Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall

Sicherheitstechnische Anlagen und Einrichtungen in Gebäuden besonderer Art oder Nutzung benötigen eine gesicherte Stromversorgung, damit sie auch im Brandfall ihre Schutzwirkung entfalten. Dabei kommt elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall eine besondere Bedeutung zu. Der Beitrag erläutert die Anforderungen und Planung dieser besonderen Leitungsanlagen.

Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall
Abb. 1: Nicht untypischer Kuddelmuddel in der Haustechnik und kein fachgerechter Funktionserhalt (Bild: Karl-Olaf Kaiser)

Juni 2020 / Von Karl-Olaf Kaiser. Die Nachricht aus Juni 2015 [2], auf der Baustelle des neuen Berliner Hauptstadtflughafens seien die Mängel an den elektrischen Leitungsanlagen beseitigt, ca. 35 km neue Hauptkabel verlegt und 2,5 km Kabeltragsysteme saniert, sorgte bei Laien für Kopfschütteln – wie können solche Mängel entstehen, wenn Profis am Werk waren? Fachleute zuckten mit den Schultern und sagten sich: "nichts Neues" – wohl wissend, dass dies wohl nur die Spitze eines Eisbergs ist, weil in vielen Sonderbauten zahlreiche sicherheitstechnische Anlagen bauordnungsrechtlich vorgeschrieben sind, um die gesetzlichen Schutzziele zu gewährleisten. Abhängig von der Art oder Nutzung des Gebäudes kann der Umfang der Sicherheitsanlagen beträchtlich sein, z.B. in Hochhäusern u.a.:

  • Brandmeldeanlagen,
  • Sprachalarmierungsanlagen,
  • Sicherheitsbeleuchtungsanlagen,
  • automatische Feuerlöschanlagen,
  • Feuerwehraufzüge inkl. Druckbelüftungsanlagen,
  • Druckbelüftungsanlagen für Sicherheitstreppenräume,
  • Brandfallsteuerungen für Personenaufzüge.

Daneben kann es bei besonderen Belangen des Bauherrn erforderlich sein, weitere Sicherheitsanlagen vorzusehen, z.B. Gaslöschanlagen für Räume mit erhöhten Sachschutzanforderungen (Serverräume usw.).

Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 2.2020 des FeuerTrutz Magazins (April 2020) erschienen.

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Gewerkekoordination durch Architekten obligatorisch

Fachleute wissen: Viele Gewerke – viele Schnittstellen und Berührungspunkte. Und genau das ist bei der Planung des Funktionserhalts von elektrischen Leitungsanlagen im Brandfall der Fall. Dieser Umstand sollte Architekten sensibilisieren, denn für das Ineinandergreifen der verschiedenen Fachplanungen sind sie bauordnungsrechtlich verantwortlich. Insofern sollten sie die Schnittstellen und jeweiligen Planungsaufgaben frühzeitig definieren. Es ist z.B. zu klären, was oberhalb der Leitungswege installiert wird (haustechnische Anlagen, Dämmung, z.B. in Tiefgaragen usw.) und woran sie befestigt werden (Stichworte: Feuerwiderstandsfähigkeit einer Dachkonstruktion, handelt es sich um Massivbauteile). Ggf. muss in Teilbereichen die erforderliche Dämmung unterhalb der Decke brandschutztechnisch gesichert befestigt werden (siehe Abbildung 2) oder eigentlich ungeschützte Dachkonstruktionen müssen in Teilbereichen einen Feuerwiderstand bzgl. der Tragfähigkeit aufweisen. Die Beteiligten müssen des Weiteren abstimmen, bis zu welchem Übergabepunkt der Funktionserhalt durch den Elektroplaner geplant wird und ab wo der jeweilige Fachplaner übernimmt. Dies betrifft neben der Spannungsversorgung auch die Signalübertragung für Steuerungs- oder Schaltbefehle der Sicherheitsanlagen, sofern diese ebenfalls über Leitungsanlagen mit Funktionserhalt erfolgen muss. Das interdisziplinäre Verständnis des Architekten und der kritische Dialog mit den Fachplanern sind in der Planung ein Schlüssel, um spätere Stolperstellen zu minimieren.

Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall
Abb. 2: Unklassifizierte Befestigung für Deckendämmung oberhalb von Funktionserhaltleitungsanlagen (Bild: Karl-Olaf Kaiser)

Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB 2019/1)

Für die Planung, Bemessung und Ausführung der in der Musterbauordnung im § 3 definierten elementaren Schutzgüter (z.B. öffentliche Sicherheit, Gesundheit und Leben) [3] sind in der MVV TB zahlreiche Konkretisierungen für sicherheitstechnische Anlagen enthalten.

Mit Veröffentlichung der fortgeschriebenen – und nunmehr zweiten – Fassung der MVV TB Anfang Januar 2020 geht die Einführung einer „Technischen Regel Technische Gebäudeausrüstung (TR TGA) Stand Mai 2019“ einher. Diese ist in der MVV TB als Anhang 14 bekannt gemacht [3]. Demnach werden für zahlreiche der dort baurechtlich aufgeführten sicherheitstechnischen Anlagen und deren Stromversorgung sowie ggf. Signalübertragung Anforderungen an das Brandverhalten und den Funktionserhalt unter Brandeinwirkung gestellt. Dazu wird zum einen die auch schon bisher bekannte maßgebliche Technische Regel, die Muster-Leitungsanlagenrichtlinie, in Bezug genommen (lfd. Nr. A 2.2.1.8), die im folgenden Abschnitt dieses Artikels erläutert wird. Neben diesen Planungsregeln finden sich auch Informationen zu Leistungseigenschaften der Bauprodukte und Bauarten, die für elektrische Leitungsanlagen mit Funktionserhalt mindestens in Deutschland derzeit maßgeblich sind. Diese sind im Anhang 4 der MVV TB, dort lfd. Abschnitt 2.2, festgelegt. Unverändert müssen sie – in Ermangelung einer europäischen harmonisierten Bauproduktennorm – bei dreißig Minuten E30 gemäß DIN 4102-12:1998-11 klassifiziert sein (und analog für sechzig resp. neunzig Minuten: E60 resp. E90).

Hinweis: Anforderungen zum Brandverhalten von elektrischen Leitungsanlagen mit integriertem Funktionserhalt sind gemäß DIN EN 50575:2014 + A1:2016 explizit nicht notwendig. Die DIN EN 50575 besagt, dass „Kabel und Leitungen, die für die Elektrizitätsversorgung, Kommunikation, Brandmeldung und Alarm in Gebäuden und anderen Bauwerken bestimmt sind, bei denen es unerlässlich ist, die Kontinuität der Strom- und/oder Signalversorgung der Sicherheitseinrichtungen wie Alarm, Wegweiser und Löschanlagen sicherzustellen, [...] nicht Gegenstand der Norm (sind).“

Weitere Informationen s. „Neuerungen für das Brandverhalten elektrischer Kabel“ im FeuerTrutz Magazin Ausgabe 2.2019 [4]. Neben den Bemessungsregeln sind in der MVV TB auch die erforderlichen baurechtlichen Nachweise für Bauprodukte definiert. Für technische Gebäudeausrüstungen, die hinsichtlich ihres Verwendungszwecks bestimmte Grundanforderungen nach Art. 1 Abs. 1 der europäischen Bauproduktenverordnung an bauliche Anlagen und ihre Teile nicht erfüllen (und die weiteren harmonisierten Rechtsbereichen unterliegen, wie z.B. der Niederspannungsrichtlinie), ist zum Nachweis der fehlenden wesentlichen Merkmale unter den Voraussetzungen des § 17 Abs. 1 MBO ein (nationaler) Verwendbarkeitsnachweis erforderlich, d.h. entweder

  • eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ),
  • sofern in der MVV TB Teil C 4 definiert:
    ein allgemeines bauaufsichtliches Prüfzeugnis (abP) oder
  • eine Zustimmung im Einzelfall (ZiE).

Diese Systematik betrifft bzgl. des fehlenden wesentlichen Merkmals „Funktionserhalt im Brandfall“ gemäß MVV TB lfd. Nr. B 3.2.1.32 u.a. Verteiler in elektrischen Leitungsanlagen mit Anforderungen an den Funktionserhalt im Brandfall.

Für elektrische Kabelanlagen mit Anforderungen an den Funktionserhalt im Brandfall ist zum Nachweis des fehlenden wesentlichen Merkmals gemäß Ziffer B 3.2.3.1 MVV TB 2019/1 ein Übereinstimmungsnachweis nach C 4.9 erforderlich. Dieser Querbezug in der MVV TB führt zu den definierten Bauarten zur Herstellung von elektrischen Kabelanlagen, an die Anforderungen hinsichtlich des Funktionserhalts unter Brandeinwirkung gestellt werden und für die aufgrund der baurechtlichen Festlegungen anstelle von einer abZ ein abP zum Nachweis ausreichend ist, siehe u.a. lfd. Nr. C 4.9.

Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall
Abb. 3: Der Systemboden kann im Brandfall ggf. den Funktionserhalt beeinflussen (Bild: Karl-Olaf Kaiser)

Muster-Leitungsanlagenrichtlinie (MLAR)

Für die Planung, Ausführung und den Betrieb von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt ist somit die MLAR [3] für alle am Bau Beteiligten maßgebliche Informationsquelle. Die qualitativen Anforderungen an Sicherheitsanlagen, die gemäß den jeweiligen Sonderbauvorschriften erforderlich sind, werden u.a. durch die MLAR konkretisiert. In Kapitel 5 der MLAR sind genaue fachspezifische und – auch die oben erwähnten – gewerkeübergreifende Anforderungen für die Planung und Errichtung des Funktionserhalts zu finden. Funktionserhaltsleitungsanlagen für bauordnungsrechtlich geforderte Anlagen müssen auch in Wechselwirkung mit anderen Einrichtungen und Anlagenteilen funktionieren. Sollen z.B. Leitungsanlagen für die Sicherheitsbeleuchtung, die einer Funktionserhaltdauer von 30 Minuten bedürfen, in einer großen Tiefgarage vorgesehen werden, muss der Architekt dies bei der Planung der Deckendämmung berücksichtigen. Dann darf das im Brandfall mögliche Herabfallen der schweren Dämmung, die ggf. mit brennbaren Dübeln verankert wurde, nicht zur Zerstörung der empfindlichen Leitungen führen. Eine Lösung könnte in diesem Fall eine nichtbrennbare Befestigung der Deckendämmung sein. Gleiches gilt auch an anderen Stellen, wenn z.B. elektrische Leitungsanlagen auf dem Boden verlegt werden. Dann muss u.a. die Tragfähigkeit eines darüber befindlichen Systembodens mind. die korrespondierende Feuerwiderstandsklasse aufweisen, und ggf. müssen weitere Schutzmaßnahmen getroffen werden (siehe Abbildung 3). Gleiches gilt für die Montage von Tragsystemen der Funktionserhaltsleitungsanlagen an Bauteilen. Werden E90-Leitungen an feuerhemmenden Bauteilen befestigt, stellt dies eine Abweichung von der MLAR dar und bedarf der besonderen Beurteilung bzgl. der Schutzziele. Regelkonform wären diese Bauteile feuerbeständig zu dimensionieren. Das feingliedrige Netz des Funktionserhalts hat im Gebäude somit überall seine Querungs- und Berührungspunkte und kennt keine Grenzen von Kostengruppen.

Erforderliche Funktionserhaltdauer im Brandfall

In Kapitel 5 MLAR sind des Weiteren die jeweilige bauordnungsrechtliche Dauer des Funktionserhalts sowie mögliche Erleichterungen definiert. Es gibt i.W. zwei Gruppen, die berücksichtigt werden müssen: auf der einen Seite den Funktionserhalt mit einer Dauer von 30 Minuten (d.h. E30), z.B. für:

  • Brandmeldeanlagen,
  • Sprachalarmierungsanlagen,
  • Sicherheitsbeleuchtungsanlagen,
  • Brandfallsteuerungen für Personenaufzüge.
 

Auf der anderen Seite gibt es Anlagen, die der Feuerwehr dienen und einen längeren Funktionserhalt (90 Min.) benötigen. Das gilt z.B. für:

  • Feuerwehraufzüge inkl. Druckbelüftungsanlagen,
  • Druckbelüftungsanlagen für Sicherheitstreppenräume,
  • automatische Feuerlöschanlagen,
  • Druckerhöhung für Wandhydranten,
  • maschinelle Rauchabzugsanlagen.

Bauliche Trennung oder Beschaffenheit?

Die MLAR besagt, dass der Funktionserhalt der elektrischen Leitungsanlagen im Brandfall auf zwei Arten gewährleistet werden kann: entweder durch bauliche Abtrennung oder durch die Beschaffenheit der elektrischen Leitungsanlagen.

Bauliche Trennung

Bei dieser ersten Lösungsmöglichkeit müssen die Leitungsanlagen durch feuerhemmende oder feuerbeständige Bauteile geschützt werden, sodass sie bei einem Feuer – außerhalb der definierten Bereiche – nicht betroffen sind und der Stromfluss nicht unterbrochen wird. Man erreicht diese bauliche Abtrennung für die Leitungen z.B. durch Funktionserhaltkanäle (E-Kanäle).

Diese Kanäle dürfen keinesfalls mit sogenannten I-Kanälen verwechselt werden, bei denen das Schutzziel darin besteht, einen Brand innerhalb der Kanäle abzuschotten, um z.B. Personen in notwendigen Fluren vor schädigenden Wirkungen eines Kabelbrands zu schützen. Obwohl die Kanäle vermeintlich gleich aussehen, ist die Brandschutzdimensionierung unterschiedlich, was mit der Richtung der Temperaturbeanspruchung im Brandfall zusammenhängt.

Beschaffenheit der Leitungsanlagen

Häufig wird in der Planung die zweite Lösungsmöglichkeit vorgesehen und der Funktionserhalt durch die Beschaffenheit der Leitungen erzielt. Sie setzt sich aus zwei wesentlichen Eigenschaften zusammen:

  • Integrierter Funktionserhalt: Die einzelnen Kupferleiter der Kabel sind mit einer nichtbrennbaren Schutzschicht versehen, die ein direktes Berühren der Adern verhindert, sodass es nicht zum Kurzschluss kommen kann (siehe Abbildung 4). Die Schutzwirkung wird im Brand also nicht durch die orange Isolierung erreicht, sondern durch die für den Betrachter üblicherweise nicht sichtbaren speziellen Aderisolierungen auf den Kupferleitern. Genau deswegen sind auch die im Vergleich zu herkömmlichen (grauen) Elektroleitungen (mit Isolierungen bis 500 V), größeren Biegeradien von orangen Funktionserhaltkabeln (mit Isolierung bis 1.000 V) zu beachten, da für die Ausfädelung mehr Platz beansprucht wird. Sind z.B. die Höhen von Systemböden oder Unterdecken zu knapp bemessen, kann dies auf der Baustelle zu erheblichen Problemen bei den Schnittstellen mit Schächten führen.
  • Trage- und Befestigungsmittel: Die empfindlichen Leitungen könnten gleichwohl versagen, wenn es durch herabfallende Gegenstände zum Leiterbruch oder Kurzschluss kommt.

Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall
Abb. 4: Elektrische Leitung mit integriertem Funktionserhalt u.a. mittels (weißer) Keram Isolierung auf dem Kupferleiter (ohne dazugehöriges Tragsystem) (Bild: Dätwyler Cables GmbH)

Daher wird der Funktionserhalt nur in Kombination mit brandschutztechnisch dimensionierten Trage- und Befestigungsmitteln erzielt. Je nachdem, ob sie als sogenannte Normkonstruktionen (konservativ bemessene Tragsysteme) oder mit besonderem bauaufsichtlichem Nachweis dimensioniert sind, ergeben sich verschiedene Auswirkungen z.B. auf den Hochbau und die übrigen TGA-Gewerke. Bestenfalls werden Leitungen mit Funktionserhalt in die oberste Installationsebene gelegt, da es dann von oben kaum noch einwirkende Wechselwirkungen geben kann. Solche Planungsentscheidungen sollten im Entwurfsstadium abgestimmt und koordiniert und nicht den Ausführenden auf der Baustelle überlassen werden.

Funktionserhalt der Verteiler

Beim Funktionserhalt ist auch den Verteilern besondere Aufmerksamkeit zu widmen, weil auch sie gemäß MLAR Abschnitt 2.1 zu den elektrischen Leitungsanlagen gehören. Analog zu den Leitungen kann der Funktionserhalt entweder durch eine bauliche Abtrennung oder ihre Beschaffenheit gewährleistet werden. Insofern muss das Planungsteam frühzeitig abstimmen, welche Planungsvarianten im Gebäude realisiert werden sollen.

Bauliche Abtrennung

Eine Möglichkeit besteht gemäß MLAR Abschnitt 5.2.2 a darin, die Verteiler von Sicherheitsanlagen mit Funktionserhalt in eigenen, für andere Zwecke nicht genutzten Räumen aufzustellen. Für diese Lösungsvariante muss der Architekt den entsprechenden Flächenbedarf in der Geschossplanung berücksichtigen – erneut eine Schnittstelle und hochbauliche Planungsanforderung. Die übrigen Beteiligten müssen diese Räume meiden, d.h. keine querenden Lüftungsleitungen oder Rohrleitungen etc.

Kritische Temperaturen müssen für den Regelbetrieb und den Brandfall planerisch ausgeschlossen werden (z.B. bei einem Brand im Nachbarraum und wenn die Temperatur entsprechend der Prüfnorm auf der brandabgewandten Seite zulässigerweise schon im Mittel 140 °C betragen darf). Für Verteiler, z.B. in einem Technikgeschoss im Dach, darf auch im Sommer eine definierte mittlere Temperaturerhöhung nicht überschritten werden. Der Wert der mittleren täglichen Maximaltemperatur darf aus elektrotechnischen Gründen nicht mehr als 35 °C betragen. Auch für die Luftfeuchtigkeit gelten elektrotechnische Grenzwerte im Raum. Deshalb müssen solche Räume mit einem ausreichend großen Raumvolumen dimensioniert sein. Sofern die Temperaturüberschreitung für heiße Sommermonate nicht ausgeschlossen werden kann, sind z.B. Kühlaggregate einzuplanen. Diese sind dann als Bestandteile der sicherheitstechnischen Anlage mittels Funktionserhaltleitungsanlagen an die unterbrechungsfreie Stromversorgung anzuschließen. Die Alternative ist eine entsprechend dimensionierte Lüftungsanlage.

Neben den Anforderungen der MLAR müssen für definierte Sicherheitsanlagen weitere baurechtliche Bestimmungen beachtet werden. Bezüglich der beschriebenen elektrotechnischen Herausforderungen sei daher auf die Muster-Verordnung über den Bau von Betriebsräumen für elektrische Anlagen – EltBauVO hingewiesen, die als TBB in der MVV TB 2019/1 unter der lfd. Nr. A 2.2.1.10 gelistet ist.

Planung von elektrischen Leitungsanlagen mit Funktionserhalt im Brandfall
Abb. 5: Brandschutzgehäuse mit elektrischen Leitungsanlagen (Bild: Priorit AG)

Beschaffenheit der Verteiler und Brandschutzgehäuse

Unter Berücksichtigung der oben benannten Aspekte ist es z.B. zur Flächenoptimierung planerisch interessant, Brandschutzgehäuse einzusetzen, um den Funktionserhalt von Verteilern sicherzustellen. Wegen ihrer kompakten Bauweise sind die Herausforderungen im Brandfall groß, denn es ist mit einem zusätzlichen Wärmeeintrag von außen in das Gehäuse zu rechnen.

Vor allem kann im Gehäuse durch austretenden Wasserdampf aus den Feuerschutzplatten (kristallin im Gips gebunden) Luftfeuchtigkeit entstehen. In den vergangenen Jahren haben sich diesbezüglich folgende Lösungsansätze als besonders praktikabel herausgestellt:

  • bauaufsichtlich geprüfte Brandschutzleergehäuse inkl. der elektrischen Komponenten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage. Dazu wird eine eigene Brand-Typprüfung in einer zertifizierten Materialprüfstelle durchgeführt, die den Funktionserhalt der im Brandschutzgehäuse eingebauten elektrischen Komponenten im Brandfall unter Last nachweist. Der bauaufsichtliche Nachweis wurde in der Vergangenheit über eine abZ, und wird inzwischen über eine aBG (allg. Bauartgenehmigung) für das Gesamtsystem (Brandschutzgehäuse + elektrische Einbauten) bestätigt (vgl. dazu MLAR Abschnitt 5.2.2 b). Abhängig von dem Ausstellungsdatum sind zz. auf dem Markt beide Verwendbarkeitsnachweise zu finden. Meist handelt es sich bei dieser Variante um Produkte von Herstellern, die ausschließlich Bauteile ihrer jeweiligen sicherheitstechnischen Anlage als Kompaktlösung anbieten, z.B. Hersteller von Sicherheitsbeleuchtungsanlagen. Insofern muss beachtet werden, dass bei der Umsetzung dieser Lösung auf der Baustelle die typgeprüften elektrischen Einbauten nur in der genauen Anordnung im Brandschutzgehäuse verwendet werden, was die Flexibilität der Belegung einschränkt resp. eben besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Nicht wesentliche Abweichungen von den abZ/aBG im Sinne der Landesbauordnungen sind jedoch möglich.
  • Brandschutz-Leergehäuse mit einer abZ als Leergehäuse nach MLAR Abschnitt 5.2.2 c. Diese Brandschutzgehäuse sind für den Einbau elektrischer Komponenten als Bestandteil einer und auch mehrerer verschiedener sicherheitstechnischer Anlagen geeignet, um den Funktionserhalt zu gewährleisten. Der Funktionserhalt muss bei dieser Produktlösung laut abZ des Leergehäuses allerdings gesondert dokumentiert werden.
    Dieser gesonderte Nachweis stellt bisher immer eine große Herausforderung für alle am Bau Beteiligten dar, insbesondere für den Fachplaner Elektro. Für das Nachweisverfahren der z.T. sehr individuellen elektrotechnischen Bestückungskonfigurationen in Bauvorhaben gibt es seit neuem eine Simulationsmethode, die die umfangreiche Erfahrung aus einer Vielzahl von Brandprüfungen aktiviert. Dabei wird das „Innenleben“ des elektrotechnisch bestückten Brandschutzgehäuses in voller Funktion für den Brandfall simuliert – unter Nachbildung der Temperatur- und Feuchtigkeitswerte, die in einem Brandschutzleergehäuse innerhalb eines realen Brandtests gemessen wurden. Dieser Prüfprozess wird durch die TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH begleitet und überwacht und der Funktionserhalt der
    Schaltanlage in einem Prüfbericht dokumentiert. Für die Nachweisführung im Sinne der MLAR Abschnitt 5.2.2 c, sind in diesem Fall z.B. u.a. die abZ des Brandschutzleergehäuses in Kombination mit dem Prüfbericht der Brandsimulation der individuellen Bestückung sowie die jeweilige Übereinstimmungserklärung des Unternehmens (das den Regelungsgegenstand errichtet hat) zu den beiden vorgenannten Dokumenten gegenständlich. Vorteile dieses Verfahrens, z.B. gegenüber dem nachfolgend beschriebenen, sind u.a. der zerstörungsfreie Nachweis der elektrischen Komponenten im Brandschutzgehäuse, geringere Kosten als bei in-situ-Brandprüfungen der Gesamtkonfiguration. Darüber hinaus erfordert der Vorlauf für eine solche Simulationsprüfung zudem relativ wenig Zeit, und es können sogar mehrere Prüfungen an einem Tag umgesetzt werden – was bei Zeitproblemen im Bauablauf sehr hilfreich sein kann. Der Anbieter des Verfahrens ist zudem seit Ende 2019 autorisiert, die Brandschutzleergehäuse – im Rahmen der Zeichengenehmigung – mit dem markenrechtlich geschützten VDE-Zeichen zu versehen.
  • Brandschutz-Leergehäuse mit elektrischen Einbauten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage, für die eine gleichwertige eigene Brandtypprüfung in einer zertifizierten Materialprüfstelle durchgeführt werden muss, die den Funktionserhalt der elektrischen Komponenten im Brandfall unter Last nachweist. Da das Brandschutz-Leergehäuse bereits über einen bauaufsichtlichen Nachweis (abZ) (im Sinne der MLAR Abschnitt 5.2.2 c) verfügt, genügt als Nachweis für den Funktionserhalt der eingebauten elektrischen Komponenten ein Typprüfbericht. Auch da gilt, dass nur die typgeprüfte Anordnung elektrischer Einbauten verwendet werden darf, was bei der Ausführung usw. besonderer Aufmerksamkeit bedarf und die Flexibilität einschränkt.

Fazit

Bei der Planung und Errichtung von Funktionserhaltsleitungsanlagen ergeben sich zahlreiche Schnittstellen zu den Gewerken des Hochbaus und zur übrigen TGA. Allein in Bezug auf den Platzbedarf hat die Wahl der technischen Lösung erhebliche Auswirkungen auf die Entwurfsplanung, und deshalb ist auch der/die Architekt/-in*in bei der Gewerkekoordination gefragt. Des Weiteren ist eine frühzeitige Abstimmung der verantwortlichen Elektro- und Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik-Fachplaner unerlässlich, um einen Funktionserhalt der elektrischen Anlage sicherzustellen und den erforderlichen bauaufsichtlichen Nachweis zu führen.

Autor

Dipl.-Ing. Karl-Olaf Kaiser: Studium der Sicherheitstechnik mit Schwerpunkt Brand- und Explosionsschutz; Freier Brandschutzconsultant; Referent u.a. für FeuerTrutz, DSF, EIPOS, VDI, Caribbean School of Architecture (Jamaica)

Literatur

[1] Kaiser, Karl-Olaf: Brandschutztechnische Bauüberwachung in der Haustechnik, 1. Auflage, Feuertrutz Verlag, Köln

[2] www.tagesspiegel.de/berlin/­flughafen-berlin-brandenburg-hoppla-am-ber-sind-die-kabel-endlich-entheddert/11872060.html , ­Zugriffsdatum 07.02.2020

[3] www.bauministerkonferenz.de

[4] FeuerTrutz Magazin 2.2019 ­"Neuerungen für das Brandverhalten elektrischer Kabel"

Der Artikel ist in Ausgabe 2.2020 des FeuerTrutz Magazins (April 2020) erschienen.

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Anm. d. Redaktion: Der vorherige Artikel an dieser Stelle "Funktionserhalt richtig planen" aus 2017 wurde durch diesen Beitrag ersetzt.

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Letzte Aktualisierung: 02.06.2020

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