Brandschutz zwischen Licht und Lehm: Die Alnatura Arbeitswelt

Eine Großraumbürolandschaft mit gut 10.000 m² über drei Geschosse mit einem mittigen Atrium: Das ist die neue Firmenzentrale der Alnatura Produktions- und Handels GmbH in Darmstadt. Dieser Beitrag stellt das Brandschutzkonzept vor.

Brandschutz zwischen Licht und Lehm - Die Alnatura-Arbeitswelt
Abb. 1: Mit Stampflehmwänden an den Traufseiten und vollverglasten Pfosten-Riegel-Fassaden an den Giebelseiten präsentiert sich die Alnatura Arbeitswelt. (Bild: Roland Halbe, Stuttgart / www.rolandhalbe.eu)

April 2020 / Von Frank Kramarczyk. Nach jahrelang stetig steigenden Umsatz- und Mitarbeiterzahlen entschied das Bio-Handelsunternehmen Alnatura, für die bis dahin auf viele Standorte verteilten Mitarbeiter der Verwaltung eine neue Firmenzentrale zu errichten. Dafür wurde auf dem Konversionsgebiet der „Kelley Barracks“, einem ehemaligen US-Militärareal im Westen Darmstadts, ein gut 55.000 m² großes Grundstück erworben, um den „Alnatura Campus“ zu realisieren.

Dessen Herzstück ist die Alnatura Arbeitswelt, das mit 13.500 m² Bruttogrundfläche (BGF) größte Gebäude Europas, dessen Außenwände aus Stampflehm bestehen. Die weltweit erstmals mit einer geothermischen Wandheizung ausgeführten Stampflehmwände stellen nur einen Mosaikstein der Planungsprämisse für Nachhaltigkeit dar, für die neben der Bauherrschaft das Stuttgarter Architekturbüro haascookzemmrich Studio 2050 verantwortlich zeichnet. So wurde das Gebäude nicht nur mit einem DGNB-Zertifikat in Platin ausgezeichnet, sondern auch mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur.

Der Artikel ist auch in Ausgabe 1.2020 des FeuerTrutz Magazins (Februar 2019) erschienen.

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Bürolandschaft mit maximaler Offenheit

Neben der Nachhaltigkeit galt es jedoch insbesondere auch brandschutztechnische Fragen zu lösen. Die oben beschriebenen Stampflehmwände spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle, da der Stampflehm nur für nichttragende Wände eingesetzt wurde, an die keine Anforderungen an den Feuerwiderstand gestellt werden. Die größere Herausforderung lag darin, ein ca. 94 m langes und 41 m breites Gebäude in den oberirdischen Geschossen sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen im Wesentlichen ohne brandschutztechnische Unterteilungen zu realisieren.

Zudem sollten Sonderbereiche wie die Konferenzräume und das Biorestaurant im Erdgeschoss lediglich durch nicht klassifizierte Glaswände von den Bürobereichen abgetrennt werden.

Das Gebäude zeigt sich nach außen hin mit einer klaren geometrischen Grundrissform und zwei gegeneinander verspringenden Pultdächern mit dazwischenliegendem Glasoberlicht. Im Inneren hingegen ergibt sich ein fast landschaftlicher Eindruck, zum einen durch die zum Atrium hin in Wellen geführten Deckenstirnkanten der beiden Obergeschosse, zum anderen durch die scheinbar wahllose Ausrichtung der die Geschosse und Gebäudeteile verbindenden Treppen und Stege. Im Alltagsbetrieb werden maßgeblich diese Freitreppen genutzt. Die technische und entfluchtungstechnische Vertikalerschließung erfolgt dagegen über vier gegenüber den Traufseiten ein wenig und gegenüber den Giebelseiten deutlicher zurückversetzte Stahlbetonkerne. Dort sind neben den notwendigen Treppenräumen und Aufzügen Installationsschächte, Elektroräume und Sanitärbereiche untergebracht. Viel Tageslicht bis tief ins Gebäude bringen insbesondere das nach Norden ausgerichtete Oberlicht und die beiden vollverglasten Giebelfassaden in Verbindung mit den im Atriumbereich nach oben zurückgestaffelten Geschossdecken.

Brandschutz zwischen Licht und Lehm - Die Alnatura-Arbeitswelt
Abb. 2: Die einzelnen Geschosse und Bereiche der Bürolandschaft werden durch das Atrium sowie das Atrium überspannende Treppen und Stege miteinander verbunden. (Bild: Brigida Gonzalez, Stuttgart)

Baurechtliche Einstufung

Aufgrund der

  • Gebäudegröße (Grundfläche > 1.600 m²),
  • Gebäudehöhe (oberster Fußboden höher als 7 m über Geländeoberkante bei Nutzungseinheiten > 400 m²) und
  • Gebäudenutzung (Büronutzung auf über 3.000 m² BGF sowie Schank- und Speisegaststätte mit mehr als 120 m² BGF)

ergab sich eine bauordnungsrechtliche Klassifikation als ungeregelter Sonderbau der Gebäudeklasse 5. Ungeregelte Sonderbauten sind bauliche Anlagen besonderer Art und Nutzung, für die es im Unterschied zu anderen Sonderbautypen wie Hochhäuser, Schulen, Versammlungsstätten usw. keine bauaufsichtlich bekannt gemachten Sonderbauvorschriften gibt. Die brandschutztechnische Bewertung muss daher allein auf der Grundlage der Landesbauordnung, im vorliegenden Fall der Hessischen Bauordnung (HBO [1]), und der darin definierten brandschutztechnischen Schutzziele erfolgen. Zwar kommen aufgrund der teilweise für bis zu 400 Personen ausgelegten Konferenzräume auch in der Alnatura Arbeitswelt die Anforderungen der Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättV [2]) zur Anwendung.

Diese bleiben jedoch im Wesentlichen auf den erdgeschossigen Konferenzbereich beschränkt und wirken sich nicht automatisch und vollständig auf das Gesamtgebäude aus.

Eine brandschutztechnische Bewertung allein basierend auf den in einer Landesbauordnung definierten Schutzzielen birgt Chancen, ganz individuelle Konzepte zu entwickeln. Andererseits bewegt man sich jedoch im luftleeren Raum, wenn ein Gebäude strukturell so weit von dem in der Bauordnung unterstellten Standardgebäude entfernt liegt wie die Alnatura Arbeitswelt. Denn letztlich geht die Landesbauordnung in ihren materiellen Anforderungen von Wohngebäuden und kleinen Büro- und Gewerbebauten aus.

Die Gemeinsamkeiten der Arbeitswelt mit einem Wohngebäude sind minimal – außer vielleicht im Bereich der Aufenthaltsqualität. Aufgrund des mehrgeschossigen nicht unterteilten Raums und des große Atriums mit den die Geschosse verbindenden Stegen und Freitreppen sind jedoch durchaus Parallelen zu einem bauordnungsrechtlich geregelten Gebäudetyp vorhanden, nämlich dem der Verkaufsstätte.

Gleichzeitig hatte auch der Anspruch einer flexiblen Möblierung für die Büronutzung auf einer solch großen Fläche Parallelen zu dem Erfordernis in Verkaufsstätten, Warenträger, Auslagen usw. unter definierten Randbedingungen frei organisieren zu können.

"Gebt mir einen Fixpunkt, und ich werde die Welt aus den Angeln heben!" soll der griechische Philosoph Archimedes einst gesagt haben. Gleich die ganze Welt aus den Angeln zu heben, war im Fall der Alnatura Arbeitswelt nicht erforderlich.

Trotzdem bediente man sich eines Fixpunktes und zog bei der Entwicklung des Brandschutzkonzepts die Muster-Verkaufsstättenverordnung (MVKVO [3]) als Orientierung heran. Eine vollständige Umsetzung der MVKVO wäre durchaus möglich gewesen, hätte jedoch zu einem Schutzniveau geführt, das deutlich über dem bauordnungsrechtlich geforderten gelegen hätte.

Denn im Unterschied zu einer Verkaufsstätte sind die Nutzer im vorliegenden Fall im Wesentlichen ortskundig und die Brandlasten einer Bürofläche deutlich geringer als die einer Verkaufsstätte. So wurde jede einzelne Anforderung der MVKVO bezüglich ihrer Notwendigkeit und Angemessenheit für das vorliegende Gebäude hinterfragt. Auf nicht zwingend einzuhaltende Anforderungen wurde verzichtet, wobei zu beachten war, damit die Wirksamkeit des Schutzkonzepts der MVKVO nicht unzulässig aufzuweichen.

Brandschutz zwischen Licht und Lehm - Die Alnatura-Arbeitswelt
Abb. 3: Wie auch das Oberlicht über dem Atrium holen die vollflächigen Verglasungen an den Giebelseiten viel Licht ins Gebäude und geben den Blick auf den Alnatura Campus und den angrenzenden Westwald frei. (Bild: Brigida Gonzalez, Stuttgart)

Die Verkaufsstättenverordnung als Orientierung

Das Gebäude wurde mit einer flächendeckenden Brandmeldeanlage mit Aufschaltung auf die Leitstelle der Feuerwehr ausgerüstet.

Sowohl aus optischen als auch aus technischen Gründen wurden dabei im Bereich der großen Schrägdächer und im Atrium Rauchansaugsysteme und lineare Rauchmelder eingesetzt. Weiterhin wurden die oberirdischen Geschosse mit einer Sprinkleranlage ausgerüstet.

Im Kellergeschoss wurden hingegen nur vereinzelte Räume wie die Sprinklerzentrale und die Müllräume gesprinklert. Eine flächendeckende Sprinklerung war dort nicht erforderlich, da die Räume abweichend von den darüber liegenden Geschossen klassisch nach den materiellen Anforderungen der Bauordnung organisiert wurden. […]

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 1.2020 des FeuerTrutz Magazins (Februar 2020) erschienen. Dort werden außerdem die Planung und Umsetzung der Sprinkleranlage, der Rauchableitung, der Brandabschnitte sowie der Rettungswege thematisiert.

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Autor

Dipl.-Ing. Architekt Frank Kramarczyk: Geschäftsführender Gesellschafter TICHELMANN & BARILLAS INGENIEURE, TSB Ingenieurgesellschaft mbH, Darmstadt

Literatur

[1] Hessische Bauordnung (HBO), Fassung vom 15.01.2011, zuletzt geändert am 13.12.2012

[2] Musterverordnung über den Bau und Betrieb von Versammlungsstätten (Muster-Versammlungsstättenverordnung – MVStättV), Fassung Juni 2005, zuletzt geändert Februar 2010

[3] Musterverordnung über den Bau und Betrieb von Verkaufsstätten (Muster-Verkaufsstättenverordnung – MVKVO), Fassung September 1995, zuletzt geändert Juli 2014

[4] VdS CEA 4001:2014-04 "VdS CEA-Richtlinien für Sprinkleranlagen; Planung und Einbau"

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2020

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