Interview zum Brexit: Folgen für den vorbeugenden Brandschutz

Auch wenn der Termin für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bis Ende Oktober 2019 verschoben wurde, beschäftigen die zu erwartenden Folgen des Brexits alle Wirtschaftszweige. Auch für die Hersteller im stark regulierten und zum Teil harmonisierten vorbeugenden Brandschutz entstehen wichtige Fragen. FeuerTrutz sprach darüber mit Ulrich Rabe, stellvertretender Leiter der Brandschutz-Laboratorien von VdS.

Interview zum Brexit: Folgen für den vorbeugenden Brandschutz
Der anstehende Brexit wird auch Folgen für den vorbeugenden Brandschutz nach sich ziehen. (Foto: DANIEL DIAZ auf Pixabay)

Herr Rabe, niemand weiß im Augenblick genau, wann und in welcher Form der EU-Austritt Großbritanniens vonstattengehen wird. Was bedeutet diese unsichere Situa­tion für die Hersteller europäisch zertifizierter Sicherheitstechnik? Behalten Ihre Produkte z.B. die bestehenden europäischen Zertifizierungen?

Die Hersteller von Brandschutzprodukten sind verständlicherweise besorgt und wägen ihre möglichen Optionen ab.
Betroffen sind vor allem Bauprodukte, die nach einer harmonisierten Norm ein Zertifikat der Leistungsbeständigkeit haben. Dieses Zertifikat ist Voraussetzung für die Hersteller, die CE-Kennzeichnung auf ihrem Produkt anzubringen – die bekanntlich erforderlich ist, um ein Produkt in der EU zu vertreiben. Dieses Zertifikat der Leistungsbeständigkeit muss aber zwingend von einer dafür benannten (notifizierten) Zertifizierungsstelle ausgestellt werden, die in der EU ansässig ist.
Im Fall eines harten Brexits werden in Großbritannien ausgestellte Zertifikate also über Nacht ungültig. Das verdeutlicht eine Mitteilung der Europäischen Kommission vom 22. Januar 2019.
Da in Großbritannien etablierte Zertifizierungsstellen angesiedelt sind, ist der Brexit durchaus ein dringliches Thema für viele Hersteller von Brandschutzprodukten. In jedem Fall muss das Zertifikat der Leistungsbeständigkeit neu ausgestellt werden.
Zum einen haben einige in Großbritannien ansässige Zertifizierungsstellen mit der Eröffnung einer Zertifizierungsstelle in einem weiteren Mitgliedstaat der EU reagiert, und zum anderen können andere europäische Zertifizierungsstellen diese Aufgabe wahrnehmen. Voraussetzung ist allerdings eine entsprechende Notifizierung durch eine in dem Mitgliedstaat ansässige notifizierte Behörde. Und das ist eine langwierige und aufwendige Prozedur.

Zur Zukunft der CEN-Normung: „Nach vorliegenden Informationen beteiligt sich das englische Norminstitut BSI auch nach vollzogenem Brexit weiterhin an der CEN-Normung. Das macht nach unserer Meinung nur dann Sinn, wenn damit einhergehend auch eine Verpflichtungserklärung abgegeben wird, die in CEN gemeinsam beschlossenen europäischen Normen auch im UK weiterhin national umzusetzen. Andernfalls werden die europäischen Partner an einer künftigen Normarbeit zusammen mit dem UK wenig Interesse haben.“
bvfa – Bundesverband Technischer Brandschutz e.V.

Was ändert sich für Hersteller aus Großbritannien bei einem ungeregelten Brexit?

Kernthema ist der eben dargestellte Punkt. Die privatrechtlichen Qualitäts- und Gütesiegel, wie VdS, bleiben vom Brexit unberührt. Sie werden über die Grenzen Europas hinweg anerkannt. Natürlich sind Hersteller auch bezüglich Beschaffung, Vertrieb, Service etc. betroffen.

Und umgekehrt: worauf müssen sich Hersteller vom Kontinent einstellen, die nach Großbritannien exportieren?

Nach unseren Informationen reicht die bestehende europäische Zertifizierung nach der Bauproduktenverordnung aus, um Brandschutzprodukte weiterhin in Großbritannien zu vertreiben. Wie für alle Güter werden aber lange Zollprozeduren erwartet: gerade im Service, wie der Lieferung von Ersatzteilen etc., könnte das zu Problemen führen. Deshalb bevorraten einige Hersteller Techniken wie Ersatzteile auch direkt in Lagern vor Ort.

Ist denn grundsätzlich schon klar, nach welchen Regeln Großbritannien nach dem EU-Austritt Bauprodukte zertifizieren wird?

Da meines Wissens nach keine eigenen ­Normen für Großbritannien veröffentlicht wurden, ist davon auszugehen, dass die existierenden Normen für Bauprodukte ­weiter ihre Gültigkeit haben. Schließlich war Großbritannien an der Erstellung dieser Normen beteiligt. Nur entfällt die Verordnung Nr. 305/2011 und somit die Verpflichtung, diese Normen anzuwenden. Ob Großbritannien dies in die nationale Gesetzgebung überträgt, kann man noch nicht sagen. Da aber die privatrechtlichen Qualitäts- und Gütesiegel oft ebenfalls auf den geltenden Normen basieren, ist keine kurzfristige, abrupte Änderung zu erwarten.

VdS wird doch sicher von vielen Herstellern um Rat und Unterstützung im Brexit-Chaos gebeten. Welche Fragen bewegen die Unternehmen außerdem noch?

Ja, es gab viele Anfragen. Als Ergebnis der zahlreichen Gespräche bietet VdS den Herstellern jetzt schnelle Unterstützung an: Für bereits VdS – anerkannte Produkte kann recht kurzfristig ein Zertifikat der Leistungsbeständigkeit ausgestellt werden, da uns das Produkt bereits bekannt ist. Die Basisinformationen dazu haben wir im Sinne der Gleichbehandlung, zu der wir als Europas größter Sicherheitszertifizierer verpflichtet sind, veröffentlicht – siehe auch vds.de/brexit. Uns ging es in erster Linie darum, Herstellern eine Sicherheit an die Hand zu geben, die ihre Sorgen hoffentlich etwas abmildert. Schließlich ist Sicherheit ein Wert, für den VdS-Schadenverhütung steht. Es sollen aber auch mögliche Schäden durch Absatzverlust minimiert werden. Also Schadenverhütung einmal etwas anders.

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Hersteller von Brandschutz- und/oder Sicherheitstechnik ihren Unternehmenssitz oder Produktionsstandorte aus Großbritannien auf den Kontinent verlegt haben?

Nein, solche Fälle sind uns nicht bekannt.

Zum Gesprächspartner

Ulrich Rabe studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Köln und Business Innovation in Oestrich-Winkel. Er ist stellvertretender Leiter der Brandschutz-Laboratorien von VdS, Europas größtem Institut für Unternehmenssicherheit. Das VdS-Qualitätssiegel ist für Sicherheitsexperten das wichtigste Kaufkriterium (WIK/ASW-Enquete – über viele Jahre in Folge).

Das Interview ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) erschienen. Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTrutz Magazin Ausgabe 3.2019

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