2015-09 Interview FeuerTRUTZ Spezial 2015 Trends beim Brandschutz von Industriebauten
Fachexperten zum Brandschutz von Industriebauten im Gespräch mit FeuerTRUTZ (von links nach rechts): Dr.-Ing. Ralf Heidelberg, Jörg Wilms-Vahrenhorst, Günter Ruhe (Chefredakteur FeuerTRUTZ Magazin), Martin Wilske und Dietrich Bank.

Planung | Ausführung 2015-11-03T00:00:00Z Interview: Trends beim Brandschutz von Industriebauten

Der Brandschutz von Industriebauten hat sich nicht nur durch die neue Muster-Industriebaurichtlinie geändert. FeuerTRUTZ sprach mit Experten in einem Interview über die wichtigsten Trends beim Brandschutz von Industriebauten.

September 2015. Die Gesprächspartner des Interviews waren Dietrich Bank, Martin Wilske, Jörg Wilms-Vahrenhorst und Dr.-Ing. Ralf Heidelberg. Das vollständige Interview ist im FeuerTRUTZ Spezial 2015 "Brandschutz im Industriebau" erschienen.

Was war der Anlass zur Überarbeitung der Muster-Industriebaurichtlinie?
Bank: "Der Anlass war die Aktualisierung der DIN 18230-1 im Oktober 2010. Es gibt eine enge Verknüpfung zwischen diesen beiden Regeln der Technik. Dabei wurden natürlich, basierend auf den Erfahrungen aus der Praxis, einige inhaltliche Änderungen vorgenommen."

Die neu eingeführten Begriffe Ebenen und Einbauten sind eine Folge der Anforderungen von Nutzerseite?
Heidelberg: "Ja, das war auch zwingend notwendig. Den Ebenen-Nachweis nach DIN 18230 in den Abschnitt 7 der alten MIndBauRL zu packen, stieß häufig auf Probleme bei den Bauaufsichtsbehörden. Natürlich konnte man dabei schon mit einer Abweichung nach § 3 Abs. 3 der MBO argumentieren, aber da gab es immer wieder Zustimmungsprobleme."

Die neue MIndBauRL ist nun in einigen Bundesländern eingeführt. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Wilske: "Aus eigener Erfahrung – ich arbeite selbst gerade an einem Konzept – recht gut, wenn man sich die Zeit nimmt, sich intensiv einzuarbeiten. Es ist noch nicht alles perfekt, aber man kann damit arbeiten."
Bank: "Viele wissen aber noch nicht, dass es eine neue Richtlinie gibt. In Baden-Württemberg und Bayern z. B. wurde sie bereits zum 1. Januar – in Bayern übrigens in Koexistenz von alter und neuer Richtlinie für ein Jahr – eingeführt. Bislang haben aber erst sechs Bundesländer die MInd-BauRL 2014 eingeführt. Rheinland-Pfalz plant leider offenbar, eine eigene Richtlinie zu erstellen."

Welche Punkte wurden bei den Beratungen kontrovers diskutiert?
Bank: "Da ging es u. a. um die unterschiedlichen Nutzungen in einem Industriegebäude. Dort kann es z. B. ein Lager, einen Bürobereich, Sozialräume, eine Kantine und die Fertigung und Montage geben. Ich vertrete den Standpunkt, das Ganze insgesamt als Industriebau zu sehen."
Bank: "Dann kam der Begriff Kopfbau auf, mit allen Einrichtungen, die nicht direkt fertigungsbezogen sind, z. B. Büro, Labor, Entwicklung usw. Das sollte abgetrennt werden. Als Industrievertreter wollten wir hier mehr Klarheit haben. Daraus entstand der neue Begriff Ebene."

Ist zu erwarten, dass der Umgang mit den beiden neuen Begriffen Ebene und Einbauten die meiste Diskussion nach sich ziehen wird?
Heidelberg: "Mit Sicherheit, denn vielen Planern ist der Unterschied nicht klar. Die Zuordnung wird oft missverstanden, weil sie auch in der Richtlinie vielleicht ein bisschen schwammig formuliert wurde. Man sollte sich deshalb unbedingt die Erläuterung zur MIndBauRL ansehen."
Wilske: "Es ist auch durchaus kompliziert, denn Einbauten dürfen auf Ebenen stehen, aber Einbauten dürfen nicht auf Einbauten stehen, erst recht nicht, wenn die Einbauten auf Ebenen stehen – und definiert wird das Ganze dann durch die Begehbarkeit der Decken."

Wurden in der Neufassung aktuelle technische Trends aufgegriffen, z. B. bei Alarmierung, Brandmeldetechnik oder Löschtechnik?
Wilms-Vahrenhorst: "Was die Löschtechnik angeht, hat sich auf jeden Fall was getan mit der neuen MIndBauRL. Halbstationäre Löschanlagen, häufig in Großbetrieben zu finden, werden positiver bewertet. Hat man eine Werkfeuerwehr, ist die Installation einer halbstationären Löschanlage möglich. Es gibt sicherlich Stellen, die eine vollautomatische selbsttätige Löschanlage bevorzugen, aber die halbstationäre Löschanlage kann in Verbindung mit einer Werkfeuerwehr eine adäquate Lösung sein. Außerdem haben, wie in der DIN 18230, die selbsttätigen Löschanlagen und die Ingenieurmethoden hier ihre Grundlage gefunden."
Heidelberg: "Gut ist, dass nun für das Brandgut geeignete Löschanlagen gefordert sind und dass man nicht immer einen Nachweis mit Ingenieurmethoden führen muss. Es gibt z. B. Datenblätter von FM Global, die u. a. für Reifenlager oder andere Brandlasten die Schutzmöglichkeiten aufzeigen. Gegebenenfalls kann dann sogar der Brandabschnitt größer werden. Man muss nur die Gleichwertigkeit nach § 3 (3) MBO nachweisen. Das passt gut in das Schema der neuen MIndBauRL."

Haben die Vds-Richtlinien an Stellenwert verloren?
Wilms-Vahrenhorst: "Man konnte immer schon andere Regelwerke heranziehen. Vor allem werden jedoch die Datenblätter von FM Global aber auch von NFPA mehr und mehr auf dem Markt angewendet. In diesem Jahr erscheint ja auch eine überarbeitete europäische Norm für Löschanlagen, die weitaus mehr Möglichkeiten bietet als die bisherige Fassung."
Wilske: "In der Richtlinie ist das Schutzziel sehr gut definiert worden, mit den Möglichkeiten, wie es zu erfüllen ist. Ob man das Schutzziel über Löschtechnik oder Brandmeldetechnik erreicht, ist dann Sache des Konzeptes."
Heidelberg: "Dann kann man auch Alternativen zum Sprinkler – Hochdruckwassernebel oder Schaum – einbauen. Das gab es in der Vergangenheit eher selten, außer bei besonderen Anforderungen zum Einrichtungsschutz. Das wird sich zukünftig verändern."

Welche Trends gibt es in Industriebauten bei der Branderkennung, z. B. mit videobasierten Systemen?
Wilske: "Wir warten seit Jahren darauf, dass dies endlich zugelassen wird und umsetzbar ist. Gerade in der chemischen Industrie ist das für uns höchst interessant."
Heidelberg: "Der einzige Bereich, in dem man die Systeme bereits heute einsetzt, sind Müllbunker in Kraftwerken. Da greift man mehr auf Videoerkennung oder auf Karbondioxid-Sensoren zurück. Für viele normale Industriebereiche ist das Investitionsvolumen noch zu groß."
Wilms-Vahrenhorst: "In Bereichen, in denen mit brennbaren Flüssigkeiten und ähnlichen Stoffen gearbeitet wird, werden häufig Flammendetektoren eingesetzt. Auch Rauchansaugsysteme sind an vielen Stellen gut verwendbar."

Wie sieht es mit der Brandvermeidung, z. B. durch Sauerstoffreduzierung, im Industriebau aus?
Heidelberg: "In großen Hallen ist das einfach schwierig, eher möglich ist dies in automatisierten Regalanlagen mit hohen Warengütern."
Wilske: "Es ist ein hoher Aufwand, die Dichtheit der Gebäudehülle herzustellen. Die Einspeisung mit dem Stickstoff ist aus meiner Sicht nur wirtschaftlich, wenn der Stickstoff sowieso vorhanden ist."
Wilms-Vahrenhorst: "In Tiefkühllagern ist das schon verbreitet, weil man ohnehin eine optimale Isolierung der Außenhülle hat. Oder dort, wo weder Brand noch Rauch entstehen darf. Ein Problem gibt es natürlich, wenn Personen in diesen Bereichen arbeiten. Mittlerweile werden auch Gaslöschanlagen eingesetzt, mit den verschiedene Konzentrationsstufen in einem Raum erzielt werden können."
Bank: "Ich würde hier schon den Hinweis geben, dass jede Löschanlagentechnik außer Sprinkleranlagen aufwändig und kompliziert ist. Gasflaschenanlagen oder Sauerstoffreduzierung müssen z. B. instand gehalten werden. Sie bringen grundsätzlich immer ein Personenschutzproblem mit sich. In unserem Unternehmen suchen wir einfache und verlässliche Lösungen. Eine Sprinklerung ist sicher von der Investition her aufwändig, auch in der Instandhaltung, aber die Auslösungen, die wir hatten, waren durchweg erfolgreich."
Wilms-Vahrenhorst: "Wir haben heute eine breitere Vielfalt an Löschtechnik. Sprinkler sind an vielen Stellen noch immer die einfachste Lösung. Es kommen auch immer mehr Schaumlöschanlagen, z. B. Leichtschaum- oder Druckluftschaumanlagen, zum Einsatz."
Heidelberg: "Ich tendiere zu Hochdruckwassernebel-Löschanlagen. Kostenmäßig besteht kein großer Unterschied, aber der Wasserschaden ist geringer."
Wilms-Vahrenhorst: "Auch eine Sprinkleranlage stößt mal an ihre Grenzen. Bei einem Gefahrstofflager mit brennbaren Flüssigkeiten und 10 m Höhe des Lagergutes ist das Thema Sprinkler beendet."
Heidelberg: "Mittlerweile gibt es bei FM Global die Möglichkeit, bis 13,50 m Deckenhöhe zu Sprinklern."
Wilms-Vahrenhorst: "Aber nicht bei IBC-Verpackungen."

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Das vollständige Interview ist im FeuerTRUTZ Spezial "Brandschutz im Industriebau" (September 2015) erschienen.
Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Spezial .


Wo sehen Sie Schwierigkeiten für die Zukunft?
Wilske: "Die Industriebauten ändern sich immer schneller und wir bauen immer häufiger Anlagen um oder ändern die Nutzungen. Wir müssen also mehr im Bestand arbeiten. Da sind schon Schwierigkeiten absehbar, wenn man wesentliche Änderungen in einem bestehenden Industriebau nach der alten Richtlinie vorhat und dann bei einem Umbau die neue Richtlinie heranziehen muss.
Auch das Thema Brandfallmatrizen ist problematisch. Der Trend, alle Systeme zu vernetzen und damit jegliche architektonische Spielerei zu heilen, ist gefährlich. Die komplexen vernetzten Systeme sind nicht über die Lebenszeit eines Gebäudes beherrschbar. Wenn sie es denn überhaupt bei Inbetriebnahme des Gebäudes sind."
Wilms-Vahrenhorst: "Spannend für die Zukunft wird auch die Fragestellung, wie wir mit dem Wandel in den Materialien oder deren Lagerarten umgehen. Früher wurden Holz, Papier und Kunststoffe gelagert. Heute haben wir z. B. Lithium-Ionen-Batterien mit ganz anderen Risiken. Auch die Lagertechnik ändert sich. Es gibt heute große Regale, die von oben bestückt werden und nicht mehr von der Seite. Das hat eine viel höhere Anhäufung von Brandlasten zur Folge. Da ist noch viel Forschung und Entwicklung notwendig."

Gibt es in Deutschland Forschungsvorhaben zu diesen Themen?
Wilms-Vahrenhorst: "Ich kann das nur für die Löschanlagentechnik beurteilen und muss sagen, wenn man das mit anderen Ländern vergleicht und mit anderen Forschungsinstituten, ist Deutschland sicherlich nicht führend."

Gesprächspartner

Dipl.-Ing. Dietrich Bank:
Leiter der Zentralstelle C/PSF (Corporate Protection Safety – Fire Protection and Emergency Control) der Robert Bosch GmbH; Obmann der Arbeitskreise für Brandschutz im Verband der Automobilindustrie (VDA) und in der Arbeitsgemeinschaft Industriebau e.V. (AGI)

Dipl.-Ing. Martin Wilske:
Brandschutzingenieur in der Fachstelle Baulicher Brandschutz der Wacker Chemie AG; Vorsitzender des Werkfeuerwehrverband Bayern e.V./Arbeitsgemeinschaft Betrieblicher Brandschutz ( www.wfv-bayern.de )

Dipl.-Ing. Jörg Wilms-Vahrenhorst:
Geschäftsführer der WilmsWeiler GmbH & Co. KG (www.wilmsweiler.com); Erstellung von Konzepten für den anlagentechnischen Brandschutz, Prüfungen von Brandschutzanlagen; Inhouse-Schulungen und Dienstleistungen für Brandschutzbeauftragte; Dozent an Hochschulen und Instituten

Dr.-Ing. Ralf Heidelberg, M.Eng. VDI:
Beratender Ingenieur und Geschäftsführer der Heidelberg Ingenieure & Sachverständige GmbH; Sachverständiger für Brandschutz sowie für Gebäudeschäden; Fachbuchautor und Referent

Das vollständige Interview ist im FeuerTRUTZ Spezial "Brandschutz im Industriebau" (September 2015) erschienen .
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zuletzt editiert am 27. April 2021
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