Expertenrunde diskutiert über giftigen Rauch

Auf Einladung des Fachverband Tageslicht und Rauchschutz e. V. (FVLR) waren hochrangige Vertreter aus Feuerwehr, Brandschutzplanung, Gebäudemanagement, Fachmedizin, Psychologie und Toxizitätsforschung zu einem Gedankenaustausch über giftige Rauchgase zusammengekommen. Das Gespräch fand Ende März 2016 in Köln statt.

FVLR: Expertenrunde diskutiert über giftigen Rauch
Die Teilnehmer des FVLR-Expertengespräches (v.l.n.r): Dr. Georg Klumpe, Dipl.-Ing. Lothar Brummel, Dipl.-Phys. Georg Spangardt, Univ.-Prof. Dipl.-Chem. Dr. Roland Goertz , Univ.-Prof. Dr. med. Marcus Lehnhardt, Dr. Guido Kaiser, Dipl.-Ing. Thomas Hegger, Dipl.-Psych. Dr. Laura Künzer (Fotos: FVLR)

Mai 2016. Zwischen 400 und 500 Brandtote gibt es nach Einschätzung der Expertenrunde jährlich in Deutschland. Weitere rund 1.600 schwerstverletzte Menschen tragen bleibende Schäden davon. Damit liegt die Expertenschätzung etwas über der amtlichen Statistik. „Die Zahlen zeigen, dass der vorbeugende Brandschutz funktioniert und damit viele Dinge, die in den vergangenen Jahren in die Gesetzgebung eingeflossen sind“, sagt Thomas Hegger, Geschäftsführer des FVLR. Dank der hohen Brandschutzstandards in Deutschland ist die Zahl der Brandverletzten und -toten auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Das ist das Fazit der Teilnehmer eines Expertengesprächs Ende März in Köln.

Industrie- und Gewerbeimmobilien sind sicher

FVLR: Expertenrunde diskutiert über giftigen Rauch - Künzer
Dipl.-Psych. Dr. Laura Künzer Team HF Hofinger, Künzer & Mähler PartG: „Studien aus den letzten 60 Jahren zeigen immer wieder, dass Menschen tatsächlich durch Rauch laufen. Warum tun sie das? Wenn Menschen feststellen, dass es brennt, fangen sie erst einmal an zu erkunden: Was ist da eigentlich los? Aufgrund falscher Gefahrenwahrnehmung unterschätzen Menschen die Gefährlichkeit von Rauch.“

Dank dieser Vorschriften gibt es in Industrie, Handel und Gewerbe erfreulicherweise nur selten Tote oder Schwerverletzte, obgleich die Zahl der Brände annähernd konstant ist. Die Experten verweisen allerdings auf zwei verhaltensbedingte Ausnahmen im gewerblichen Bereich: In Altenpflegeheimen und Hotelbetrieben kommen relativ viele Menschen zu Schaden. Viele Brände entstehen dort deshalb, weil zum Beispiel mitgebrachte Elektrogeräte in Brand geraten oder die Bewohner im Zimmer rauchen. Rauchmelder, Brandmeldeanlagen und, in großen Räumen eingebaute Rauchabzugsanlagen, verhindern Schlimmeres. Die in den meisten Industriegebäuden, Verkaufs- und Versammlungsstätten bisher eingebauten Rauch- und Wärmeabzugsanlagen haben in diesen Gebäuden ihren hohen Schutz von Menschen und Sachwerten nachgewiesen.
„Eine Reduzierung dieser Auflagen in künftigen Neubauten wäre deshalb ebenso wenig gerechtfertigt und sinnvoll, wie der Verzicht auf den Sicherheitsgurt im Auto angesichts einer sinkenden Zahl von Verkehrstoten“, so Hegger.

Gefahr in den eigenen vier Wänden

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Univ.-Prof. Dr. med. Marcus Lehnhardt, Direktor der Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte Bergmannsheil in Bochum: „Der Brandverletzte kommt dann in der Regel mit dem sogenannten Inhalationstrauma, einer Kombination aus der Inhalation heißer Luft und Rauchgasen, zu uns. Das führt zu einer Verbrennung der inneren Lungenoberfläche und zur Störung des CO-Austausches. Die Analyse der Schadstoffe im Rauchgas ist für uns weniger entscheidend.“

Wesentlich gefährlicher ist die Situation in Wohngebäuden: Etwa 70 Prozent der Toten werden im Schlaf vom Feuer überrascht. Viele Menschen unterschätzen das Risiko, das vom giftigen Brandrauch ausgeht. In rund 90 Prozent der Fälle ist nicht das Feuer, sondern der Rauch die Todesursache. Je nach Giftigkeit seiner Bestandteile reichen oftmals zwei bis drei Atemzüge aus, um eine Bewusstlosigkeit oder den sofortigen Tod hervorzurufen. Zwar macht sich die flächendeckende Pflicht zur Einführung von Heimrauchmeldern langsam bemerkbar.
Allerdings sehen die Regelungen der Länder für Bestandsgebäude teilweise mehrjährige Übergangsfristen vor. Die Bundesländer Berlin und Brandenburg haben die Rauchmelderpflicht noch nicht endgültig verabschiedet.

Inklusion und Brandschutz

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Dr. Guido Kaiser vom Giftinformationszentrum an der Universitätsmedizin Göttingen: „Brandrauch macht grundsätzlich drei Dinge: Es fehlt darin der Sauerstoff zum Atmen, er enthält toxische Stoffe, vor allem Kohlenmonoxid und Blausäure, und der Brandrauch ist ätzend. Bei den schweren Vergiftungen wird gemäß den Symptomen behandelt. Ob im Rauch jetzt ein paar ppm mehr oder weniger von einem Giftstoff waren, hilft uns nicht weiter.“

Ein gesondertes Problem sehen die Experten in der Ausführung vieler öffentlich zugänglicher Gebäude – Stichwort: Inklusion. Die Musterbauordnungen der Länder schreiben meistens vor, was zu beachten ist, damit Menschen mit und ohne Behinderung das Gebäude gleichermaßen nutzen können. Meist ist in den Gesetzestexten von „Zugänglichkeit“ oder einer „Benutzbarkeit auch ohne fremde Hilfe“ die Rede.

Wie die Menschen ein solches Gebäude im Brandfall sicher verlassen können, stand dagegen nicht explizit im Fokus des Gesetzgebers. Die Selbstrettung spielt allerdings gerade in der Phase der Brandentstehung und auch noch einige Minuten nach Eintreffen der ersten Feuerwehrkräfte eine entscheidende Rolle. Daher empfiehlt die Expertenrunde für solche Gebäude einen Brandschutz, wie er auch im geregelten Sonderbau gültig ist, mit Brand- bzw. Rauchabschnittsbildung und professionell geplantem Rauchabzug. – Vorbeugender Brandschutz kann im Ernstfall Leben retten: Feuerwehr, Rettungskräften und Brandmedizinern erleichtert er die Arbeit und vielen Menschen erspart er schwere Verletzungen oder gar den Tod.

FVLR Fachverband Tageslicht und Rauchschutz e. V.

Der FVLR repräsentiert die deutschen Hersteller von Lichtkuppeln, Lichtbändern sowie Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Er wirkt in den einschlägigen Gremien zur internationalen und europäischen Normungsarbeit mit.

Die Teilnehmer des Expertengesprächs

Dr. Georg Klumpe (Koelnmesse GmbH), Dipl.-Ing. Lothar Brummel (POLYGONVATRO), Dipl.-Phys. Georg Spangardt (Berufsfeuerwehr Köln), Univ.-Prof. Dipl.-Chem. Dr. Roland Goertz (Bergische Universität Wuppertal), Univ.-Prof. Dr. med. Marcus Lehnhardt (Universitätsklinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte), Dr. Guido Kaiser (Giftinformationszentrum an der Universitätsmedizin Göttingen), Dipl.-Ing. Thomas Hegger (FVLR), Dipl.-Psych. Dr. Laura Künzer (Team HF Hofinger, Künzer & Mähler PartG)