Der Einsatz von Stroh als Dämmstoff im mehrgeschossigen Wohnungsbau wird noch immer kritisch beurteilt – insbesondere aus brandschutztechnischer Sicht. Das Wohnprojekt querbeet in Lüneburg zeigt exemplarisch, wie strohgedämmte Wohngebäude auch in der Gebäudeklasse 4 umgesetzt werden können. Grundlage ist ein konsequent entwickeltes Tragwerks- und Brandschutzkonzept, in dem die Außenwände nichttragend ausbildet werden. Der Beitrag stellt die bauliche Ausführung, die brandschutztechnische Bewertung sowie die zugrundeliegenden Abweichungen dar und ordnet das Projekt vor dem Hintergrund aktueller Holzbau- und Brandschutzregelwerke ein.
Der Verwendung von Stroh als Dämmstoff im mehrgeschossigen Wohnungsbau wird in Deutschland nach wie vor mit Zurückhaltung begegnet. Neben bauphysikalischen Bedenken („Schimmel“, „Schädlinge“) stehen brandschutztechnische Vorbehalte einer Anwendung entgegen. Dies betrifft insbesondere das Schwelverhalten der Strohballen, die daher nur schwer zu löschen sind. Diese Einschätzungen greifen jedoch zu kurz. Für Strohballen als Baustoff liegen seit vielen Jahren Verwendbarkeitsnachweise vor, und umfangreiche Forschungsergebnisse belegen die brandschutztechnische Leistungsfähigkeit geeigneter Konstruktionen.

Bereits seit 2006 ist Stroh in Form gepresster Ballen in Deutschland als normalentflammbarer Wärmedämmstoff bauaufsichtlich anerkannt. Landwirtschaftliche Strohballen stehen heute als CE-gekennzeichnetes Bauprodukt („Baustroh“) zur Verfügung. Darüber hinaus existieren bauaufsichtliche Verwendbarkeitsnachweise (u. a. allgemeine bauaufsichtliche Prüfzeugnisse) für tragende, feuerhemmende Außenwandkonstruktionen in Strohbauweise. Damit ist der Einsatz in tragenden Außenwänden bis Gebäudeklasse 3 abweichungsfrei möglich. Bei höheren Gebäuden der Gebäudeklassen 4 und 5 müssen gemäß Muster-Holzbaurichtlinie die Dämmstoffe nichtbrennbar mit einem Schmelzpunkt > 1.000 °C ausgeführt werden. Dies schließt Stroh als Dämmstoff bei Bauteilen im Anwendungsbereich der Richtlinie zunächst aus.
Projektvorstellung querbeet
Bei dem Projekt querbeet handelt es sich um zwei Gebäude, die unterirdisch durch eine Tiefgarage miteinander verbunden sind. Nord- und Südhaus wurden annähernd baugleich, jedoch um 180° gedreht ausgeführt. Beide Gebäude verfügen über vier oberirdische Geschosse; das oberste Geschoss ist jeweils als Staffelgeschoss ausgebildet. Die Abmessungen liegen bei ca. 32,60 m × 31,20 m. Der Fußboden des obersten Geschosses mit Aufenthaltsräumen liegt in einer Höhe von ca. 9,90 m.
Die Grundflächen der Nutzungseinheiten betragen zwischen ca. 52 m² und 125 m² (Wohnungen). Ein im Erdgeschoss angeordneter Gemeinschaftsraum hat ca. 81 m² Wohnfläche. Das UG umfasst eine Tiefgarage mit ca. 993 m² sowie Abstellräume (zusammenhängend ca. 131 m²) und eine Werkstatt (ca. 41 m²).

Das UG einschließlich der Decke zum EG ist in Stahlbetonbauweise ausgeführt. In den oberirdischen Geschossen erfolgt der vertikale Lastabtrag über Holzstützen sowie tragende und aussteifende Brettsperrholzwände. Die Geschossdecken bestehen aus Brettsperrholzelementen, werden als Scheiben ausgebildet und an den Treppenraum in Stahlbetonbauweise angeschlossen. Die Holzstützen des Skelettbaus befinden sich überwiegend innerhalb der Ebenen der nichttragenden Außen- und Innenwände, sind jedoch teilweise auch sichtbar vor den Wänden angeordnet. Die nichttragenden Außenwände wurden in Strohballenbauweise ausgeführt und außen mittels Kalkputz geschützt. Die nichttragenden Innenwände wurden in Holzständerbauweise hergestellt und mit Gips- oder Lehmplatten bekleidet; der Hohlraum ist mit Cellulose ausgeflockt. Das Flachdach oberhalb des Staffelgeschosses ist ebenfalls in Form von Brettsperrholzelementen mit obenliegender Mineralfaserdämmung ausgeführt.
Die Mehrgenerationen-Baugemeinschaft bewohnt insgesamt 38 Wohnungen und nutzt mehrere Bereiche gemeinschaftlich, u. a. Gemeinschaftsraum, Coworking-Space, Werkstatt sowie zwei Waschmaschinenräume. Die Wohnungen sind weitgehend individuell geplant. Die Reduzierung der Tragfunktion auf wenige Stützen und definierte tragende Innenwände schuf Freiheiten: Die übrigen Innenwände konnten in der Grundrissgestaltung flexibel positioniert werden.

Fußbodenheizung und wohnungsweise Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung erhöhen den Wohnkomfort. Dreifachverglasungen reduzieren in der kalten Jahreszeit Kaltluftabfall auch vor großen Verglasungsflächen. Alle Wohnungen verfügen über Terrassen bzw. Balkone; zusätzlich existiert ein gemeinsamer Hofbereich zwischen den beiden Gebäuden als „Außenwohnzimmer“.
Wesentlich für das Gelingen des Projekts waren neben der Hochbauplanung durch deltagrün Architektur und der Brandschutzplanung durch Dehne Kruse Brandschutzingenieure (Gifhorn) insbesondere:
- Tragwerksplanung: Assmann Beraten und Planen (Hamburg)
- Holzbau: Ökologischer Holzbau Sellstedt
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Der Beitrag ist in Ausgabe 2.2026 des FeuerTrutz Magazins erschienen. Die ausführliche Fassung des Artikels gibt es kostenlos zum Download – die Autoren gehen auf das Brandschutzkonzept sowie die brandschutztechnischen Nachweise ein und erläutern den Einsatz der Strohballenbauweise im mehrgeschossigen Holzbau.
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Quellen
[1] FNR (2024): Leitfaden Strohbau – Nachhaltig Bauen und Dämmen mit Stroh, 8. aktualisierte Auflage. Online: https://mediathek.fnr.de/strohgedaemmte-gebaeude.html
[2] DIBt (2017): European Technical Assessment ETA-17/0247 – „Baustroh“. Thermal insulation made of straw bales. Online (PDF): https://www.dibt.de/pdf_storage/2017/ETA-17%210247%288.12.01-5%2114%29e.pdf
[3] abP (Beispiel, Strohwände feuerhemmend): Download/Übersicht z. B. über FASBA: https://fasba.de/service/downloads/
[4] FASBA: Fachverband Strohballenbau Deutschland e. V., Informationen zu Forschung/Regelwerken/Projekten: https://fasba.de/
[5] Henning Larsen: Projektseite Logistics Center West (Lelystad): https://henninglarsen.com/projects/bestseller-logistics-center-west
[6] Forum Holzbau: „Zehngeschosser mit Strohdämmung (ETC Hyllie, Malmö)“: https://forum-holzbau.com/de/bauten/86035a8b-28e1-47cc-9aa1-f0a758aa691c/zehngeschosser-mit-strohdaemmung-in-den-aussenwaenden
[7] Hosser, D. und Kampmeier, B.: Teilprojekt 3b: Brandtechnische Untersuchungen zur Optimierung der Flammschutzmittelzusammensetzung und des Brandverhaltens auf Bauteilebene. Untersuchungen zur Optimierung und Standardisierung von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen. (FNR 2007)
[8] Hosser D., Zehfuß J., Wachtling J.: Direktverputzte Strohballenbauteile für die Gebäudeklasse 4 – Teilprojekt Brandschutztechnische Untersuchungen, Abschlussbericht ZIM-Förderkennzeichen: KF 2178804 KI0, Braunschweig, 2014