Beispielbild: Ein Fluchtwegzeichen auf der Scheibe einer Bahn
Wohin sollte uns der zukünftige Weg des Brandschutzes führen? (Quelle: Gerd Geburtig)

Planung | Ausführung

15. March 2022 | Teilen auf:

Raus aus der "Komfortzone": Erneuerung des vorbeugenden Brandschutzes

"Wir denken ökonomische Entwicklung und ökologische Verantwortung zusammen. Es gilt zu erhalten, was uns erhält, und unsere Ressourcen zu schützen", heißt es im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündis90/Die Grünen und der FDP. Es soll insbesondere die Kreislaufwirtschaft als effektiver Bestandteil des Klima- und Ressourcenschutzes gefördert werden. Damit ist das Ziel einer Einsparung des primären Rohsoffverbrauchs verbunden, zu dem auch das Bauen einen entsprechenden Beitrag leisten soll.

Beitragsreihe zur Erneuerung des vorbeugenden Brandschutzes
Dieser Beitrag ist in Ausgabe 1.2022 des FeuerTrutz Magazins erschienen und markiert den Auftakt einer Artikelreihe, in der Prof. Dr.-Ing. habil. Gerd Geburtig die aktuellen Herausforderungen für den vorbeugenden Brandschutz betrachten und Lösungsansätze für dessen Erneuerung skizzieren wird.
Den nächsten Teil der Serie lesen Sie in FeuerTrutz Magazin 2.2022.

Ausgehend von den aktuellen Regelungen der Musterbauordnung (MBO) [1], der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) [2], dem gegenwärtigen Stand der Brandschutzplanung und -prüfung, von oftmals festzustellenden Abweichungen und Erleichterungen bis hin zu den immer komplexer werdenden Regelungen für die Prüfung und Zulassung von Bauprodukten des Brandschutzes, sind spezifische „Knackpunkte“ des Brandschutzes zu analysieren. Zudem sollte der derzeitige Brandschutz in Deutschland, im Zusammenhang mit dem eingangs genannten Ziel der Ressourceneinsparung und der notwendigen Kreislaufwirtschaft, auf den Prüfstand gestellt werden. Dabei wird klar, dass der vorbeugende Brandschutz Potenziale für entsprechende Einsparungen im ökologischen Sinne hat.

Komfortzone

In den vergangenen Jahren schlich sich eine gewisse Zufriedenheit mit dem Erreichten auf einem viel zu hohen Niveau des Material- und damit auch des Ressourcenverbrauchs in die gesamte Branche ein, die der Autor als „Komfortzone“ bezeichnet. Unnötige Verschärfungen des Bauproduktenrechts, insbesondere mit Blick auf die oftmals nicht mehr mögliche Korrelation mit dem formal rechtmäßigen Einsatz moderner Bauprodukte in der vorhandenen Bausubstanz, bewirken ein Übriges. Darüber hinaus werden Vorschläge für mögliche Verbesserungen und Einsparungen auf dem jeweiligen Gebiet des vorbeugenden Brandschutzes unterbreitet, die zu einer tiefgreifenden Ressourceneinsparung führen können.

Der heutige vorbeugende Brandschutz: notwendige Fragen

Vor der kritischen Beleuchtung der jetzigen Verhältnisse beim Brandschutz sollen die wesentlichen Errungenschaften der letzten 30 Jahre nicht unerwähnt bleiben. Das Bewusstsein für einen notwendigen Brandschutz bei baulichen Anlagen nahm in der Gesellschaft beachtlich zu. Die Zahl der Brandtoten verringerte sich erheblich – sehr wahrscheinlich aufgrund der inzwischen flächendeckend eingeführten Rauchwarnmelderpflicht in Wohnungen. Das aktuelle Niveau des vorbeugenden Brandschutzes in Deutschland ist damit im internationalen Vergleich sehr hoch.

Gleichzeitig ist aber anzunehmen, dass ein beträchtlich gesteigerter Sicherheitsgewinn beim Brandschutz ohne extrem stark ansteigenden Ressourcenverbrauch nicht mehr möglich ist. Unnötige Vorkehrungen sind deswegen kritisch zu hinterfragen. Demzufolge sind aus der Sicht des Autors die folgenden Fragestellungen im Zusammenhang mit einem ressourcensparendem vorbeugenden Brandschutz in den Mittelpunkt zu stellen:

  • Tragen die in der Musterbauordnung bzw. den Sonderbauverordnungen enthaltenen materiellen Vorschriften, beispielsweise die jeweils geforderten Feuerwiderstände, wirklich zu einem signifikanten Sicherheitsgewinn bei? Oder müssen diese nicht aus der Sicht einer möglichen Ressourcenschonung grundlegend überdacht werden?
  • Führen die immer mehr ausufernden sowie juristischen Schriftsätzen gleichenden Brandschutznachweise wirklich zu einem besseren Brandschutz?
  • Ist die sich ständig wiederholende Auseinandersetzung um Abweichungen und Erleichterungen wirklich sinnvoll, oder ist eine Änderung des Bauordnungsrechts nicht längst geboten?
  • Führen die gegenwärtigen Regelungen des Bauproduktenrechts wirklich zu verwendbaren und vor allem für die notwendige Bestandsweiternutzung einsetzbaren Bauprodukten im Sinne der brandschutztechnischen Schutzziele?
  • Bewirkt eine zunehmend verängstigte bauaufsichtliche Prüfung der Brandschutznachweise wirklich eine Schutzniveauverbesserung und berücksichtigt damit auch die gesellschaftlich gewollte Ressourceneinsparung?

Abb. 2: Wohngebäude mittlerer Höhe, Bauzeit 1962 (Quelle: Gerd Geburtig)

Diesen fünf Kernthemen widmen sich weitere Beiträge der Beitragsserie im FeuerTrutz Magazin, wobei folgenden Abbildungen 2 und 3 bis dahin zum Nachdenken anregen mögen. In beiden Bildern ist ein jeweils zur Errichtungszeit gemäß den damaligen Vorschriften erbautes Wohngebäude in der BRD bzw. der DDR zu sehen.

Während in Abbildung 2 ein Gebäude mit mehr als fünf Vollgeschossen (im heutige Sinne der Gebäudeklasse 5 entsprechend) zu sehen ist, zeigt die Abbildung 3 ein Wohnhochhaus, das den bauzeitlichen technischen und Gütebestimmungen (heute ein Hochhaus gemäß § 2 (4) Nr. 1. MBO) entsprach.

Abb. 3: Wohnhochhaus, errichtet 1970er-Jahre (Quelle: Gerd Geburtig)

Während das Gebäude in Abbildung 2 feuerbeständig zu errichten war, genügte für das Wohnhochhaus in Abbildung 3 für die Geschossdecken ein Feuerwiderstand von 60 Minuten.

Beide Gebäude werden im Bestand mit geringfügigen und angemessenen Nachrüstungen hinsichtlich des Brandschutzes versehen, ohne eine Ertüchtigung des Feuerwiderstands der tragenden und aussteifenden Bauteile weiter genutzt und sind vergleichbar sicher [3] – und das, obwohl die klassifizierte Feuerwiderstandsdauer um etwa 35 % differiert. Wenn das nicht zum Nachdenken anregt. [...]

Weiterlesen? Der vollständige Artikel ist in Ausgabe 1.2022 des FeuerTrutz Magazins (Februar 2022) erschienen. Er behandelt außerdem die Einsparpotenziale von Energie bei Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung von Materialien im Bauwesen sowie die Modernisierung zur Ressourcenschonung.

Der Artikel ist der erste Teil einer Beitragsreihe im FeuerTrutz Magazin, die sich mit der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderung mit einem ganzheitlichen Blick auf die derzeitige Situation des vorbeugenden Brandschutzes beschäftigt.

Quellen

[1] Musterbauordnung (MBO) Fassung November 2002, zul. geä. durch Beschluss der Bauministerkonferenz vom 22.02.2019

[2] Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB), Ausgabe 2020/1

[3] Wimmer, H., Baulicher Brandschutz – Rechtliche Grundlagen in den neuen Bundesländern, in: Bundesbaublatt, hrsg. v. Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, H. 11, Wiesbaden 1991, S. 749 – 753, hier S. 752 f.

[4] Paschotta, R., Graue Energie (online), RP-Energie-Lexikon, abgerufen am 02.12.2021, www.energie-lexikon.info/graue_energie.html

[5] VDI-Zentrum Ressourceneffizienz (Hrsg.), Ressourceneffizienz im Bauwesen – Von der Planung bis zum Bauwerk, S. 5

[6] Fuhrhop, D., Verbietet das Bauen! – Eine Streitschrift, München 2012, S. 160 f.

[7] WTA e.V. (Hrsg.)., Merkblatt 11-1-20/D, Brandschutz im Bestand und bei Baudenkmalen nach WTA I: Grundlagen

zuletzt editiert am 15.03.2022