Barrierefreie Brandschutztüren

Barrierefreies Bauen ist eine gesellschaftliche Verantwortung aller am Bau Beteiligten. Vorausschauend geplante Gebäude stehen allen Menschen offen und sind damit für jedermann nutzbar – ohne fremde Hilfe und Einschränkung. Brandschutz und Barrierefreiheit bei Türen in Einklang zu bringen, ist eine Herausforderung, für die es immer mehr geeignete Lösungen gibt.

FeuerTRUTZ Spezial 2017: Barrierefreie-Brandschutztüren
Drehtürantriebe öffnen Türen in der täglichen Nutzung automatisch und komfortabel und sichern den kontrollierten Schließablauf. (Foto: dormakaba)

Dezember 2017 / Von André Hugendick. Besonders für Kinder, Senioren oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen stellen Türen oft eine Barriere dar. Die Möglichkeit zur freien Bewegung in öffentlichen oder privaten Gebäuden sowie das ungehinderte Betreten und Verlassen, vor allem im Fluchtfall, ist eine – auch gesetzlich geregelte – Voraussetzung.

Nicht nur in sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen, sondern auch in Hotels, Schulen, Einkaufszentren – im Grunde in jedem Gebäude – ist Barrierefreiheit ein Thema. Eine Herausforderung stellen dabei Feuer- und Rauchschutztüren dar. Für diese gilt grundsätzlich, dass sie selbstschließend sein müssen, um im Brandfall das Eindringen von Rauch und Feuer zu verhindern. Dadurch werden solche Türen schnell zu Barrieren, da Kinder, ältere oder behinderte Menschen häufig nicht die Kraft haben, schwere Brandschutztüren ohne fremde Hilfe zu öffnen. Dies wird auch für Personen, die auf Gehhilfen oder einen Rollstuhl angewiesen sind, nicht selten zum Problem.

Die Kombination von Brandschutz und Barrierefreiheit wurde in der Vergangenheit durch die seit Langem gültigen Brandschutzbestimmungen für Feuer- und Rauchschutztüren erschwert.

Der Artikel ist unter dem Titel "In Kombination: Brandschutz und Barrierefreiheit" im FeuerTRUTZ Spezial - Band 9: Feuerschutzabschlüsse (November 2017) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Spezial 2017 "Feuerschutzabschlüsse"

Grundlagen des Brandschutzes und Normenlage

Feuerschutzabschlüsse sind nach der in allen Bundesländern geltenden DIN 4102 [1] selbstschließende Abschlüsse wie Türen und Tore, die dazu bestimmt sind, den Durchtritt eines Feuers durch Öffnungen in Wänden zu verhindern. Üblicherweise werden für diese Anwendung nach DIN EN 1154 [2] zugelassene Türschließer eingesetzt. Oft werden Feuerschutzabschlüsse auch mit Feststellanlagen betrieben. Dies bedeutet, dass die Tür für die tägliche Nutzung elektromagnetisch offen gehalten wird. Im Brandfall jedoch schließt sie selbsttätig über eine zugelassene Auslösevorrichtung, die über einen eigensicheren Brandmelder angesteuert wird. Rauchschutztüren müssen gemäß DIN 18095 [3] ebenfalls selbstschließend sein.

Als geeignete Schließmittel, die Türen selbsttätig schließen, gelten i.d.R. Türschließer und immer häufiger auch Drehtürantriebe (s. Abbildung 1), die in folgenden Gesetzen, Normen bzw. Richtlinien geregelt sind bzw. danach zertifiziert werden:

  • Gemäß Musterbauordnung (MBO) [4] müssen Feuerschutzabschlüsse selbstschließend sein. Dies wird in den Zulassungsverfahren des DIBt geprüft.
  • DIN EN 1154 [2] thematisiert Türschließmittel mit kontrolliertem Schließablauf. Die Berechnung des erforderlichen Schließmoments ist hier definiert. Im Kern heißt es: Je breiter und schwerer eine Tür ist, desto höher ist das erforderliche Schließmoment und damit auch die aufzubringende Öffnungskraft.
  • DIN EN 14637 [5] behandelt elektrisch gesteuerte Feststellanlagen für Feuer-/Rauchschutztüren. Sie ist seit Januar 2009 Bestandteil der Bauregelliste A Teil 1.
  • DIN 18263-4 [6] behandelt Türschließer mit hydraulischer Dämpfung, speziell Türschließer mit Öffnungsautomatik (Drehtürantriebe). Drehtürantriebe sichern einerseits den kontrollierten Schließablauf, andererseits öffnen sie Türen in der täglichen Nutzung automatisch. Nach Auslösen der Feststellung wird der Antrieb stromlos und öffnet die Türen nicht mehr automatisch. Sie sind dann schwergängiger zu handhaben.

Die DIN EN 14637 behandelt größtenteils die Funktion einer elektrisch gesteuerten Feststellanlage mit Türschließern und automatischen Türantrieben.

Bei Feststellanlagen mit automatischen Drehtürantrieben muss bei einem Feuer oder einer Störung die Einleitung der automatischen Öffnung der Tür durch elektrisch wirkende Schutzeinrichtungen oder automatische Impulsgeber sowie jegliche Feststell- und Schließverzögerungsfunktionen eines automatischen Türantriebs abgeschaltet werden (DIN EN 14637:2008-01, 5.5.4).

Antriebssysteme für automatische Feuer-/Rauchschutztürsysteme (automatische Türantriebe) dürfen die wesentliche Feuerschutzfunktion und/oder Rauchschutzeigenschaft einer Türanlage nicht beeinträchtigen.

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Barrierefreie Begehung bei vollem Brandschutz

FeuerTRUTZ Spezial 2017: Barrierefreie Brandschutztüren
Mit der richtigen Türausrüstung stellen Brandschutz und Barrierefreiheit auch in schmalen Durchgängen keinen Widerspruch dar. (Foto: dormakaba)

Die DIN EN 14637 ist die erste Norm, die das Thema Barrierefreies Bauen mit Brandschutz in Einklang bringt. Zum Beispiel sind Türschließer mit Freilauffunktion nicht nur in der DIN EN 14637 erfasst, sondern nach DIN 18040 [7] und DIN SPEC 1104 [8] ab Schließergröße EN 3 für barrierefreie Türen empfohlen. Freilauftürschließer, wie z.B. Türschließmittel mit elektrisch betriebener Feststellvorrichtung und Freilaufgestänge, dürfen dort eingesetzt werden, wo Feuer-/Rauchschutztüren frei beweglich bleiben müssen – in der Funktion vergleichbar mit Türen ohne Türschließer. Eine konstante Feststellung der Tür ist nicht möglich (DIN EN 14637, A.4.2.5).

Bei Türen, die mit Türschließern versehen werden, unterstützt die Freilauffunktion den barrierefreien Durchgang einer Feuer- und Rauchschutztür. Schließer mit Freilauffunktion sind somit gleichzeitig für das Barrierefreie Bauen und für den vorbeugenden Brandschutz geeignet.

Niedrigenergie- bzw. kraftunterstützte Antriebe dürfen, wenn sie nicht als Feststellanlage geplant sind, die kraftunterstützte Öffnungsfunktion dieser Geräte im Brandfall nicht unterbrechen oder automatisch abschalten, damit der erleichterte Ausgang für die Gebäudebenutzer so lange wie möglich erhalten bleibt. Deshalb werden derartige Geräte nicht als Komponenten einer Feststellanlage angesehen. Die Funktion muss in der Installationsanleitung deutlich angegeben sein, sodass der Gebrauch elektrisch wirkender Schutzeinrichtungen und/oder automatischer Impulsgeber ausgeschlossen ist (DIN EN 14637:2008-01, 5.5.5). Die Herausforderung ist dabei, dass sämtliche Prüfgrundlagen für Drehtürantriebe an Feuer- und Rauchschutztüren von einer Feststellanlage ausgehen. Die DIN EN 14637, Punkt 5.5.5, Abschnitt 2 stellt keine Prüfgrundlage dar, sodass die Ausführung eine Zustimmung im Einzelfall (ZiE) mit sich bringen kann.

Der Niedrigenergieantrieb unterstützt die manuelle Öffnung und der eingebaute Türschließer im Antriebssystem stellt sicher, dass die Tür entsprechend den Brandschutzbestimmungen selbstschließend bleibt. Mit Aufnahme der DIN EN 14637 in die Bauregelliste wird normenseitig explizit auf ein leichtes Begehen von Brandschutztüren hingewiesen. Die Teile 1 (öffentliche Gebäude) und 2 (Wohnungen) der DIN 18040 beschreiben zudem insbesondere die Anforderungen an Türen.

Praxistaugliche Lösungen

FeuerTRUTZ Spezial 2017: Barrierefreie Brandschutztüren
Die Freilauffunktion ermöglicht bereits ab einem Öffnungswinkel von > 0° ein nahezu widerstandsloses Begehen auch schwerer Brandschutztüren. (Foto: dormakaba)

Der Konflikt, der durch die Kombination von Brandschutz und Barrierefreiheit entstehen kann, lässt sich durch frühzeitige Zusammenarbeit von Planern und Architekten mit den Herstellern vermeiden.

Dabei helfen vor allem Produktlösungen, die den kombinierten Anforderungen an Brandschutz und Barrierefreiheit gerecht werden – und dies auch noch mit ansprechendem Design. Türschließer mit einem stark abfallenden Öffnungsmoment ermöglichen z.B. eine leichte Türbegehung nach DIN 18040 und DIN SPEC 1104. Türschließer mit einer Freilauffunktion erlauben bereits ab 0° Türöffnungswinkel ein nahezu widerstandsloses Begehen von Türen.

Wenn die Bestimmungen der Richtlinien für Feststellanlagen und DIN 18263-2 gefordert sind, können automatische Drehtürantriebe als zugelassene Feststellanlagen an Feuer- und Rauchschutztüren eingesetzt werden.

Im Türschließer-Modus sind diese Drehtürantriebe für die manuelle Bedienung optimiert. Hier erleichtert z.B. eine spezielle "Power-Assist-Funktion" zusätzlich das Öffnen der Tür von Hand. Mit dieser Funktion kann die Tür barrierefrei nach DIN 18040 und DIN SPEC 1104 begangen werden, und das bis zum für den jeweiligen Antriebstyp vorgesehenen Maximum von Türbreite und Gewicht. Mittels Taster kann die Tür im Türschließer-Modus vollautomatisch geöffnet werden. Kombinationen aus manueller Türbegehung und automatischer Öffnung sind ebenfalls möglich.

FeuerTRUTZ Spezial 2017: Barrierefreie Brandschutztüren - Bild 4
Vielfältige Produktdesigns sorgen dafür, dass Türen, die Brandschutz und Barrierefreiheit bieten, in vielen Fällen harmonisch in die Raumgestaltung integriert werden können. (Foto: dormakaba)

Eine weitere Möglichkeit ist die Servounterstützung für Drehtürantriebe. Die aufgewendete Kraft wird erkannt und die benötigte Unterstützung entsprechend angepasst, individuell je Nutzer. Dies erzeugt das positive Gefühl, die Tür leicht begehen zu können.

Um im Brandfall diese Funktion weiter nutzen zu können, gibt es Lösungen, die der DIN EN 14637, Punkt 5.5.5, Abschnitt 2 entsprechen.

Solche Lösungen können als Türschließer mit Öffnungshilfe angesehen werden, sofern sie nicht Bestandteil einer Feststellanlage sind. Demnach muss der Nutzer die Tür immer von Hand öffnen. Der Antrieb unterstützt die Öffnung und überwindet dabei die Schließkräfte, sodass die Öffnungskraft je nach Einstellung nur noch 23 N beträgt. Sobald der Nutzer die Tür loslässt, sorgt der eingebaute Türschließer dafür, dass die Tür nach eingestellter Schließkraft selbstständig schließt.

Da diese Lösung keine Komponente einer Feststellanlage ist, darf die kraftunterstützte Öffnungsfunktion im Brandfall nicht unterbrochen oder automatisch abgeschaltet werden. Damit bleibt der erleichterte Ausgang für die Gebäudenutzer erhalten. Normativ dürfen elektrisch wirkende Schutzeinrichtungen und/oder automatische Impulsgeber nicht angeschlossen werden.

Vorsicht bei kombinierten Lösungen

Die im Markt erhältlichen kombinierten Lösungen sind nicht als gleichwertig sicher einzustufen, von einem Einsatz ist daher abzuraten. Meist greift dabei eine Sondersteuerung in das zugelassene Sicherheitssystem einer Feststellanlage ein, indem es die Rauchschaltzentrale überbrückt und einen automatischen Reset nach Auslösung ermöglicht, sodass das eigentliche Schutzziel der Feststellanlage nicht mehr vollständig gewährleistet werden kann. Diese Lösungen sind als kritisch anzusehen, da die verwendeten Grundsteue­rungen nicht für sicherheitstechnische Anwendungen geeignet und die Schaltung nicht redundant (einfehlersicher) ausgelegt ist.

Autor

André Hugendick: Product Management Market bei dormakaba Deutschland GmbH; tätig in den Fachgebieten automatische Türsysteme, Türlösungen, Brandschutz sowie Barrierefreies Bauen

Literatur

[1] DIN 4102: Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen

[2] DIN EN 1154:2003-04: Schlösser und Baubeschläge – Türschließmittel mit ­kontrolliertem Schließablauf – Anforderungen und Prüfverfahren

[3] DIN 18095-1:1988-10: Türen; Rauchschutztüren; Begriffe und Anforderungen

[4] Musterbauordnung (MBO) Fassung November 2002, zuletzt geändert durch Beschluss der Bauministerkonferenz vom 13.05.2016

[5] DIN EN 14637:2008-01: Schlösser und Baubeschläge – Elektrisch gesteuerte Feststellanlagen für Feuer-/Rauchschutztüren – Anforderungen, Prüfverfahren, Anwendung und Wartung

[6] DIN 18263-4:2015-04: Schlösser und Baubeschläge – Türschließmittel mit ­kontrolliertem Schließablauf – Teil 4: Drehflügeltürantriebe mit Selbstschließfunktion

[7] DIN 18040:2010-10: Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen – Teil 1: Öffentlich ­zugängliche Gebäude; Teil 2 (2011-09): Wohnungen

[8] DIN SPEC 1104:2009-12; DIN-Fachbericht CEN/TR 15894:2009-12: Schlösser und ­Baubeschläge – Türbeschläge zur Nutzung durch Kinder, ältere und behinderte Personen in ­privaten und öffentlichen Gebäuden – Ein Leitfaden für Planer

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Spezial - Band 9: Feuerschutzabschlüsse (November 2017) erschienen.

Das FeuerTRUTZ Spezial Band 9 "Feuerschutzabschlüsse" berichtet über bauliche Maßnahmen zur Wahrung des Raumabschlusses, wie Feuerschutzabschlüsse, Brandschutzverglasungen oder Brandschutzklappen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Spezial 2017 "Feuerschutzabschlüsse"


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