Interpretation von Flucht- und Rettungswegen

Zur Sicherstellung der Selbstrettung sind Flucht- und Rettungswege in Plänen abgebildet und zusätzlich u.a. durch Fluchtwegschilder gekennzeichnet. Warum ein Flucht- und Rettungsplan kein Brandschutzplan ist und welche skurrilen Begegnungen es im Alltag gibt, zeigt der Beitrag.

FeuerTrutz Magazin 1-2020: Interpretation von Fluchtwegen und Rettungswegen
Foyer Messe Essen (Bild: Messe Essen GmbH, Essen)

März 2020 / Von Martin Roszak und Constantin Schmitz. Die Auslegung der Flucht- und Rettungswege wird heutzutage extrem missverständlich interpretiert. Die für die Gebäudesicherheit zuständigen Personen (Hausmeister, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Brandschutzbeauftragter oder die Feuerwehr) interpretieren die Anforderungen an die Flucht- und Rettungswege mitunter aufgrund der Darstellung in den Flucht- und Rettungsplänen sehr unterschiedlich.

Nicht selten verstehen sie das Dokument in der Weise, dass es erhöhte Anforderungen an das Gebäude oder an einen Bereich (Verkehrsweg) darin stellt. Dann muss vorab darauf hingewiesen werden:

Ein Flucht- und Rettungsplan kann  keine baulichen oder materiellen Anforderungen an einen Verkehrsweg festlegen!

Dies bedeutet, dass ein Flucht- und Rettungsplan keinen Brandschutzplan darstellt, aus dem ersichtlich wird, an welche Bereiche (z.B. notwendiger Flur) besondere Anforderungen gestellt werden.

Am Beispiel eines Bürogebäudes wird ersichtlich, dass ein darin grün dargestellter Fluchtweg in einem Flucht- und Rettungsplan nicht automatisch bedeutet, dass der Flur ein besonderer Verkehrsweg (notwendiger Flur) ist. Aufgrund derartiger Fehlinterpretation kommt es dann in der Praxis regelmäßig dazu, dass z.B. Einbauten (Kopierer, Wartebereiche etc.) in Fluren ohne besondere Anforderungen unbegründet bemängelt werden.

Solcher „blinder“ Aktionismus eventuell verbunden mit Unwissenheit, führt oft zu Maßnahmen, die für den Betreiber sehr kostenintensiv werden können. Der schlechte Informationsstand bei vielen Beteiligten rührt daher, dass in den verschiedenen Aus- und Weiterbildungen z.B. zur Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) oder zum Brandschutzbeauftragten diese Thematik oft nur oberflächlich vermittelt wird.

Um Missverständnisse oder Fehlinterpretationen zu vermeiden bzw. zu minimieren, besteht z.B. die Möglichkeit, dass der Fluchtweg in einem Flucht- und Rettungsplan nicht bis an die Wand markiert wird, sodass der Verkehrsweg als eine Art Hauptgang interpretiert werden kann. Generell sollten bei der Erstellung eines Flucht- und Rettungsplans alle vorhandenen Unterlagen geprüft werden (Brandschutzkonzept, Baugenehmigung, Stellungnahmen der Feuerwehr etc.) und eventuelle Unklarkeiten mit einem Brandschutzsachverständigen oder der Feuerwehr abgestimmt werden.

Buch Flucht- und Rettungspläne (ISBN 978-3-86235-392-7)

Die Autoren dieses Artikels haben außerdem das Fachbuch "Flucht- und Rettungspläne" verfasst, das Ihnen die wichtigsten Grundlagen und Begriffsdefinition erläutert, die Sie für die Aufstellung und Umsetzung von Flucht- und Rettungsplänen benötigen. Sie erhalten eine Einführung in die wichtigsten Anforderungen von Flucht- und Rettungswegen nach Normen, Richtlinien und der Arbeitsstättenverordnung (DIN ISO 23601).

Beispiel Foyer

Als Beispiel sind Foyers z.B. in Versammlungsstätten oder als Eingangsbereich von Büro- und Verwaltungsgebäuden zu nennen, über die Flucht- und Rettungswege geführt werden. Da in einem Flucht- und Rettungsplan häufig das gesamte Foyer (sofern über dieses Flucht- und Rettungswege geführt werden) als „Fluchtweg“ entsprechend der ISO 7010 grün dargestellt wird, kann es in der Praxis zu Fehlinterpretation kommen. Diese hätten z.B. in einem Foyer einer Versammlungsstätte weitreichende Folgen. Wie in dem neuen Foyer der Messe Essen (s. Abbildung 1), über das ebenfalls Flucht- und Rettungswege führen. Da in diesem Bereich auch Veranstaltungen zulässig sind, müssen dort mitunter auch Brandlasten eingebracht werden.

Darüber hinaus sind in solchen Bereichen ohnehin dauerhaft Brandlasten vorhanden (z.B. Cafépoint, Garderobe, Kassen, Info­points etc.) die nutzungsbedingt nicht zu vermeiden sind. Eine entsprechende Darstellung mit Hauptgängen kann in einem Foyer in der Praxis jedoch nur bedingt umgesetzt werden.

Dies ist dadurch begründet, dass veranstaltungstechnisch bedingte Aufbauten in einem Foyer (Versammlungsraum) variieren können, sodass ein festgelegter Hauptgang ggf. ebenso missverstanden wird. Somit müssen die am Gebäude für die Sicherheit zuständigen Personen frühzeitig in der konkreten Erstellung von Flucht- und Rettungsplänen unterwiesen werden, um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden.

Grundsätzlich ist jedoch, wie zuvor schon beschrieben, zu beachten, dass aufgrund der in einem Flucht- und Rettungsplan dargestellten „Fluchtwege“ keine Aussage hinsichtlich der Nutzung des Raums getroffen werden kann. Somit kann aus einem Flucht- und Rettungsplan nicht abgeleitet werden, ob z.B. ­Cateringflächen auf den grün dargestellten Flächen zulässig sind oder nicht.

Gestaltung von Flucht- und Rettungsplänen: Beispiele aus dem Alltag

Neben den Grundlagen und verschiedensten Anforderungen zur Erstellung und Gestaltung von Flucht- und Rettungsplänen sowie der Sicherheitszeichen zur Fluchtwegsteuerung findet man im Alltag dennoch Exoten und Ausnahmen, die einen Bogen um diese Grundlagen gemacht haben oder auf andere Weise ihre Funktion sicherstellen (siehe Bilder).

Autoren

M.Eng. Martin Roszak: Studium der Sicherheitstechnik, berät seit 2009 als Brandschutzsachverständiger Bauherren, Architekten und Planer in allen Fragen des Brandschutzes. Führt seit Ende 2016 zusammen mit einem Partner ein Brandschutzsachverständigenbüro. Sein Fachwissen veröffentlicht der Autor seit 2011 in Publikationen und in Gremien sowie Richtlinienausschüsse.

Dipl.-Ing. (FH) Constantin Schmitz: Bereits neben dem Studium zum Bauingenieur erste Erfahrungen mit Brandschutz, 2009 in der Forschung zum Bereich Brandschutz, seit 2012 in die freie Wirtschaft gewechselt und berät Architekten, Bauherren sowie Fachplaner im Bereich des Brandschutzes in allen Leistungsphasen.

Der Artikel ist auch in Ausgabe 1.2020 des FeuerTrutz Magazins (Februar 2019) erschienen.
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2020. 17 x 24 cm. 117 Seiten mit 116 farbigen Abbildungen und 26 Tabelle. € 39,–.

Letzte Aktualisierung: 05.03.2020

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