Interview zu Sicherheitstechnik in Gebäuden: "Perfekte Orte erfordern perfekte Lösungen"

Die Sicherheitstechnik in Gebäuden – und damit auch der anlagentechnische Brandschutz – entwickelt sich rasant weiter. Über die Richtung dieser Entwicklung sowie über Chancen und Risiken sprach FeuerTrutz mit Michael Brotz, Leiter Solution Safety Deutschland in der Siemens-Division Building Technologies.

Interview mit Michael Brotz zu Sicherheitstechnik in Gebäuden
Michael Brotz (li.) und André Gesellchen im Gespräch am Siemens-Stand auf der FeuerTrutz Fachmesse im Februar 2019 (Bild: FeuerTrutz/Thomas Geiger)

Herr Brotz, anders als in Verkehrsmitteln wie Autos, Flugzeugen oder Zügen fühlt man sich auch in modernen Gebäuden doch i. d. R. nicht von Technik umgeben, sondern von statischen Bauteilen wie Wänden, Fenstern etc. Täuscht dieser Eindruck?

Allerdings. Denken wir doch nur daran, dass wir jeden Tag bei der Arbeit massiv gefordert sind, Leistung zu erbringen. Das geht nur, wenn wir uns wohl fühlen. Die klimatischen Verhältnisse sind dabei besonders wichtig. Technik im Hintergrund sorgt genau dafür. Aber auch der Sicherheitsaspekt spielt eine wichtige Rolle: In einem rundum sicheren und geschützten Gebäude hält man sich gerne auf – fast wie zu Hause.

Das gewährleisten z. B. Brandmeldeanlagen sowie Alarmierungs-, Evakuierungs-, Lösch-, Zutritts-, Einbruchschutz-, Video- und Managementsysteme… eben Technik für perfekte Orte.

Stimmt die oft aufgestellte Behauptung, dass technische Einrichtungen in Gebäuden immer mehr zusammenwachsen, eigentlich aus Ihrer Sicht?

Das kann ich nur bestätigen. Wir haben seit Jahren diesen Trend erkannt und unser Lösungsangebot konsequent auf diese Entwicklung ausgerichtet. Ein schönes Bild des Zusammenwachsens der Gewerke kann der Besucher hier auf der FeuerTrutz an unserem Stand live erleben.

Welche Vorteile bietet diese Entwicklung für Bauherren, Betreiber und Nutzer?

Mit Bauherren, Betreibern und Nutzer sind tatsächlich alle Beteiligten im Lifecycle eines Gebäudes genannt. Der Nutzen ist je nach Zielgruppe unterschiedlich. Der Prozess beginnt ja bereits bei der Planung eines Gebäudes.

Der Bauherr kann sich bei einer ganzheitlichen Betrachtung darauf verlassen, dass die technischen Gewerke nahtlos ineinandergreifen. Für den Betreiber ist es dann ein Leichtes, jederzeit den Überblick über den Zustand des Gebäudes zu haben und dieses kontinuierlich im Optimum der Gebäudeperformance zu halten. Betriebskosten werden so planbar.

Für den Nutzer ist es einfach ein perfekter Ort – er muss sich keine Gedanken um das Gebäudeumfeld machen und kann sich ganz auf seine Kernprozesse konzentrieren.

Wenn die Zahl und die Komplexität der einzelnen technischen Einrichtungen deutlich steigen, lässt sich deren reibungsloses Zusammenwirken dann noch sicher beherrschen – zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme, aber auch nach dem zehnten Softwareupdate?

Um dies sicherzustellen, muss – wie schon gesagt – gleich zu Beginn bei der Planung ein ganzheitliches technisches Konzept entwickelt werden. Alle Gewerke müssen frühzeitig „miteinander sprechen“. Wenn die klassische Gewerketrennung bei der Planung und Ausführung aufrechterhalten wird, dann wird es immer schwieriger, dieses reibungslose Zusammenwirken zu gewährleisten. Mit dem Building Information Modeling, kurz BIM, – einer Arbeitsmethode für das datenbasierte Planen, Erstellen und Betreiben – lässt sich dies in der Zukunft sicherstellen. Dies hat dann auch positive Einflüsse beispielsweise auf die Inbetriebnahme der einzelnen Gewerke. Das Ineinandergreifen der Gewerke bleibt nicht dem Zufall überlassen und ist wohldurchdacht. So ist auch der Betrieb unter Nutzung des Digitalen Zwillings des Gebäudes – des Performance Twin – jederzeit reibungslos sichergestellt. Denn Änderungen lassen sich zuerst am Twin planen, ehe sie dann in der Praxis umgesetzt werden.

Sehen Sie auch Risiken, die sich etwa aus der Vernetzung und den immensen Datenmengen ergeben? Wie angreifbar sind moderne Gebäude?

Wo es Vorteile gibt, gibt es natürlich auch Risiken. Die Vernetzung oder die Menge der Daten ist dabei nicht das Problem, sondern die manipulative Beeinflussung der Systeme. Denken wir nur daran, wie das Thema „Cyberkriminalität“ in den letzten Jahren sprunghaft an Bedeutung zugenommen hat. Ein Angriff auf die Infrastruktur eines Gebäudes zieht immensen Schaden nach sich.

Dies bedeutet, dass alles dafür getan werden muss, Produkte, Systeme und nicht zuletzt auch interne Prozesse sicher zu machen. Produkte und Systeme zu „härten“ ist Sache der Hersteller.

Siemens hat sich mit einigen namhaften Industrieunternehmen zu einer „Charter of Trust“ committet. Wir tun alles, um unseren Teil dazu beizutragen, die Angriffe auf die technischen Installationen von außen zu verhindern. Natürlich geht das nur im Zusammenspiel mit den Betreibern und Nutzern. Das Selbstverständnis muss geschärft werden, denn nur gemeinsam können wir uns gegen weitreichende Auswirkungen solcher Angriffe schützen.

Sicherheit ist nur einer der Aspekte bei der Technisierung von Gebäuden. Welche Anforderungen bzw. Erwartungen von Nutzern und Betreibern spielen dabei ebenfalls eine Rolle?

Die zunehmende Digitalisierung – in der Industrie schon längst angekommen – hält auch mehr und mehr in Gebäuden Einzug. Da ist die Erwartung klar definiert: Das Gebäude muss effizient und sicher betrieben werden – ohne großen Aufwand.

Die Schwierigkeit, gerade im technischen Brandschutz, ist dabei die Erwartung der Nutzer und Betreiber, die häufig konträr zu den normativen Vorschriften ist. Warum muss ich meine Anlage ständig warten? Sind die Inspektionen wirklich notwendig? Muss der Melder tatsächlich getauscht werden oder funktioniert er doch noch? Dies sind nur einige Fragen, mit denen die Branche konfrontiert wird. Auch haben Nutzer und Betreiber zunehmend Schwierigkeiten, das notwendige Fachwissen vorzuhalten.

Aus diesem Grund stellen wir hier auf der FeuerTrutz unser neues Geschäftsmodell „Safety as a Service“ vor. Wir garantieren unseren Kunden damit den normenkonformen Betrieb der Brandmeldeanlage für die Vertragslaufzeit bei konstanten Serviceraten – ohne Investition! Unsere Kunden können sich ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren – den Rest machen wir. Das ist eine der Antworten auf die oben genannten Fragen.

Die Division Building Technologies von Siemens betont derzeit den Slogan „Creating Perfect Places“. Was verstehen Sie darunter konkret?

Unsere Mission ist es, smarte Infrastrukturen und Gebäude zu schaffen, in denen sich die Benutzer geschützt, sicher und wohl fühlen. Dazu sehen wir drei Säulen, nach denen wir smarte Gebäude definieren und unser Portfolio entwickeln.

Dabei handelt es sich um die Bereiche „Comfortable & Safe“, „Energy & Asset Efficient“ sowie „Space & User Efficient“. So ist sichergestellt, dass all unser Handeln und Tun konsequent dieser Positionierung folgt, um eben „perfekte Orte und Infrastrukturen“ zu schaffen – das verstehen wir unter „Creating Perfect Places“.

Was sollten Fachplaner und Facherrichter für gebäudetechnischen Brandschutz heute tun, um sich auf diese Entwicklungen einzustellen?

Perfekte Orte erfordern perfekte Lösungen. Wir sind alle gut beraten, im Zeitalter der Digitalisierung auch die Digitalisierung der Gebäude von Anfang an zu unterstützen. Dazu ist es notwendig, ganzheitlich zu denken, über den Rand des eigenen Gewerks zu schauen und die neuen Methoden der digitalen Planung anzuwenden. Nur so schaffen wir es, effiziente Abläufe von der Planung über die Realisierung und Inbetriebsetzung bis hin zum optimalen Betrieb eines Gebäudes sicherzustellen.

Zum Gesprächspartner

Dipl.-Ing. (FH) Michael Brotz ist studierter Elektrotechniker und seit 30 Jahren bei der Siemens AG beschäftigt. Als Leiter der Solution Safety Deutschland in der Siemens-Division Building Technologies verantwortet er den gesamten Marktauftritt in diesem Segment und legt zusammen mit den lokalen Niederlassungen die strategische Umsetzung fest.

Das Interview ist in Ausgabe 2.2019 des FeuerTrutz Magazins (März 2019) erschienen. Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTrutz Magazin Ausgabe 2.2019

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Letzte Aktualisierung: 17.04.2019