Kommentar: Zurück zur Platte!?

Viele Brandschützer klagen über zu viele und zu komplizierte Vorschriften und Normen. Doch was wären die Konsequenzen, würde man sie abschaffen – nur noch Einheitsbau? Hanno Werning geht diesen Fragen in seinem Kommentar kritisch nach.

Kommentar - Zurück zur Platte!?
(Bild: Simone Hutsch on Unsplash)

November 2019 / Hanno Werning. Über Vorschriften zum Brandschutz – quantitativ wie qualitativ – schreibt André Gesellchen im Editorial des FeuerTrutz Magazins Ausgabe 4/2019 . 3.500 nationale Regelwerke sollen sich damit beschäftigen. Der Umgang mit unzähligen Querverweisen werde durch regelmäßige Aktualisierungen erschwert. Entsprechend würden Brandschützer regelmäßig über "die zunehmende Komplexität und Menge der Vorschriften" klagen. In den VdBP-Mitteilungen wird von Matthias Dietrich noch mal nachgelegt und aufgrund der rechtlichen Unsicherheit die Abschaffung einer Inbezugnahme von "allgemein anerkannten Regeln der Technik" in den Bauordnungen gefordert – aus bayerischer Sicht bitte ich, auch die "Belange der Baukultur, insbesondere die anerkannten Regeln der Baukunst" in diesen Abschaffungsantrag aufzunehmen.

Demgegenüber preist auf anderen Seiten desselben Magazins Reinhard Eberl-Pacan die Vorteile der (in früheren Vorschriften gar nicht, inzwischen zunehmend erlaubten und "abweichungsgenehmigungsfähigen") Holzbauweise in der Gebäudeklasse 5 an, deren Erlaubnis gemäß BFSB-Mitteilungen vom selben Verfasser am besten in eine noch progressivere novellierte Holzbau-Richtlinie gegossen werden soll. Christian Gaigl und Prof.-Dr. Martin Mensinger berichten über die anstehende Erweiterung des Brandschutzteils des Stahlbau-Eurocodes: Hier lässt sich bei der Brandschutzbemessung ungeschützter Stahlbauteile ein klein wenig mehr "rausholen", wenn die Bauteile feuerverzinkt sind – Letzteres natürlich nach bestimmten Vorschriften. Und Thomas Engel freut sich über die Möglichkeit, auf diverse Vorschriften zurückzugreifen, mit denen er bei geschickter Auswahl den Betrieb von Berghütten über individuelle Brandschutznachweise ermöglichen kann (bitte noch als neue "Vorschrift" ergänzen: kein oder nur noch – vorschriftsmäßig – kontingentierter Ausschank von alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken mehr, damit nicht trotz unterstellbarer körperlicher Fitness des Nutzerkreises eine nächtliche Einschränkung von Reaktionsfähigkeit oder Mobilität drohen kann).

Nun könnte man meinen, die Beiträge seien innerhalb des Magazins ausgewogen und würden sich gegenseitig aufheben. Doch kann man natürlich nicht leugnen, dass auch auf anderen Ebenen – und nicht nur bezogen auf den Brandschutz – die "Vorschriften" zugleich als Kostentreiber und Behinderer des freien Bauens beinahe gebasht werden. Die Baukostensenkungskommission fordert, dass die "Kosten-Nutzen-Prüfung [von Standards und Normen] … in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen und auch frühzeitig erfolgen" muss. Auf Initiative des Wohngipfels vom September 2018 wollen "Bund und Länder … gemeinsam an einer Begrenzung der aus der Normung resultierenden Folgekosten arbeiten." Eine "temporäre Expertengruppe Baunormung" hat ein Konzept entwickelt für eine "Stelle zur Begrenzung der Folgekosten von Regulierung und Normung im Gebäudebereich". Vertreter von Planer-Verbänden erwecken den Eindruck, dass eine Planung mit der Ermittlung der Anforderungen an Bauprodukte aus den Anforderungen an Bauwerke nicht gewünscht ist, lieber wird eine "Whitelist" mit verwendbaren Bauprodukten – flapsig als "Persilschein" zu bezeichnen – gefordert. Und sogar im Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Juni 2019 sinniert Prof. Florian Musso über "Größe und Grenzen der Bauvorschriften".

Was machen wir nun also? Oder was wollen wir nun? Bei allem Meckern, Schimpfen und Lamentieren fehlen mir konkrete Vorschläge, wie es denn gehen könnte. Getreu dem Motto "Wer A sagt, der muss auch B sagen" schlage ich deshalb – bewusst provokativ – vor: Warum kein "zurück zur Platte"? Ein Einheitsbau nach dem Vorbild aus DDR-Zeiten! Einmal ordentlich von Grund auf durchgeplant, danach beliebig oft reproduzierbar. Ok, der "Einheitsbau" müsste dem Nordseeküsten-Sturm und dem Alpen-Schnee widerstehen können, die Fundamente müssten auf den ungünstigsten denkbaren Böden ausgelegt werden – das Gebäude wäre deshalb aus statischer Sicht vielleicht nicht absolut wirtschaftlich, sondern meist "überdimensioniert" (Grundanforderung an Bauwerke Nr. 1 nach BauPVO, kurz BWR 1).

Beim Brandschutz sollte es kein Problem geben: Wenn wir uns auf GK5 unter der Hochhausgrenze beschränken, ist das alles mit dem "Standardbau" der Bauordnungen gut abzudecken, hier gibt es sogar kaum bundeslandspezifische Unterschiede.

Und es gibt auch – in Vorschriften – geregelte Bauarten dafür (Brandschutzteile der Eurocodes und DIN 4102-4), wir brauchen uns also über abP oder aBg für Bauarten keine Gedanken zu machen. Wobei: Eine Wiedereinführung einer Vorschrift für eine "geregelte Brandschutztür" wäre gut, damit wir da auch auf die Beschäftigung mit jetzt noch aufgrund von abZ Ü-gekennzeichneten, künftig irgendwann mal CE-gekennzeichneten Produkten verzichten können (BWR 2).

Etwas schwierig wird es beim Schutz vor Emissionen: Aber wenn wir trotz Nachhaltigkeits-Diskussion und "Holzbau bindet CO2" auf nachwachsende Rohstoffe (z.B. in Form von Holz oder Holzwerkstoffen) im Innenraum verzichten und auch Teppichböden und Kunststoff-Bodenbeläge meiden, sollte mit Beton, Mauerwerk, Putz und Fliesen eigentlich eine emissionsarme Bauweise – selbst im Brandfall ist kaum Rauchgastoxitität zu erwarten – erreicht werden können (BWR 3).

"Sicherheit und Barrierefreiheit bei der Nutzung" sollte genug Rechnung getragen sein, wenn das Gebäude einmal ordentlich nach den Vorschriften für die Barrierefreiheit geplant wurde und die Treppe die Spielregeln der DIN 18065 einhält – Letzteres zum Glück eine eingeführte Technische Baubestimmung und keine von den diffusen allgemein anerkannten Regeln der Technik, deren Abschaffung zuvor gefordert wurde (BWR 4).

Beim Schallschutz empfiehlt sich, gegen hohen Außenlärm zu schützen. Dann kann das Gebäude nicht nur "im stillen Grünen", sondern auch in der Einflugschneise eines Flughafens errichtet werden (BWR 5).

Der winterliche Wärmeschutz müsste für die klimatisch ungünstigste kälteste Region ausgelegt werden und der sommerliche Wärmeschutz für die klimatisch ungünstigste strahlungsreichste Region, während wir die vor dem Klimawandel angezeigte Solaranlage oder Erdwärmepumpe auch nach den am wenigsten Ertrag versprechenden Regionen auslegen müssten. Also auch hier leider keine optimale Wirtschaftlichkeit, sondern eine Auslegung auf den "worst case" (BWR 6).

Dass der skizzierte Einheitsbau also an der einen oder anderen Stelle ein wenig unwirtschaftlich und nicht optimiert ist, sollte durch die nur einmal anfallenden Planungskosten ab einer gewissen Bauwerkszahl kompensiert werden. Betriebswirte können sicher ausrechnen, ab welcher Zahl von Einheitsbauten die Ersparnis beginnt und das Bauen (endlich) billiger wird.

Ach ja, und die Gestaltung? Daran werden wir uns schon gewöhnen. Wir können die Gebäude ja außen unterschiedlich anstreichen, bekanntlich ist mit Farbgestaltung viel möglich, und die Grundanforderungen an Bauwerke sollten davon nicht berührt sein. Es wäre sogar denkbar, mehrere (vielleicht 5?) verschiedene Typen von Einheitsbauwerken zu entwerfen, damit ließe sich das Landschaftsbild ein wenig auflockern.

Bleibt noch die offene Abwägung zu den volkswirtschaftlichen Folgen: Zahllose Architekten und Ingenieure würden natürlich arbeitslos. Und in der Folge die ganzen Sachverständigen, die von deren Fehlern leben. Die Versicherungsbranche würde wegen der wegfallenden Berufshaftpflichtversicherungen leiden – müsste natürlich auch keine Schäden mehr begleichen. Arbeitslose Planer brauchen auch keine Dienstwagen und Büros mehr, es trifft also sogar KFZ- und Immobilienbranche.

Wie, höre ich Einwürfe, Sie möchten doch lieber weiter abwechslungsreiche, individuell nach den Wünschen des Bauherrn entworfene Bauwerke planen und errichten? Neue Konzepte, schlanke Konstruktionen mit besonderer Leistungsfähigkeit, Innovationen? Nutzung von Rauchgas-Versuchen und CFD-Simulationen, Simulation und Analyse von Evakuierungs-Strömen mit objektspezifischer Beurteilung in schutzzielorientierter Betrachtung – gerne, aber bitte (aufgrund von Vorschriften?) reproduzierbar und mit allgemein anerkannten Methoden!

Ich finde, wir müssen uns mal Gedanken machen, was wir wirklich wollen – und zwar konkret. Auf welche Vorschrift von den 3.500 können wir denn verzichten? Was können wir konsolidieren und/oder vereinfachen? Aber bitte fachlich begründbar und gerechtfertigt, ohne neue Risiken, sondern auf der sicheren Seite liegend. Es ist zu einfach, nur die Abschaffung von Vorschriften zu fordern.

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Hanno Werning

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Der Kommentar ist in Ausgabe 6.2019 des FeuerTrutz Magazins als Leserbrief, bezogen auf mehrere Artikel im FeuerTrutz Magazin 4.2019, erschienen.

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Letzte Aktualisierung: 28.11.2019

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