Interview zum Brand in Notre-Dame und Brandschutzmaßnahmen an historischen Kirchen

Der Brand der Kathedrale Notre-Dame scheint neben den großen Schäden und Zerstörungen am Bauwerk und den Kulturschätzen im Inneren der Kirche auch ein Trauma für die Menschen in Paris und ganz Frankreich zu sein. Über Brände und Brandschutzmaßnahmen an historischen Kirchen sprach die FeuerTrutz-Redaktion mit Sylwester Kabat, einem der renommiertesten Fachleute in diesem Feld.

Brand in Notre-Dame 2019
In der Nacht vom 15. auf den 16. April hielt der Brand von Notre-Dame viele Menschen in Atem. Zahlreiche Pariser versammelten sich vor Ort. (Foto (unbearbeitet): manhhai; CC BY 2.0 / https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Durch den Brand der Kathedrale Notre-Dame ist ein Pariser Wahrzeichen und Weltkulturerbe in großen Teilen zerstört worden. Wie kann es sein, dass so wichtige Gebäude nicht besser vor Bränden geschützt sind?

Die Feuerwehr, auch die stärkste, kann ein historisches Gebäude nur so weit schützen, wie das Gebäude es erlaubt. Besserer Schutz vor Bränden bei historischen Bauten und Kirchen bedeutet daher eine brandschutztechnische Ertüchtigung. Da der Brandschutz zunächst kein Geld bringt, sondern viel kostet und an historischen Bauten Kompromissfähigkeit von allen Beteiligten verlangt, wird die brandschutztechnische Sanierung einer Kirche oder eines Baudenkmals oft auf die lange Bank geschoben. Auch nicht bei allen Bauten aus der UNESCO-Weltkulturerbeliste kann man davon ausgehen, dass sie heute durch moderne Brandschutzmaßnahmen geschützt sind.

Brand in Notre-Dame 2019
Ab etwa 18:50 Uhr waren die Flammen am Dachstuhl zu sehen. Für eine wirksame Eindämmung des Brandes war es da schon zu spät. (Foto (unbearbeitet): manhhai; CC BY 2.0 / https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Der Brand ist offenbar am Dachstuhl ausgebrochen. Ist das generell ein Schwachpunkt bei historischen Kirchenbauten?

Die historischen Kirchen sind in erster Linie stark über ihre Dächer gefährdet. Brände entstehen zwar auch in anderen Bereichen der Kirche, auch in Kirchenschiffen. Entsteht jedoch ein Feuer auf dem Dachboden einer historischen Kirche, am Dachstuhl oder in der Kirchturmspitze, wird er oft nicht rechtzeitig entdeckt, kann wegen der Höhen nicht wirksam durch die Feuerwehr bekämpft werden und breitet sich daher sehr schnell an den ausgetrockneten und oft historischen Holzkonstruktionen aus. Das führt zu einem Großbrand, der nicht wirksam beherrschbar ist und sich fast immer in das Kircheninnere und auf den Kirchturm ausbreitet.

Die Landesbauordnungen erlauben gerade in letzter Zeit immer mehr auch konstruktiven Holzbau, obwohl es sich ja um ein brennbares Material handelt. Wo liegen die Unterschiede zu historischen Dachkonstruktionen wie der von Notre-Dame?

Das eine würde ich nicht unbedingt mit dem anderen verknüpfen – Holzdachstühle waren immer in der Landesbauordnung verankert und bedurften, außer bei großen Sonderbauten wie Versammlungsstätten, keiner brandschutztechnischen Behandlung. Die Kirchen sind zwar Sonderbauten und unterliegen auch der Bauordnung, jedoch nicht der Versammlungsstättenverordnung. Somit wären bei Kirchenneubaten Holzdachstühle erlaubt. Bei den bestehenden und historischen Holzdachstühlen in Kirchen könnte man sowieso nachträglich keine Anpassung an eventuelle Vorschriften verlangen. Historische Dachkonstruktionen sind auch aus Denkmalschutzgründen zu erhalten, sodass die Aufgabe darin liegen sollte, sie und die Kirchen entsprechend vor Brandauswirkungen zu schützen.

Brand in Notre-Dame 2019
Der Spitzturm der Kathedrale ging komplett in Flammen auf und stürzte im Verlauf des Brandes ein. (Foto (unbearbeitet): LEVRIER Guillaume; CC BY-SA 4.0 / https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de)

Ursache des Brandes waren vermutlich Bauarbeiten. Welche spezifischen Brandrisiken entstehen durch Bauarbeiten an Denkmälern?

Dächer auf Baudenkmälern bestehen meist aus brennbaren Baustoffen, insbesondere Holz. Werden an den Dächern Reparaturarbeiten durchgeführt, so werden meist Metalle wie Kupfer, Blei oder Blech geschnitten, geklebt und geschweißt. Die Arbeitsgeräte erzeugen dabei offene Flamme, warme Flächen und Funken. Die dabei entstehende Wärme wird auf die brennbaren Teile wie Holz oder Dämmung übertragen und kann sie entzünden. Die Wärmebeaufschlagung und die anschließende Verbrennung können auch unentdeckt und unbeaufsichtigt voranschreiten. Ein Brand wird meist dann entdeckt, wenn schon Brandrauch oder offene Flammen erkennbar sind. Diese Entdeckung können am schnellsten die Mitarbeiter der durchführenden Firmen machen. Sind die aber nicht mehr am Arbeitsplatz anwesend, brennt es weiter, und erst wenn jemand den Rauch oder die Flammen von außen bemerkt, wird Alarm gegeben.

Das ist dann meistens schon viel zu spät. An dem ausgetrockneten Holz entwickelt sich der Brand sehr schnell.

Was kann man in so einer Bauphase tun, um die Brandgefahr bei den Bauarbeiten zu reduzieren?

Die Bau- und Reparaturarbeiten vorsichtig durchführen: Abdecken der brennbaren Bauteile in der Umgebung, Feuerlöscher und Löschdecken bereithalten, ständige Aufsicht und Überprüfung der Umgebung vornehmen.

Gibt es Statistiken über die Brandursachen in Kirchen bzw. Baudenkmälern?

In Deutschland gibt es leider keine bundesweiten und offiziellen Brandstatistiken für Kirchen und Baudenkmäler. Nach meinen bisherigen Recherchen (aktuelle erscheinen in meinem neuen Buch: Brandschutz für Kirchen und Klöster) muss man davon ausgehen, dass die meisten Brände in Kirchen durch elektrische Anlagen und Geräten verursacht (ca. 25 %) oder absichtlich gelegt werden (Brandstiftung, ca. 25 %). Nicht unproblematisch sind dabei frei zugängliche Kerzen.

Buch: Brandschutz in historischen Bauten 978-3-86235-293-7
Foto: FeuerTRUTZ Network GmbH

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Der Autor dieses Beitrags, Sylwester Kabat, erläutert in seinem Buch die Grundsätze des Brandschutzes in historischen Bauten und stellt Praxisbeispiele verschiedenster brandschutztechnisch ertüchtigter Baudenkmäler vor.

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Der Feuerwehr ist es erst nach Stunden gelungen, den Brand von Notre-Dame einzudämmen. Was macht die Brandbekämpfung bei historischen Kirchenbauten so schwierig?

Die Feuerwehr hat keine großen Chancen, einen offenen Brand in einer historischen Kirche wirksam zu löschen. Ein Löscheinsatz an einer Kirche war nicht wirksam, wenn der Dachstuhl eingestürzt und die Kirche ausgebrannt ist. Dies lag aber nicht an den Möglichkeiten und Fähigkeiten der Feuerwehr, sondern an dem Kirchengebäude selbst. Die Hauptschwierigkeiten sind die Höhen der Kirchengebäude – Kirchtürme mit den Turmspitzen und die hohen Dachstühle. Kommt die Feuerwehr erst zum Einsatz, wenn der Rauch und die Flammen schon aus dem Dachstuhl oder dem Kirchturm herausschlagen, ist es meist zu spät. Dazu kommt noch die Einsturzgefahr im Kirchenschiff, sodass auch ein wirksamer Innenangriff meist nicht möglich ist.

Welche technischen und organisatorischen Brandschutzeinrichtungen bringen den größten Nutzen in Gebäuden wie der Kathedrale Notre-Dame?

Den größten Nutzen bringen den historischen Kirchen im Hinblick auf die Brandgefährdung insbesondere zwei Brandschutzeinrichtungen – eine automatische Brandmeldeanlage (Rauchmelder, Rauchansaugsysteme, lineare Rauchmelder) in allen Bereichen der Kirche (Dachboden, Kirchenschiff, Sakristei, Untergeschoss, Technikräume, Türme) und eine Löschanlage – insbesondere eine Wassernebel-Löschanlage auf dem Dachboden, eine Sprühwasser-Löschanlage im Kirchturm einschließlich der Turmspitze sowie trockene Steigleitungen bis auf den Dachboden und auf die höchste zugängliche Ebene des Kirchturms.

Lassen sich so bedeutende Gebäude, die ja zusätzlich weitere Kunst- und Kulturschätze beherbergen, eigentlich gegen Feuer versichern?

Das kann ich fachlich nicht beurteilen. Mir ist bekannt, dass in Deutschland fast alle Kirchen über die Diözesen und Landeskirchen eine Gebäudeversicherung haben, die wohl auch eine Feuerversicherung umfasst.

Welche Grundsätze der Notfallplanung (Schutz und Bergung der Kunst- und Kulturschätze) sollten in historischen Kirchenbauten wie der Notre-Dame eingehalten werden?

Die Notfallplanung sollte zunächst überhaupt vorgenommen werden. Nur die größten und bedeutendsten Kirchen in Deutschland haben Feuerwehreinsatzpläne und Notfallpläne. Bei der Feuerwehreinsatz- und Notfallplanung geht es darum, schon im Vorfeld zu prüfen und festzulegen, welche Maßnahmen im Notfall zu unternehmen sind und welche Kulturgutschätze wie im Brandfall zu schützen sind. Bei einem Brandeinsatz in einer historischen Kirche kann die Feuerwehr nicht entscheiden, welche Gegenstände die wertvollsten sind. Dies muss vorher in Zusammenarbeit mit dem Eigentümer, dem Betreiber und der Denkmalpflege festgelegt werden. Außerdem muss klar geplant werden, welche Kräfte und Hilfsmittel für die Bergung der Kunstschätze alarmiert werden müssen. Die Notfallplanung soll auch der Feuerwehr helfen, bessere Kenntnisse über die jeweilige Kirche und ihre Ausstattung zu erlangen.

Halten Sie einen solchen Brand auch bei den großen Kathedralen in Deutschland für möglich?

Mir ist bekannt, dass die Brandschutzausrüstung in mehreren Domen in Deutschland in den letzten Jahren modernisiert wurde oder dass sie neue moderne Brandschutzmaßnahmen bekommen haben, wie automatische Brandmeldeanlagen, Feuerschutzvorhänge, Feuerschutztüren, trockene Steigleitungen. Da wären z.B. die Dome in Köln, Altenberg, Speyer, Münster, München, Naumburg oder Aachen zu erwähnen.

Dennoch ist bei vielen oft auch kunsthistorisch sehr bedeutenden Kirchen in Deutschland noch viel zu tun. Dabei müssen auf keinen Fall die Dome, Kathedralen, Abteikirchen und alle anderen Kirchen durch Brandschutzmaßnahmen verunstaltet oder beschädigt werden. Feuerschutztüren z.B. können so eingebaut werden, dass vorhandene historische Holztüren nicht ersetzt werden müssen. Steigleitungen sind an jeder Kirche möglich. Löschanlagen sollten zumindest in bedeutenden Kirchen mit historischen Holzdachstühlen auf dem Dachboden installiert werden.

Daraus ergibt sich, dass ein solcher Brand wie in Paris in Deutschland nicht ausgeschlossen werden kann, zumindest dort nicht, wo die Kirchen keinen ausreichenden Brandschutz haben und für die Feuerwehr nur sehr beengte Zufahrts- und Aufstellmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Wenn auch mehrere Dome keine historischen Holzdachstühle mehr haben, sondern Eisenkonstruktionen, kann ein Brand auf dem Dachboden nicht ausgeschlossen werden. Schon die elektrischen Leitungen und Anlagen, die dort verlegt sind und möglicherweise nicht gewartet wurden, stellen eine erhebliche Brandgefahr dar. Einen Vollbrand des Dachstuhls wird man dort nicht erwarten, eine Brandausbreitung auf dem Dachboden an der dort vorhandenen Brandlast aber schon.

Zum Gesprächspartner

Dipl.-Ing. Sylwester Kabat: Brandamtsrat a.D., Herzebrock-Clarholz, Studium an der Offiziers-Hochschule für Feuerwehrwesen in Warschau. Tätigkeit bei Berufsfeuerwehren und als Brandschutzingenieur in Industrie und Kommunalverwaltung. 1985 – 2000 Feuerwehrtechnischer Bediensteter bei der Stadt Worms, 2000 – 2018 Brandschutzingenieur beim Kreis Gütersloh. Fachplaner und Freier Sachverständiger für Brandschutz in Baudenkmälern, Altbauten und für Kulturgut; Nachweisberechtigter für Brandschutz in Bayern

Das Interview ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) erschienen. Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTrutz Magazin Ausgabe 3.2019

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Letzte Aktualisierung: 28.05.2019

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