Flüchtlingsunterkünfte – kein Nachlass beim Brandschutz

Die momentane Belastung der Kommunen bei der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge ist zweifellos immens. Doch darf die Auswahl der Notunterkünfte zu Lasten des Brandschutzes gehen?

Flüchtlingsunterkünfte – kein Nachlass beim Brandschutz
Bei der Bereitstellung von Notunterkünften darf nach Ansicht mancher Politiker der Brandschutz fehlen. Die vielen Brände in diesen Einrichtungen zeigen jedoch, wie wichtig diese Maßnahmen sind. (Foto: THW - Norbert Martin)

November 2015. Von Günter Ruhe. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet momentan damit, dass im Verlauf dieses Jahres mindestens 800.000 Flüchtlinge in Deutschland einen Asylantrag stellen werden. Das wären mehr Anträge als in den vergangenen 10 Jahren zusammen. Deutschland und alle Beteiligten stehen vor sehr großen Herausforderungen, da die Integration der Flüchtlinge Deutschland nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck vor eine größere Aufgabe stellen wird, als die deutsche Einheit.
Infolge des großen Flüchtlingsansturms und der damit verbundenen Pflicht angemessene Unterbringung zur Verfügung zu stellen, wurde u.a. von führenden Politikern gefordert, die baurechtlichen Vorschriften zu lockern. In diesem Zusammenhang wurden auch die brandschutztechnischen Anforderungen genannt. Unterstützung äußerte dabei sogar der Zentralverband des Deutsches Baugewerbes (ZDB), der eine „dringend gebotene Überprüfung von Normen und technischen Standards“ forderte.

Erschreckende Brandstatistik

Die Wirklichkeit zeigt hingegen eine ganz andere Herausforderung. In der Inuri (Interessensgruppe Numerische Risikoanalyse), die sich u.a. mit Simulationsmethoden im Brandschutz und in der Gefahrenabwehr beschäftigt, läuft seit 1.1.2015 ein Projekt zur Erfassung von Brandereignissen in Flüchtlingsunterkünften. Bereits über 260 Brände (Stand: 11.10.2015) sind dort mit der Einstufung zu den jeweiligen Brandereignissen (technischer Defekt, Brandstiftung, unbekannt) erfasst (www.inuri.de/de/aktuelle-einzelseite/152-brandstatistikfluechtlingsunterkuenfte-asylheime).
Gerade diese hohe Zahl sollte doch Anlass geben, bei diesen Einrichtungen besonderes Augenmerk auf den Brandschutz zu legen, anstatt unreflektiert und unqualifiziert Ressentiments zu bedienen.

Erleichterungen bei gleichbleibendem Schutzniveau

Die Herausforderung für die verantwortlichen Stellen ist es, unter Berücksichtigung unseres Sicherheitsniveaus möglichst viele Flüchtlinge schnell in Gebäude unterzubringen, die in ihrer Art und bisherigen Nutzung meist nicht dafür vorgesehen waren. Alle Beteiligten stehen dabei in einem formalen, zeitlichen sowie politischen Spannungsfeld unter immensem Druck. Die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern hat deshalb bereits im August erleichternde Regelungen und somit eine Grundlage für Handlungsspielräume zu sachgerechten Lösungen im Einzelfall geschaffen (s. Infokasten "Themenbezogene Links").
Bauordnungsund bauplanungsrechtliche Verfahren können dort verkürzt und Gebäude auch jenseits der bestehenden Bebauungspläne zugelassen werden. Demnach könnten Erleichterungen in Form reduzierter Anforderungen an die Barrierefreiheit, die Energieeinsparverordnung (EnEV), den Denkmalschutz oder die sanitäre Ausstattung der Unterkünfte hingenommen werden, zumal es sich oftmals nur um temporäre Nutzungen der Gebäude handelt.
Auch beim Brandschutz ist es sicher möglich, die Standards zu überprüfen. Soll eine Belegung daran scheitern, dass Rettungsfenster nicht der Größenanforderungen von 0,90 × 1,20 m entsprechen, wenn schon diese Werte nicht in allen Bundesländern einheitlich sind? Sind geringere Türbreiten als 0,90 m möglich? Müssen tragende Bauteile immer F 90-Qualität aufweisen? Ausschlaggebend ist die ganzheitliche Betrachtung des jeweiligen Gebäudes, der Infrastruktur und der Leistungsfähigkeit der örtlichen Feuerwehren. Der frühen Brandmeldeerkennung, der Alarmierung aller Bewohner – ggf. nach mehrsprachiger Unterweisung – sowie die Sicherstellung der Fluchtwege, ist hier sicher dem Vorrang gegenüber dem Schutz des Gebäudes zu geben. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr müssen hierzu natürlich einen stets aktuellen Belegungsplan zur Verfügung haben.

Austausch mit allen Beteiligten

Dies erfordert jedoch eine fundierte Fachplanung unter Berücksichtigung der Gegebenheiten und möglichen Kompensationen sowie Kenntnisse über ergänzende technische Möglichkeiten. Eine gute Gelegenheit zum Austausch bietet das Fachsymposium „Brandschutz in Notunterkünften“ am 30.11.2015 in Köln ( www.feuertrutz.de/notunterkuenfte_2015 ). Parallel hierzu müssen bei den Genehmigungsbehörden Flexibilität, Kompetenz und der politische Wille vorhanden sein, schutzzielorientierte Lösungen zu finden. Gut und rechtzeitig geplanter Brandschutz steht immer in gerechtfertigtem Kostenverhältnis zu den erreichbaren Schutzzielen.

Der Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 6.2015 erschienen (November 2015). Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin .