Brandschutzkonzept: Scharoun-Theater – authentisch saniert

Für den äußerlich kontrastreich gegliederten Theaterbau am Klieversberg in Wolfsburg stand nach ca. 40-jähriger Nutzung eine umfangreiche denkmalpflegerische Behandlung und eine Erweiterung an. Diese umfasste auch eine vollständige brandschutztechnische Sanierung. Der Beitrag stellt die spannungsreichen Momente der unter Beachtung beider Schutzinteressen erfolgreich durchgeführten Maßnahmen vor.

Brandschutzkonzept Sharoun-Theater: Theaterbau Außenansicht
Abb. 1: Der Anfang der 1970er-Jahre in Wolfsburg errichtete Theaterbau wurde von Hans Scharoun entworfen. (Bild: Prof. Dr. Gerd Geburtig)

Mai 2018 / Von Gerd Geburtig. Bei dem betrachteten Baudenkmal handelt es sich um den in den Jahren 1965 bis 1968 von Hans Scharoun entworfenen und in den Jahren 1971 bis 1973 errichteten Theaterbau der Stadt Wolfsburg. Dieser stellt zugleich das einzige realisierte Theaterprojekt dieses bedeutenden Architekten des 20. Jahrhunderts dar.

Brandschutzkonzept Sharoun-Theater: Blick in das Foyer
Abb. 2: Blick in das Foyer (Bild: Prof. Dr. Gerd Geburtig)

Das Theater bietet 805 Sitzplätze, sechs Rollstuhlplätze und bis zu 120 Stehplätze. Der Singularität des besonderen Entwurfs geschuldet, waren neben den für eine Versammlungsstätte dieses Ausmaßes selbstverständlichen brandschutztechnischen Anforderungen zugleich die denkmalpflegerischen Erwartungen an eine angemessene Behandlung des Gebäudekomplexes entsprechend hoch.

Der sich vor einer Waldkulisse erhebende kantige Kubus des Saal- und Bühnenhauses, welcher von länger gestreckten Foyer- und Nebenbauten umschlossen wird, bildet den zentralen Mittelpunkt der Gesamtanlage. Während das bemerkenswert weiträumige Foyer niedrig, axial und mit differenzierten Bodenniveaus sowie Winkelbildungen gestaltet wurde (s. Abbildung 2), birgt der Hauptbau einen zentralen, durch seine Höhenentwicklung überraschenden Zuschauersaal (s. Abbildung 3), der trotzdem zugleich intim erscheint [1].

Brandschutzkonzept Sharoun-Theater: Theaterraum vor der Sanierung
Abb. 3: Der Theaterraum vor der Sanierung (Bild: Prof. Dr. Gerd Geburtig)

Ausgangspunkt der neuen brandschutztechnischen Beurteilung war neben dem festzustellenden üblichen Verschleiß von Bauteilen wie Öffnungsabschlüssen oder anlagentechnischen Bestandteilen der Verdacht realer Gefährdungen. Demzufolge galt es zunächst, diese möglichen Gefahren im Rahmen einer Gefährdungsanalyse unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Aspekte [2] präzise zu untersuchen und einen möglichen Handlungsbedarf konkret zu benennen. Hinsichtlich der Untersuchung der vermuteten realen Gefahren wurden ergänzend ingenieurgemäße Nachweise geführt, die weiter unten detailliert vorgestellt werden.

Weil zugleich Entwurfsvarianten für eine mögliche Erweiterung dringend benötigter Nebenräumlichkeiten erstellt wurden und nach einer hinreichend langen Nutzungsperiode von mehr als 40 Jahren eine vollständige Sanierung wünschenswert war, stellte sich der Bauherr dieser äußerst anspruchsvollen Aufgabe: Er beschloss neben der Generalbehandlung und Modernisierung auch die mittlerweile aus denkmalrechtlicher Sicht abgestimmten Erweiterungen unter planerischer Gesamtleitung des Büros BRENNE ARCHITEKTEN (Berlin).

Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 2.2018 des FeuerTRUTZ Magazins (März 2018) erschienen.
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Anwendung von Brandschutz-Ingenieurmethoden

Brandschutzkonzept Sharoun-Theater: Durchgeführter Rauchversuch im Zuschauerraum
Abb. 4: Durchgeführter Rauchversuch im Zuschauerraum (Bild: Prof. Dr. Gerd Geburtig)

Rauchversuch

Zur Entrauchung des Zuschauerraumes stand im Dachbereich eine bauzeitliche Entrauchungsöffnung von etwa 2 m × 3 m zur Verfügung, welche den Anforderungen zur Errichtungszeit genügte. Im Rahmen der Gefährdungsanalyse wurde ein Rauchversuch vor Ort durchgeführt, da eine anderweitige Untersuchung zuvor unterstellt hatte, dass durch diese gegebenen Verhältnisse reale Gefährdungen des Zuschauerraumes entstehen und wirksame Löscharbeiten ggf. nicht möglich sind. Dabei wurde als realistisches Szenario während des bestimmungsgemäßen Gebrauchs ein Brand auf der Vorbühne simuliert (s. Abbildung 4). Die Ergebnisse des Versuchs wurden gemeinsam mit der zuständigen Brandschutzdienststelle beraten und es konnte ein grundsätzlich zufriedenstellendes Ergebnis eruiert werden. Dennoch sollte die Zeit der Entrauchung durch technische Maßnahmen verbessert werden, da sich die vorhandene Rauchklappe nur einseitig öffnen ließ und somit bei ungünstigen Windverhältnissen eine Entrauchung ggf. behindert werden könnte. Reale Gefährdungen für Besucher im Zuschauerraum wurden jedoch nicht attestiert, und die wirksame Brandbekämpfung stand hinsichtlich einer möglichen Rauchableitung nicht infrage.

Personenstromanalyse

Zur Ermittlung, ob die vorhandenen Rettungswege trotz einer möglichen Rauchausbreitung im Brandfall in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und reale Gefahren für bestimmte Zuschauerbereiche nicht bestehen, wurde eine Personenstromanalyse vorgenommen. Mit dieser wurde nachgewiesen, dass vor allem die Räumung des Zuschauersaals in einer angemessenen Zeitspanne vor einer gefährdenden Rauchausbreitung auf Rettungswege möglich ist. Zugleich wurde die günstige Anordnung von Besucherplätzen für mobilitätseingeschränkte Personen bestimmt.

Für die Evakuierungsuntersuchung wurde als Szenario davon ausgegangen, dass ein Brandereignis während einer Veranstaltung im Bereich der Bühne auftritt, der eiserne Vorhang nicht funktioniert und somit die bauliche Anlage vollständig zu räumen ist.

Das Ergebnis der mit der Software PedGo durchgeführten Simulation zeigte, dass 1.066 Personen (einschließlich der Mitwirkenden auf der Bühne) bei einer ausverkauften Veranstaltung das Theater über die Rettungswege in 5:12 Minuten verlassen und die festgelegten Sammelplätze erreicht haben (s. Tabelle 1). Bereits nach zwei Minuten sind die Personen aus dem Gefahrenbereich, und nach ca. drei Minuten haben alle Personen den Veranstaltungssaal verlassen. Die ermittelte Evakuierungszeit (Reaktionszeit + Gehzeit der Personen) ist dabei die Zeit von der Alarmierung der Personen bis zum Erreichen eines sicheren Bereiches. Die Alarmierungszeit (Brandentstehung bis Alarmierung) muss noch hinzuaddiert werden. Sie kann bei einer automatischen Brandmeldeanlage mit einer Minute angesetzt werden.

Im Zusammenhang mit der Erweiterung des Überwachungsumfangs der vorhandenen Brandmelde- und Alarmierungsanlage auf bislang nicht überwachte Räume und einer dadurch gegebenen Verkürzung der Alarmierungszeit können nun mit Wissen der Personenstromanalyse Abweichungen anderer Anforderungen akzeptiert werden. So konnte bauzeitliche Substanz erhalten werden, z.B. die hinterlüfteten Holzverkleidungen in der Baustoffklasse normalentflammbar, die nicht den heute geltenden Vorschriften entsprechen und sonst zu erneuern gewesen wären.

Tabelle 1: Berechnete Evakuierungszeiten nach 500 Simulationsdurchläufen

  • Mittelwert [min:s]: 4:48
  • Standardabweichung [min:s]: 0:15
  • Minimum [min:s]: 4:14
  • Maximum [min:s]: 6:25
  • 95 % Fraktilwert [min:s]: 5:12

Brandschutzkonzept und Umsetzung

In enger Abstimmung mit dem Architekten gab es zwei wesentliche Anliegen der Brandschutzplanung für die Sanierung und Erweiterung des Theaterbaus: Zum einen sollte die Haptik des denkmalgeschützten Gebäudes hinsichtlich der Formensprache und des Stils der Innenausstattung zur Errichtungszeit ideell erhalten bleiben, zum anderen sollten die bauzeitlichen Bauteile sowie wertvollen Ausstattungen – insbesondere die erlebbaren Oberflächen des Theaterraumes, aber auch kleinere, nicht unwesentlichere Details, die das Gesamtraumerlebnis wesentlich beeinflussen – materiell bestehen bleiben. Brand- und Denkmalschutz wurden deswegen auf Augenhöhe betrachtet.

Gebäudeuntersuchung und Nutzungen

Zunächst erfolgten für die Festlegung der erforderlichen Brandschutzmaßnahmen eine umfassende Begehung des gesamten Gebäudekomplexes und die eingehende Analyse der vielfältigen Nutzungsszenarien sowie mehrere, eingehende Ortsbesichtigungen. Es war dann der übliche Theaterbetrieb zu untersuchen: Im vorliegenden Fall ist dieser davon geprägt, dass neben jährlich zwei eigenen Produktionen ansonsten fast ausschließlich Tourneetheater auftreten und Gastspiele stattfinden – was Diskussionen hinsichtlich des organisatorischen Brandschutzes nach sich zog. Hinzu kamen mehr als 30 Nutzungsvarianten für das Foyer, die es zu untersuchen galt.

Aufgrund seiner Ausdehnung zählt das Theater somit zu den größten Bespieltheatern Deutschlands. Die brandschutztechnische Planungstätigkeit des eingebundenen Sachverständigen umfasste auch den legendären Drehbühnen-Ball, bei dem die Unterbühne und die technischen Bereiche des gesamten Untergeschosses mit genutzt werden. Das daraufhin erstellte Dokument einer brandschutztechnischen Gefahrenanalyse bildete die Grundlage für das neu zu erstellende Brandschutzkonzept mit den verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten. […]

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 2.2018 des FeuerTRUTZ Magazins (März 2018) erschienen. Der Autor behandelt darin außerdem die Grundzüge des Brandschutzkonzeptes, notwendige Erleichterungen sowie Herausforderungen bei der Umsetzung und fasst den Beitrag in einem Fazit zusammen.

Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 2.2018

Brandschutz des Jahres 2018: Brandschutzkonzepte - Preisübergabe Theater Wolfsburg
(Bild: FeuerTRUTZ)

Brandschutz des Jahres 2018: Gewinner Brandschutzkonzepte

Das von Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig eingereichte Brandschutzkonzept für das Theater der Stadt Wolfsburg gewann bei der Verleihung des Branchenpreises "Brandschutz des Jahres 2018" den geteilten ersten Platz in der Kategorie Brandschutzkonzepte.

Hier gibt es weitere Informationen zur Auszeichnung "Brandschutz des Jahres 2018"

Autor

Prof. Dr.-Ing. Architekt Gerd Geburtig: Inhaber der Planungsgruppe Geburtig; Fachautor und Dozent; Vorsitzender der regionalen Gruppe der WTA in Deutschland; Mitglied im Normungsausschuss Brandschutzingenieurverfahren (NABau) beim DIN; Prüfingenieur für Brandschutz

Literatur

[1] Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler – Bremen, Niedersachsen, Weiß, G. u.a., München, 1992

[2] Brandschutz im Baudenkmal, Arbeitsblatt 13, Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VdL), 2014

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Letzte Aktualisierung: 09.05.2018

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