Mit dem Neubau des Kompetenzzentrums Elektro der Volkswagen AG in Wolfsburg wurde ein Grundstein für kurze Wege und eine neue vernetzte Kommunikation gelegt – eine Herausforderung, nicht nur für die Architektur, sondern auch für den vorbeugenden Brandschutz.
Von Christian Görtzen und Stephan Bargel / April 2015. Auf bislang 35 Standorte waren die Entwicklungsbereiche im Werk Forschung und Entwicklung der Volkswagen AG in Wolfsburg verteilt. Mit dem Neubau der Halle 90B, so die interne Bezeichnung des Neubaus, wurden diese Bereiche nun zusammengeführt und der Grundstein für den neuen E-Campus als äußeres Zeichen für Transparenz und ein größtes Maß an Kommunik ation gelegt.
Das renommierte Architekturbüro RKW Architektur + Städtebau aus Düsseldorf wurde 2011 mit der Planung des ambitionierten Projektes für ca. 1800 Mitarbeiter auf ca. 50.000 m² Bruttogeschossfläche auf einer sehr begrenzten Grundstücksfläche inmitten des Werksgeländes beauftragt. Gelöst wurde die Aufgabenstellung durch ein achtgeschossiges Gebäude, das sich auf einer Grundfläche von ca. 35 × 145 m ab dem zweiten Obergeschoss (OG) aufweitet und so im Inneren des Gebäudes Platz für eine ca. 25 m hohe und ca. 100 m lange Magistrale als zentrale Erschließungsfläche und kommunikativen Mittelpunkt des Gebäudes bietet (s. Abbildung 1).

Die Magistrale ist durch eine repräsentative Treppenanlage vom Werksgelände aus erreichbar und erschließt zentrale Einrichtungen des Hauses, wie die Kantine (ca. 1100 Essen pro Tag), zentrale Besprechungs- und vorstandsrelevante Präsentationsbereiche und einen Coffeepoint.
Über diesem Geschoss erstrecken sich bis zum siebten OG die Büroflächen mit Einzelbüros, Großraumbüros bis zu 600 m² Fläche, internen Besprechungsräumen, Think Tanks, dezentralen Laborflächen und Meeting Points – alle werden von der großzügigen Magistrale aus natürlich belichtet (s. Abbildung 2).
Die Grundfläche im überhöhten Erd- und ersten OG unterhalb der Magistrale wird für großzügige Werkstatt- und Laborflächen genutzt, an die sich in Richtung Süden die zugeordneten Büroflächen in drei Etagen anschließen. Interne Treppenverbindungen schaffen hier die Möglichkeit kurzer Wege zwischen den beiden Bereichen.
Das Gebäude ist nicht unterkellert und wurde in Stahlbetonbauweise errichtet. Eine Ausnahme bildet das Technikgeschoss oberhalb des siebten OGs, das als ungeschützte Stahlkonstruktion errichtet worden ist.
Baurechtliche Einordnung
Aufgrund seiner Höhe ist das Gebäude nach der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) als Hochhaus zu bewerten. In Abstimmung mit der Bauaufsicht wurde die Muster-Hochhaus-Richtlinie (MHHR) der ARGEBAU als Beurteilungsgrundlage herangezogen, da baurechtlich eingeführte Regelungen für Hochhäuser in Niedersachsen fehlen. Außerdem wurden die Versammlungsstättenverordnung des Landes Niedersachsen, insbesondere für den Kantinenbereich, und die Industriebaurichtlinie für den Werkstatt- und Laborbereich im Erdgeschoss und ersten OG angewendet.
Baulicher und anlagentechnischer Brandschutz
Auf den Einsatz klassischer Brandwände zur weiteren Unterteilung der Geschosse konnte aufgrund der vorgenommenen Kompartimentbildung durch feuerbeständige Wände, der flächendeckenden automatischen Löschanlage sowie einer maschinellen Entrauchungsanlage in der Magistrale verzichtet werden.
Da in der ca. 25 m hohen Magistrale der Einsatz herkömmlicher Sprinkleranlagen nicht zweckmäßig, jedoch zur Vermeidung eines Brandüberschlags zwischen den Geschossen eine automatische Brandeindämmung erforderlich war, wurde in diesem Bereich in Abstimmung mit dem vorbeugenden Brandschutz und der Werkfeuerwehr der Volkswagen AG eine Sprühflutanlage nach VdS 2109 installiert. Zur Ansteuerung dienen Linearmelder, die in zwei Ebenen in der Magistrale angeordnet sind und die Anlage in Zwei-Melder-Abhängigkeit mit einer Zeitverzögerung von zehn Minuten auslösen. Gemeinsamer Ansatz der Planungsbeteiligten war es hier, dass der anerkannten Werkfeuerwehr, die bereits beim Auslösen des ersten Melders alarmiert und in sehr kurzer Zeit vor Ort sein wird, eine ausreichende Erkundungszeit gegeben werden kann, um die Erforderlichkeit der Auslösung der Sprühflutanlage zu verifizieren und eine Fehlauslösung zu vermeiden. Die erforderlichen Bedien- und Kontrollkomponenten wurden gemeinsam festgelegt und vor Ort installiert.

Die linearen Rauchmelder sind Teil der flächendeckenden Brandmeldeanlage. Für deren Einsatz in der überhohen Magistrale war ein Sondernachweis nach DIN EN 54-9 zu führen, der unter Berücksichtigung der installierten Lüftungsanlagen mit einer Zuluftführung von oben über Weitwurfdüsen vor Inbetriebnahme geführt werden konnte.
Die Wasserversorgung für die Löschanlagen im Volkswagenwerk wird zentral vorgehalten und über Versorgungsleitungen in die Halle 90B geführt. Die erforderlichen Parameter der Versorgung wurden bereits in der Entwurfsplanung durch technische Sachverständige geprüft und in die Feuerlöschplanung integriert. Ebenfalls wurde über die im Werk vorhandene Infrastruktur eine zentrale Sicherheitsstromversorgung zur Verfügung gestellt, so dass eigene Stromerzeugungsaggregate nicht vorgehalten werden müssen.
Integraler Bestandteil des Brandschutzkonzeptes ist die Brandfallsteuermatrix der Brandmeldeanlage. Neben den typischen Steuerungen (z. B. der Aufzüge, der Alarmierungs- und der Lüftungsanlagen) war durch diese auch eine komplexe Steuerung der Entrauchungsanlage in der Magistrale vorzunehmen. Die Entrauchungsanlage dient hier – neben der o. g. Kompensation der fehlenden Geschossabtrennung – insbesondere auch zur Sicherstellung von Rettungswegen auf den Galerien im zweiten bis fünften OG.
Zur Auslegung wurden in der Entwurfsphase CFD-Brandsimulationen durchgeführt, die vor der Inbetriebnahme durch 1 : 1-Rauchversuche verifiziert wurden (s. Abbildung 3).
Ergebnis der Simulationen war ein Abluftvolumenstrom von ca. 250.000 m³/h, der über zwei Entrauchungskanäle auf den Längsseiten der Magistrale abgesaugt wird. Die Entrauchungsöffnungen von der Magistrale zu den Kanälen werden dabei jeweils nur zentral über der Brandquelle aufgefahren, um eine konzentrierte Rauchabführung zu erreichen. Dies erfordert eine entsprechend selektive Detektion durch die Brandmeldeanlage mit ca. 16 verschiedenen Szenarien. Die Zuluft wird durch eine Kombination aus Öffnungen in der Fassade und einer mechanischen Zuluft über Fassadenöffnungen sowie durch einen anschließenden Druckkoffer zur Verteilung der Luft im zweiten OG sichergestellt.
Basis der Untersuchungen war ein angenommener Pkw-Brand innerhalb der Magistrale mit einer maximalen Energiefreisetzung von 2,5 MW. [...]
Der vollständige Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 2.2015 erschienen.
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Fazit
Große Sonderbauten fordern nicht nur in der Wettbewerbs- und Entwurfsphase einen engen und vertrauensvollen sowie gewerkeübergreifenden Dialog zwischen den Planungsbeteiligten. Um den Einsatz innovativer Brandschutzprodukte und komplexer Brandschutzmaßnahmen aus der Entwurfsphase bis zur Ausführung und Abnahme zu führen, ist vielmehr eine ganzheitliche Betreuung durch Brandschutzsachverständige in allen Leistungsphasen erforderlich. Diese sollten idealerweise integraler Bestandteil der Schnittstelle und Bindeglied zwischen Bauaufsicht, Feuerwehr, Nutzer, Architekten und TGA-Planer sowie der Bauleitung und den ausführenden Unternehmen sein und mit Blick auf die Details und mögliche Konflikte in der Planung die richtige Umsetzung der Maßnahme begleiten. Beim Neubau der Halle 90B ist dies mit der Inbetriebnahme durch ca. 1800 VW-Mitarbeiter im Mai 2014 in herausragender Weise gelungen.
Literatur
[1] Görtzen, Christian: Brandschutznachweis 206-11, Version 2 vom 18.12.2001
[2] RKW Architektur + Städtebau: Projektdarstellung Architekturobjekte, eingesehen: www.heinze.de am 02.02.2015
[3] Muster-Richtlinie über den Bau und Betrieb von Hochhäusern (Muster-Hochhaus-Richtlinie – MHHR), in der Fassung vom April 2008, Fachkommission Bauaufsicht der ARGEBAU
Autoren
Dipl.-Ing. Christian Görtzen : Partner in der Partnerschaftsgesellschaft Görtzen & Stolbrink Ingenieure für Brandschutz; staatlich anerkannter Sachverständiger für die Prüfung des Brandschutzes
Dipl.-Ing. (FH) Stephan Bargel : Brandschutzsachverständiger in der Partnerschaftsgesellschaft Görtzen & Stolbrink Ingenieure für Brandschutz; Bauingenieur mit dem Arbeitsschwerpunkt komplexe Sonderbaute n
Der vollständige Artikel ist im FeuerTRUTZ Magazin 2.2015 erschienen.
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Sieger Brandschutz des Jahres
Zum Gewinner in der Kategorie „Brandschutzkonzept“ kürte die Fachjury unter Vorsitz von Anke Löbbert das Konzept zum Neubau des Kompetenzzentrums Elektro der Volkswagen AG in Wolfsburg. Die Jury lobte das von Görtzen & Stolbrink Ingenieure für Brandschutz eingereichte Konzept für die Gesamtlösung der umfassenden Planungsaufgabe.
Die Besonderheit habe darin gelegen, dass das Gebäude in vielen Punkten von bauordnungsrechtlichen Normen abweicht. Die Größeund offene Atrium-Bauweise, die im deutschen Brandschutz so nicht vorgesehen seien, machten hier einen „Brandschutz ohne Abschnittsbildung“ nötig – kompensiert durch entsprechende Technik, wie Rauchabzugs- und Sprinkleranlagen und nachgewiesen durch entsprechende Berechnungen. Insgesamt lobte die Jury das sehr konzentriert auf den Punkt gebrachte und gut aufbereitete Konzept. Die zielführenden Risikoanalysen seien an den Stellen untergebracht, wo sie hingehörten und führten zu den entsprechenden Lösungen.
Weitere Informationen zur Auszeichnung "Brandschutz des Jahres" erhalten Sie unter
www.brandschutzdesjahres.de