Neuerungen in der Industriebaurichtlinie 2019

Die Muster-Industriebaurichtlinie von 2014 wird derzeit überarbeitet. Der Beitrag geht der Frage nach, welche Änderungen in der neuen Fassung zu erwarten sind, die voraussichtlich im Herbst 2019 veröffentlicht wird.

Neuerungen in der Industriebaurichtlinie
Die Muster-Industriebaurichtlinie wird überarbeitet. Planer erwarten zahlreiche Änderungen im Detail. (Bild: Peter H auf Pixabay)

Juni 2019 / Von Dr.-Ing. Jürgen Wiese. Die Muster-Industriebaurichtlinie (MIndBauRL) in der Fassung von 2014 sollte zunächst zur Festlegung erweiterter Anwendungsfälle für den Holzbau im vereinfachten Verfahren des Abschnitts 6 fortgeschrieben werden. In der Zeit zwischen 2016 und 2018 befasste sich die Projektgruppe Industriebaurichtlinie der ARGEBAU mit dieser Aufgabe und hat dabei auch weitere Regelungsdetails überprüft und zum Teil modifiziert. Das Erscheinen der fortgeschriebenen Musterfassung kann – nach Durchführung einer Anhörung – erst nach der Notifizierung in Brüssel etwa im Herbst 2019 erwartet werden. Im Beitrag wird auf eine Auswahl der vorgesehenen Modifikationen bzw. redaktionellen Klarstellungen der MIndBauRL im Detail eingegangen (Entwurfsstand: September 2018). In den nachfolgenden Ausführungen werden Zitate – insbesondere aus der aktuellen Entwurfsfassung – in kursiver Schrift wiedergegeben.

Der Beitrag basiert auf den für die Anhörung veröffentlichten Entwurfsfassungen der MIndBauRL vom September 2018 und vergleicht die Neuerungen mit den älteren Fassungen von 2000 und von 2014. Gleiches gilt für die jeweiligen Erläuterungen. Im Übrigen wird hilfsweise auch auf eine Veröffentlichung des Obmanns der Projektgruppe Industriebaurichtlinie zurückgegriffen [1]. Inwieweit die im Entwurf der MIndBauRL und im Entwurf für die Erläuterungen (beides Stand 2018-09) vorgesehenen Änderungen auch noch nach der aktuellen Anhörung Bestand haben werden, kann zur Zeit der Abfassung dieses Beitrags nicht abgeschätzt werden.

Der Artikel ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) als erster Teil eines Beitrages zu den Neuerungen in der Industriebaurichtlinie 2019 erschienen.

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Abschnitt 1: Ziel

Neu in die Zweckbestimmung der IndBauRL wurden folgende Aspekte aufgenommen:

  • die Rettung von Menschen und Tieren,
  • wirksame Löscharbeiten.

Ferner wird klargestellt, dass bei Beachtung der Richtlinie auch die Sicherheit der Einsatzkräfte berücksichtigt ist. In diesem Zusammenhang ist auf die Anforderungen an die Standsicherheit von brandschutztechnisch unbemessenen Industriebauten gem. Tab. 2 (Abschnitt 6) und gem. Tab. 7
(Abschnitt 7) hinzuweisen. Danach sind besondere Nachweise für die Standsicherheit auch solcher Industriebauten zu führen (s. jetzt Abschnitt 5.14.9). Diese Regelung dient dem Zweck, dass Innenangriffe auch ohne besondere Gefährdung der Einsatzkräfte ermöglicht werden.

Abschnitt 2: Anwendungsbereich

Es wird klargestellt, dass die IndBauRL nicht für die „industrielle Tierhaltung“ anwendbar ist.

Abschnitt 3: Begriffe

Geschoss – auch oberirdische Geschosse und Kellergeschosse (3.7)

Die Begriffe des „oberirdischen Geschosses“ und des „Kellergeschosses“ wurden neu eingeführt und der MBO angeglichen:

„Geschosse sind oberirdische Geschosse, wenn ihre Deckenoberkanten im Mittel mehr als 1,4 m über die Geländeoberfläche hinausragen. Im Übrigen sind sie Kellergeschosse.“

Ferner wurden Ausnahmeregelungen für Räume der technischen Gebäudeausrüstung (wieder) eingeführt.

„Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung und Räume für diese Anlagen auf einem Dach sind keine Geschosse.“

Die bisherigen Spezialregelungen für „Geschosse unter der Geländeoberfläche“ (Abschnitt 5.4) wurden entsprechend fortgeschrieben.

Erdgeschossige und eingeschossige ­Industriebauten (3.10)

Die MIndBauRL-2014 erlaubt im Abschnitt 6 insbesondere nicht die Beurteilung von eingeschossigen Industriebauten“ sondern nur die von erdgeschossigen Industriebauten“ nach Abschnitt 3.10. Somit sind nur ganze Gebäude (und keine Gebäudeteile) und nur solche Industriebauten im Abschnitt 6 nach Tab. 2 zu beurteilen, die insbesondere keine Kellergeschosse haben und zudem an keiner Stelle mehr als 1 m unter der Geländeoberfläche liegen. Solche eingeschossigen Gebäude mit nur einem oberirdischen Geschoss sind also – streng genommen – nach Abschnitt 7 zu beurteilen.

Diese Restriktionen ergaben sich bei der „Einführung des Abschnitts 6“ als besondere Vorsichtsmaßnahme der Projektgruppe wegen der erheblichen Erleichterungen für derartige Industriebauten in Verbindung mit einem speziellen Sicherheitskonzept für diese erdgeschossigen Industriebauten. Die Praxis hat seither den Unterschied zwischen erd- und eingeschossig kaum (praktisch eher gar nicht) beachtet. Auch eingeschossige Industriebauten, die nicht als erdgeschossige Industriebauten eingestuft werden durften, wurden als solche geplant und genehmigt. Das Ausbleiben schwerwiegender Folgen aus dieser Regelabweichung bewog die Projektgruppe nunmehr zu entsprechenden Modifikationen der Richtlinie. Der Begriff des erdgeschossigen Industriebaus ist entfallen. Stattdessen wird der Begriff des eingeschossigen Industriebaus verwendet. Die Regelungen über eingeschossige Industriebauten werden an den entsprechenden Stellen ergänzt um Anforderungen, die zum Erreichen des Schutzniveaus der bisherigen erdgeschossigen Industriebauten führen. Dabei wurden zum Teil erhebliche Erleichterungen gegenüber der MIndBauRL-2014 für angemessen befunden und vorgesehen.

„Eingeschossige Industriebauten haben nur ein oberirdisches Geschoss; sie dürfen Kellergeschosse haben.“

Für eingeschossige Industriebauten (mit nur einem oberirdischen Geschoss) sind weiterhin beliebig viele Kellergeschosse zulässig. Das ist künftig auch für solche Industriebauten vorgesehen, die bislang als erdgeschossige Industriebauten keine Kellergeschosse haben durften. Von dieser Änderung sind insbesondere die folgenden Abschnitte der IndBauRL-2018 unmittelbar betroffen:

  • Abschnitt 6, Tab. 2: zulässige Größe der Brandabschnitte
  • Abschnitt 7.5.2: Brandbekämpfungsabschnittsflächen ohne Bemessung der Bauteile
  • Abschnitt 7.6: Brandbekämpfungsabschnittsflächen mit einer Größe von mehr als 60.000 m²

Es wird klargestellt, dass Dachflächen für das Aufstellen von Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung und für deren Räume nicht als Geschossdecken gewertet werden und nicht zu einer Geschossbildung führen.

Einbauten, Betriebseinrichtungen und begehbare Regale (3.9)

An der Begrifflichkeit der Einbauten als „begehbare Bauteile“ (also als Decken – nicht als Räume) wurden keine Änderungen vorgenommen.

Betriebseinrichtungen zählen weiterhin nicht zu den Teilen eines Gebäudes und werden – bislang noch – nicht von der MIndBauRL geregelt werden. Zu diesen Betriebseinrichtungen zählen insbesondere auch Regale als „Gestelle mit Regalböden zur Lagerung von Gütern“, die auf Decken des Gebäudes aufgestellt oder an Bauteilen wie Wänden oder Stützen befestigt werden. Regale, deren Tragwerke auch Teile des Gebäudetragwerks sind, zählen allerdings zu den Bauteilen des Industriebaus. Begehbare Regale zählen hingegen dann zu den Teilen des Industriebaus (mindestens aber ihre Bediengänge), wenn sie z.B. über „höhere Bediengänge“ verfügen und nicht mehr ausschließlich von der Decke aus bedient werden können. Begehbare Bauteile sind grundsätzlich Decken des Industriebaus. Dazu sagen die Erläuterungen:

„Bauformen für Lagerhaltungen, die von den vorgenannten Kriterien und Grundsätzen abweichen, können im Einzelfall als Abweichungen von der Richtlinie konzeptionell dargestellt, ingenieurgemäß im Verfahren nach Abschnitt 4.3 begründet und bei Erfüllung der Schutzziele des § 14 MBO genehmigt werden.“

Bei den ingenieurgemäßen Nachweisen für Lagerbühnen ist allerdings die aktuelle, bauordnungsrechtliche Risikobewertung gem. MIndBauRL für solche Flächen angemessen zu beachten: Die ehemaligen Geschossregelungen der MIndBauRL-2000 im Abschnitt 3.5
für Galerien und Emporen wurden letztlich als zu riskant beurteilt und durch die aktuellen Regelungen für Ebenen und Einbauten ersetzt. Seinerzeit waren auf bis zu 50 % der Raumgrundfläche Galerien und Emporen unter der Bedingung zulässig, dass deren Tragwerke wie Geschossdecken zu bemes-sen sind (Erläuterungen von 2000). An konkreteren Regelungen für begehbare Lagerflächen, die nicht allein mit den geltenden Vorschriften für Geschosse, Ebenen und Einbauten wirtschaftlich geplant und beurteilt werden können, wird seit Anfang 2019 in der Projektgruppe Industriebaurichtlinie gearbeitet. Dann sollen insbesondere großflächige (geschossähnliche) Lagerbühnen näher untersucht werden, die in der Praxis z.B. als großflächige Fachbodenregale auch übereinander angeordnet vorgesehen und bauaufsichtlich bereits genehmigt werden.

Abschnitt 4: Verfahren

Die Beschreibung der drei bekannten Nachweisverfahren ist unverändert. In Bezug auf die Anwendung von Methoden des Brandschutzingenieurwesens wird auf (§ 85a Abs. 1 Satz 3 MBO) verwiesen:

„Von den in den Technischen Baubestimmungen enthaltenen Planungs-, Bemessungs- und Ausführungsregelungen kann abgewichen werden, wenn mit einer anderen Lösung in gleichem Maße die Anforderungen erfüllt werden und in der Technischen Baubestimmung eine Abweichung nicht ausgeschlossen ist; §§ 16a Abs. 2, 17 Abs. 1 und 67 Abs. 1 bleiben unberührt.“

Bei der Anwendung dieser MBO-Regelung wird in den einzelnen Bundesländern besonders auf die Ausführungen der jeweiligen VV-TB zu achten sein. […]

Info der Redaktion: Eine neue Entwurfsfassung der MIndBauRL zur Notifizierung steht auf der Internetseite der IS-Argebau als pdf zur Verfügung:
  Industriebau-Richtlinie - MIndBauRL zur Notifizierung mit Änderungen (Entwurf Stand Mai 2019)

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 3.2019 des FeuerTrutz Magazins (Mai 2019) als erster Teil eines Beitrages zu den Neuerungen in der Industriebaurichtlinie 2019 erschienen. Der Autor behandelt im ersten Teil außerdem den Abschnitt 5: Allgemeine Anforderungen.

Teil 2 des Artikels informiert über die derzeit geplanten Änderungen bei den Anforderungen an Baustoffe und Bauteile sowie an die Größe der Brandbekämpfungsabschnitte. Zudem wird die Weiterentwicklung von Anhang 1 der MIndBauRL „Nachweisführung mit den Methoden des Brandschutzingenieurwesens“ diskutiert.

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Autor

Dr.-Ing. Jürgen Wiese studierte Bauingenieurwesen an der TU Braunschweig und promovierte dort zu einem Thema des baulichen Brandschutzes. Nach langjähriger Tätigkeit als Referatsleiter für den vorbeugenden Brandschutz und für Allgemeine Schadenverhütung beim Verband der Sach- und später Schadenversicherer in Köln wechselte er 1997 zur Sachverständigenpartnerschaft „Halfkann und Kirchner“. Dort betreut er seither das Sachgebiet Fire-Engineering als Wissenschaftlicher Leiter.

Literatur

[1] Rübel, J.: „Neuerungen in der MIndBauRL“; Braunschweiger Brandschutz-Tage 2018 – Tagungsband S. 205 ff; Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz (iBMB); Materialprüfanstalt für das Bau­wesen (MPA) Braunschweig; Heft 234; ISBN 978-3-89288-219-0

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Letzte Aktualisierung: 17.06.2019

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