Krankenhäuser stellen besondere Anforderungen an den Brandschutz. Da jeder Klinikbau einzigartig ist, erfordern die Planung sowie der Betrieb maßgeschneiderte Lösungen, die vielfältige Nutzungsarten und Sicherheitsvorgaben berücksichtigen. Ein modernes Brandschutzmanagement setzt auf flexible Konzepte, die sowohl bauliche als auch organisatorische Aspekte vereinen. Im Interview berichten die Fachbuchautoren Talal Al-Kass, Martin Feucht-Sedlmeier und Timo Weidner über typische Fragestellungen und wie ihr vor Kurzem erschienenes Fachbuch „Brandschutz in Krankenhäusern“ auf diese eingeht.
Was zeichnet die Gebäudetypologie von Krankenhäusern vor allem aus?
Talal Al-Kass: Es gibt nicht die eine Gebäudetypologie, die allen Belangen gerecht wird. Schaut man sich die Architektur, die Funktion und die Nutzung an, dann gibt es auch aus der Geschichte heraus verschiedene Gebäudestrukturen, zum Beispiel Pavillons, Blockbauten und Kammstrukturen. Moderne Krankenhausbauten sollen heute eher Orte mit einer eigenen Identität sein, die den Heilungsprozess unterstützen, z. B. Stichwort „Healing Architecture“. Die Gebäude sind ganz unterschiedlich und richten sich nach den einzelnen Funktionsbereichen und -stellen und dem Charakter, der umgesetzt werden soll – das Ganze auch im Hinblick auf effiziente Betriebsabläufe. Beim Brandschutz muss man eben das Schutzziel erreichen.
Timo Weidner: Unser Ansatz im Buch zeigt, dass man ein Krankenhaus nur dann richtig verstehen und planen kann, wenn die dort stattfindenden Nutzungen sowie die Hintergründe und Zwänge bei der Durchführung der medizinischen Behandlung und Pflege bekannt sind. All das ist so vielschichtig, dass wir zuerst auf die Nutzung eingehen, um dann daraus den Brandschutz abzuleiten.
Martin Feucht: Wenn ich nach der Besonderheit gefragt werde, sage ich immer: Es gibt viele Besonderheiten. Jedes Krankenhaus ist anders. Psychiatrische Kliniken sind nicht wie Kinderkliniken. „Das Krankenhaus“ ist kein Standard. Kleine Kreiskrankenhäuser unterscheiden sich stark von Maximalversorgern, die fast wie Städte wirken. Zusätzlich können in einem großen Haus auch viele verschiedene Sonderbauverordnungen zum Tragen kommen (Hochhaus, Versammlungsstätte) – aber alles hängt sehr stark vom spezifischen Projekt ab.
Timo Weidner: Sehr viele Nutzerinnen und Nutzer, die pflegebedürftig und in unterschiedlichen Graden nicht selbstrettungsfähig sind, sind daher auf die Unterstützung des Personals und des Betriebs angewiesen, um im Brandfall oder einer sonstigen Katastrophe im Krankenhaus gerettet zu werden.
Welches ist die grundlegende Planungsvorschrift für Krankenhäuser?
Talal Al-Kass: Es gibt keine bundesweit verpflichtende Verordnung, und lediglich Brandenburg hat eine herausgegeben, die für das Bundesland verpflichtend ist. Dort, wo die Verordnung nicht greift, gilt zunächst die Landesbauordnung. Aber das große Thema ist, dass jeder am Bau Beteiligte und die Nutzer nicht aufhören dürfen zu denken: Es gibt da eine Verordnung, auf die kann man sich verlassen, wir setzen das so um, und dann sind wir auf der sicheren Seite. Wir würden uns schon eine übergeordnete Handlungsempfehlung wünschen, aber man darf sich nie in kompletter Sicherheit wiegen.
Timo Weidner: In den meisten Bundesländern gilt ein Krankenhausbau als ein nicht geregelter Sonderbau. Es ist weder für die Planungsseite noch für die Prüfungsseite geregelt, welche Eckpfeiler ein Krankenhaus als Typ aufweisen sollte, um die Nutzung zu ermöglichen und um den Betrieb/Teilbetrieb auch im Brandfall aufrechtzuerhalten. Es gibt verschiedene Ansätze, aber auch die beleuchten das Thema Krankenhaus eigentlich immer nur aus einem Blickwinkel. Keiner schaut dabei „über den Tellerrand“.
Was war der Hauptanlass, das Fachbuch zu schreiben?
Timo Weidner: Der Hauptanlass für das Buch war, diesen bestehenden Flickenteppich zu beleuchten, den wir in Deutschland aus den Rechtsgrundlagen heraus haben. Denn die brandenburgische Krankenhausbauverordnung ist z. B. komplett konträr zum Hamburgischen Bauprüfdienst oder zu den Hinweisen des Wirtschaftsministeriums in Baden-Württemberg.
Martin Feucht: Genau. Vor allem um Antworten auf häufige Fragen zu geben und zumindest eine Lösung dafür zu präsentieren, auch wenn es keine Muss-Lösung ist.
An welche Zielgruppe richtet sich das Buch also hauptsächlich – die Planenden und Prüfenden?
Martin Feucht: Und auch an die Betreiber. Oft fehlt der Betreiber in der Kommunikation zwischen Planern und anderen Beteiligten. Ich sitze an der Schnittstelle und sehe oft, dass der Betreiber mehr Verantwortung übernehmen müsste. Es geht nicht nur darum, die Vorschläge der Planer zu akzeptieren, sondern aktiv mitzuwirken und die eigenen Anforderungen klar zu formulieren. Ein Beispiel: Der Brandschutzplaner erfüllt die Anforderungen des Baurechts, aber andere Anforderungen, etwa aus dem Arbeitsschutzrecht, werden dabei manchmal vergessen. Später stellt sich heraus, dass der Brandschutznachweis zwar passt, aber andere Behörden zusätzliche Anforderungen stellen. Es ist wichtig, von Anfang an Lösungen zu finden, die all diese Aspekte berücksichtigen und sich nicht gegenseitig behindern.
Timo Weidner: Im Krankenhausbau sind durchaus sehr große Investitionen für die Nutzung an sich erforderlich. Wenn dann noch die teuren Bau- und Brandschutzkosten dazu kommen, fragt der Betreiber: „Warum muss ich das denn überhaupt machen?“ Deshalb haben wir die besondere Gliederung des Buchs gewählt und uns nicht an der Landesbauordnung, an einem Bauvorlagenerlass oder einem Bauprüfdienst entlang gehangelt. Unser Fokus lag auf der DIN 13080. Die Gliederung der Funktionsstellen im Krankenhaus soll den Betrieb von Anfang an abholen und den Verantwortlichen die Möglichkeit geben, sich zu informieren, warum eine solche Aufstellung für ihren Betrieb sinnvoll sein kann. Deswegen ist der Fokus auf diese Interessengruppen gerichtet: Betreibende, Pflegende, Planende, aber auch Prüfende auf behördlicher Seite, um jeweils ein Verständnis für die Belange des anderen zu schaffen.
Talal Al-Kass: Das Buch richtet sich bewusst an eine heterogene Leserschaft, letztlich an alle, die an der Planung, dem Bau und Betrieb beteiligt sind. Insofern können Informationen, die für die einen selbstverständlich sind, für andere interessant sein, um ein Verständnis für die unterschiedlichen brandschutztechnischen Aspekte und deren Abhängigkeiten zu entwickeln.
Welche wiederkehrenden Fragen gibt es bei den baulichen Maßnahmen im Klinikbau?
Martin Feucht: Für mich ist die Antwort: Wenn ich ein Brandschutzkonzept bekomme, achte ich erst einmal auf die Brandabschnitte. Denn die Räumung der Patienten ist der wichtigste ausschlaggebende Faktor überhaupt. Fluchtwege sind natürlich auch wichtig, aber sie sind rechtlich vordefiniert.
Talal Al-Kass: Ganz konkret ist es die Abschnittsbildung. Das thematisieren wir auch im Buch, um eine Evakuierung und Räumung wirklich möglich zu machen. Insofern kommt man immer wieder zurück zu abschnittsbildenden Maßnahmen, seien es Brandwände oder interne abschnittsbildende Bauteile, die letztlich alle darauf abzielen, dass man kurze Wege hat, um in einen gesicherteren Bereich zu kommen. Grundsätzlich bin ich ein Freund von kleinteiligen baulichen Strukturen, und was in der Anlagentechnik danach hinzukommt, hat für mich einen eher ergänzenden Charakter.
Timo Weidner: Hier erkennt man unsere unterschiedlichen Sichtweisen zur Nutzung von Sprinklern oder Wassernebellöschanlagen. Einige bevorzugen eher kleinteilige Strukturen und sind kritisch gegenüber Sprinklern. Ich hingegen komme dann eher aus Richtung der US-Richtlinien, die ja sehr freizügig mit Sprinklern sind. Ich bin ein großer Freund von Wassernebellöschanlagen, weil sie einen sehr geringen Wassereintrag in der Nutzung haben. Ich möchte aber z. B. Intensivbereiche auf keinen Fall sprinklern oder mit einer Wassernebellöschanlage ausstatten, denn die Infektionsgefahr ist zu groß, und stehendes Wasser in den Anlagen ist problematisch. Auf der anderen Seite muss ich Stationen aber so offen gestalten, dass man im alltäglichen Betrieb möglichst die Patientinnen und Patienten im Blick hat, und auch die zu dünn besetzten Pflegestützpunkte beachten. Es gibt keine Patentlösung, sondern immer nur maßgeschneiderte Einzelfalllösungen.
Ist es angesichts von Personalengpässen in den letzten Jahren schwieriger geworden, diese organisatorische Komponente angemessen zu planen?
Martin Feucht: Ich betreue ein großes Haus mit ausreichend Personal. Die Frage nach Personal höre ich aber oft von Kollegen kleinerer Häuser. Da sage ich: „Wir alarmieren eben großflächiger.“ In kleinen Kreiskrankenhäusern mit wenigen Stationsbesetzungen kann es jedoch eng werden, und das Gesundheitssystem arbeitet ohnehin am Limit. Oft planen die Häuser nicht für den schlechtesten Fall, sondern nach regulärem Personalschlüssel, der kaum ausreicht. Sicherheitsreserven fehlen häufig.
Talal Al-Kass: Ein Schwerpunkt des Buchs ist die Thematik des Rettungskonzepts. Eine Räumung der Station sollte schon erfolgt sein, bevor die Feuerwehr kommt. Das kann ein Brandschutznachweisersteller gar nicht leisten, das geht nur in enger Zusammenarbeit mit dem Betreiber, der aber einen bestimmten Personalschlüssel vorgibt. Daran kann kein Planender rütteln.
Timo Weidner: Die Feuerwehren betonen, dass Einsatzkräfte nicht primär für die Personenrettung zuständig sind. Diese sollte idealerweise durch das Personal bereits abgeschlossen sein. Diese Tatsache birgt immer ein Konfliktpotenzial, da sie in der Planung meist nicht belastbar geregelt werden kann. In den einleitenden Kapiteln des Buchs wird daher der Personalschlüssel thematisiert, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, mit welchen Personalansätzen gearbeitet werden kann – ein Thema, das sonst kaum aufgegriffen wird.
Herr Feucht, welche Rolle spielen Brandschutzbeauftragte in Krankenhäusern, und wo liegen ihre Grenzen?
Martin Feucht: Die Rolle an sich ist recht einfach erklärt: Er muss auf alles achten, was zum Thema Brandschutz gehört. Der Brandschutzbeauftragte hat zu überwachen, zu kontrollieren und darauf hinzuwirken, dass Mängel gar nicht erst auftreten. Das wiederum hängt maßgeblich davon ab, wie gut er von der Geschäftsführung und von allen anderen unterstützt wird. Wenn die Geschäftsführung z. B. wenig Geld für bestimmte Dinge einplant, dann kann der Brandschutzbeauftragte nicht viel ändern – das ist dann die natürliche Grenze. Es darf auch einen offenen Diskurs geben, denn es ist normal, dass es bestimmte Dinge gibt, die man unterschiedlich sehen kann. Wenn es insgesamt ein Zusammenspiel gibt, auch gemeinsam mit den Behörden, dann funktioniert es. Aber ist der Brandschutzbeauftragte nur derjenige, der auf dem Papier steht, funktioniert es eben nicht.
Was wäre aus Ihrer Sicht für den Brandschutzbeauftragten wünschenswert?
Martin Feucht: Grundsätzlich einfach ein gesundes Miteinander und das Agieren auf Augenhöhe. Der Brandschutzbeauftragte darf nicht der Polizist sein, der nur nervt, sondern er muss genauso verstehen, wie der Betrieb funktioniert. Gerade als Interner kann man die Probleme des Betriebs erkennen und die beste Lösung finden. Er spricht aber wiederum auch mit Behörden und klärt, wenn eine Forderung so nicht funktioniert. Es geht also darum, miteinander zu reden und eine gute Lösung zu finden. Das zieht sich von der Planung bis hin zum Betrieb.
Timo Weidner: Ich sage immer gerne zu den Studierenden, der Brandschutzbeauftragte ist die Person, die etwas „hätte gesehen haben müssen“. In diesem Rahmen ist es wichtig, zu dokumentieren und abzugleichen. Man hat auch das mächtige Schwert der Gefährdungsbeurteilung in der Hand, um gerade für den Betriebsablauf Dinge zu dokumentieren und zu beleuchten, die sich vielleicht auf den ersten Blick furchtbar gewichtig anhören, bei einer näheren Betrachtung im eigenen Betrieb aber sehr gut lösbar und mit organisatorischen Mitteln umsetzbar sind. Die Unterstützung der Brandschutzbeauftragten, weil sie ihre Augen auf so viele Stellen gerichtet haben müssen, kommt aber oft zu kurz.
Vorträge beim Brandschutzkongress 2026
Beim Brandschutzkongress 2026 sind die drei Fachautoren Talal Al-Kass, Martin Feucht-Sedlmeier und Timo Weidner mit jeweils einem Vortrag zu Besonderheiten beim Brandschutz in Krankenhäusern vertreten.
Die Vorträge finden im Kongresszug 3 (Block D) „Brandschutz in Krankenhäusern“ am 25. Juni ab 14:00 Uhr statt.
Ausgehend von einem Krankenhaus-Bestandsbau: Gibt es typische Schwerpunkte, an denen häufig Mängel festzustellen sind?
Talal Al-Kass: Z. B. eingebaute Anlagentechnik, die nicht ausreichend gewartet wird. Konkret taucht sehr oft die Thematik Türen oder auch Brandschutzklappen auf, die gar nicht mehr funktionieren oder noch nie richtig zugänglich waren für Wartungszwecke. Wenn man etwas weiter in den älteren Bestand blickt, sind es teilweise auch mangelnde Feuerwiderstandsdauern von Bauteilen; das kann in älteren Gebäuden durchaus vorkommen.
Timo Weidner: Leitungsanlagen im Allgemeinen und insbesondere in notwendigen Fluren.
Martin Feucht-Sedlmeier: Gerade im Bestand fehlt häufig eine flächendeckende BMA, sodass Brände in Patientenzimmern nicht immer rechtzeitig detektiert werden. Auch fehlen immer wieder Feststellanlagen, sodass Brandschutztüren in Fluren mit Bettenverkehr zwangsläufig unzulässig offen gehalten werden.
Wie sieht aus Ihrer Sicht ein modernes Brandschutzmanagement in Krankenhäusern aus?
Timo Weidner: Ein modernes Brandschutzmanagement ist ein fortlaufender Prozess. Kaum ist das Krankenhaus fertig gebaut, schon denkt man an die nächste Umnutzung oder an die nächste neue Station oder Medizintechnik, die eine andere räumliche Abtrennung erfordert. Es ist ein ständiger Prozess, nicht nur beim Brandschutzmanagement, sondern auch beim Notfallbetrieb. Es gibt viele andere Katastrophen, die in einem Alarm- und Gefahrenabwehrplan erfasst sind, die das Baurecht überhaupt nicht kennt und die im Baurecht bzw. bei der Genehmigung auch nicht berücksichtigt werden. Es ist wie beim Arbeitsschutz, der in der Baugenehmigung nicht geprüft wird. Trotzdem ist er für den Betrieb immens wichtig. Genau so etwas bildet meiner Meinung nach ein sich weiterentwickelndes Brandschutzmanagement ab.
Talal Al-Kass: Man kann auch hier den Bogen schlagen zum Brandschutznachweis und zur Planung. Ein gutes Gebäudemanagement ist dann umso leichter, wenn im Vorfeld schon genug beachtet und abgesprochen wird. Der Brandschutznachweis sollte auch nach Bedarf fortgeschrieben werden, wenn es erforderlich ist, das ist nun einmal etwas Dokumentationsaufwand. Aber so kann eine nachfolgende Generation Entscheidungsprozesse nachvollziehen.
Gibt es einen Wunsch oder ein Schlusswort, den bzw. das Sie den Lesern gern mitgeben würden?
Timo Weidner: Um vielleicht hier noch einmal auf den Wunsch einer Musterverordnung über die Länder hinweg zurückzukommen: Diese ist nicht sinnvoll, weil die Medizintechnik sich so schnell bewegt und weil die Bauordnungen der Länder in Details dann doch so unterschiedlich sind. Aber wir befürworten sehr wohl einen Leitfaden, der alle Planungsbeteiligten an die Hand nehmen kann und eine Orientierungshilfe bietet.
Herr Al-Kass, Herr Feucht-Sedlmeier, Herr Weidner, wir bedanken uns für das Gespräch!
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