Brandschutz international: Shanghai

Welchen Stellenwert der Brandschutz in China genießt, wie dort Brandschutzkonzepte aufgestellt werden und wie deren Ausführung auf der Baustelle aussieht, waren die Fragen, die eine EIPOS-Studienreise nach Shanghai beantworten sollte. Die Studienreise fand im März 2015 statt. Günter Ruhe von FeuerTRUTZ ist mitgereist und berichtet von seinen Erfahrungen.

Brandschutz in Shanghai
Mit 25 Millionen Einwohnen ist Shanghai eine der größten Metropolen der Welt. Vom Ufer des Huangpu-Flusses war am Abend die leuchtende Skyline des Finanzdistrikts zu bestaunen. (Fotos: FeuerTRUTZ)

Mai 2015 / Von Günter Ruhe. Vom 22. bis 29. März 2015 besuchte eine neunköpfige Reisegruppe, von EIPOS als Studienreise Brandschutz organisiert, die Metropole im Süden Chinas. Auf dem Programm standen neben Baustellenbesuchen u. a. der Austausch über das Evakuierungskonzept der Shanghaier U-Bahn und der Besuch mehrerer Technologieparks.

Brandschutz in Shanghai
Auch in China widmen sich zahlreiche Magazine dem Brandschutz.

Wer mit Tempo 430 im Transrapid vom Flughafen in die Innenstadt von Shanghai fährt, ahnt bereits, welche Dynamik den Besucher dieser Metropole erwartet. Ob bei der Errichtung Hunderter Wohnhochhäuser, beim Bau von 580 km U-Bahn in 20 Jahren oder bei der Entwicklung riesiger Industrieparks, der deutsche Besucher steht staunend vor diesem Gestaltungswillen und der Fähigkeit, in diesen Dimensionen eine funktionsfähige Stadt und Infrastruktur zu entwickeln. In der EIPOS-Reisegruppe herrschte auf jeden Fall die Meinung vor, dass in Deutschland ein solches Tempo schon seit Jahrzehnten nicht mehr möglich sei.
Das Verbot privaten Grunderwerbs, die bisherige Laxheit bei Umwelt- und Arbeitsschutzvorschriften und die unterentwickelte Bürgerbeteiligung sind natürlich Triebfaktoren dieser Dynamik. Aber im immer noch kommunistischen China eine derart ausgeprägte Wirtschaftsstadt zu entdecken, die z. B. 150 Einkaufszentren mit mehr als 10.000 m² Fläche – davon einige Mega Malls mit mehr als 100.000 m² – bietet, war doch überraschend. Gewiss, Shanghai ist nicht China – als nationale Sonderwirtschaftszone genießt diese Stadt große Privilegien.

Eine U-Bahn für 9 Millionen Passagiere – täglich!

Brandschutz in Shanghai
Ein Transrapid fährt mit über 430 km/h in acht Minuten vom Flughafen Shanghai Pudong in die Innenstadt der Metropole.

In den vergangenen 20 Jahren wurden in Shanghai rund 580 km U-Bahn gebaut – so viel wie in London in 100 Jahren. Für die U-Bahn und die vielen Ingenieurbauwerke an den Straßen, die sich manchmal in vier Ebenen übereinander kreuzen, ist das Shanghai Tunnel Engineering & Rail Transit Design and Research Institute (STEDI) verantwortlich.
Die junge Chefingenieurin Zheng Jinli stellte die Prinzipien des Evakuierungskonzeptes einer U-Bahn-Station für den Brandfall vor. Die Brandlast beträgt beim Brand auf dem Bahnsteig 1 bis 3 MW sowie bei dem Brand eines Zuges 5 bis 10,5 MW. In Technikbereichen dürfen Brandabschnitte maximal 1500 m² groß sein, in öffentlichen Bereichen bis zu 5000 m².
Bedeutende Unterschiede zur Sicherheitsphilosophie in Deutschland waren nicht zu erkennen. Beim anschließenden Besuch einer Leitstelle der U-Bahn zeigte sich ebenso, dass die Sicherheitsvorkehrungen vergleichbar sind. Sogar bei der Bauausführung treten die gleichen Qualitätsmängel auf wie hierzulande.

Brandschutz in Shanghai
Das Rettungskonzept des Shanghai Towers – mit 632 m der höchste Turm Chinas und das zweithöchste Hochhaus der Welt – sieht bei einem Brand eine Evakuierung in Zwischengeschosse (schwarz markierte Technikebene) vor.

Brandschutz in 580 m Höhe

Der Besuch des Shanghai Towers, nach dem Burj Khalifa in Dubai das zweithöchste Hochhaus der Welt, war mit seinen 632 m Ausbauhöhe ein Highlight der Reise. Besonders da sich das Hochhaus noch im Bau befindet und erst Ende 2015 eröffnet wird.
Neben dem 420 m hohen Jin Mao Tower von 1998 und dem 492 m hohen Shanghai World Financial Tower von 2008 ist der Shanghai Tower das Prunkstück des Finanzdistrikts Pudong. Vor 20 Jahren befanden sich auf dieser Uferseite des Huangpu noch Ackerflächen. Heute wachsen auf unzähligen Baustellen Hochhäuser in den Himmel.
Rund 20.000 Menschen werden einmal im Shanghai Tower die 420.000 m² große Fläche auf 128 Etagen nutzen. Neben den in Shanghai offenbar unvermeidlichen Shopping Malls wird der Tower Büros, Hotels und Restaurants enthalten sowie eine Sightseeing Plattform in 580 m Höhe.
Der Bau des US-amerikanischen Architekturbüros Gensler wurde mit BIM (Building information modeling)-Methoden geplant und ist als Green Building zertifiziert. Die Fassade ist um 120 Grad gedreht, damit die Windlast um 24 % geringer wird. 80 m tiefe Bohrpfähle verankern das Gebäude im Schwemmlandgebiet des nahe gelegenen Jangtsekiang. Mit modernen Ausgleichsmaßnahmen ist der Tower für Erdbeben der Stufe 7 gesichert, obwohl Shanghai nicht zu den erdbebengefährdeten Zonen zählt.
Vier Feuerwehrfahrstühle sowie sechs Sicherheitstreppenhäuser und weitere, z. T. über 128 Geschosse durchgehende (!) Fahrstühle sorgen für die Erschließung des Gebäudes. Im Brandfall wird das Brandgeschoss in die Technikebenen, die alle 15 Geschosse eingerichtet wurden, evakuiert.
Die Entrauchung der Geschosse soll nach Angaben der Bauleitung über die installierte Klima-/Entrauchungsanlage erfolgen. Das Löschwasser wird im Brandfall von Geschoss zu Geschoss gepumpt.
Tragende Bauteile, Türen und die Fassade müssen über eine CCCF-Zertifizierung des China Certification Center for Fire Products verfügen und dem Feuer 120 Minuten standhalten. Eine Heißbemessung für tragende Bauteile gab es im Shanghai Tower offenbar nicht. Simulationen wurden u.a. zur Entrauchung und Evakuierung eines in den oberen Geschossen liegenden Hotels eingesetzt.
Das Brandschutzkonzept ist in China ab Leistungsphase IV ein hoheitlicher Akt bzw. muss über spezielle chinesische Büros erfolgen. Dabei müssen wie in Deutschland die vier Fachplaner (Löschtechnik, Entrauchung, Brandmelde- und Alarmierungstechnik sowie baulicher Brandschutz) eng zusammenarbeiten. Die Bauüberwachung erfolgt baubegleitend und mit einer Schlussabnahme. Zum Höhepunkt der Baumaßnahmen waren auf der Bausteller des Shanghai Towers rund 5000 Bauarbeiter eingesetzt.

China als Unternehmensstandort

Neben den Baustellenbesichtigungen war der Besuch von Technologieparks ein Bestandteil der Studienreise. In den Bezirken um Shanghai herum entstehen sehr große Parks, die vorzugsweise um deutsche Unternehmen als Investoren werben.

Brandschutz in Shanghai
Der Blick vom Shanghai Tower auf die riesige, sehr schnell wachsende Stadt bei außergewöhnlich klarer Sicht.

Allein der China Singapore Sutong Science and Technology Park in der Nähe der Kreisstadt Nantong wird auf einer Fläche von über 50 km² entwickelt. In der ersten Entwicklungstiefe wurden bereits 9,6 km² fertigstellt. Neben den Industriegebieten entsteht am Reißbrett auch eine Großstadt für mehr als 100.000 Arbeiter.
Der Besuch bei einem deutsch-chinesischen Joint Venture, einem Unternehmen aus der Automobilzulieferindustrie, brachte Informationen, welche Rahmenbedingungen deutsche Unternehmen für ihre Produktion vorfinden und welche Schwierigkeiten zu überwinden sind.
Der Erfolg der dualen Berufsausbildung in Deutschland hat sich bis nach China herumgesprochen. Bei vielen Treffen wurde dieses Thema angesprochen. Aus seinem Know-how könnte Deutschland einen Exportschlager machen.

Brandschutz in Shanghai
Die chinesische Variante eines Brandschutzfehlers: Brennbare Papierrosetten als Glückssymbol am Sprinklerkopf aufgehängt.

Fazit

Die Studienreise mit EIPOS nach China war zwar anstrengend, denn das Tagesprogramm war vollgepackt, aber die vielfältigen Einblicke in eine andere Kultur und die spezielle Ausrichtung auf das Thema Brandschutz waren exzellent und anregend. Bei der nächsten Reise von EIPOS sollten Sie dabei sein.

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 3.2015 erschienen.
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