Die Planung des Neubaus der Integrierten Gesamtschule (IGS) Mühlenberg in Hannover setzt Maßstäbe für die Gestaltung einer schülerfreundlichen Lernatmosphäre und beschreitet neue Wege bei der brandschutztechnischen Beurteilung von Schulgebäuden.
Die IGS Mühlenberg ist mit rund 2000 Schülern und 170 Lehrerinnen und Lehrern die größte Schule der niedersächsischen Landeshauptstadt. Wegen eines erheblichen Sanierungsbedarfs des Bestandsgebäudes und der damit verbundenen Vorteile in wirtschaftlicher, funktionaler und pädagogischer Hinsicht entschloss sich die Stadt zu einem Neubau des Schulkomplexes mit angeschlossenen Sportstätten, Versammlungsräumen und einem Stadtteilzentrum zur Unterbringung kultureller und sozialer Einrichtungen. Dieser wird durch die Gesellschaft für Bauen und Wohnen mbH (GBH), einer städtischen Tochtergesellschaft, in einer öffentlich-öffentlichen Partnerschaft realisiert.
Bei dem Realisierungswettbewerb überzeugte der Entwurf des Architekturbüros dasch zürn aus Stuttgart als Zweitplatzierter insbesondere durch die Lösung, das neue Schulgebäude und eine Sporthalle in einem ersten Bauabschnitt auf der Freifläche des bestehenden Schulgebäudes zu errichten und somit den Schulbetrieb im Altbau bis zur Fertigstellung der neuen Räumlichkeiten aufrechtzuerhalten.
Der Entwurf sieht die Anordnung von sechs weitestgehend autarken Baukörpern vor. Neben vier rechteckigen Gebäuden mit Lichthöfen, die im Wesentlichen die Räumlichkeiten der Schule beherbergen, ist der Bau einer Mensa und zweier Dreifach-Sporthallen geplant, von denen eine auch als Versammlungsraum genutzt werden soll. Darüber hinaus entstehen mit der Aula und dem Foyer zwei weitere Versammlungsräume auf dem Gelände. Die Stadtteilnutzungen, wie Stadtteilbibliothek, Kinder- und Jugendhilfe sowie Jugend- und Seniorenzentrum, werden in einem separaten Baukörper untergebracht, der sich analog zum Gebäude mit der Schulverwaltung zum zentralen Platz des Stadtteils, dem Mühlenberger Markt, hin orientiert und öffnet. Mit der Realisierung des Bauvorhabens wurde Ende 2012 begonnen. Die Fertigstellung ist bis Mitte 2016 geplant.
Baurechtliche Einstufung und Nutzeranforderung

Die unterschiedlichen Nutzungen der einzelnen Baukörper erforderten neben der Beurteilung nach Niedersächsischer Bauordnung NBauO [1] die Heranziehung diverser Sonderbauvorschriften wie der Schulbaurichtlinie (SchulBauR) [2] und der Niedersächsischen Versammlungsstättenverordnung (NVStättVO) [3]. Aus Gründen der Vereinfachung in Bezug auf die Rettungswege wurden für die Schulgebäude im Hinblick auf die anstehende Novellierung der Schul-BauR die Regelungen der Muster-Schulbau-Richtlinie (MSchulBauR) [4] umgesetzt, die die Bemessung der Rettungswegbreiten an die Regelungen für Versammlungsstätten (0,60-m-Modul) angleicht. Hinsichtlich der erhöhten Anforderungen aus [3] an Versammlungsstätten mit Versammlungsräumen von mehr als 3.600 m² konnten in Abstimmung mit den Genehmigungsbehörden Vereinfachungen erzielt werden, da die unterschiedlichen Versammlungsräume durch die campusartige Ausbildung des Komplexes in keinem unmittelbaren räumlichen Zusammenhang stehen.
Das pädagogische Konzept der IGS Mühlenberg sieht neben einem Unterricht im Klassenverband die Möglichkeit des Lernens in unterschiedlichen selbstständigen Lerngruppen vor. Dies erfordert die Schaffung zusätzlicher Raumflächen, die den Schülern und Lehrern flexibel zur Verfügung stehen. Das Architekturbüro dasch zürn löste diese Anforderung durch die Einteilung offener Lernzonen in den einzelnen Geschossen. Unterstützt wird dieses Konzept durch die Anordnung ganzer Jahrgangsstufen in jeweils einem Geschoss der einzelnen Schulcluster, so dass auch ein klassenübergreifendes Lernen ermöglicht wird.
Baulicher Brandschutz
Die angestrebte Nutzung bedingt, dass von üblichen Raumstrukturen (Klassenräume und ungenutzte Flure/Verkehrsflächen) Abstand genommen wird. Die Flurflächen sollen vielmehr als erweiterte Lernflächen in die Nutzung einbezogen werden. Um das Konzept einer schülerfreundlichen und nutzernahen Umgebung umzusetzen, war die weitgehende Reduzierung von Bauteilqualitäten und klassischen brandlastfreien Rettungswegen eine wesentliche Zielsetzung des Brandschutzkonzeptes. Diese Anforderunglässt sich letztlich auch auf das Stadtteilzentrum übertragen. Sowohl in den Schulgebäuden als auch in den sozialen und kulturellen Einrichtungen stehen Nutzung und Aufenthaltsqualität im Vordergrund. Aus diesem Grund wurden die allgemeinen Klassenbereiche in den Schulclustern und die Stadtteilnutzungen in Funktionseinheiten unterteilt, die eine flexible Grundrissgestaltung und -nutzung innerhalb der Fläche ermöglichen. Möglich wurde dies durch den schutzzielorientierten Einsatz von Brandmelde- und Alarmierungstechnik. Durch die Reduzierung der Bauteilqualitäten lassen sich außerdem bei der Umsetzung des Bauvorhabens Optimierungen etwa im Bereich der brandschutztechnischen Ausstattung von Lüftungsanlagen (Brandschutzklappen) und Leitungsanlagen erreichen, die eine kostenoptimierte Umsetzung und wirtschaftliche Unterhaltung des Gebäudekomplexes ermöglichen. [...]
Fazit
Der Neubau der IGS Mühlenberg setzt Maßstäbe für die Umsetzung pädagogischer Anforderungen an Schulgebäude und die architektonische Qualität öffentlicher Gebäude. Das Brandschutzkonzept trägt diesem Umstand Rechnung und ermöglicht mit Unterstützung der Genehmigungsbehörden über ingenieurmäßige Nachweisverfahren und den schutzzielorientierten Einsatz baulichen und anlagentechnischen Brandschutzes eine kostenoptimierte und nutzerfreundliche Umsetzung.
Bautafel
- Bauherrin: Gesellschaft für Bauen und Wohnen mbH, Hannover
- Architektur: dasch zürn architekten, Stuttgart
- Außenanlagen: Reinboth Landschaftsarchitekten, Esslingen
- Brandschutzplanung und Brandschutzingenieurmethoden: insa4 brandschutzingenieure GmbH, Wuppertal
- TGA-Planung: Obermeyer Planen + Beraten GmbH, Hannover
- Tragwerksplanung: WTM engineers GmbH, Hamburg
- Genehmigung: Bauaufsicht Hannover
- Vorbeugender Brandschutz: Feuerwehr Hannover
Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 2.2014 des FeuerTrutz Magazins (März 2014) erschienen. Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTrutz Magazin
Literatur
[1] Niedersächsische Bauordnung (NBauO) vom Februar 2003, zuletzt geändert November 2011
[2] Richtlinie über bauaufsichtliche Anforderungen an Schulen, Schulbaurichtlinie (SchulBauR Nds) vom August 2000
[3] Niedersächsische Versammlungsstättenverordnung (NVStättVO), Stand November 2004, zuletzt geändert April 2005
[4] Muster-Richtlinie über bauaufsichtliche Anforderungen an Schulen, Muster-Schulbaurichtlinie (MSchulBauR) vom August 2000
[5] Forschungsbericht "Feuerwehreinsatztaktische Problemstellungen bei der Brandbekämpfung in Gebäuden moderner Bauweise, Teil 2", von Dipl.-Ing. Jürgen Kunkelmann, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), verlegt durch Forschungsstelle für Brandschutztechnik, 2010
[6] DIN EN 1991-1-2: 2010-12 Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke – Teil 1-2: Allgemeine Einwirkungen – Brandeinwirkungen auf Tragwerke Fassung EN 1991 – sowie DIN EN 1991-1-2/NA "Nationaler Anhang" (national festgelegte Parameter)
Autorin
Dipl.-Ing. Architektin Liane Schneider-Paschen: Staatlich anerkannte Sachverständige für die Prüfung des Brandschutzes (AKNW); seit 2008 Geschäftsführerin der insa4 brandschutzingenieure GmbH; als Projektleiterin betreut sie insbesondere Schulgebäude, Versammlungsstätten und Krankenhäuser von der Planung bis zur Ausführung in brandschutztechnischer Hinsicht
Brandschutz des Jahres 2014: Gewinner Brandschutzkonzepte
Das Brandschutzkonzept zum Neubau der integrierten Gesamtschule Mühlenberg mit angeschlossenem Stadtteilzentrum von Liane Schneider-Paschen gewann die Auszeichnung "Brandschutz des Jahres 2014" in der Kategorie "Brandschutzkonzept". Die Jury lobte ausdrücklich die kostenoptimierte Umsetzung und wirtschaftliche Unterhaltung des Gebäudekomplexes. Die Konzepterstellerin wies über Bauteilnachweise und über Simulationsberechnungen nach, dass die entscheidenden Bauteile den Anforderungen standhalten können, und fand damit eine optimale wirtschaftliche Lösung.