexible Nutzung vorbereiten. Hierdurch steigt der Wert der Immobilie und eine spätere Vermarktung wird erheblich erleichtert. 

Autor

Dipl.-Ing. Uwe Spatzier: Produktmanagement Audiosystems bei Bosch Sicherheitssysteme GmbH; Vorsitzender der Leistungsgemeinschaft Beschallungstechnik (LGB) im ZVEI-Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. und Vorsitzender im Normungsgremium 713.1.17 Sprachalarmanlagen (SAA) und Elektroakustische Notfallwarnsysteme (ENS) der DKE – Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE

Materialien des ZVEI-Fachkreises Beschallungstechnik

Zum Download unter www.zvei.org/verband/fachverbaende/fachverband-sicherheit/fachkreis-beschallungstechnik

  • Merkblatt 33001:2016-09 Verkabelung von Sprachalarmanlagen (SAA) auf Basis der DIN VDE 0833-4 und VDE V 0833-4-32 (DIN CEN/TS 54-32) unter Berücksichtigung der Muster-Leitungsanlagenrichtlinie (MLAR)
  • Protokoll zur Prüfung und Abnahme von Sprachalarmanlagen (SAA) und Elektroakustischen Notfallwarnsystemen (ENS)
  • Anwendungsleitfaden Auswahl und Planung von Anlagen zur Alarmierung im Gefahrenfall mittels Sprachdurchsagen

Über die ZVEI-Services GmbH ( www.zvei-services.de ) zu beziehen:

  • Betriebsbuch für Sprachalarmanlagen (SAA) und Elektroakustische Notfallwarnsysteme (ENS)
  • Alarmierungstexte – Alarmierungssignale für Beschallungsanlagen (USB-Stick)

Literatur

[1] DIN VDE 0833-4:2014 Gefahrenmeldeanlagen für Brand, Einbruch und Überfall –
Teil 4: Festlegungen für Anlagen zur Sprachalarmierung im Brandfall

[2] DIN EN 60849 (VDE 0828-1):1999-05 Elektroakustische Notfallwarnsysteme
(IEC 60849:1998); Deutsche Fassung EN 60849:1998

[3] prEN 50849:2015-02; E VDE 0828-1:2015-02 "Elektroakustische Notfallwarnsysteme"

[4] Normenreihe DIN EN 54 Brandmeldeanlagen
Teil 4: Energieversorgungseinrichtungen; deutsche Fassung EN 54-4:1997
Teil 16: Sprachalarmzentralen; deutsche Fassung EN 54-16:2008
Teil 24: Komponenten für Sprachalarmierungssysteme – Lautsprecher; deutsche Fassung EN 54-24:2008

[5] DIN 14675:2012-04 Brandmeldeanlagen – Aufbau und Betrieb

[6] ZVEI-Broschüre "Effektive Gebäudeevakuierung mit System", www.zvei.org (2010)

[7] DIN EN 60268-16: 2011 Elektroakustische Geräte – Teil 16: Objektive Bewertung der
Sprachverständlichkeit durch den Sprachübertragungsindex (IEC 60268-16:2011)

[8] www.zvei.org/verband/fachverbaende/fachverband-sicherheit/fachkreis-beschallungstechnik

Der Artikel ist in Ausgabe 5.2017 des FeuerTRUTZ Magazins (September 2017) erschienen.
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