Wo brennt’s im Brandschutz?

Die anhaltend starke Baukonjunktur sorgt auch bei Brandschützern für volle Auftragsbücher. Und doch gibt es nicht wenige Entwicklungen, die die Branche vor Herausforderungen stellen und die angepackt werden müssen. Zum 10. Jubiläum des FeuerTrutz Magazins richten wir deshalb den Blick auf neue und schon länger schwelende Brandherde im vorbeugenden Brandschutz (VB).

Branche: Wo brennt es im Brandschutz?
(Bild: FeuerTrutz)

Mai 2018 / Von André Gesellchen. Es wird viel gebaut und saniert in Deutschland. Unternehmen und Investoren stecken ihr Kapital bevorzugt in Gebäude und Infrastruktur – der guten Konjunkturlage und den niedrigen Zinsen sei Dank. Viele, die im vorbeugenden Brandschutz (VB) tätig sind, können sich über volle Auftragsbücher und gute Geschäftsaussichten freuen (vgl. Brandschutz-Konjunkturbarometer , auch erschienen in Magazinausgabe 1.2018). Der VB hat innerhalb der Baubranche in den letzten beiden Jahrzehnten einen hohen Stellenwert erreicht. Die Qualität der hierzulande erarbeiteten Lösungen ist zudem oft sehr gut – das gilt vor allem immer dann, wenn es gelingt, einzelfall- und schutzzielbezogene Lösungen zu finden.

Doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird der Brandschutz immer öfter als Kostentreiber oder gar als Verhinderer von Sanierungs- und Bauprojekten hingestellt. Immobilienwirtschaft und Teile der Politik argumentieren mit Kalkül in diese Richtung, um ihre Ziele (u.a. die innerstädtische Nachverdichtung) zu befördern. Heute gilt eindeutig nicht mehr, was Günter Ruhe im Herbst 2009 in einem ähnlich ausgerichteten Artikel hier im FeuerTrutz Magazin (5.2009) schrieb: "Niemand wird ernsthaft Abstriche an unserem hohen Schutzniveau in Erwägung ziehen." Im Gegenteil: Mit Verweis auf die gleichbleibend niedrige Zahl der Brandtoten wird vermehrt angezweifelt, ob der vermeintlich teure Brandschutz wirklich in dieser Form nötig ist. Das mag man für einen verständlichen Reflex von Bürgermeistern und Kämmerern halten, deren Haushalte durch Schulsanierungen u.ä. stark belastet werden – wo doch Brände in Schulen so gut wie nie zu Todesopfern führen. Darauf hinzuweisen, dass wir in Deutschland aber nur deshalb so sichere Gebäude haben, gerade weil wir dem Brandschutz einen hohen Stellenwert einräumen, ist zwar richtig. Das entbindet die Branche aber nicht von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstverständnis und es ist noch lange keine umfassende Antwort auf die Frage, wie der VB wieder ins rechte Licht gerückt werden kann.

Im letzten Jahr hat sich eine neue Facette in die mediale Berichterstattung zum Brandschutz geschlichen, die an Schizophrenie grenzt. Auf der einen Seite sind die Lokalzeitungen und deren Internetportale weiterhin voll von Berichten über "horrende Brandschutzforderungen und -kosten" auf der anderen Seite mehren sich aber zugleich und vor allem seit dem Grenfell Tower-Brand im Juni 2017 Schlagzeilen über Brandschutzversäumnisse, denen der Gesetzgeber doch bitte mit strengeren Regeln, z.B. für die Prüfung von Hochhausfassaden, entgegnen müsse. So wünschenswert ein differenzierender Blick ja sein mag, hier haben wir es wohl eher damit zu tun, dass mal in die eine und mal in die Gegenrichtung argumentiert wird – so wie es die aktuelle Story gerade verlangt.

Abgesehen von der öffentlichen Debatte, die man immer mit dem Hinweis abkanzeln könnte, dass die Protagonisten nicht genug vom Brandschutz verstünden, gibt es aber ausreichend Problemstellen im VB, die der Branche zu denken geben sollten und die Lösungen verlangen.

Der Artikel ist in Ausgabe 3.2018 des FeuerTRUTZ Magazins (Mai 2018) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 3.2018

Fachkräftemangel

Der Mangel an qualifiziertem Personal ist beileibe kein neues Problem. Dennoch ist es für den Brandschutz eine der drängendsten Herausforderungen. Fachkräfte fehlen nämlich nicht nur als Nachwuchs in den Planungsbüros, sondern auch in den Baugenehmigungs-Behörden (s.u.) und bei Herstellern, Errichtern sowie Handwerkern. Die Zahl der offenen Stellen für Ingenieure und Techniker in Deutschland ist groß und Bewerber haben die Wahl zwischen verschiedenen attraktiven Arbeitsfeldern. Hinzu kommt, dass die Anforderungen im Brandschutz hoch sind, die Gehälter für Berufseinsteiger in anderen Ingenieursbereichen aber z.T. besser ausfallen.

Viele Planungsbüros gehen schon länger neue Wege bei der Nachwuchssuche und binden z.B. schon früh geeignete Studenten als Werkstudenten an sich oder bieten die Begleitung von Bachelor- bzw. Masterarbeiten an. Die Rechnung, die später fertig ausgebildeten Fachkräfte langfristig binden zu können, geht allerdings auch nicht immer auf.

Der Fachkräftemangel im VB wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben. Und in Verbindung mit anhaltend guter Baukonjunktur wird der Rückstau in den Auftragsbüchern der Planer und Ausführenden weiter dazu führen, dass so manches Projekt später als vom Bauherrn gewünscht umgesetzt werden wird.

Aufseiten der Errichter und Handwerker wirkt sich der Mangel an gut ausgebildetem Personal zudem deutlich auf die Qualität der erbrachten Leistungen aus – beim Brandschutz nicht nur ein ärgerlicher Zeit- und Kostenfaktor, sondern im Zweifel ein Sicherheitsproblem.

Komplexität

Das Bauordnungsrecht bildet die Grundlage für die Planung des VB. Für sich genommen scheint das ein überschaubares Regelwerk zu sein. Doch erstens ist mit der neuen Musterbauordnung (MBO) und der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) vieles in Bewegung gekommen und zweitens müssen Brandschutzplaner eine unüberschaubar große Zahl von Nebenbestimmungen und Normen usw. kennen. Hinzu kommen Themen wie der sichere Umgang mit (z.T. europäisch harmonisierten) Bauprodukten sowie rechtliche Fragestellungen im Hinblick auf die Haftung oder das neue Werkvertragrecht.

Wer die Schutzzielorientierung im VB ernst nimmt, sucht die besten Lösungen nicht nur in den Paragrafen der Bauordnung. Vor allem bei Sonderbauten bieten sich dem Planer viele Optionen, z.B. mit dem Einsatz von Ingenieurmethoden, zu vorteilhaften Lösungen zu kommen. Doch die zunehmende Professionalisierung und Ausdifferenzierung bei den Ingenieurmethoden macht es vielen unmöglich, überall auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Die Lösungen heißen Spezialisierung und Outsourcing – doch ein grundlegendes Verständnis über die Leistungsfähigkeit und die Grenzen dieser Methoden muss breit verankert bleiben.

Um im VB erfolgreich zu arbeiten, kommt es daher auf stetige Weiterbildung und gute Vernetzung an – das Informations- und Fortbildungsbedürfnis in unserer Branche bleibt sehr stark.

Impulsvortrag Brandschutzkongress 2018: "Brandschutz und Wirtschaftlichkeit"

In seinem online in voller Länge abrufbaren Eröffnungsvortrag des Brandschutzkongresses 2018 sprach FeuerTrutz-Geschäftsführer Günter Ruhe über die Herausforderungen der Brandschutzbranche:
Impulsvortrag zum Brandschutzkongress 2018 auf YouTube

Fachkompetenz in den Behörden

Für die Bauaufsichtsbehörden ist es zunehmend schwierig, gut qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und fortlaufend weiterzubilden. Die Wirtschaft bietet guten Fachkräften oft bessere Konditionen und ein attraktiveres Umfeld.

In den Ländern, in denen die eigentlich staatlichen Prüfaufgaben nicht privatisiert wurden, treffen Konzeptersteller zu oft auf unterqualifizierte Behördenvertreter. Spätestens bei ingenieursmäßig nachgewiesenen Abweichungen gehen diese dann oft nicht mehr mit, weil sie die erarbeiteten Lösungen nicht beurteilen können. In jedem Fall führt das zu Verzögerungen und entsprechenden Kosten. Im schlimmsten Fall können eigentlich sinnvolle Brandschutzlösungen nicht umgesetzt werden und der Bauherr muss ärgerliche und z.T. teure Kompromisse machen – was letztlich wieder auf das Image des Brandschutzes zurückfallen wird.

Einsatzfähigkeit der Feuerwehr

Jahrzehntelang galt es – für begrenzte Szenarien – als probates Mittel, die Rettungsgeräte der Feuerwehr als Ersatz für den zweiten baulichen Rettungsweg einzusetzen. Doch in den letzten Jahren zeigt sich, dass die Einsatzfähigkeit (v.a. der Freiwilligen) Feuerwehren abnimmt. Das liegt weniger an den Feuerwehrleuten, als an den Rahmenbedingungen, die durch die Politik und weitere Interessensgruppen gesetzt werden, und am gesellschaftlichen Wandel.

In verdichteten Innenstädten konkurrieren Parkplätze, Baumbestand und Oberleitungen mit den Aufstellflächen für die Fahrzeuge der Feuerwehren. Verständlich, wenn in den Brandschutz-Dienststellen zunehmend darauf verwiesen wird, dass eine Rettung mit Hubrettungsfahrzeugen im Einzelfall nicht garantiert werden kann. Ein zweiter baulicher Rettungsweg kostet Bauherren und Betreiber aber bares Geld, denn die verkauf- bzw. vermietbaren Flächen schrumpfen.

Vor allem in ländlichen Gebieten kommt hinzu, dass die Nachwuchssituation der (Freiwilligen) Feuerwehren angespannt ist. Trotz großer Anstrengungen ist es vielerorts schwierig, die Einsatzbereitschaft perspektivisch in gleicher Weise wie bisher sicherzustellen. Viele Menschen pendeln aus ihren ländlichen Wohnorten in die Städte und wären im Brandfall nicht schnell genug einsatzbereit – sie fallen als Kandidaten für die Freiwilligen Feuerwehren aus. Die gestiegene Mobilität der Gesellschaft erweist sich also als bleibendes Problem für die Brandbekämpfung. Die Brandschutzplanung im ländlichen Raum muss sich wohl auf längere Hilfsfristen einstellen und verstärkt Selbstrettungsmöglichkeiten bieten.

Dauer von Zulassungsverfahren

Viele Hersteller von Brandschutzprodukten klagen über die zu lange Dauer von Produktzulassungen beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt). Teilweise dauere die Zulassung von neuen Produkten bis zu drei Jahren, obwohl alle erforderlichen Unterlagen vorlägen. Für die Hersteller eine mehr als ärgerliche Situation, denn neue Produkte schnell auf den Markt bringen zu können, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor und die Innovationszyklen verkürzen sich eigentlich immer mehr. Auch für Planer und Bauherren bleiben dadurch neue Brandschutzlösungen unnötig lange unbekannt bzw. nicht einsetzbar.

Das DIBt ist durch die Zahl der laufenden Zulassungsverfahren und den Mehraufwand im Zuge der Neuordnung des Bauordnungs- und Bauproduktenrechts sicherlich stark ausgelastet. Doch die politisch Verantwortlichen hätten längst dafür sorgen müssen, dass sein Personal entsprechend aufgestockt wird, denn die Problematik ist schon seit vielen Jahren vorhanden und schadet der deutschen Wirtschaft.

Föderalismus

Jedes Bundesland erlässt eine eigene Bauordnung und z.T. deutlich von den Mustern abweichende Sonderbauverordnungen. Für Planer bedeutet es einen erheblichen Mehraufwand, wenn sie in mehr als einem Bundesland arbeiten. Auch im Sachverständigenwesen und in der Genehmigungspraxis agieren die Bundesländer nicht einheitlich. Wenn im Laufe des Jahres immer mehr Länder die neue Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB) in Landesrecht umsetzen – hier können sie ebenfalls vom umfangreichen Muster abweichen –, wird sich diese Folge des deutschen Föderalismus im Bauwesen erneut deutlich spürbar zeigen. Bundeseinheitliche Regeln wären in der Praxis eine Entlastung, vor allem angesichts der Fülle von Gesetzen, Verordnungen, Technischen Regeln und Normen, die Brandschutzplaner und -sachverständige zusätzlich im Blick behalten müssen (s.o.). Immerhin formulieren einige Bauminister der Länder die Harmonisierung ihrer Landes-Bauordnungen mit der MBO ausdrücklich als politisches Ziel – so etwa aktuell in NRW.

Insgesamt ist jedoch eine Abkehr von der bauordnungsrechtlichen Kleinstaaterei nicht in Sicht.

Digitalisierung

Digitalisierung ist sicherlich ein schon stark beanspruchtes Buzzword. Dahinter verbergen sich aber für den Brandschutz und die gesamte Gebäudeplanung durchaus reale und tief greifende Wandlungsprozesse. Die Arbeitsweisen der am Bau Beteiligten werden sich in den kommenden Jahren unter dem Einsatz neuer Werkzeuge und Arbeitsweisen grundlegend ändern. Allein das Building Information Modeling (BIM) hat das Potenzial, viele Prozesse von der Planung über den Bau bis zum Betrieb von Gebäuden völlig zu verändern. Diese Entwicklung lässt sich als Chance für ein effizienteres und fehlerfreieres Zusammenarbeiten begreifen, es kann aber auch als Überforderung und Gefahr betrachtet werden.

Die Ergebnisse einer aktuellen Online-Befragung von FeuerTrutz unter mehr als 250 Brandschützern zeigt das derzeitige Stimmungsbild in Bezug auf die Auswirkungen der Digitalisierung und von BIM. Eine Befürchtung der Teilnehmer ist, dass BIM von großen Planungsbüros besser zu bewältigen ist und dass die kleineren Büros das Nachsehen haben werden. Für gut auf die BIM-Arbeitsweise vorbereitet halten sich derzeit nur wenige Brandschützer. Im Rahmen der Veranstaltung FeuerTrutz Trend am 12. Juni in Köln werden die kompletten Ergebnisse der Befragung erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Schon jetzt sei aber verraten, dass die Branche BIM und die Digitalisierung i. A. als große Herausforderungen betrachtet.

Welche Rolle künstliche Intelligenz und lernende Systeme künftig bei der Gebäudeplanung und -genehmigung spielen werden, lässt sich erst erahnen. Es ist aber sicherlich nicht ausgeschlossen, dass große Teile von Brandschutznachweisen und auch deren Prüfung in einigen Jahren von Software autonom erstellt bzw. durchgeführt werden. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, der VB würde bei den sich abzeichnenden Umwälzungen des Arbeitsmarktes eine Sonderstellung einnehmen.

Fazit

Der vorbeugende Brandschutz in Deutschland ist trotz dieser Problemfelder gut aufgestellt und sorgt mit für ein hohes Sicherheitsniveau unserer Gebäude und Infrastruktur. Arbeitsweisen und technische Lösungen machen in vielen Bereichen gute Fortschritte.

Das ist aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, denn die gute Baukonjunktur deckt derzeit so manche Schwierigkeit zu. Im nächsten gesamtwirtschaftlichen Abschwung werden diese dann umso spürbarer zutage treten.

Daher sollten schon jetzt die richtigen Weichen gestellt werden, damit der VB sich weiterhin stabil und positiv entwickeln kann.

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Autor

André Gesellchen: Senior Management Programm und stellv. Programmleiter bei FeuerTrutz, a.gesellchen@feuertrutz.de

Der Artikel ist in Ausgabe 3.2018 des FeuerTRUTZ Magazins (Mai 2018) erschienen.
Hier finden Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin Ausgabe 3.2018

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Letzte Aktualisierung: 28.05.2018

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