Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum

Bei der Erstellung von Brandschutzkonzepten können bzw. müssen sich Planer stets an die baurechtlichen Vorgaben halten. Ganz anders zeigte sich die Aufgabe des Planungsteams, das ein Brandschutzkonzept für die Viermast-Stahlbark Passat erstellte. Das Schiff gilt rechtlich nicht als bauliche Anlage, kann aber auch nicht gemäß den üblichen Vorgaben für die Seeschifffahrt behandelt werden, da es ortsfest genutzt wird. Entsprechend erforderte die Planung viele schutzzielorientierte Sonderlösungen.

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 1: Viermastbark Passat im Priwallhafen von Lübeck-Travemünde (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

Von Gabriele Aßmann und Ronnie Schmidt / Juni 2016. Die Viermast-Stahlbark Passat wurde als eines von acht sogenannten Schwesterschiffen durch die Werft Blohm & Voss im Auftrag der Reederei F. Laeisz erbaut und lief 1911 vom Stapel. Als baugleiches Schwesterschiff der Peking, die bald von New York nach Hamburg überführt werden soll, wurde die Passat nach 50-jährigem Dienst als Frachtschiff von der Hansestadt Lübeck erworben und 1960 im Priwallhafen von Lübeck-Travemünde fest verankert.
Zunächst diente die Bark nur als Museumsschiff, wurde dann aber schnell auch für Beherbergungs- und Veranstaltungszwecke genutzt – bis heute: Die Passat gilt inzwischen als Wahrzeichen von Travemünde und wird jährlich von über 60.000 Besuchern bestaunt. In mehr als 40 Kabinen können bis zu 102 Personen übernachten und das besondere Flair des seit 1978 unter Denkmalschutz stehenden Schiffes erleben. Zwei größere Veranstaltungsräume und ein Gruppenraum bieten Platz für Feierlichkeiten für bis zu 180 Personen.
Als zusätzliches Angebot bietet die Hansestadt Lübeck die Möglichkeit, auf der Passat zu heiraten, was jährlich von bis zu 60 Paaren wahrgenommen wird.

Aufgabenstellung

Bei einer Brandverhütungsschau der Berufsfeuerwehr Lübeck zeigten sich diverse Gefahrenpotenziale, woraufhin die Lübeck Port Authority und der Bereich Schule & Sport der Hansestadt Lübeck die Erstellung eines ganzheitlichen Brandschutzkonzeptes veranlassten. Das Ziel war, den Beherbergungs- und Veranstaltungsbetrieb auch zukünftig zu ermöglichen. Zudem sollten Planung und Umsetzung der erforderlichen Brandschutzmaßnahmen während des laufenden Betriebs stattfinden.

Rechtliche Einstufung

Gleich zu Beginn der Untersuchungen zeigten sich die Besonderheiten dieser Aufgabe – neben der Tatsache, dass es sich weder um ein Gebäude noch um ein fahrtüchtiges Schiff handelt: Die Passat liegt seit 1960 als schwimmende, ortsfest genutzte Anlage im Hafen und ist nicht mehr seetüchtig.
Dadurch konnten zur Bewertung weder die baurechtlichen Gesetzesgrundlagen der Landesbauordnung Schleswig-Holstein noch die internationalen Seeschifffahrtsvorschriften wie z.B. die IMO-SOLAS-Vorschriften (International Maritime Organization – Safety of Life at Sea) herangezogen werden.
Dieses Bild setzte sich auch in der Behördenzuständigkeit fort: Die Untere Bauaufsichtsbehörde war nicht zuständig und das Wasser- und Schifffahrtsamt konnte ebenfalls keinen Ansatz finden. Nach langen Diskussionsrunden entstand letztendlich ein Team aus dem Bauherrn, der Lübeck Port Authority als Fachbehörde für die Hafenangelegenheiten, der Berufsfeuerwehr Lübeck – Bereich vorbeugender Brandschutz als Brandschutzdienststelle sowie dem Ingenieurbüro als Aufsteller des geforderten Brandschutzkonzeptes.

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 2: Verrauchung auf dem Niedergang zum Zwischendeck (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

Schutzziele

Da der übliche Anforderungskatalog aus Landesbauordnung oder Sonderbauvorschriften nicht zur Verfügung stand, galt es, die Schutzziele selbst zu definieren und abzustimmen. Hierzu wurde nach umfänglichen Bestandsaufnahmen von der Berufsfeuerwehr Lübeck ein Kaltrauchversuch in den unteren Deckbereichen der Passat durchgeführt. Er zeigte die Schwierigkeiten im Umgang mit der denkmalgeschützten Viermastbark, denn zur Überraschung aller Beteiligten musste festgestellt werden, dass schon ein geringes Brandereignis zu einer umfangreichen Verrauchung führte.
Die Gründe hierfür waren die sehr niedrigen Deckhöhen, die schmalen Flurbreiten sowie die vorhandenen Verbindungen unterschiedlicher Deckbereiche durch Niedergänge.

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 3: Verrauchung bei Luke IV auf dem Zwischendeck (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

In einem realen Brandfall gäbe es dadurch keine Rettungsmöglichkeiten für Menschen in den unter Deck befindlichen Kabinen: Innerhalb weniger Minuten wurde eine Verrauchung in nahezu allen Bereichen des 115 m langen Schiffes auf bis zu vier Decks festgestellt (s. Abbildungen 2 und 3).

Somit stand von Anfang an fest, dass neben der Festlegung von Rauchabschnitten und deren Sicherstellung zwingend eine frühzeitige Detektion und Alarmierung sowie eine wirksame Entrauchung zur Nutzung der vorhandenen Rettungswege erforderlich würden. Auch die geringen Rettungswegbreiten stellten einen wesentlichen Aspekt in der Risikoanalyse dar, da die Wege im Bereich der Veranstaltungsräume durch größere Personenmengen gleichzeitig genutzt wurden und zusätzlich als Angriffswege für die Berufsfeuerwehr Lübeck dienen mussten (s. Abbildung 4).

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 4: Gang auf dem Oberdeck (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

Für diese Bereiche wurden Evakuierungsberechnungen zur Überprüfung der Rettungswegbreiten erstellt und die Rettungswege zum Teil neu geführt (s. Abbildung 5).
Aufgrund der Bauweise der Passat mit Stahldecks und Stahlschotts war es ausgeschlossen, eine mögliche Brandweiterleitung durch die Anordnung raumabschließender Wände oder Decken zu vermeiden:

Solche Schiffsbauteile sind nicht in der Lage, eine Temperaturerhöhung auf der brandabgewandten Seite ausreichend zu verhindern. Der Denkmalschutz der Viermastbark ließ zudem keine Ertüchtigung oder maßgeblichen Veränderungen der betroffenen Bauteile zu, sodass dieser die Brandbekämpfung erschwerende Mangel akzeptiert werden musste.

Da das Schiff regelmäßig durch zahlreiche ortsunkundige Personen genutzt wird, musste ein besonderer Schwerpunkt auf den organisatorischen Brandschutz gelegt werden (s.u.). Die Umsetzung der frühzeitig feststehenden Maßnahmen

  • Erstellung und Sicherung von definierten Rauchabschnitten,
  • Installation einer flächendeckenden Brandmeldetechnik mit entsprechender Alarmierung,
  • Kennzeichnung und Beleuchtung der Rettungswege sowie
  • Einbringung einer wirksamen Entrauchungsanlage

stellte sich erwartungsgemäß schwierig dar, schließlich konnten auch hierfür keine verbindlich geltenden Rechtsvorschriften herangezogen werden. Das Planungsteam wurde daher schon vor der Umsetzung der Maßnahmen für die späteren Abnahmen der sicherheitstechnischen Anlagen um anerkannte Sachverständige erweitert. Dadurch konnte sichergestellt werden, dass abnahmefähige Lösungen erarbeitet wurden.

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 5: Grundriss Brandschutzkonzept Zwischendeck (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

Schottungsprinzip

Zur Herstellung der definierten Rauchabschnitte konnten keine herkömmlichen bauaufsichtlich zugelassenen Schottsysteme genutzt werden, da bei dem Stahlschiff Passat keine massiven, mineralischen Wände und Decken als umgebende Bauteile vorhanden sind. Folglich mussten schutzzielorientierte Lösungen gefunden werden, die für eine ausreichende Rauchdichtigkeit der betroffenen Stahlschotts und Stahldecks des Schiffes genügten.

So wurden bestehende Öffnungen in den Schotts und Decks mit mineralischer Stopfwolle mit einem Schmelzpunkt von mehr als 1.000 °C, mit intumeszierenden Brandschutzschäumen sowie mit dämmschichtbildenden Anstrichen versehen. Um eine mechanische Lagesicherung dieser Systeme zu gewährleisten, ergänzte die Schiffscrew an vielen Stellen zusätzliche schlossermäßige Lagesicherungen.

Größere Öffnungen wurden durch die Schiffsschlosser und -tischler der Passat-Crew mit einzeln angefertigten Platten zugeschweißt oder dichtgesetzt, außerdem ergänzten entsprechende Dichtungen und Obentürschließer die Türen in den Abschnitten. Abschließende Rauchversuche in mehreren Rauchabschnitten zeigten die ausreichende Dichtigkeit in den frühen Brandphasen.

Anlagentechnik

Brandschutzkonzept Passat: Gelungenes Brandschutzkonzept im rechtsfreien Raum
Abb. 6: Brandmelder an Schiffspanten (Foto: Assmann Schmidt Ingenieure)

Auch die Installationsführung und Befestigung der Brandmelder und deren Leitungsanlagen sowie der Sicherheitsstromversorgungsleitungen erforderten von den beteiligten Unternehmen und Planern sowie den abnehmenden Sachverständigen individuelle, schutzzielorientierte Lösungen (s. Abbildung 6).

Die Rauchmelder der Brandmeldeanlage ließen sich in den meisten Bereichen nicht direkt in die Stahldecks des Schiffes verschrauben, da darüber die kalfaterten Schiffsdeckbeläge lagen und die Verschraubungen zu Undichtigkeiten geführt hätten. In den meisten Bereichen wurden die Brandmelder mit Konsolen und Trägerklemmen sowie mit Gewindeschrauben an den Stahlspanten (Rumpftragwerk von Schiffen) befestigt.

In schwer zugänglichen Bereichen wurden funkbasierte Brandmelder mit Haftmagneten an den Stahldecks befestigt. Die Größe und Anzahl der Magneten an den Meldersockeln bestimmte sich hierbei anhand der bestehenden Farbschichtdicken der Stahlbauteile des Schiffes. Auch die Leitungsanlagen der Brandmeldeanlage sowie der Sicherheitsstromversorgung konnten nicht entsprechend den Angaben der Muster-Leitungsanlagenrichtlinie oder konform bauaufsichtlicher Verwendbarkeitsnachweise installiert werden. In Abstimmung mit den abnehmenden Sachverständigen wurden diese mit Klemmkonstruktionen und teilweise im Klebeverfahren am Schiffskörper befestigt. Zur Sicherstellung einer ausreichend langen Leitungsintaktheit wurden in den wesentlichen Bereichen Kabel mit eigenem Funktionserhalt verwendet und in Schutzrohren verlegt. […]

Den vollständigen Artikel finden Sie in Ausgabe 3.2016 (erschienen im Mai 2016) des FeuerTRUTZ Magazins. Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin.

Fazit

Die Erstellung und die Umsetzung des Brandschutzkonzeptes für die Viermastbark Passat in Travemünde stellt sicherlich eine Einzelfalllösung dar und ist nur schwer auf andere Projekte übertragbar – außer vielleicht auf das Schwesterschiff, die Peking. Gleichzeitig hat dieses Projekt jedoch gezeigt, dass auch scheinbar gänzlich ungeregelte Objekte mit einem ausreichenden Sicherheitskonzept ausgestattet werden können – wenn eine enge Zusammenarbeit und verantwortungsvolle Entscheidungen aller Beteiligten vorliegen. Die Umsetzung konnte während des laufenden Betriebs durchgeführt werden, ohne dass es zu nennenswerten Betriebsunterbrechungen kommen musste. Für das planende Ingenieurbüro hat dieses außergewöhnliche Projekt zudem einen reichen Erkenntnisgewinn erbracht und trotz der Projektlänge von drei Jahren auch einen hohen Motivationsgrad erreicht, was nicht zuletzt der konstruktiven Zusammenarbeit mit allen Projektbeteiligten, insbesondere der Passat-Crew, zu verdanken ist.

Autoren

Dipl.-Ing. für Architektur Gabriele Aßmann: Geschäftsführende Gesellschafterin Assmann Schmidt Ingenieure; Fachplanerin für vorbeugenden Brandschutz (EIPOS)

Dipl.-Ing. Architekt Ronnie Schmidt: Geschäftsführender Gesellschafter Assmann Schmidt Ingenieure; Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz (EIPOS)

Weitere Projektmitarbeiter:

  • Dipl.-Ing. Katharina Peters
  • B.A. Anna Einsle
  • M.Eng. Tom Jatzek
  • Dipl.-Ing. Silke Nissen

Brandschutz des Jahres 2016

Das Brandschutzkonzept für die Viermastbark Passat wurde bei der Verleihung des Branchenpreises Brandschutz des Jahres 2016 mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.
Die Begründung der Fachjury: "Das Brandschutzkonzept ist plausibel und nachvollziehbar. Der Konzeptersteller hat eine Risikoanalyse sowie entsprechende Maßnahmen erarbeitet, wie mit den besonderen Gefahren, (z. B. Verrauchung, niedrige Deckenhöhe im Versammlungsstättenbereich) umzugehen ist. Eine Herausforderung lag darin, dass dem Brandschutzkonzept kein Regelwerk zu Grund gelegt werden konnte, da es sich nicht um eine bauliche Anlage handelt."

Weitere Informationen zum "Brandschutz des Jahres" unter www.brandschutzdesjahres.de

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