Brandbekämpfung mit Feuerlöschern durch Beschäftigte: eine Zumutung?

Kommt es im Arbeitsumfeld zum Brand, sollen Beschäftigte selbstständig zum Feuerlöscher greifen. Nicht selten wird dabei angeführt, dass eine Brandbekämpfung für Laien unzumutbar ist. Ein Praxistest zeigt, dass eine hohe Löschleistung der Feuerlöscher maßgeblich zur Sicherheit der Beschäftigten beiträgt.

Brandbekämpfung mit Feuerlöschern durch Beschäftigte
Ein Praxistest: Ablöschen des Prüfobjekts 21 A gemäß DIN EN 3-7 (Bild: Peter Gundermann)

Von Peter Gundermann. Für den Brandschutz in Arbeitsstätten gilt seit Jahrzehnten der Grundsatz: Wenn es brennt, ist das sofortige Eingreifen der Beschäftigten mit vorhandenen Löschgeräten zu gewährleisten. Denn so lässt sich die Gefahrensituation im besten Fall innerhalb kurzer Zeit unter Kontrolle bekommen. Dabei handelt es sich nicht nur um theoretische Überlegungen, sondern um eine Vielzahl dokumentierter Praxisbeispiele. So wird in der vfdb TB 04-01 [1] angegeben:

"Nach englischen Brandstatistiken werden durchschnittlich 50 bis 70 % der Entstehungsbrände durch die Nutzer gelöscht […], sodass die Feuerwehr entweder gar nicht alarmiert wird oder lediglich noch Nachlöscharbeiten durchführen muss."

Gemäß einer 2003 veröffentlichten Statistik [2] wurden 2002 in sechs europäischen Ländern von 4.800 dokumentierten Bränden 81,5 % mit Feuerlöschern erfolgreich gelöscht, sodass die Feuerwehr nur in 21,9 % der Fälle alarmiert wurde.

Für Deutschland weist diese Statistik 806 Brände aus, von denen 96,7 % mit einem Feuerlöscher gelöscht wurden. Lediglich bei 20,8 % der Brände musste die Feuerwehr anrücken.

Ob und mit welchem Erfolg Beschäftigte einen Feuerlöscher bei einem Entstehungsbrand benutzen, ist von vielen Faktoren abhängig. An erster Stelle sollte die Pflicht zur Hilfeleistung stehen, die juristisch durch § 323c StGB [3] untermauert wird.

Als unterlassene Hilfeleistung gilt demnach, wenn Personen bei gemeiner Gefahr oder Not, wozu auch der Brandfall zählt, keine Hilfe leisten, obwohl dies erforderlich ist. Vorausgesetzt wird allerdings, dass sie sich dadurch nicht selbst einer erheb­lichen Gefahr aussetzen oder andere wichtige Pflichten verletzen. Die Pflichten von Beschäftigten sind darüber hinaus im § 15 ArbSchG [4] verankert: "Die Beschäftigten sind verpflichtet, nach ihren Möglichkeiten sowie gemäß der Unterweisung und Weisung des Arbeitgebers für ihre Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Sorge zu tragen." Zu diesem Zweck haben Beschäftigte insbesondere Schutzvorrichtungen wie Feuerlöscher bestimmungsgemäß zu verwenden.

Überträgt der Arbeitgeber Brandschutzaufgaben, für die er zuständig ist, auf Beschäftigte, müssen diese befähigt werden, sie zu erfüllen. I.d.R. (s. ASR A 2.2 [5]) sind dafür Unterweisungen oder Schulungen mit praktischen Übungen zur Brandbekämpfung ausreichend. Das Ziel solcher Unterweisungen ist, dass die Beschäftigten bei unmittelbarer Gefahr für die eigene Sicherheit oder die Sicherheit anderer Personen geeignete Maßnahmen zur Gefahrenabwehr und Schadensbegrenzung treffen können, auch wenn der zuständige Vorgesetzte nicht erreichbar ist.

Ein Aspekt, der jedoch mehr über die Bereitschaft zur Nutzung von Feuerlöschern entscheidet als Vorschriften und Unterweisungen, ist die Zuversicht des Benutzers, dass dieser Feuerlöscher funktioniert und für eine Brandbekämpfung geeignet ist. Dieses Vertrauen muss durch den Arbeitgeber geschaffen werden, indem er Maßnahmen zum Erhalt der Funktionsfähigkeit trifft und gewährleistet, dass Löschgeräte mit ausreichender und vertrauenswürdiger Löschleistung verfügbar sind.

Der Artikel ist in Ausgabe 5.2020 des FeuerTrutz Magazins (November 2020) erschienen.
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Mindestlöschleistung: keine willkürliche Forderung

Die ASR A 2.2 gibt als Stand der Technik geeignete Maßnahmen an, bei deren Einhaltung der Arbeitgeber – basierend auf der vom Verordnungsgeber zugesicherten Vermutungswirkung – die Anforderungen der ArbStättV erfüllt. Für Feuerlöscher wird als Regelfall zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit alle zwei Jahre die Wartung durch einen Fachkundigen angegeben, insbesondere durch Sachkundige gemäß DIN 14406-4 [6].

Außerdem ist die Mindestlöschleistung, die für die Grundausstattung der Arbeitsstätte bereitgehalten werden soll, mit sechs Löschmitteleinheiten (LE) festgelegt. Grundlage für die Ermittlung der LE ist die bei der Typprüfung der Feuerlöscher gemäß DIN EN 3 Teil 7 [7] ermittelte maximale Löschleistung für die Brandklassen A und/oder B. Die Löschleistung von 6 LE entspricht für die Brandklasse A dem Prüfobjekt 21 A (s. Abbildung 2). Dabei handelt es sich um einen aus Holzleisten nach den Vorgaben der DIN EN 3-7 errichteten Stapel mit definierter Geometrie und konkreten Maßen.

Die Forderung nach einer Mindestlöschleistung von 6 LE hat in der Vergangenheit zu teilweise hitzigen Diskussionen geführt. Skeptiker meinen, dass ein solch großes Prüfobjekt nicht der Vorstellung und Definition eines Entstehungsbrandes entspricht und daher nicht gerechtfertigt ist. Sie unterstellen daher, dass eine Löschleistung von 1 oder 2 LE ausreichend wäre, ohne dass sie dies fachlich stichhaltig begründen. Für eine fundierte Meinungsbildung soll nachfolgend hinterfragt werden, wie die Löschleistung eines Feuerlöschers ermittelt wird und warum diese als Kriterium für die Anwendungssicherheit von Bedeutung ist.

Optimierte, einheitliche Testverfahren

Die Einführung von Methoden zur Ermittlung differenzierter Löschleistungen (Ratings) wurde in der europäischen Norm EN 3 Teil 7 vorgenommen. Denn aufgrund der Entwicklung hochwirksamer Löschmittel sowie der ständig weiterentwickelten Gerätetechnik ließ sich die Löschleistung der Feuerlöscher nicht mehr, wie bis dahin üblich, nur über die Löschmittelmenge beschreiben. Die Testmethoden sollten dazu dienen, die Leistungsfähigkeit von Löschgeräten unterschiedlicher Bauarten sowie verschiedener Löschmittel und Löschmittelmengen zu vergleichen. Die in der Norm festgelegten Prüfmethoden gewährleisten reproduzierbare Prüfergebnisse für einen objektiven Vergleich. Um diese Reproduzierbarkeit sicherzustellen, sind in der Norm exakte Prüfbedingungen u.a. für die Umgebungstemperatur, die Mindesthöhe des Versuchsraumes (8 m), den Mindestabstand des Prüfobjekts zur Wand (3 m), die Luftgeschwindigkeit und den Sauerstoffgehalt der Luft, die Zünd- und die Vorbrennzeit (insgesamt 8 min) vorgegeben.

Da hohe Leistungskennwerte ein gutes Verkaufsargument sind, ist es nachvollziehbar, dass die Hersteller ein Interesse am Nachweis möglichst hoher Löschleistungen haben. Aufgrund der umfangreichen Erfahrungswerte, die Löschmeister in europäischen Prüfstellen beim Ablöschen der Testobjekte sammeln konnten, haben sie eine optimale Taktik zur Erzielung eines maximalen Löscherfolgs entwickelt. Zudem können sie sich dank geeigneter Kleidung und anderer Ausrüstung vor Wärmestrahlung und Verbrennungsgasen schützen. Obwohl diese Normbedingungen keineswegs die Situation widerspiegeln, unter der Beschäftigte einen Entstehungsbrand in einer Arbeitsstätte zu bekämpfen haben, wird das Ziel der Schaffung eines optimierten, einheitlichen Testverfahrens erreicht, sodass es trotz unbestrittener subjektiver Einflussfaktoren möglich ist, reproduzierbare Leistungskennwerte für Feuerlöscher zu ermitteln.

Diese Leistungskennwerte führen jedoch nicht zu einer Definition des Entstehungsbrandes, sodass noch zu klären wäre, unter welchen Bedingungen Beschäftigten eine Brandbekämpfung zugemutet werden kann.

Brandbekämpfung: Sache der Übung

Der Begriff "Entstehungsbrand" wird in der Fachliteratur nicht mit technischen Kennwerten, sondern durch verbale Beschreibungen charakterisiert. Man versteht darunter i.d.R. einen örtlich lokalisierten Brand, der sich auf ein Objekt oder eine zusammenhängende, räumlich stark begrenzte Objektgruppe beschränkt und an den sich Personen zum Zweck der Brandbekämpfung annähern können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Die gefahrlose Annäherung hängt dabei maßgeblich von der Wärme- sowie der Brandgasemission ab, die durch den Brandstoff und die örtlichen Gegebenheiten bestimmt werden. […]

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 5.2020 des FeuerTrutz Magazins (November 2020) erschienen. Der Autor geht darin auf die Anforderungen an die Löschleistung eines Feuerlöschers ein und fasst die Ergebnisse eines Praxistests mit Feuerlöschern an verschiedenen Prüfobjekten zusammen, bei dem diese Anforderungen auf die Probe gestellt wurden.

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Autor

Peter Gundermann: Dipl.-Ing., Ingenieurbüro für Brandschutz; Fachingenieur für Brandschutz; öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für handbetätigte Löschgeräte und Kleinlöschanlagen

Literatur / Quellen

[1] vfdb TB 04-01 Technischer Bericht – Leitfaden Ingenieurmethoden der Brandschutzes Ausgabe 03/2020

[2] "Report on a Survey into Portable Fire Extinguishers and their use in the United Kingdom and other member countries of Eurofeu. Survey carried out jointly by FETA (Fire Extinguishing Trades Association) and IFEDA (Independent Fire ­Engineering & Distributors Association)", 03.2003

[3] StGB – Strafgesetzbuch in der Fassung vom 13.11.1998 (BGBl. I S. 3322), zuletzt geändert durch Artikel 5 des Gesetzes vom 10.07.2020 (BGBl. I S. 1648)

[4] ArbSchG – Arbeitsschutzgesetz vom 07.08.1996 (BGBl. I S. 1246), zuletzt ge­ändert durch Artikel 293 der Verordnung vom 19.06.2020 (BGBl. I S. 1328)

[5] Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A 2.2 Maßnahmen gegen Brände

[6] DIN 14406-4: 2009-09 Tragbare Feuerlöscher – Teil 4: Instandhaltung

[7] DIN EN 3-7: 2007-10 Tragbare Feuerlöscher – Teil 7: Eigenschaften, Leistungsanforderungen und Prüfungen

[8] Arbeitsstätten-Richtlinie ASR 13/1, 2 Feuerlöscheinrichtungen; Ausgabe Juni 1997

[9] Sitzungsergebnis Nr. 6/2002 vom April 2002 "Ausstattung von Arbeitsstätten mit Feuerlöschern" der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren In der Bundesrepublik Deutschland

[10] Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Verwendung von Arbeitsmitteln (Betriebssicherheitsverordnung – BetrSichV) vom 03.02.2015; ­Zuletzt geändert durch Art. 1 V. v. 30.04.2019 I 554

[11] MPA Dresden GmbH; akkreditiertes Prüflabor für Feuerlöschgeräte

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Letzte Aktualisierung: 01.12.2020