Brandschutzkongress 2020: 7 Fragen zum organisatorischen Brandschutz

Lars Oliver Laschinsky (1. Vorsitzender des VBBD) moderiert beim Brandschutzkongress 2020 den Themenblock "Organisatorischer Brandschutz". FeuerTrutz sprach mit ihm über aktuelle Branchenthemen und die dazu geplanten Vorträge.

Brandschutzkongress 2020: Interview Laschinsky
(Bild: Lars Oliver Laschinsky)

Der Verein der Brandschutzbeauftragten in Deutschland (VBBD) unterstützt als ideeller Träger bereits seit dem ersten FeuerTrutz Brandschutzkongress in Nürnberg den Themenbereich des organisatorischen Brandschutzes.

Herr Laschinsky, Sie moderieren beim FeuerTrutz Brandschutzkongress am 30. September 2020 wie in den Vorjahren den Kongressblock zum Thema "Organisatorischer Brandschutz". Dr. Achim Stöckmann wird dort einen Vortrag mit dem Titel „Gefährdungsbeurteilung – Begriffe, Zielsetzungen und Grenzen“ halten. Was erwartet die Besucher inhaltlich?

Zur Festlegung notwendiger und geeigneter Brandschutzmaßnahmen müssen zunächst in einer Gefährdungsbeurteilung die branchen- und betriebsspezifischen Brandgefährdungen systematisch ermittelt und bewertet werden. Die Gefährdungsbeurteilung muss alle für die Entstehung, Ausbreitung und Auswirkung eines Brandes relevanten Faktoren berücksichtigen. Wie die Gefährdungsbeurteilung jedoch durchzuführen ist, ist nicht detailliert festgeschrieben, es werden nur Grundsätze benannt. Daher ist das Verfahren und der Ablauf einer Gefährdungsbeurteilung erklärungsbedürftig.

Ohne vorgreifen zu wollen, was ist unter "Grenzen der Gefährdungsbeurteilung" zu verstehen?

Auf der Grundlage dieser Gefährdungsbeurteilung muss eigenverantwortlich bewertet werden, wie die ermittelten Gefährdungen beurteilt und die Schutzziele der Verordnung durch geeignete Maßnahmen nach dem Stand der Technik erfüllt werden. Maßstab sind hierbei die Technischen Regeln für Arbeitsstätten. Die Schutzziele können jedoch auch auf andere Weise umgesetzt werden, wenn damit die gleiche Sicherheit erreicht wird. Die Grenzen der Gefährdungsbeurteilung sind dann erreicht, wenn konkrete gesetzliche Anforderungen z.B. der Arbeitsstättenverordnung nicht eingehalten werden. Dies betrifft z.B. die viel diskutierte Öffnungsrichtung von Notausgängen.

Schon im letzten Jahr wurde beim Brandschutzkongress teils leidenschaftlich darüber diskutiert, ob und wie Arbeitsschutz und Brandschutz vereinbar sind. Sehen Sie da Fortschritte?

In Deutschland finden sich Anforderungen an den Brandschutz in einer Vielzahl von Rechtsvorschriften z.B. in den Bauordnungen der Bundesländer, im Arbeitsschutz- und Gefahrstoffrecht sowie in zahlreichen weiteren Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien. Aus diesen Rechtsvorschriften entstehen auch zusätzliche Anforderungen an den Brandschutz, die über die baurechtlichen Regelungen hinausgehen. Hier sehe ich jedoch keinen Widerspruch, denn die Beachtung zusätzlicher gesetzlicher Regelungen ist in anderen Bereichen der Bauplanung völlig selbstverständlich, z.B. zur Energieeffizienz.

Die Diskussion über unterschiedliche Brandschutzanforderungen läuft oft deshalb ins Leere, da nur die Umsetzung einzelner Anforderungen miteinander verglichen, nicht jedoch Hintergründe, Ziel und Zweck der gesetzlichen Regelungen beachtet werden. So kennt das Baurecht die Brandgefahr als Risikoabwägung (z.B. im Begriff „konkrete Gefahr"), das Arbeitsschutzrecht spricht jedoch von möglichen Brandgefährdungen, eben ohne eine Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit. Das ist einfach nicht miteinander vergleichbar.

Wie die Sicht von Arbeitsschutzbehörden auf den betrieblichen Brandschutz ist, wird Dr. Torsten Wolf erklären. Warum ist das eine wichtige Perspektive auch für Planer?

Der Vollzug der Arbeitsstättenverordnung obliegt den staatlichen Arbeitsschutzaufsichtsbehörden (Gewerbeaufsichtsämter bzw. Ämter für Arbeitsschutz). Hierbei kann die zuständige Arbeitsschutzbehörde bei der Umsetzung der Vorschriften auch Ausnahmen zulassen, wenn diese für den Betrieb eine besondere Härte darstellen würde und vielleicht sogar Arbeitsplätze gefährdet wären. Bei allen Abweichungen müssen jedoch andere, ebenso wirksame Maßnahmen getroffen und die Abweichung mit dem Schutz der Beschäftigten vereinbar sein. Mit einer sorgfältigen und sauber dokumentierten Gefährdungsbeurteilung steigen die Chancen deutlich, bei den Behörden auf Zustimmung zu treffen.

Sie selbst tragen vor zum Thema „Brandschutz an gefährlichen Arbeitsplätzen – von der Idee bis zur Realisierung“. Was ist eigentlich ein „gefährlicher Arbeitsplatz“ können Sie ein Beispiel nennen?

Eine erhöhte Brandgefährdung liegt in Arbeitsbereichen vor, wenn z.B. Stoffe der Brandklassen D und F, brennbare Stäube, extrem oder leicht entzündbare Flüssigkeiten, entzündbare Gase bzw. oxidierende Stoffe vorhanden sind und/oder Arbeiten durchgeführt oder Verfahren angewendet werden, die zu einer Brandgefährdung führen. Hier sind die örtlichen und betrieblichen Verhältnisse für eine Brandentstehung günstig und es ist bereits in der Anfangsphase eines Brandes mit einer schnellen Brandausbreitung oder großen Rauchfreisetzung zu rechnen. In meinem Vortrag werde ich die Planung, Konzeption, Umsetzung und Kontrolle des Brandschutzes für eine Lackieranlage stellvertretend vorstellen.

Braucht ein Brandschutzbeauftragter in einem Betrieb mit solchen Arbeitsplätzen eine Zusatzausbildung?

Die Einbeziehung der betrieblichen Brandschutzstrukturen ist bei jeder Gefährdungsbeurteilung im Brandschutz unverzichtbar. Für Betriebe mit erhöhter Brandgefährdung wird für den Brandschutzbeauftragten dabei eine zusätzliche besondere Qualifikation empfohlen, z.B. eine feuerwehrtechnische Ausbildung, die Qualifikation als Fachkraft für Arbeitssicherheit oder ein Studium mit Schwerpunkt Brandschutz.

Spezifische Fachkenntnisse können aber auch durch mehrere Personen eingebracht werden. So ist z.B. bei der Beurteilung komplexer Produktions- und Industrieanlagen mit schwierigen Prozessen die Einbindung weiterer Personen mit vertieften Fachkenntnissen (z.B. eines Chemikers) sinnvoll.

An welche Zielgruppen richtet sich das Fachprogramm dieses Kongressblocks im Speziellen?

Die Erfüllung aller Anforderungen des Brandschutzes macht eine frühzeitige Kommunikation der Beteiligten sowohl bei der Erstellung von Neuanlagen als auch bei der Änderung bestehender Anlagen notwendig. Ich denke, mit dieser Themenauswahl bringen wir die Interessen aller an Planung, Konzeption, Umsetzung, Genehmigung und Betrieb des Brandschutzes Beteiligten zusammen. Besonders interessant sind diese Zusammenhänge aber sicherlich für Planer, Sachverständige und Brandschutzbeauftragte, die im Hinblick auf eine gewerbliche und industrielle Nutzung eines Gebäudes einen integrativen Blick auf den Brandschutz haben müssen.

Zum Interviewpartner

Lars Oliver Laschinsky: Fachlehrer im Brand- und Explosionsschutz; Institut für Sicherheits- und Gefahrentraining; Lehrbeauftragter der HFU Hochschule Furtwangen, Security & Safety Engineering; Honorardozent für das EIPOS-Institut der TU Dresden; 1. Vorsitzender des Vereins der Brandschutzbeauftragten in Deutschland e.V. (VBBD)

Lars Oliver Laschinsky ist außerdem Autor des Fachbuches "Explosionsschutz in der Praxis" und des digitalen Infodienstes "Betrieblicher Brandschutz Aktuell" .

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Letzte Aktualisierung: 23.06.2020