Interview: "Falschalarme haben auch eine gute Seite"

Die Arbeitsgruppe EURALARM hat sich länderübergreifend mit Falschalarmen beschäftigt und die Ergebnisse als Studie veröffentlicht. Im Interview erklärt der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Dr. Sebastian Festag, welche Erkenntnisse dabei gewonnen wurden und warum Falschalarme auch ihre guten Seiten haben.

Interview Falschalarme haben auch eine gute Seite
Um den Falschalarmen besser auf den Grund gehen zu können, ist zunächst auch eine einheitliche Sprache (besonders international) unabdingbar. In Deutschland werden z.B. 3 Kategorien von Falschalarmen unterschieden, in Schweden hingegen 25. (Bild: Free-Photos auf Pixabay)

Herr Dr. Festag, was genau ist ein Falschalarm?

Grundsätzlich spricht man im Kontext des Brandschutzes von einem Falschalarm, wenn ein Brandalarm ausgelöst wird, die Einsatzkräfte nach ihrem Eintreffen aber kein Anzeichen eines Brandes vorfinden, sei es, weil es gar nicht gebrannt hat, weil der Brand mittlerweile von allein erloschen ist, oder aus anderen Gründen. Wobei man gleich dazu sagen muss, dass es da international keine einheitliche und verbindliche Definition oder Sprachregelung gibt – was ja schon auf die Frage zutrifft, ab wann von einem Brand gesprochen wird.

In der Schweiz z.B. spricht man im eben genannten Szenario von einem "ungewollten Alarm“, wohingegen ein "Falschalarm"dort etwas ganz anderes bedeutet.

Was sind die Ursachen für Falschalarme?

Wir unterscheiden in Deutschland drei Kategorien von Ursachen für einen Falschalarm: Die erste ist ein technischer Defekt, der ein Alarmierungsmittel wie etwa eine Brandmeldeanlage oder einen Brandmelder Alarm schlagen lässt, obwohl für einen Brand tatsächlich keine Anzeichen vorliegen (z.B. aufgrund eines Softwarefehlers oder eines technischen Fehlers. Das Ausmaß dieser Ursachenkategorie wird oft überschätzt – weil der Fehler im Zweifelsfall der Technik zugeschrieben wird.

Die zweite Kategorie sind Täuschungsalarme. Dabei funktionieren die Systeme bestimmungsgemäß, aber eine Kenngröße, die einem Brand ähnelt, löst einen Alarm aus. Typische Beispiele dafür sind Staub bei Bauarbeiten oder Wasserdampf in Hotelzimmern, was einen Brandmelder aktiviert, obwohl es nicht brennt. Die Technik funktioniert, der Fehler liegt in der Anwendung, z.B. dadurch, dass Brandmelder in der Nähe von Bauarbeiten nicht temporär außer Betrieb genommen werden. Täuschungsalarme sind unseren Erkenntnissen nach die dominierende Gruppe von Falschalarmen.

Unbeabsichtigte und böswillige Alarmierungen stellen die dritte Kategorie dar. Unbeabsichtigt, wenn etwa ein Anwohner vermeintliche Rauchschwaden wahrnimmt und die Feuerwehr ruft, obwohl es gar nicht brennt; böswillig, wenn z.B. ein Schüler einen Handfeuermelder betätigt, damit der Unterricht ausfällt. Alle drei Kategorien von Falschalarmen können bei allen Meldewegen auftreten; sie tun das aber in unterschiedlicher Häufung: beim Meldeweg Telefon z.B. sind es meistens unbeabsichtigte Fehlalarmierungen, bei Meldeanlagen haben wir unter den Falschalarmen, wie schon erwähnt, meistens Täuschungsalarme.

Welches Ziel verfolgt die Arbeitsgruppe EURALARM?

Uns geht es einerseits um eine Versachlichung der Diskussion und andererseits um ein gemeinsames Verständnis und eine möglichst vergleichbare Faktenbasis, vor allem international, damit wir vom selben reden. Eine Versachlichung der Diskussion ist deshalb wichtig, weil die Debatte über Falschalarme oft emotional und wenig faktenbasiert geführt wird. Ein gemeinsames Verständnis ist wichtig, weil wir Sachverhalte leichter verbessern können, wenn wir über sie mit klar definierten Begriffen sprechen und die relevanten Rahmenbedingungen identifiziert haben.

Wie gesagt, gibt es gerade zwischen verschiedenen Ländern unterschiedliche Sprachregelungen und Kriterien. Schweden z.B. unterschied bisher 25 Kriterien von Falschalarmen, wir in Deutschland dagegen drei Kategorien. Und ein weiterer wesentlicher Punkt: in allen europäischen Ländern sind Brandschutzanlagen hinsichtlich ihrer Technologie harmonisiert, die Anwendungsrichtlinien sind es dagegen nicht. In Deutschland regeln z.B. Anwendungsnormen die Planung, Inbetriebnahme und Instandhaltung von Brandmeldeanlagen, in anderen Ländern gibt es dafür aber nur Versicherungsbedingungen oder sehr allgemeine Standards. Unsere Studie hat diese und weitere Faktoren in Deutschland, Österreich (Vorarlberg), Schweden, der Schweiz und Großbritannien genau untersucht. Dabei gibt es noch eine übergreifende und langfristige Perspektive: Europaweit sind Falschalarme in puncto Kosten ein Milliardenthema. Pro Land ließen sich vor allem durch Qualitätsprodukte, einheitliche Anwendungsnormen zu einem sachgemäßen Umgang mit Meldern sowie einem angemessenen Managementbewusstsein seitens der Gebäudebetreiber Millionenbeträge einsparen. In unserer Studie haben wir dafür auf der Basis unserer Erkenntnisse eine umfangreiche Liste von möglichen Maßnahmen erarbeitet.

Interview: Falschalarme haben auch eine gute Seite (Melder / Alarmierungstechnik)
So breit, wie die Alarmierungstechnik aufgestellt ist, so differenziert man in Deutschland auch verschiedene Arten von Falschalarmen: technischer Alarm, Täuschungsalarm, böswilliger Alarm. (Foto: FeuerTrutz)

Zu welchen Ergebnissen ist ihre Studie gekommen?

Um das klarzumachen: Es ging uns nicht darum, Benchmarks aufzustellen. Das geht nicht; die Unterschiede zwischen den Ländern machen da jede Vergleichbarkeit zunichte, und bisher wurden Falschalarmraten international unterschiedlich berechnet. Auch sind Begriffe verschieden, Aufschaltwege sind anders, die Anwendungsnormen sind uneinheitlich und so weiter. Was wir aber leisten konnten, war, dass wir jetzt pro Land jeweils Werte als Referenz für die kommenden Jahre haben. Das allein ist schon mal viel Wert. Zudem haben wir mögliche Berechnungswege dargestellt, die in Zukunft die Basis für eine Vereinheitlichung sein könnten. Zugleich gab es noch einige länderübergreifend gültige Erkenntnisse. So stellen wir fest, dass im Schnitt 30 % aller Falschalarme von 5 % der Objekte ausgehen.

Auch das zeigt die Prominenz von Täuschungsalarmen, denn in den betroffenen Gebäuden funktioniert die Brandmeldetechnik, sie wird aber einfach nicht sachgemäß eingesetzt. Das ist ein Anwendungsthema. Vor allem erkennen wir in allen Ländern, die eine zeitliche Analyse ermöglichen, beim Thema Falschalarm einen klaren positiven Trend: die Zahl von Falschalarmen steigt, die Zahl der installierten Meldeanlagen aber noch viel stärker, womit die Falschalarmraten in den letzten Jahren klar sinken. Gleichzeitig werden mit der zunehmenden Zahl an installierten Anlagen mehr echte Brände erkannt.

Unterm Strich bedeutet das, dass die Technologie und ihre Anwendung immer besser werden und Falschalarme in relativen Zahlen tatsächlich abnehmen. So nahm die Falschalarmrate in exemplarischen Einsatzgebieten in Deutschland von 84,7 % im Jahr 2003 auf 73,7 % im Jahr 2010 ab.

Fast 75 % Falschalarme in Deutschland – ist das nicht dennoch zu hoch?

Das ist eine interessante Frage: Falschalarme sind ja nicht nur ein Thema in der Branderkennung. Sie treten in einer ähnlichen und zum Teil höheren Rate auch bei Personenscannern an Flughäfen auf, im Journalismus oder bei anderen Frühwarnsystemen. Nur beschwert sich dort so gut wie niemand darüber. Dort gelten Falschalarme zugunsten der Risikominimierung als akzeptabel, und das ja auch zu recht; nur sollte man das eben auch im Brandschutz so diskutieren. Die Sache hat meiner Ansicht nach zwei Seiten: einerseits verursachen Falschalarme Kosten, noch schlimmer aber ist, dass Falschalarme die Wahrnehmung von Warnungen verringern und dazu führen können, dass Menschen einen echten Alarm nicht ernst nehmen. Das ist klar negativ, und daher müssen wir daran arbeiten, dass sie weiter reduziert werden. Andererseits sind Falschalarme oft auch die Basis für wertvolle Erfahrungen. Es gibt Fälle, in denen Falschalarme eklatante Fehler in der Alarmierungskette aufgedeckt haben, was in Zukunft in echten Alarmsituationen Leben retten wird. Zudem entwickeln Feuerwehren auch aufgrund von Falschalarmen Einsatzroutinen unter Realbedingungen und kennen dadurch Einsatzobjekte, ohne dass sie in Gefahr geraten. Insofern haben Falschalarme tatsächlich in dieser Hinsicht auch eine gute Seite.

Informationen zur Studie

False Alarm Study: False Alarm Data Collection and Analysis from Fire Detection and Fire Alarm Systems in Selected European Countries (Juni 2018). Herausgeber: Dr. Sebastian Festag. Als Buch und E-Book (pdf) erhältlich. Die Studie wurde im Erich Schmidt Verlag veröffentlicht .

Zum Gesprächspartner

Dr. Sebastian Festag: Sebastian Festag hat nach dem Diplomstudium im Fach Sicherheitstechnik an der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) seine Promotion angeschlossen und war von 2007 bis 2011 an der BUW und der Hochschule Furtwangen (HFU) wissenschaftlich tätig. Heute ist er Lehrbeauftragter an der BUW. Seit 2011 ist er Geschäftsbereichsleiter Marktentwicklung bei Hekatron Brandschutz. Er ist Vorstandsmitglied der European Society for Automatic Alarm Systems e.V. (EUSAS), Deutscher Delegierter bei EURALARM und Obmann der Arbeitsgruppe False Alarms. Weiterhin ist Dr. Festag Mitglied im Vorstand des Fachverbandes Sicherheit im Zentralverband Elektrotechnik­ und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI).

Das Interview ist in Ausgabe 5.2019 des FeuerTrutz Magazins (September 2019) erschienen.

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Letzte Aktualisierung: 15.10.2019

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