Blitzschutz für bauliche Anlagen

Blitzschutzsysteme werden als vorbeugende Brandschutzmaßnahmen installiert, um vor allem Gefährdungen von Personen und Schäden an Vermögens- und Sachwerten sowie der Umwelt durch Brände zu vermeiden. Der Beitrag gibt Tipps, um einen wirksamen und den Richtlinien entsprechenden Blitzschutz für bauliche Anlagen zu errichten.

FeuerTrutz Magazin 3-2019: Blitzschutz für bauliche Anlagen
Abb. 1: Blitzschutz ist u.a. auch Brandschutz. Was ist zu beachten, um einen wirksamen und den Richtlinien entsprechenden Blitzschutz für bauliche Anlagen zu errichten? Welche Stolperfallen sind zu umgehen, und wie kann auch im Betrieb sichergestellt werden, dass der Blitzschutz nicht durch spätere Dachaufbauten (Photovoltaik etc.) oder andere Störfaktoren gefährdet wird? (Bild: dominik-qn-45994-unsplash)

Von Gabriele Schweble-Juch und Christian Braun. Wie sich die Notwendigkeit von Blitzschutzsystemen im Zusammenhang mit baurechtlichen und normativen Anforderungen heute in Deutschland darstellt, hat der Verband Deutscher Blitzschutzfirmen (VDB) in einem Leitfaden im Jahr 2018 [1] in kompakter Form zusammengefasst und herausgegeben. Dieser richtet sich an Planer, Errichter, Brandschutznachweisersteller und Sachverständige, Genehmigungsbehörden, Versicherer, Bauherren und interessierte Verbraucher.

In naher Zukunft sollen diese zusätzlichen Informationen über das Erfordernis von Blitzschutzmaßnahmen auch in einem Beiblatt 6 der DIN EN 62305-3 (VDE 0185-305-3 Beiblatt 6) [2] erläutert werden.

Der Artikel ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) als erster Teil eines Beitrages zu den Neuerungen in der Industriebaurichtlinie 2019 erschienen.
 
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Blitzschutz als präventive Maßnahme

Aufgrund des direkten Zusammenhangs von Blitzeinwirkungen und Überspannungen auf Gebäude formuliert die deutsche Musterbauordnung (MB0) in § 14: "Bauliche Anlagen sind so zu errichten, anzuordnen, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind."

Da das Baurecht in Deutschland Ländersache ist, findet man diesen Grundsatz auch in den Schutzzielen der jeweiligen Bauordnungen der Länder wieder: Schutz gegen Brandentstehung und Rettung von Mensch und Tier – immer und zu jeder Zeit. Daher sind auch die gesetzlichen Anforderungen für Blitzschutz in den Länderbauordnungen und in deren spezifischen Verordnungen definiert.

Blitzschutz für bauliche Anlagen
Abb. 2: Erfordernis von Blitz- und Überspannungsschutzsystemen nach Baurecht und anderen gesetzlichen Bestimmungen (Quelle: Braun, Schnitzler, Schweble Juch)

Gesetzliche Vorschriften

Bereits beim Stellen eines Bauantrags hat der Bauherr oder Betreiber des Gebäudes zu berücksichtigen, ob er beispielsweise gemäß Bauordnungsrecht, der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) oder den technischen Regeln für Betriebssicherheit (TRBS) gesetzlich verpflichtet ist, ein Blitzschutzsystem zu errichten, oder ob er aus eigenem Erwägen Blitzschutzmaßnahmen vorsieht (s. Abbildung 2 – Zusammenhang Blitzschutz und gesetzliche Regelungen).

Allgemeines Baurecht

Dieses Gesetz gilt für alle baulichen Anlagen (z.B. Gebäude, Brücken, Fahrradabstellplätze, Ställe, Klettergerüste, Spielflächen, Solaranlagen) und Bauprodukte. Es gilt auch für Grundstücke sowie für andere Anlagen und Einrichtungen, die geeignet oder bestimmt sind, dem Schutz von Menschen, Tieren oder Sachen zu dienen. Das Allgemeine Baurecht gliedert sich in öffentliches und privates Baurecht. Diese rechtliche Differenzierung wirkt sich auch bei der Fragestellung "Blitzschutz muss, ja oder nein?" aus. Generell hat die Notwendigkeitsprüfung auf der Ebene des privaten und des öffentlichen Baurechts zu erfolgen. Im Allgemeinen wird in den jeweiligen Landesbauordnungen sowie in der MBO § 46 die Notwendigkeit der Errichtung eines Blitzschutzes wie folgt beschrieben: "Bauliche Anlagen, bei denen nach Lage, Bauart oder Nutzung Blitzschlag leicht eintreten oder zu schweren Folgen führen kann, sind mit dauerhaft wirksamen Blitzschutzanlagen zu versehen."

Privates Baurecht

Im privaten Baurecht werden die (privaten) Rechtsverhältnisse der Bürger untereinander geregelt; sie sind im BGB, z.B. im Nachbarschaftsrecht, beschrieben. Für die Errichtung eines Blitzschutzsystems ist der Betreiber/die Privatperson verantwortlich. Je nach Bau- sowie Nutzungsart kann ein privates Gebäude in die Kategorie Sonderbau eingeordnet werden. Der Planer sowie Errichter kann die dafür notwendige Klassifizierung (Sonderbau ja/nein) der Baugenehmigung und dem Brandschutznachweis entnehmen. Ist nach dem Bauvertrag ein Blitzschutzsystem zu errichten, dann können den DIN/VDE-Vorschriften lediglich Art und Umfang der Schutzmaßnahmen entnommen werden. Gibt es keine vertragliche Vorgabe, dann ist dennoch zu prüfen, ob ein Blitzschutzsystem erforderlich ist. Jedes Bauwerk ist nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik (a.a.R.d.T.) zu errichten – auch dann, wenn der Bauvertrag dies nicht ausdrücklich vorsieht.

Öffentliches Baurecht

Im öffentlichen Baurecht werden die Rechtsverhältnisse zwischen Bürger und Staat geregelt. Es ist ein eigener Teil des Verwaltungsrechts. Wie gebaut werden darf, wird in den 16 Bundesländern in den jeweiligen Landesbauordnungen geregelt. Dabei dient die Musterbauordnung (MBO) als Vorlage.

Anforderungen für Sonderbauten

Speziell geregelt ist der Umgang mit Sonderbauten. Diese werden als schutzbedürftige Anlagen eingestuft und sind je nach Art und Nutzung gegebenenfalls dauerhaft mit Blitz- und Überspannungsschutzmaßnahmen zu schützen. Gebäude, die als Sonderbauten bezeichnet werden, bergen aufgrund der Art ihrer Nutzung, ihrer Größe oder hoher Besucherzahlen ein erhöhtes Gefahrenpotenzial. Die speziellen Regelungen für Sonderbauten finden sich beispielsweise in der Sonderbauverordnung mitsamt ihren Anlagen und Erläuterungen. Sie gelten ebenfalls je nach Bundesland unterschiedlich. Speziell Sonderbauverordnungen (SBauVO) enthalten ergänzende Informationen zu den allgemeinen Vorschriften der Länderbauordnungen. Entsprechend den SBauVO sowie anderweitigen Rechtsvorschriften müssen bei baulichen Anlagen Blitzschutzmaßnahmen umgesetzt werden.

Blitzschutz für bauliche Anlagen (Tabelle: Gebäudeklassifizierung und Erfordernis des Blitzschutz-Potenzialausgleichs)
Tabelle 1: Gebäudeklassifizierung und Erfordernis des Blitzschutz-Potenzialausgleichs (Quelle: Auszug aus dem VDB Leitfaden)

Anmerkung: Eine Ermittlung der Schutzklassen kann bereits mithilfe einer reduzierten Risikoanalyse [1] erfolgen, die das größte Risiko (Verlust von Menschenleben), betrachtet; darin einzubeziehende Faktoren: Erdblitzdichte, Gebäudemaße, Standortfaktor, Brandrisiko, Maßnahmen zur Verringerung von Brandfolgen, Räumungsmöglichkeiten bei Gefahr (vgl. dazu Beispiele in der Tabelle 2).
Für Sonderbauten, für die es keine Sonderbauverordnungen gibt oder in deren Sonderbauverordnung kein Blitzschutzsystem gefordert ist, wird über die Errichtung nach dem Grundsatz für Blitzschutzanlagen (§ 46 MBO) hinsichtlich Lage, Bauart oder Nutzung entschieden. Eine Bewertung kann durch eine Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2 (VDE 0185-305-2) [3] vorgenommen werden oder ist aus dem jeweiligen Brandschutzkonzept/-nachweis zu entnehmen. Eine Empfehlung aufgrund von Erfahrungswerten bieten der Leitfaden [1] und das in Zukunft neu erstellte Beiblatt 6 der EN 62305-2 [2]. Neben den in Sonderbauver­ordnungen und als Sonderbau definierten Objekten gibt es noch weitere Objekte, bei denen aus Sicht der "Verkehrssicherungspflicht" sowie nach dem Gesichtspunkt "Schutz der Rechtsgüter" ein Blitz-/Überspannungsschutz empfohlen wird. Generell obliegt die Entscheidung dem Betreiber/Objekteigentümer. Das spielt insbesondere im Schadensfall eine wichtige Rolle. […]

Blitzschutz für bauliche Anlagen (Tabelle: Beispiele für Blitzschutzmaßnahmen entsprechend Anforderungen Bundesland)
Tabelle 2: Beispiele für Blitzschutzmaßnahmen entsprechend Anforderungen Bundesland

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) erschienen. Die Autoren behandeln darin außerdem bauliche Anlagen zur Lagerung von Gefahrstoffen und die Risikoanalyse mithilfe von Normen.

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Autoren

Dipl.-Ing. Gabriele ­Schweble-Juch: Prüfsachverständige für die Prüfung sicherheitstechnischer Anlagen und Einrichtungen; Mitglied im VDE/ABB, VDB, IEC TC 81, DKE/ K 251, AK 251.0/07, SCHWEBLE JUCH Sachverständige GbR, Garching (BY)

Christian Braun: Buisness Development Manager Lightning Protection; Mitglied im VDE/ABB, VDB, IEC TC 81, DKE/AK. 251.0/07; DEHN + SÖHNE GmbH + Co.KG.

Literatur

[1] Verband Deutscher Blitzschutzfirmen, VDB Leitfaden Nr. 1: Rechtliche und normative Grundlagen für den Blitzschutz an baulichen Anlagen, Stand 04/18

[2] VORENTWURF: DIN EN 62305-3 Beiblatt 6 (VDE 0185-305-3 Beiblatt 6: 2019-XX) Blitzschutz Teil 3: Schutz von baulichen Anlagen und Personen – Beiblatt 6: Zusätzliche Informationen über die Erfordernis von Blitzschutzmaßnahmen nach DIN EN 62305-3 (VDE 0185-305-3)

[3] DIN EN 62305-2 (VDE 0185-305-2:2013-02) Blitzschutz Teil 2: Risiko-Management, (IEC 62305- 2:2010, modifiziert)

[4] DIN EN 62305-3 (VDE 0185-305-4:2011-10) Blitzschutz Teil 3: Schutz von baulichen Anlagen und Personen

[5] DIN EN 62305-4 (VDE 0185-305-4:2011-10) Blitzschutz Teil 4: Elektrische und elektronische Systeme in baulichen Anlagen.

[6] DIN VDE 0100-443 (VDE 0100-443:2016-10) Errichten von Niederspannungsanlagen, Teil 4-44: Schutzmaßnahmen – Schutz bei Störspannungen und elektromagnetischen Störgrößen – Abschnitt 443: Schutz bei transienten Überspannungen infolge atmosphärischer Einflüsse oder von Schaltvorgängen.

[7] DIN VDE 0100-534 (VDE 0100-534:2016-10) Errichten von Niederspannungsanlagen, Teil 5-53: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Trennen, Schalten und Steuern – Abschnitt 534: Überspannungs-Schutzeinrichtungen (SPDs).

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2018. 397 Seiten. € 148,–.

Letzte Aktualisierung: 24.06.2019

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