2014-09 Feuertrutz Which Trend is Your friend
Von Deregulierung ist heute kaum noch die Rede. Kann man schon froh sein, wenn die Anzahl neuer, zusätzlicher Vorschriften überschaubar bleibt? (Bilder: FeuerTRUTZ Magazin)

Branche | Markt 2014-09-18T00:00:00Z Which Trend is your Friend?

Die großen Trends der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gehen auch am vorbeugenden Brandschutz nicht vorbei. Es ist Zeit, einen Ausblick auf die kommenden Themen der nächsten Jahre zu wagen.

September 2014 / Von Günter Ruhe. Als Trend gilt eine besonders tiefgreifende und nachhaltige Entwicklung. Manchmal endet, was man für einen Trend hielt, dann doch als Strohfeuer. Dennoch gibt es ein p aar grundlegende
Entwicklungen, die auch im vorbeugenden Brandschutz bereits jetzt eine Rolle spielen oder zukünftig besonders wichtig werden. Der Beitrag erläutert in wenigen Stichworten die Themen, die uns vielleicht in den nächsten Jahren erreichen und besonders beschäftigen werden.

Vernetzung aller technischen Geräte


Das Zusammenwirken technischer Anlagen im Brandschutz ist unbestritten ein wachsendes Feld. Je technischer die Gebäude werden, umso wichtiger ist es, die verschiedenen Maßnahmen gut aufeinander abzustimmen. Mit der Brandfallsteuermatrix wurden bereits grundlegende Voraussetzungen geschaffen.
Aber welche Folgen hat der Trend zu mobiler Ansteuerung und Fernwartung technischer Anlagen? Die Fernwartung wird sicher kommen, denn die Internetvernetzung der Geräte und deren Möglichkeiten zur Selbstdiagnose werden steigen. Doch wie ändert sich damit das Dienstleistungsgeschäft zur Prüfung technischer Anlagen? Wird es die derzeitigen Fristen auch zukünftig noch geben?

Intelligente Bauprodukte


Zunehmend werden auch die Bauprodukte selbst die kompletten Dokumente für ihren Einbau oder ihre Wartung enthalten. Aufwändige Dokumentationen und Anleitungen müssen dann nicht mehr aufbewahrt werden, sondern können stets aus dem Produkt abgelesen werden. Könnte dann nicht das Produkt auch gleich beim Einbau warnen, wenn Randbedingungen nicht eingehalten werden?
RFID, Beacons und Barcodes sind die Stichwörter dieser technischen Umwälzung. Wenn sich der traditionelle Bauprozess einmal diesen modernen Möglichkeiten öffnet, wird aus dieser Utopie bald Alltag.
Keine Utopie ist hingegen bereits jetzt das Building Information Modelling (BIM) für den gesamten Bauprozess. Bauminister Alexander Dobrindt sieht darin sogar die Lösung für die Komplexität der Großbauprojekte.
Indem die Bauteile des virtuellen Gebäudes nicht nur mit geometrischen Eigenschaften ausgestattet werden, sondern auch Eigenschaften wie den Feuerwiderstand enthalten, sind Probleme beim Zusammenführen solcher Bauteile frühzeitig erkennbar. Die oft beschworene Planprüfung wird vielleicht nicht überflüssig, aber bereits in den Ausführungsplanungen können dann Prob lemstellen erkannt werden.

Energiewende – Sparen mit Sicherheit


Das größte Vorhaben der Bundesregierung, wenn nicht der gesamten Gesellschaft, dürfte der Ausstieg aus der Atomenergie durch die Energiewende sein. Atomausstieg, CO 2 -Reduzierung bei gleichzeitiger Sicherstellung der Energieversorgung sind wahrlich ein epochales Unterfangen. Dies kann nur gelingen, wenn neben umfassender Energieeinsparung alle technischen Möglichkeiten neuer, regenerativer Energieschöpfung angefasst werden.
Da der Wärmebedarf von Wohngebäuden einer der größten Posten im Gesamtenergiehaushalt Deutschlands ist, liegt es auf der Hand, sich intensiv mit der Wärmedämmung zu beschäftigen. Es sieht jedoch so aus, als würde mit den stetig wachsenden Anforderungen der Energieeinsparverordnung – insbesondere an die Wärmedämmung der Gebäudehülle – nicht in gleichem Maße die Einsparung von Heizenergie und damit die Amortisation der Sanierungskosten einhergehen.
Die Brandschutzproblematik der dicken WDV-Systeme auf Basis von expandiertem Polystyrol ist in diesem Magazin bereits hinreichend beleuchtet worden. Ende des Jahres wird es dazu wohl neue Empfehlungen der Fachkommission Bauaufsicht der Bauministerkonferenz geben. Um die Energieeinsparziele weitgehend kostengünstig zu erfüllen, werden diese WDVSysteme aber benötigt. Eine Einsparung auf Kosten der Gebäude- und damit der Bewohnersicherheit wird hingegen nie eine Akzeptanz finden. Mehr Offenheit in dieser Diskussion wäre allen Beteiligten anzuraten.

Neue Technik – neue Gefahren


Ob Windenergie, Elektromobilität oder regenerative Energiegewinnung mit Biogas bzw. Photovoltaik oder dezentrale Energiegewinnung mit Blockheizkraftwerken, stets handelt es sich um hochtechnische Geräte, deren Störanfälligkeit in den ersten Jahren und am Ende des Verschleißzeitraums naturgemäß hoch sein wird. Geht von diesen Geräten eine erhöhte Brandgefahr aus?
Dieses Thema wird zwar gelegentlich in Forschungsarbeiten behandelt, eine breite Diskussion und eine Berücksichtigung in Bau- und Brandschutzvorschriften finden hingegen kaum statt. Wenigstens eine intensive Begleitung und Dokumentation dieser potentiellen Risiken sollte der Gesetzgeber ins Auge fassen.
Über die Brandgefahr von Ladestationen und die Gefahren von Lithium-Ionen-Batterien in Elektrofahrzeugen wurde im FeuerTRUTZ Magazin bereits berichtet. Auch wenn ein Fahrradkeller mit E-Bikes wohl kein Hochrisikobereich wird, ist doch eine Reaktion in Richtlinien oder Verordnungen zu vermissen. Nachhaltig beeindruckend war ein Video eines Brandversuches in Frankreich mit einem Elektrofahrzeug in einer Tiefgarage. Da scheinen sehr große Herausforderungen auf Feuerwehr und Löschtechnik zuzukommen.
Bei der Photovoltaik ist derzeit etwas Ruhe eingekehrt. Dennoch sind die prinzipiellen Problemstellungen durch den weitgehend ungeregelten Einbau auf Dachflächen nicht gelöst.

Demografie – Wandel mit Problemen


Der oft beschworene demografische Wandel und die Alterung der Gesellschaft werden ihre Folgen auch im vorbeugenden Brandschutz zeigen. Vielleicht lässt sich zwar, wie in den vergangenen Jahren, ein Rückgang der Gesamtbevölkerung durch massiven Zuzug aus dem Ausland verhindern, doch das Durchschnittsalter und die Lebenserwartung werden steigen.
Drei Thesen, die sich aus dem Wandel ergeben:

  • Barrierefreiheit wird Grundanforderung – auch im Brandschutzkonzept.
  • Leistungsfähigkeit freiwilliger Feuerwehren sinkt.
  • Vorbeugender Brandschutz ist auf nicht deutschsprachige Nutzer eingestellt.


Die Anzahl mobilitätseingeschränkter oder seh- bzw. hörbehinderter Personen steigt. Die bisherigen Schutzkonzepte, die sich doch in überwiegendem Maße mit einer gesunden, orientierungsfähigen Nutzergruppe beschäftigen, greifen hier zu kurz. Lediglich in Gebäuden, deren Nutzung offensichtlich diesem Personenkreis dient, z. B. Pflegeeinrichtungen, spielt dieser Aspekt in der Konzepterstellung bisher eine wesentliche Rolle.
Zukünftig wird die Barrierefreiheit aber in jedem Gebäudetyp planungsrelevant, vielleicht sogar genehmigungsrelevant. Spezialisten werden dazu wie im Brandschutz Konzepte für Barrierefreiheit erstellen. Dabei den Abgleich mit dem Brandschutzkonzept zu erfüllen, könnte nicht einfach werden. Vielleicht sollten sich Brandschützer deshalb auch gleich darum bemühen, diese Konzepte mit zu erstellen.
Der demografische Wandel und die sinkende Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, zieht auch in den Kreisen der freiwilligen Feuerwehren Probleme nach sich. Der Fortfall der Wehrpflicht und damit des Ersatzdienstes bei der Feuerwehr verstärkte die Situation. Immer weniger Menschen sind bereit, sich hier zu engagieren. Welche Folgen wird dies aber auf die Hilfsfristen der Feuerwehren im ländlichen Raum haben?
Die Leistungsfähigkeit der Feuerwehren ist in unserem baurechtlichen Konzept essenziell. Treten hier Probleme auf, müssen zwangsläufig die Anforderungen an Brandvermeidung und aktiven, technischen Brandschutz steigen.
Mit dem wünschenswerten Zuzug von Menschen aus anderen Ländern steigt der Bevölkerungsanteil derer, die nicht deutschsprachig sind. Wir müssen uns deshalb die Frage stellen, ob Beschilderungen Brandschutzordnungen, Alarmierungsdurchsagen u.a. Maßnahmen nicht nur in Bauwerken mit hohem Nutzeranteil, wie in Bahnhöfen oder Flughäfen, sondern in jedem Gebäudetyp mit Besucherverkehr mehrsprachig sein müssen. Die Brandschutzaufklärung für Bevölkerungskreise, die in Ländern mit anderer Sicherheitsphilosophie sozialisiert wurden, wird an Bedeutung gewinnen.

Regelungswut oder Notwendigkeit?


Kaum jemand beklagt sich über zu wenig Vorschriften und Regeln. Im internationalen Vergleich sind wir sicher mit Verordnungen und Normen „ausgezeichnet“ ausgestattet. Die vielfach angesprochene Länderhoheit im Baurecht, mit der Folge unterschiedlicher Bauordnungen und Sonderbauvorschriften, trägt sicher nicht dazu bei, die Bauqualität zu steigern. Dennoch erwarten uns neue Richtlinien und Empfehlungen, die zu Recht auf die Entwicklungen und Trends reagieren. Wie zuvor angesprochen, ändern sich die Nutzungskonzepte für Pflegeeinrichtungen als Folge eines geänderten gesellschaftlichen Wunsches und neuer Erkenntnisse über die humane Unterbringung hilfsbedürftiger Personen. Der Brandschutz muss diesen Wunsch ermöglichen. Deshalb muss es für Pflegeeinrichtungen auch neue Regeln geben. Ebenso wie zur Barrierefreiheit.
Ein anderer Gebäudetyp wird hingegen für Brandschützer interessanter, weil die Anzahl großer Bauvorhaben drastisch steigt und deren Genehmigungen vielfach umstritten sind. Landwirtschaftliche Bauten, besonders in großem Maßstab, sind ein neues Gebiet, bei dem das Brandschutzkonzept wesentliche Aufgaben erfüllt. Empfehlungen dazu entstehen zurzeit. Eine Deregulierung ist also nicht in Sicht. Wir müssen uns damit arrangieren, auf längere Sicht mit noch mehr Vorschriften im vorbeugenden Brandschutz zu leben.

Europa – Herausforderung und Chance


Dass die europäische Harmonisierung auch in der Brandschutzbranche angekommen ist, dürfte mittlerweile allen bekannt sein. Aber zu wenige Planer haben sich mit den Folgen intensiv auseinandergesetzt und sind darauf gut vorbereitet. Die Umbenennung der Feuerwiderstandsklassen wird noch zu oft belächelt und der bewährten F 30-, F 60-, F 90-Klassifizierung nachgetrauert.
Dabei ist es endlich an der Zeit, die Umstellung konsequent und in allen Gebieten anzuwenden. Die neuen Bezeichnungen machen unseren Brandschutz nicht nur internationaler, sondern sind in vielen Punkten einfach präziser als die fast 100 Jahre alten deutschen Klassen.
Wer glaubt, dass der deutsche Brandschutz weltweit führend sei, irrt. Unsere Sicherheitsphilosophie hat sich zwar bewährt, aber das heißt nicht, dass es in allen anderen Ländern unsicherer zugeht. Stellt man im internationalen Vergleich Aufwand und Nutzen – weniger Brandtote- und -verletzte sowie die Höhe der Schadensummen – in Relation, wird man vielleicht feststellen, dass unsere Sicherheit teuer erkauft ist. Das Lamento über die fehlende Brandstatistik ist hier fehl am Platz, aber dass es unserer Branche nicht gelingt, dieses leidige Thema endlich voranzubringen, ist vielleicht symptomatisch für Uneinigkeit in der Branche.
Mit der europäischen Harmonisierung kommen nicht nur neue Bezeichnungen, sondern der deutsche Markt öffnet sich langsam für Produkte ausländischer Anbieter und später sicher auch für Dienstleistungen wie die Brandschutzplanung. Der attraktive deutsche Markt mit seinen hohen Preisen wird dann möglicherweise ein Schlachtfeld im Kampf um Marktanteile werden. Eine Marktbereinigung und der Verlust kleinerer Unternehmen könnten folgen.
Dass in diesem Wettbewerb nicht immer mit lauteren Mitteln agiert wird, ist wohl zu erwarten. Umso mehr müssen ausschreibende Stellen und Fachbauleiter genau darauf achten, welches Leistungsvermögen das einzubauende Produkt wirklich erfüllt. Diese Leistungen werden an Bedeutung stark zunehmen, leider ist aber nicht in Aussicht, dass die Honorierung dieser Leistungen ebenso steigt.

Mehr Qualität, mehr Aufgaben, mehr Honorar?


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Moderne Gebäude werden immer komplexer und der Planungsaufwand steigt. Das Honorar folgt dieser Richtung leider nicht.

Konzeptersteller im Brandschutz stehen jetzt bereits unter Druck. Immer mehr Planer drängen in diesen attraktiven Bereich, in dem sich im Gegensatz zur Architektur derzeit noch gutes Geld verdienen lässt.
Preisdumping gibt es noch wenig, aber die Tendenz dazu steigt. Ebenso steigen die Anforderungen erheblich. Die angesprochene Regelungsdichte erhöht sich und die Qualität auf den Baustellen folgt dieser Richtung oft leider nicht. Mit der Komplexität der Bauvorhaben steigen die Anforderungen an Planprüfung, Steuermatrix und Fachbauleitung, um nur einige Schwerpunkte zu nennen. Aber steigt auch die Bereitschaft der Bauherren, für diese Leistungen Geld zu bezahlen? Wohl kaum. Nur im mühsamen Dialog kann man überzeugen, dass diese Leistungen Geld und Zeit sparen und äußerst sinnvolle Investitionen sind. Gerät die ganze Zunft unter Preisdruck, dürfte diese Überzeugungsarbeit weniger ausführlich ausfallen. Eine drohende Fehlentwicklung, der die gesamte Branche frühzeitig entgegenwirken sollte.
Im Dialog mit Kammern, Verbänden und politischen Vertretern muss die Bedeutung einer angemessenen Bezahlung für die vielfach kritisierte Bauqualität angesprochen werden. Gelingt es, öffentliche Bauherren davon zu überzeugen, dass mehr Geld in diesen Leistungsphasen eine nachhaltige Investition sind, wirkt sich dies auch auf privat finanzierte Bauvorhaben aus. Schaut man sich aber die Haushaltslage der Länder und Kommunen an und sieht die Verpflichtungen der Schuldenbremse kommen, erkennen wir alle, dass solche Gespräche außerordentlich mühsam werden.

Fazit


Wer glaubt, der Brandschutz ändere sich nicht, irrt. Das Tempo der Veränderungen wird sich sogar verschärfen und vielleicht auch zur Folge haben, dass sich nur Hersteller und Planungsbüros am Markt halten können, die am meisten in stetige Fortbildung investieren.
Eines steht auf jeden Fall fest: Es kommen spannende Zeiten auf uns zu.

Ihre Meinung zählt:
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Was sind die Zukunftsaufgaben im vorbeugenden Brandschutz?
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Der vollständige Beitrag ist in Ausgabe 5.2014 (September 2014) des FeuerTRUTZ Magazins erschienen.
Hier erhalten Sie weitere Informationen zum FeuerTRUTZ Magazin

zuletzt editiert am 27. April 2021
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