Streit um extrapolierte abP

Die Bauministerkonferenz der Länder hat eine Übergangsregelung zu den allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnissen (abP) veröffentlicht. Über die Hintergründe, Auswirkungen und Konsequenzen berichtet dieser Beitrag aus dem Brennpunkt des FeuerTRUTZ Magazin 3.2014.

Archiv 2014-05 Brennpunkt abP
In einigen Trockenbau-abP sind neben geprüften auch extrapolierte Konstruktionen enthalten. Diese behandeln z. B. große Wandhöhen bei Schachtwänden (Symbolfoto) oder große Querschnitte von Lüftungskanälen. (Foto: Peter Wachs)

Mai 2014 /Von Thorsten Mittmann. Gebaut wird in Deutschland nicht erst seit den vergangenen 20 Jahren. Über einen langen Zeitraum (die aktuell zu verwendende DIN 4102-2 datiert aus dem Jahr 1977) wurden bereits Brandprüfungen zur Bestimmung des Feuerwiderstandes von Konstruktionen durchgeführt.
Die Baupraxis und die Ergebnisse der Brandprüfungen zusammenzuführen, hat in der Vergangenheit gut geklappt. Es sind zumindest Aufschreie nach Brandereignissen, wie z. B. aktuell bei Wärmedämmverbundsystemen, über im Brandfall versagende Konstruktionen ausgeblieben. Wenn es dennoch zu einer Ausbreitung eines Brandes gekommen ist, waren sich die Experten meistens einig, dass die Ausführung bzw. die Wartung ursächlich für eine Brandausbreitung war und nicht eine brandschutztechnisch mangelhaft konstruierte Bauart.

Brandprüfung spiegelt nicht die Realität wider

Allen Beteiligten muss daher klar gewesen sein, dass die Brandprüfung einen Worst Case darstellt, zum einen hinsichtlich der Brandbeanspruchung (z. B. ständig steigende Temperatur im Brandraum), zum anderen aber auch hinsichtlich der Rand- und Lagerungsbedingungen des Probekörpers. Es werden im Regelfall Einzelbauteile geprüft und selten größere Tragwerkseinheiten. Das ist konsequent, da auch „im Kalten“ meistens Nachweise am Einzelbauteil geführt werden, die dann durch Festlegungen von Konstruktionsgrundsätzen zu einem Bauwerk zusammengeführt werden. Das wäre die normale Sichtweise, wenn nicht ein Teil der am Bau Beteiligten jetzt die Ansicht vertreten würde, dass die Prüfung nicht eine Vereinfachung der Realität darstellt, sondern die Realität selbst, d. h.: Die Prüfung wird als die Realität und jegliche Abweichung von der Prüfung als kritisch angesehen. Und dies vor dem Hintergrund, dass die nationalen Normen ca. 35 Jahre alt sind und nach dieser Sichtweise immer noch den Stand der Technik repräsentieren sollen.
In der Vergangenheit wurde damit pragmatisch umgegangen, da die Prüfstellen je nach dem Ergebnis der Brandprüfungen und den Erkenntnissen über die Konstruktionsbedingungen der geprüften Bauteile die Abwandlungen der Konstruktionen begutachtet haben. Mit Novellierung der Bauordnung im Jahr 1997 wurden die bis dahin existierenden Begutachtungen in die abP überführt, da die Konstruktionen bis dahin bereits seit Jahren in der gleichen Weise ausgeführt wurden. Dabei haben allerdings die Prüfstellen teilweise nicht beachtet, dass es sich bei den abP um Verwaltungsakte handelt, bei denen, unabhängig von dem jeweils Ausstellenden, in jeder Prüfstelle das gleiche Ergebnis herauskommen muss.
Dass dies nicht so gewesen ist, zeigte der unterschiedliche Inhalt der abP, was in letzter Konsequenz zur Folge hatte, dass die Obersten Bauaufsichten das bis dahin praktizierte Verfahren stoppten. Die Folgen mögen ggf. nicht vollständig absehbar gewesen sein.

Keine Einigung bei Extrapolation

Fakt ist, dass die Abstimmung von Extrapolationsregeln in einem demokratischen Prozess innerhalb der Prüfstellen nicht zu einer Lösung führte, die alles festschrieb, so wie es vor 1997 war, sondern aufgrund der heterogenen Zusammensetzung und der gewachsenen Zahl der Prüfstellen zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner für die Beteiligten führte. Dies ist nicht ausschließlich auf die unterschiedlichen Sichtweisen der Prüfstellen zurückzuführen, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass man, ohne einen konkreten Probekörper vor Augen zu haben, das Verhalten und die erzielbaren Ergebnisse in der Brandprüfung im Vorfeld nicht in Worte (einen Beschluss) fassen kann. Dies wäre aber die einzige Möglichkeit gewesen, Extrapolationsregeln deutschlandweit aufzustellen.
Teilweise wurde in der Vergangenheit das Verhalten von Probekörpern mit ingenieurmäßigem Denken erfasst und bei der Begutachtung berücksichtigt; dabei muss es während der Prüfung nicht zwangsläufig zu einem Versagen von Leistungskriterien gekommen sein. Auch dies ist in der Form eines Beschlusses nur schwer bis gar nicht zu erfassen. Daher greift der Vorwurf an die Prüfstellen zu kurz, dass sie in der Vergangenheit keine oder kaum Beschlüsse erarbeitet hätten.
Fraglich ist außerdem, wie man in einem Gebäude, das mit Abweichungen von Vorschriften der jeweiligen Bauordnung errichtet werden kann, den Innenausbau mit „Verwaltungsakten“ realisieren soll, bei denen allein die Anschlussrandbedingungen auf eine geprüfte Konstruktion, z. B. an einem Prüfrahmen, zurückzuführen ist. Von Bestandsbauten, bei denen u. U. gänzlich andere Randbedingungen zu finden sind, ganz zu schweigen.

Details im Prüfzeugnis

Hier ist für die Zukunft die grundsätzliche Frage zu stellen, welchen Stellenwert räumen wir dem bauaufsichtlichen Nachweis ein. Enthält dieser im Wesentlichen die nachgewiesene Konstruktion mit der erreichten Feuerwiderstandsdauer und außerdem z. B. von einer Prüfanstalt begutachtete Anschlussdetails, die dann direkt auf der Baustelle verwendet werden können, oder will man nur noch einen prinzipiellen Nachweis, der zwar einer Konstruktion einen Feuerwiderstand bescheinigt, die darin enthaltenen Einbaudetails (und damit die Anwendung auf der Baustelle) aber nur noch in z. B. 20 % der Fälle abdeckt. Letzteres deutet sich zurzeit an. Die Frage für den Endanwender ist: Wie gehe ich damit um? Wer liefert die Details, die für diese unzweifelhaft wichtigen Konstruktionen erforderlich sind: der Brandschutzkonzeptersteller, der Hersteller von Komponenten der Konstruktion oder der Anwender selbst? Hier ist eine Lücke vorhanden, die schnellstens gefüllt werden muss. Das sich mittlerweile in der Praxis eingebürgerte Verfahren, dass nichts mehr abgenommen wird, was nicht in einem Nachweis enthalten ist, wird letztendlich den Ausführenden auf der Baustelle treffen. Dieser verfügt meistens nicht über den brandschutztechnischen Sachverstand, um diese Abweichungen und ggf. erforderliche brandschutztechnische Kompensationen zu bewerten.
Die ab dem 01.04.2014 bis Ende 2014 möglichen sogenannten „Deckblatt-abP“ erlauben nur, was geprüft ist. Sie stellen damit zwar formal den erforderlichen Nachweis im bauaufsichtlichen Verfahren dar, die praktische Anwendung kann aber als nicht gegeben angesehen werden. Diese Art der Nachweisführung wurde bereits zur Einführung der abPs 1998 kreiert, da es nur schwer bis gar nicht machbar gewesen ist, die Vielzahl an Prüfzeugnissen quasi über Nacht in bauaufsichtliche Nachweise umzuwandeln. Jetzt stellt dies sicherlich erneut eine Notlösung dar, die den Prüfstellen und Herstellern Mehrarbeit verschafft, um die formalen Anforderungen zu befriedigen, aber an der eigentlichen Baupraxis vorbeigeht. Für die praktische (und nicht die formale) Anwendung ist der Stellenwert eines solchen abP stark eingeschränkt, da mit den ausschließlich geprüften Lösungen eine praxisorientierte Anwendung auf der Baustelle ausscheidet.

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Welche Nachweise sind geeignet?

Die Frage ist daher, ob ein Verwaltungsakt in dieser Form überhaupt eine Nachweisführung im bauaufsichtlichen Verfahren darstellen kann. Wenn ja, so ist die nächste Frage, wie für die Zukunft brandschutztechnisch sicherere Lösungen auch rechtssicher und baubar im Nachweissystem verankert werden können. Dabei sollte immer im Blick behalten werden, dass in jedem Fall eine Lösung für die Baustelle gefunden wird, aber im schlimmsten Fall eine, die im Brandfall nicht funktioniert und somit ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte.
Die zurzeit praktizierte Einführung allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassungen (abZ) für ähnliche Bauarten wie im abP-Bereich wird die Übersichtlichkeit und rechtssichere Anwendung für den Endanwender nicht erhöhen. Zumal in Deutschland auch jetzt schon als „dritter Weg“ parallel mit europäischen Klassifizierungsberichten (teilweise mit europäisch nicht harmonisierten Extrapolationen) bewusst abseits der Vorgaben des bauaufsichtlichen Verfahrens gebaut wird, nur um (scheinbar) Lösungen für die Baustelle zu haben und nicht Nachweise, die bescheinigen, was alles nicht erlaubt ist, oder kaum Aussagen für eine praxisgerechte Ausführung enthalten.
Die derzeitige Situation wieder in geordnete Bahnen zu lenken, wird die Herausforderung für alle am Beteiligten (z. B. Bauaufsicht, Hersteller, Ausführende und Prüfstellen) sein, der sie sich in den nächsten Monaten und Jahren stellen müssen. Denn es wird auch zukünftig in Deutschland gebaut werden.

Autor

Dipl.-Ing. Thorsten Mittmann: Materialprüfanstalt (MPA) für das Bauwesen, Abteilung Brandschutz in Braunschweig; Obmann des DIN Normenausschusses NA 005-52-02 AA „Arbeitsausschuss Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen – Bauteile“

Der vollständige Artikel mit Statements von Jürgen Wesche und verschiedenen Herstellern ist in Ausgabe 3.2014 des FeuerTRUTZ Magazins erschienen.
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