Fluchtwegsicherung nachrüsten

Bestehende Feuerschutztüren dürfen nur mit Einverständnis des Türenherstellers verändert werden. Dies gilt auch für elektrische Türverriegelungen in Flucht- und Rettungswegen. Dieser Beitrag diskutiert vorhandene zulassungskonforme Lösungen und gibt einen knappen Ausblick auf die EN 13637.

Fluchtwegsicherung nachrüsten: Systemkomponenten von Fluchttüranlagen
Abb. 1: Systemkomponenten von Fluchttüranlagen (Quelle: GfS)

Januar 2018 / Von Martin Grell. Türen in Flucht- und Rettungswegen sind oft der schwächste Punkt einer Gebäudehülle. Der Missbrauch dieser Türen tritt sehr häufig auf, unabhängig davon, ob es sich um Arbeitsstätten, Theater, Krankenhäuser, Altersheime, Jugendherbergen oder andere Gebäudeformen handelt. Die Erfahrung zeigt, dass die Missbrauchsproblematik von Architekten während der Bauphase des Gebäudes meist nicht berücksichtigt wird. Entsprechend werden Fluchttüren oft erst gesichert, nachdem erste Probleme aufgetreten sind. Dies kann bei Notausgangstüren in der Gebäudehülle, aber auch bei Feuerschutztüren zwischen zwei Brandabschnitten der Fall sein.

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Spezial - Band 9: Feuerschutzabschlüsse (November 2017) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Spezial 2017 "Feuerschutzabschlüsse"

Nachrüstung von Fluchtwegsicherungen

Feuer- und Rauchschutztüren sind dazu bestimmt, Öffnungen in raumabschließenden Wänden zu verschließen, um den Durchtritt von Rauch bzw. Feuer für eine definierte Zeit zu verhindern. Sie müssen vom DIBt bauaufsichtlich zugelassen sein. Werden daran Veränderungen vorgenommen – eine Bohrung an der falschen Stelle genügt –, besteht die Gefahr, dass die Zulassung des DIBt erlischt.

Zulässige Änderungen und Ergänzungen an Feuerschutzabschlüssen im modifizierten Zulassungsverfahren werden in einer DIBt-Mitteilung aus dem Jahr 2009 [1] beschrieben. Die wichtigste Neuerung gegenüber der früheren Regelung ist, dass die generelle Nachrüstbarkeit von elektrischen Verriegelungselementen an Feuerschutztüren entfällt, z.B. für:

  • elektrische Türöffner,
  • Halteplatten für Haftmagnete von elektrischen Verriegelungen und
  • zusätzliche im oder auf dem Türblatt angeordnete Riegelschlösser (Motor, Block).

Feuer- und Rauchschutztüren mit Zulassung ab dem 01.01.2010 können nur nachgerüstet werden, wenn geeignete Befestigungspunkte konstruktiv vorgesehen und in der Zulassung der Tür dokumentiert sind. Dies erschwert die Nachrüstung von Fluchtwegsicherungen an Türen jüngeren Datums.

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Neue Norm

Elektrische Türverriegelungen werden bislang durch die Richtlinie über elektrische Verriegelungssysteme von Türen in Rettungswegen (EltVTR) [2] geregelt. Diese soll mittelfristig durch die seit Dezember 2015 in deutscher Sprache erhältliche, aber noch nicht im europäischen Amtsblatt veröffentlichte EN 13637 [3] abgelöst werden.

Diese Norm setzt, wie auch die EltVTR, auf dem Systemgedanken auf: Das System besteht aus einem Verriegelungs- (VE), Steuerungs- (SE) und Auslöseelement (AE), ggf. ergänzt um ein Bedienelement (BE) (s. Abbildung 1). EN 13637 lässt die Integration des Verriegelungs- bzw. Auslöseelementes im Beschlag zu und spricht hier von "technisch voneinander abhängigen Komponenten". Das mechanische Schloss mit Beschlag ist in diesem Fall Teil der Fluchttüranlage und unterliegt damit den Anforderungen und Prüfverfahren der EN 13637. Geprüft wird immer das gesamte System.

Für die Verwendung an Feuer- und Rauchschutztüren sind in der Norm im Gegensatz zur EltVTR verschiedene Klassen aufgeführt:

  • Klasse A: Sämtliche Teile der Fluchttüranlage, die dem Zuhalten der Tür dienen, müssen aus einem Material mit einem Schmelzpunkt von mindestens 300 °C gefertigt sein. Alternativ ist die Eignung für die Verwendung an Rauchschutztüren mit einer erfolgreichen Prüfung nach EN 1634-3 [4] nachzuweisen.
  • Klasse B: Eine Fluchttüranlage dieser Klasse muss eine Feuerwiderstandsprüfung an mindestens der beflammten Seite der Tür nach EN 1634-1 [5] bestehen.

Attraktiv ist die EN 13637 insbesondere, wenn Fluchttüranlagen auf Basis der EltVTR keine ausreichend hohe Hemmschwelle darstellen. Hier bietet die Norm u.a. die Möglichkeit des Zeitverzugs t1 < 15 Sek. Ist eine zentrale Fluchtwegsteuerung (CMC) vorhanden, kann der Zeitverzug auf t2 < 180 Sek. ausgedehnt bzw. der Nottaster ganz blockiert werden. In forensischen Abteilungen bzw. Demenzabteilungen sind solche Lösungen schon heute von Interesse. Die europäische Norm bietet hier gegenüber der EltVTR den Vorzug, spezielle Sicherheitsanforderungen an die Fluchttüranlage mit Zeitverzug zu stellen, die geprüft und überwacht werden.

Elektrische Fluchtwegsicherung

Wer nachträglich eine Feuerschutztür mit einer elektrischen Türverriegelung ausstatten möchte, kann einen Sicherheitstürschließer verwenden: Hierbei werden Montageplatte und Gleitschiene eines bereits vorhandenen Türschließers verlängert und dieser mit einem Fluchttüröffner sowie einem Fallenschloss versehen. Mithilfe spezieller Adapterplatten können bestehende Befestigungspunkte nach DIN EN 1154 [6] verwendet werden. Der Umbau der Feuerschutztür geht so zulassungskonform und vergleichsweise einfach vonstatten.

Alternativen

Fluchtwegsicherung nachrüsten: Auf der Wand montierte Tagalarmgeräte mit Reed-Kontakten
Abb. 2: Auf der Wand montierte Tagalarmgeräte mit Reed-Kontakten (Quelle: GfS)

Vergleichsweise unkritisch sind auf der Wand montierte Tagalarmgeräte mit Reed-Kontakten (s. Abbildung 2). In Verbindung mit speziellen Schlössern können preiswerte, batteriebetriebene Alternativen realisiert werden, z.B.:

  • mit dem sog. "Parkhausschloss" mit geteiltem Drückerstift und Wechselfunktion: Der Beschlag auf der Parkhausseite ist mit einem Türwächter abgesichert. Der Nutzer kann mit seinem Schlüssel die Schlossfalle zurückziehen und die Tür öffnen, ohne Alarm auszulösen. Er gelangt in das Parkhaus, indem er den Drücker benutzt.
  • mit dem "Bidirektionalen Fluchtwegschloss": Der geteilte Drückerstift dieses Türschlosses wird über zwei Federn gesteuert. Beide Drücker können unabhängig voneinander operieren. Dieses Schloss wird z.B. in Gebäuden mit zwei Mietparteien auf einem Flur verwendet. Beide Beschläge werden mit je einem Türwächter abgesichert. Im Fall einer unberechtigten Begehung ist ersichtlich, in welche Richtung die Tür benutzt wurde.

Diese Lösungen sind deutlich günstiger als die jährlich fremd zu überwachenden elektrischen Türverriegelungen und technisch unkritisch. Das Einverständnis des Türenherstellers sollte dennoch immer eingeholt werden.

Fazit

Häufig müssen Multifunktionstüren, die gleichzeitig Notausgang und Feuerschutzabschluss sind, nachträglich gegen Missbrauch geschützt werden. Der Sicherheitstürschließer ist eine zulassungskonforme Möglichkeit, elektrische Türverriegelungen an einer Feuerschutztür nachzurüsten. Daneben gibt es kostengünstige, batteriebetriebene Alternativen. 

Autor

Wirtsch.-Ing. Martin Grell: Export Sales Manager GfS – Gesellschaft für Sicherheitstechnik mbH

Literatur

[1] DIBt-Mitteilung: Zulässige Änderungen und Ergänzungen an Feuerschutzabschlüssen und Feuerschutzabschlüssen mit Rauchschutzeigenschaften im modifizierten Zulassungsverfahren, Stand 01.12.2009

[2] Richtlinie über elektrische Verriegelungssysteme von Türen in Rettungswegen (EltVTR), Fassung Dezember 1997

[3] DIN EN 13637:2015-12 "Schlösser und Baubeschläge – Elektrisch gesteuerte Fluchttüranlagen für Türen in Fluchtwegen – Anforderungen und Prüfverfahren"

[4] DIN EN 1634-3:2005-01 "Prüfungen zum Feuerwiderstand und zur Rauchdichte für Feuer- und Rauchschutzabschlüsse, Fenster und Beschläge – Teil 3: Prüfungen zur Rauchdichte für Rauchschutzabschlüsse"

[5] DIN EN 1634-1:2014-03 "Feuerwiderstandsprüfungen und Rauchschutzprüfungen für Türen, Tore, Abschlüsse, Fenster und Baubeschläge – Teil 1: Feuerwiderstandsprüfungen für Türen, Tore, Abschlüsse und Fenster"

[6] DIN EN 1154:2003-04 "Schlösser und Baubeschläge – Türschließmittel mit kontrolliertem Schließablauf – Anforderungen und Prüfverfahren (enthält Änderung A1:2002)"

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Spezial - Band 9: Feuerschutzabschlüsse (November 2017) erschienen.

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