Eine MBO ohne materielle Brandschutzanforderungen!?

Wie kann die Musterbauordnung modernisiert und wie können Brandschutzanforderungen an Standardgebäude zugleich flexibler ausgestaltet werden? Auf der Basis einer aktuellen Masterarbeit wird in diesem Kommentar ein entsprechender Vorschlag für eine "MBO 2.0" ohne materielle Anforderungen entworfen.

Kommentar: Eine MBO ohne materielle Brandschutzanforderungen
Abb. 1: Moderne oder sanierte Gebäude ohne Abweichungen – ein Traum? (Bild: Lena-Elisabeth Buch / Prof. Dr.-Ing. habil. Gerd Geburtig)

Von Lena-Elisabeth Buch und Prof. Dr.-Ing. habil. Gerd Geburtig. Materielle Brandschutzanforderungen für Standardgebäude in der heutigen Form sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein fester Bestandteil der Bauordnungen. Dem folgten ab 1925 Technische Baubestimmungen des Brandschutzes, mit denen das technische Anforderungsniveau für die einzelnen Bestimmungen geregelt wird.

Mit der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB [1]) werden durch entsprechende Verweise auf Technische Regeln die allgemeinen Schutzziele und Anforderungen der Musterbauordnung [2] konkretisiert. Der Beitrag beschreibt auf der Grundlage einer aktuellen Masterarbeit [3], wie auch die materiellen Anforderungen des Brandschutzes in diese MVV TB überführt werden können, womit das schutzzielorientierte Planen befördert, aber dennoch das empirisch gewonnene Wissen bewahrt wird.

Brandschutzanforderungen in der MBO heute und morgen

Die Musterbauordnung (MBO) bildet seit 60 Jahren mit ihrer Leitfunktion die Grundlage der materiellen Brandschutzanforderungen in den Landesbauordnungen und begründet das Sicherheitsniveau aller baulichen Anlagen, besonders für die sog. Standardgebäude.

Eine MBO ohne materielle Brandschutzanforderungen
Abb. 2: Dokument-Portrait der MBO mit der MAXQDA VERBI Software (Quelle: [5])

Als Lösungsvorschlag des Bundes für einheitliche Landesbauordnungen wurde sie 1955 nach dem Rechtsgutachten und dem gescheiterten Versuch eines Bundesbaugesetzes ausgearbeitet und 1960 das erste Mal veröffentlicht [4]. Basierend auf den über Jahrzehnte zuvor geltenden vielzähligen lokalen Bauordnungen und baupolizeilichen Vorschriften nimmt der Brandschutz seitdem einen signifikant großen Anteil der Musterbauordnung ein, was Abb. 2 veranschaulicht.

Die MBO deckt auch einen in sich abgeschlossenen Brandschutznachweis für jeden Standardbau als ein Planungsangebot ab, mit dem die Schutzziele nach § 3 i.V.m. § 14 MBO erfüllt werden und weshalb die Frage „Ist eine Musterbauordnung ohne materielle Brandschutzanforderungen denkbar?“ zunächst als überflüssig erscheint. Zugleich schließt die MBO ausdrücklich mit den §§ 67 und 51 die Möglichkeit des Abweichens für Standardgebäude von bzw. von Erleichterungen für Sonderbauten gegenüber den Anforderungen der Bauordnung anhand einer schutzzielorientierten Planung ein.

Aus dieser Sicht erscheint es wiederum folgerichtig, bei einer festzustellenden zunehmenden Zahl von Abweichungen bzw. Erleichterungen beim alltäglichen Planen die Forderung aufzustellen: „Wir brauchen eine Musterbauordnung ohne materielle Anforderungen!“.

Aber: An welcher Stelle sollten dann die notwendigen Brandschutzanforderungen – von den Feuerwehrzufahrten bis zur Notwendigkeit von Blitzschutzanlagen – zukünftig zu finden sein?

Aufgrund der historischen Entwicklung des Brandschutzes und seiner Vorschriften, die sich im Schrifttum bis zum Sachsenspiegel zurückführen lassen, bieten uns die heute geltenden materiellen Brandschutzanforderungen ein wichtiges und hohes Gut an Erfahrungen zum Brandschutz.

Somit steht es außer Frage, diese Kenntnisse an geeigneter Stelle weiter zu erhalten. Es ist aber gleichfalls zu hinterfragen, ob deswegen die Brandschutzanforderungen zwangsläufig in der MBO enthalten sein müssten oder ob eine eigenständige Technische Regel „Brandschutz für Standardgebäude“, die nach Einführung der Länder als Technische Baubestimmung bei der Planung und Ausführung nach § 85a MBO zu beachten ist, nicht langfristig erhebliche Vorteile bietet.

Eine MBO ohne materielle Brandschutzanforderungen
Abb. 3: Neuer Zusammenhang zwischen MBO und Technischer Regel (Legende s. Abb. 2) (Quelle: Lena-Elisabeth Buch / Prof. Dr.-Ing. habil. Gerd Geburtig)

Während eine neue „Musterbauordnung 2.0“ dann nur noch die Schutzziele des § 14 MBO enthalten würde, könnten durch die Ausarbeitung einer Technischen Regel die Brandschutzanforderungen für Standardgebäude gebündelt in einem separaten Dokument veröffentlicht werden. Eine derartige Handhabung kann den in Österreich geltenden OIB-Richtlinien nahekommen, die erstmals 2007 veröffentlicht wurden und das Ergebnis einer Suche nach einheitlichen bautechnischen Anforderungen darstellen [6]. Die vom Österreichischen Institut für Bautechnik herausgegebenen OIB-Richtlinien werden nach den Grundanforderungen für Bauwerke entsprechend der EU-Bauproduktenverordnung [7] gegliedert und zur Übernahme ins Landesrecht veröffentlicht. In der OIB-Richtlinie 2 [8] werden alle für den Brandschutz relevanten bautechnischen Anforderungen beschrieben, um die im jeweiligen Landesrecht geltenden allgemeinen Schutzziele der Bauordnungen zu erfüllen. Das daraufhin mögliche Zusammenspiel einer „MBO 2.0“ und einer Technischen Regel wird in der Abb. 3 dargestellt.

Eine Technische Regel für Standardgebäude in der MVV TB

Diese Technische Regel „Brandschutz für Standardgebäude“ ist in das Kapitel A 2 der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) aufzunehmen, und mit ihr sind alle grundsätzlichen Anforderungen des Brandschutzes, sei es für Standardgebäude oder Sonderbauten, gesamtheitlich abzubilden. Anstelle des Verweises auf die §§ 5, 26 bis 36, 39 bis 42, 46 und 47 MBO zu Beginn des Kapitels A 2.1 könnte die Technische Regel „Brandschutz für Standardgebäude“ wie in Abb. 4 zu sehen, in die MVV TB eingebunden werden.

Eine MBO ohne materielle Brandschutzanforderungen
Abb. 4: Mögliche Überführung der technischen Regel in die MVV TB [9]
Foto: Buch, L.-E., Eine Musterbauordnung ohne materielle Brandschutzanforderungen – Ausarbeitung einer Technischen Regel

Mit einer Fußnote analog zu anderen Technischen Regeln des Kap. A 2.2 der MVV TB sollte festgelegt werden, dass eine Abweichung nach § 67 MBO nicht notwendig ist, soweit bautechnische Nachweise bauaufsichtlich geprüft werden. Für diesen Fall genügt eine Abweichung i.S. des § 85a MBO, weil bei einem entsprechenden Nachweis der Gleichwertigkeit auf der Grundlage einer individuellen Schutzzielbetrachtung für eine von den Anforderungen der Technischen Regel „Brandschutz für Standardgebäude“ abweichende Lösung nachzuweisen ist.

Auch ein Blick auf die nach der EU-Bauproduktenverordnung an erster Stelle angeordnete Grundanforderung der mechanischen Festigkeit und Standsicherheit [10] zeigt, dass die MBO nicht für alle Bauwerksgrundanforderungen vollumfänglich die Anforderungen enthalten muss. So werden im § 12 MBO lediglich die Schutzziele der Standsicherheit definiert, und im § 85a MBO wird zur Erfüllung dieser Schutzziele auf das Kapitel A1 der MVV TB verwiesen. Auch wenn dieser adäquate Schritt im Bereich der materiellen Brandschutzanforderungen eine zunächst ungewohnte und nicht unerhebliche Umstrukturierung nach sich zieht, ist die Harmonisierung der Vorschriften als ohnehin verfolgtes Ziel [11], einhergehend mit einer sinnvollen Arbeitserleichterung für alle Beteiligten, als der wesentliche Mehrwert der Technischen Regel anzuführen. […]

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 4.2020 des FeuerTrutz Magazins (September 2020) erschienen. Die Autoren behandeln im weiteren Artikel die mögliche Vereinheitlichung der Brandschutzanforderungen in den Bundesländern sowie die Vorteile einer Technischen Regel und ziehen anschließend ein Fazit.

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Autoren

Lena-Elisabeth Buch: M. Eng. Vorbeugender Brandschutz; Ingenieurbüro Anwander GmbH & Co. KG in Sulzberg

Prof. Dr.-Ing. habil. Gerd Geburtig: Inhaber der Planungsgruppe Geburtig; Leiter des Referats Brandschutz in der WTA e.V.; Mitglied in den Normungsausschüssen (NABau) DIN 18009 und DIN 4102-4; Prüfingenieur für Brandschutz

Quellen

[1] Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB), Ausgabe 2019/1, Berlin 15.01.2020

[2] MBO – Musterbauordnung, Fassung November 2002, zul. geändert durch Beschluss der Bauministerkonferenz vom 22.02.2019

[3] Buch, L.-E., Eine Musterbauordnung ohne materielle Brandschutzanforderungen – Ausarbeitung einer Technischen Regel „Brandschutz für Standardgebäude“, Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Engineering an der DIU Dresden, Dresden 2020, unveröffentlicht

[4] Buff, A., Bauordnung im Wandel. Historisch-politische, soziologische und technische Aspekte, München 1971, S. 88 ff.

[5] Buch, L.-E., Eine Musterbauordnung …, wie Anm. 3, S. 19

[6] Lebeda, Ch. u. M. Oswald, Harmonisierung des Brandschutzes in Österreich. Ein Plädoyer für harmonisierte Brandschutzbestimmungen in Österreich, in: Brandschutz- und Arbeitssicherheitsjahrbuch, Wien 2016, S. 57

[7] Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union, Verordnung (EU) Nr. 305/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union vom 9. März 2011 zur Festlegung harmonisierter Bedingungen für die Vermarktung von ­Bauprodukten und zur Aufhebung der Richtlinie 89/106/EWG des Rates

[8] Österreichisches Institut für Bautechnik (OIB), OIB-Richtlinie 2 „Brandschutz“, Stand April 2019

[9] Buch, L.-E., Eine Musterbauordnung …, wie Anm. 1, S. 90

[10] Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union, Verordnung (EU) Nr. 305/2011 …, wie Anm. 6, hier Anhang I Nr. 1.

[11] Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Ergebnisse des Wohngipfels am 21. September 2018 im Bundeskanzleramt, Berlin 2018, S. 10

[12] Ruhmann, M., Hamburg bekommt eine neue Bauordnung, www.buse.de/insights/hamburg-bekommt-eine-neue-bauordnung, 15.12.2019

[13] Freie Hansestadt Bremen, Der Senator für Umwelt, Bau und Verkehr, Deputationsvorlage für die Sitzung der Deputation für Umwelt, Bau, Verkehr, Stadtentwicklung, Energie und Landwirtschaft (L) am 21. März 2019, Vorlage Nr. 19/549 (L) v. 08.03.2019, S. 1

[14] Ebd.

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