Künstliche Intelligenz (KI) wird oft als der große Umbruch angekündigt. Doch während mancherorts über autonome Löschroboter philosophiert wird, liegt die eigentliche Herausforderung in der täglichen Praxis am Schreibtisch des Planers. Gesetze treffen auf Geometrie, Normen auf Bestandsbauten. Kann eine KI den Spagat zwischen Paragrafen und Projektlogik wirklich leisten?
Wäre jedes Bauprojekt ein quadratischer Neubau auf der grünen Wiese, bräuchten wir keine Ingenieure mehr, denn dann würde ein Algorithmus das Konzept in Millisekunden ausspucken.
Aber Hand aufs Herz: Wer von Ihnen hat solche Projekte auf dem Tisch? Die Realität ist der verwinkelte Bestand aus den 70ern, die Nutzungsänderung in der denkmalgeschützten Scheune oder der komplexe Sonderbau mit Atrium. Da versagt das Schema F. Der Kernjob des Brandschutzplaners ist nicht das bloße Abarbeiten von Vorschriften, sondern die ingenieurmäßige Bewertung: Wie wende ich ein starres Gesetz auf eine „krumme“ Realität an? Welche Kompensationsmaßnahme ist verhältnismäßig?
Die Individualität jedes Projekts ist der Grund, warum die KI den Planer nicht ersetzen wird. Und genau da liegt die Chance: Statt die KI als Bedrohung zu sehen, sollten wir sie als das Werkzeug begreifen, auf das wir gewartet haben.
Die Vision: Der navigierende Partner im Normendschungel
Wenn der Mensch der Entscheider bleibt, wie sieht dann die ideale Unterstützung aus? Ein Brandschutzkonzept entsteht durch die fachliche Übertragung baurechtlicher Anforderungen auf die individuelle Gebäudestruktur. Die Vision ist daher eine KI, die nicht isoliert Bilder oder Texte bearbeitet, sondern die brandschutztechnische Logik verknüpft. Stellen Sie sich vor, die Software erkennt im Entwurf eine Nutzungsänderung und schlägt proaktiv vor: „Für diese Gebäudeklasse ändern sich hierdurch die Anforderungen an die Trennwände. Sollen die entsprechenden Textbausteine im Bericht und die Symbole im Plan aktualisiert werden?“ Diese KI wäre ein intelligenter Navigator und hält im Hintergrund die Fäden zusammen, damit der Planer nicht über Formalien brütet, sondern an der besten Lösung feilen kann.
Praxiskompass: Inseln statt Festland
Doch holen wir uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Diese Vision ist Zukunftsmusik. Technologisch sind wir weit davon entfernt, dass Software komplexe brandschutztechnische Zusammenhänge wirklich „versteht“ oder ganzheitlich verknüpft. Der Markt bietet keine voll integrierte Intelligenz, sondern ausschließlich Insellösungen, die die Erstellung von Brandschutzkonzepten unterstützen, z. B.:
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BIM-Checker: Im 3D-Modell (BIM) ist die automatisierte Prüfung schon weit fortgeschritten. Software kann Kollisionen finden („Rohr trifft Brandwand“) oder Rettungsweglängen messen. Dies läuft jedoch häufig regelbasiert ab, teilweise ergänzt um automatisierte Auswertungen.
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2D-Tools: Für Bestandspläne (PDF) gibt es erste KI-Ansätze, die Symbole erkennen. Sie zählen in Sekunden alle 300 Feuerlöscher im Gebäude. Das spart Fleißarbeit, ist aber eine reine „Inventur-Funktion“ ohne Verständnis für das Brandschutzkonzept dahinter.
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LLMs: KI-Sprachmodelle eignen sich hervorragend als Sparringspartner für Formulierungen, zur Ideensammlung oder um Berichte zu glätten. Bei fachlichen Fragen und Datenschutzanforderungen ist jedoch Vorsicht geboten. Insbesondere Modelle, die nicht speziell für den Brandschutz konzipiert wurden, neigen dazu, Fakten zu erfinden oder Zusammenhänge falsch darzustellen („Halluzinationen“).
Das Fazit: Wir haben Tools zum Zählen, Tools zum Prüfen und Tools zum Texten. Aber das Werkzeug, das diese Inseln verbindet und den Kontext versteht, fehlt noch.
Eigeninitiative statt Warten auf die „Super-KI“
Warum gibt es diese Gesamtlösung noch nicht? Eine ganzheitliche KI müsste gleichzeitig komplexe 3D-Geometrien verstehen, physikalische Brandverläufe simulieren und die Rechtslage der Landesbauordnungen fehlerfrei darauf anwenden. Diese multimodale Verknüpfung von Text, Bild und Logik ist technologisch derzeit eine der größten Hürden. Eine KI, die „weiß“, dass sie bei einer verschobenen Tür im Plan sofort drei Sätze im Brandschutznachweis und die Rettungsweglänge im Brandschutzplan ändern muss, existiert nicht.
Wir bei nees Ingenieure warten daher nicht auf die eine perfekte Software. Stattdessen prüfen wir lieber selbst, welche digitalen Werkzeuge uns heute schon wirklich weiterhelfen und wo sie an ihre Grenzen stoßen.
Forschung und Praxis Hand in Hand
Unsere Arbeit stützt sich dabei auf zwei Säulen:
- BSFZ-bescheinigtes FuE-Vorhaben: Unser primäres Forschungsvorhaben zur digitalen Brandschutzplanung, für das eine FuE-Bescheinigung der BSFZ vorliegt, hilft uns dabei, diese Möglichkeiten systematisch auszuloten.
- Weitere Praxisprojekte: Parallel dazu verfolgen wir aktiv weitere Use Cases, etwa die automatisierte Prüfung von Brandschutzkonzepten sowie die Entwicklung digitaler Lösungen für die vielfältigen Anforderungen im baulichen, anlagentechnischen und organisatorischen Brandschutz.
Indem wir digitale Werkzeuge gezielt weiterentwickeln, schaffen wir den nötigen Raum für die eigentliche Ingenieurarbeit: Gute Konzepte für anspruchsvolle Gebäude.
Forschung & Entwicklung
FuE-Bescheinigung der BSFZ
Die Bescheinigung wird von der Bescheinigungsstelle Forschungszulage (BSFZ) erteilt. Die BSFZ steht unter Rechts- und Fachaufsicht des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Sie bestätigt dem Grunde nach die Begünstigungsfähigkeit eines Vorhabens als Forschungs- und Entwicklungsvorhaben nach dem Forschungszulagengesetz (FZulG) und dient als Grundlage für die anschließende Festsetzung der Forschungszulage durch das zuständige Finanzamt.
KI-gestütztes System zur automatisierten Erstellung normkonformer Brandschutzkonzepte
In dem von der BSFZ bescheinigten FuE-Vorhaben entwickelt nees Ingenieure ein KI-System zur automatisierten Generierung von Brandschutzdokumenten. Das Projekt adressiert die wissenschaftlich-technische Herausforderung, eine rechtssichere Verknüpfung zwischen komplexen Gesetzestexten und individuellen Gebäudegeometrien herzustellen.
Arbeitsschwerpunkte des Vorhabens sind:
- Implementierung einer RAG-Architektur (Retrieval-Augmented Generation): Entwicklung eines Systems, das Antworten primär aus einem verifizierten Datenpool (Bauordnungen, Referenzkonzepten, Normen, Gutachten) generiert.
Das Ziel ist die Überführung dieses Wissensmodells in einen funktionalen Prototyp, der die Qualität und Effizienz in der ingenieurmäßigen Brandschutzplanung nachhaltig steigert.
