Feuerwehrfahrzeug mit Leiter (Quelle: woody1 auf Pixabay)
Werkfeuerwehren sind spezialisiert auf die in ihrem Unternehmen zu erwartenden Einsätze und in ihren Anforderungen nicht mit öffentlichen Feuerwehren vergleichbar. (Quelle: woody1 auf Pixabay)

Planung | Ausführung

20. December 2021 | Teilen auf:

Werkfeuerwehren im Brandschutzkonzept

Die Regelwerke aus Umwelt- und Baurecht enthalten zu den expliziten Anforderungen unterschiedliche Definitionen und Verwendungen des Begriffs der Hilfsfrist. Dadurch wird eine konkrete Auslegung und Bewertung dieser wichtigen Qualitätskenngröße erschwert. Unter der Federführung des Referats 9 ist in Zusammenarbeit mit dem Werkfeuerwehrverband das neue Merkblatt 09/01 zu „Empfehlungen für die Definition der Hilfsfrist für Werkfeuerwehren“ der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb) entstanden. Ziel dieses Merkblatts ist es, die verschiedenen Ansätze zusammenzuführen, um eine klare und einheitliche Definition für die zentrale Kenngröße „Hilfsfrist“ auf einer messbaren Basis zu entwickeln.

Von Lars Oliver Laschinsky. Im Bereich öffentlicher Feuerwehren wird die Hilfsfrist anhand eines standardisierten Schadensereignisses festgelegt, des sogenannten „kritischen Wohnungsbrands“, der sich im Obergeschoss eines mehrgeschossigen Gebäudes ereignet und eine Menschenrettung erfordert. Dabei orientieren sich die öffentlichen Feuerwehren an den Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF Bund). Die für öffentliche Feuerwehren definierte Hilfsfrist für das Einsatzszenario „Brand mit Menschenrettung“ kann grundsätzlich auch für Werkfeuerwehren als Mindestanforderung zugrunde gelegt werden. Im Allgemeinen werden Werkfeuerwehren in Deutschland jedoch nicht für das Schadensereignis „kritischer Wohnungsbrand“ konzipiert, sondern für betriebsspezifische Szenarien in ihrem Zuständigkeitsbereich.

Daher gibt es für Werkfeuerwehren besondere Anforderungen spezieller Regelwerke zur Einhaltung der Hilfsfrist.

  • Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau (MInd-BauRL):
    3.13 Werkfeuerwehr „[…] Werkfeuerwehr, die jederzeit in spätestens 5 Minuten nach ihrer Alarmierung die Einsatzstelle erreicht“
  • Muster-Richtlinie zur Bemessung von Löschwasser-Rückhalteanlagen beim Lagern wassergefährdender Stoffe (MLöRüRL):
    Anlage 1, 3.14 Werkfeuerwehr „[…] Werkfeuerwehr, die jederzeit spätestens 5 Minuten nach der Alarmierung in mindestens Gruppenstärke die Brandstelle erreicht.“
  • TRGS 509 – Lagern von flüssigen und festen Gefahrstoffen in ortsfesten Behältern sowie Füll- und Entleerstellen für ortsbewegliche Behälter:
    „5.2 Brandschutz und Notfallmaßnahmen […] teilbewegliche (halbstationäre) Feuerlöschanlagen […], zulässig, wenn eine Werkfeuerwehr mit einer maximalen Hilfsfrist von fünf Minuten nach Alarmierung zur Verfügung steht […]“

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in den vorstehend aufgeführten Regelwerken eine Hilfsfrist von fünf Minuten für Werkfeuerwehren gefordert wird und für viele Gebäude und Anlagen nach MIndBauR, MLöRüRL und TRGS 509 ein Bestandteil der Genehmigung ist. Darüber hinaus sind in einigen Regelwerken auch Angaben zur Funktionsstärke von Werkfeuerwehren enthalten.

Werkfeuerwehren in der Industriebau-Richtlinie

Eintreffen der Einsatzkräfte an der (Einsatz-)Stelle, von wo aus erste Brandbekämpfungsmaßnahmen vorgetragen werden. (Quelle: René Fischer auf Pixabay)

Für Industriebauten, die als Gebäude oder Gebäudeteile im Bereich der Industrie und des Gewerbes, der Produktion (Herstellung, Behandlung, Verwertung, Verteilung) oder Lagerung von Produkten oder Gütern dienen, werden Mindestanforderungen an den Brandschutz gestellt. Diese beziehen sich insbesondere auf die Feuerwiderstandsfähigkeit der Bauteile sowie die Größe der Brandabschnitte beziehungsweise Brandbekämpfungsabschnitte.

Industriebauten, die den Anforderungen der Industriebau-Richtlinie entsprechen, erfüllen die baurechtlichen Schutzziele im Brandschutz.

Anforderungen an Baustoffe und Bauteile sowie an die Größe der Brandabschnitte im Verfahren ohne Brandlastermittlung

Die zulässige Größe der Brandabschnitte und die Anforderungen an Bauteile und Baustoffe werden im vereinfachten Verfahren nach Abschnitt 6 der MIndBauRL auf der Grundlage von Tabellenwerten ermittelt. Die Größen der Brandabschnittsflächen ergeben sich dabei nach Tabelle 2 zur zulässigen Größe der Brandabschnittsflächen u.a. in Abhängigkeit von den Sicherheitskategorien K1 bis K4.

Anforderungen an Baustoffe und Bauteile sowie an die Größe der Brandbekämpfungsabschnitte unter Verwendung des Rechenverfahrens nach DIN 18230-1

Die zulässige Größe von Brandbekämpfungsabschnitten und die Anforderungen an die Bauteile werden im Rechenverfahren nach DIN 18230-1 des Abschnitts 7 der MIndBauRL in Abhängigkeit von der Sicherheitskategorie K1 bis K4 und der äquivalenten Branddauer aus der Summe der bewerteten Grundflächen der einzelnen Geschosse und Ebenen bestimmt.

Sicherheitskategorien

Diese im Abschnitt 6 oder 7 der MIndBauRL herangezogenen Sicherheitskategorien sind Klassfizierungsstufen für die brandschutztechnische Infrastruktur. Bestimmte Sicherheitskategorien stellen neben Vorkehrungen für die Brandmeldung mit einer selbsttätigen Brandmeldeanlage auch konkrete Anforderungen an eine Werkfeuerwehr:

  • Sicherheitskategorie K 3.1: Werkfeuerwehr aus hauptberuflichen Kräften in mindestens Staffelstärke
  • Sicherheitskategorie K3.2: Werkfeuerwehr in mindestens Gruppenstärke
  • Sicherheitskategorie K3.3: Werkfeuerwehr mit mindestens 2 Staffeln
  • Sicherheitskategorie K3.4: Werkfeuerwehr mit mindestens 3 Staffeln

Hilfsfrist für Werkfeuerwehren

Zur Definition der Hilfsfrist eignen sich nur solche Zeitabschnitte, die von der Feuerwehr weitgehend beeinflussbar und dokumentierbar sind. Darunter fallen:

  • die Gesprächs- und Dispositionszeit,
  • die Ausrückezeit sowie
  • die Anfahrtzeit.

Im Gegensatz zu der in den Schutzzielen der AGBF mit 1,5 Minuten angegebenen Gesprächs- und Dispositionszeit haben Werkfeuerwehren im Regelfall einen höheren Anteil automatischer Meldeanlagen als öffentliche Feuerwehren, sodass diese Zeit häufig deutlich kürzer sein wird. Auch verfügen nicht alle Werkfeuerwehren über ein eigenes Abfrage- und Alarmierungssystem für einen Notruf per Telefon. Somit sind die Gesprächs- und Dispositionszeiten für Werkfeuerwehren nicht unmittelbar mess- und beeinflussbar und werden daher nicht als Bestandteil der Hilfsfrist für Werkfeuerwehren gewertet.

Die Hilfsfrist für Werkfeuerwehren wird daher wie folgt definiert:

  • Beginn der Hilfsfrist: Alarmierung der Einsatzkräfte: Der Startpunkt ist der durch den Zeitstempel des Alarmierungssystems dokumentierte Alarmierungszeitpunkt der Einsatzkräfte.
  • Ausrücke- und Anfahrtzeit
  • Erreichen der Hilfsfrist mit Eintreffen an  der Einsatzstelle: Der Endpunkt der Hilfsfristergibt sich mit Eintreffen an der Einsatzstelle durch den Funkmeldestatus des ersten an der Einsatzstelle eingetroffenen Fahrzeugs.

Der Erreichungsgrad für Werkfeuerwehren sollte mindestens 90 % betragen. Unter dem Erreichungsgrad für Werkfeuerwehren wird der prozentuale Anteil der Einsätze verstanden, bei dem die Hilfsfrist eingehalten werden kann bzw. konnte. Ausnahmen zu Hilfsfristen und Erreichungsgrad stellen Werkfeuerwehren dar, die aufgrund von anderen gesetzlichen Grundlagen aufgestellt worden sind, z.B. Flughafenfeuerwehren nach der ICAO-Richtlinie (International Civil Aviation Organization).

Änderungen der Brandschutz-Infrastruktur

Die Betriebsfeuerwehr oder vorgehaltene Brandschutzkräfte eines Betriebes/einer Einrichtung können zum Schutz der eigenen Anlagen vor Brandgefahren und zur Hilfeleistung im Betrieb auf Antrag des Inhabers (oder Trägers) als Werkfeuerwehr anerkannt werden. Für die Anerkennung als Werkfeuerwehr sind Mindeststandards an Ausbildung, Einsatzstärke und Ausrüstung vorgegeben, die sich an den von dem Betrieb oder der Einrichtung ausgehenden Gefahren orientieren. Sie muss in Aufbau, Ausstattung und Ausbildung den an öffentliche Feuerwehren gestellten Anforderungen entsprechen. Die Anerkennungsbehörde kann die Leistungsfähigkeit einer Werkfeuerwehr jederzeit, i.d.R. in Zeitabständen von maximal fünf Jahren, überprüfen.

Änderungen der brandschutztechnischen Infrastruktur erfordern eine Überprüfung des Brandschutzkonzepts. Ergibt sich daraus eine niedrigere Sicherheitskategorie, liegt eine Nutzungsänderung vor. Solche Nutzungsänderungen bedürfen dann eines Bauantrags und einer Baugenehmigung, wenn sich aus ihnen höhere Anforderungen ergeben. Dies gilt auch bei Änderungen des Brandschutzkonzepts in Bezug auf die Leistungsfähigkeit der Werkfeuerwehr nach Erteilung der Baugenehmigung.

Fazit

Mit dem Merkblatt 09/01 zu „Empfehlungen für die Definition der Hilfsfrist für Werkfeuerwehren“ wird Brandschutz-Sachverständigen, Aufsichtsbehörden und Unternehmen eine Definition angeboten, die als einheitliche Grundlage für Vorgaben, Messungen und Auswertungen dieser wichtigen Qualitätskenngröße herangezogen werden kann.

Quellen

[1] Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau (Muster-Industriebau-Richtlinie – MIndBauRL) (Stand Mai 2019)

[2] Muster-Richtlinie zur Bemessung von Löschwasser-Rückhalteanlagen beim Lagern wassergefährdender Stoffe (MLöRüRL)

[3] TRGS 509 – Lagern von flüssigen und festen Gefahrstoffen in ortsfesten Behältern sowie Füll- und Entleerstellen für ortsbewegliche Behälter

[4] vfdb- Merkblatt 09/01 zu „Empfehlungen für die Definition der Hilfsfrist für Werkfeuerwehren“

Der Artikel ist in Ausgabe 5.2021 des FeuerTrutz Magazins (Oktober 2021) erschienen.
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zuletzt editiert am 20.12.2021