(Quelle: FeuerTrutz Network)
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Branche | Markt

01. September 2021 | Teilen auf:

Die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz

Die größten Herausforderungen und Chancen

Wir haben verschiedene Branchenexperten gefragt, was aus ihrer Sicht die drei größten Zukunftsthemen für den vorbeugenden Brandschutz sind. Hier lesen Sie die Antworten.

Dieser Beitrag ist 2021 im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums der Marke FeuerTrutz in einer Sonderausgabe zum FeuerTrutz Magazin erschienen. Das E-Paper dazu ist kostenlos in der FeuerTrutz Medien App verfügbar.

Herr Krause-Czeranka, was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Dipl.-Ing. Thomas Krause-Czeranka (Ingenieurbüro Krause-Czeranka; Stabsstelle Koordination und Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung Bausicherheit Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen Brandprüfzentrum Erwitte):

Föderalismus und Bauordnungsrecht
Bauordnungsrecht ist Länderrecht. Die Grundlage für die bauordnungsrechtlichen Regelungen werden auf der Basis von Musterentwürfen durch die ARGEBAU erarbeitet und veröffentlicht. Die Zielsetzung war insbesondere eine Grundlage für ein einheitliches und einfaches Bauordnungsrecht der Länder. Musterbauordnung, Muster-Verordnungen, Muster-Richtlinien sowie Technische Baubestimmungen – das ganze Regelwerk multipliziert mit dem Faktor 16. Darüber hinaus könnte man über die Problematik (bzw. Herausforderung) hinsichtlich der unterschiedlichen Rechtsgrundlagen durch den unübersichtlichen Umsetzungstand der unterschiedlichen Muster der Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen lange Aufsätze verfassen.

Europa und BauPVO
Zunächst einmal möchte ich voranstellen, dass ich als Westfale auch überzeugter Europäer bin – das ist kein Widerspruch. Eines der wichtigsten Anliegen der EU sowie ihrer Vorgängerorganisationen war und ist der freie, ungehinderte Warenaustausch innerhalb des Binnenmarktes der Mitgliedstaaten. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten – und müssen weiterhin – Handelshemmnisse in Form nationaler Normen und Vorschriften abgebaut werden. Hierzu hat man das Konzept der Harmonisierung entwickelt. Danach wurden bestehende Technische Vorschriften und Anforderungen an Produkte in langwierigen und zähen Verhandlungen der Mitgliedstaaten bis ins Detail so lang erörtert, bis ein Kompromiss gefunden war, der einstimmig akzeptiert wurde. Nicht zuletzt das für das deutsche Bauordnungsrecht einschneidende Urteil des EuGH aus dem Jahre 2014 offenbarte Probleme (bzw. Herausforderungen) in der Umsetzung der BauPVO. Seit 2014 streitet die Union nicht nur mit Deutschland über den Umgang mit sogenannten lückenhaften Normen. Insbesondere aber auch das Urteil des EuGH aus dem Jahre 2016 („James Elliott-Urteil“), welches harmonisierte Normen als Teil des Europäischen Rechts anerkennt, hat zur Folge, dass an die Veröffentlichung von harmonisierten technischen Spezifikationen strengere Maßstäbe gestellt werden. Dies führt derzeit dazu, dass eine Vielzahl von Produktnormen „auf Eis“ liegen oder sogar Gefahr laufen „deharmonisiert“ zu werden. Den einen oder anderen würde es freuen.

Technische Regeln und Komplexität
Deutschland gilt als Land der Ingenieure – wen wundert es also, dass wir dementsprechend umfangreiche Technische Regelwerke haben. Leider haben wir es verlernt, Großprojekte erfolgreich umzusetzen. Flughafen Berlin-Brandenburg „Willy Brandt“, Elbphilharmonie Hamburg, Stuttgart 21, Oper Köln, … – „nicht ganz optimal verlaufene“ Großprojekte in Deutschland. Und häufig ist es der Brandschutz, der hinhalten muss oder dem man den schwarzen Peter zuschiebt. Die Probleme (bzw. Herausforderungen) sind teilweise sehr unterschiedlich. Für den Brandschutz gilt dabei, dass die am Bau Beteiligten umfangreiche Regelwerke zu beachten haben. Neben der Umsetzung der materiellen Anforderungen verstrickt man sich jedoch häufig in einer rechtlich einwandfreien formalen Umsetzung der Dokumentation. Technische Regeln und Normen müssen anwendbar bleiben. Je mehr und je detaillierter wir regeln desto weniger flexibel bauen wir. Weniger ist manchmal mehr.

Herr Kunkelmann, was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Dipl.-Ing. Jürgen Kunkelmann (Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Forschungsstelle für Brandschutztechnik):

Cyber Security
Als eine große Herausforderung für die Zukunft sehe ich die Cyber Security. Beispielsweise sei hier die RIPPLE20-Schwachstelle in IoT- Netzwerken (Internet of Things) genannt. Durch die teils kritischen Sicherheitslücken in einem proprietären (Soft- und Hardware, die auf herstellerspezifischen, nicht veröffentlichten Standards basiert) TCP/IP-Stack sind zahlreiche Geräte wie z. B. Drucker, Scanner, Netzwerk-Hardware, Industrie-und Geräte-Automation, medizinische Geräte, vernetzte Steckdosen, Sensoren industrieller Steuerungen, technische Messgeräte etc. betroffen, ohne dass der Kunde davon etwas weiß. Das Problem ist, dass Patches/Upgrades oft nicht vorgesehen bzw. ggf. im normalen Lebenszyklus-Prozess integriert sind. Dies kann sicherlich auch große Auswirkungen auf die technische Infrastruktur von Brandschutzanlagen haben.

Lithium-Ionen Batterien
Brandgefahren durch Lithium-Ionen- und Lithium-Metall-Batterien insbesondere Brände durch evtl. versagende Batterien in Wohngebäuden, Krankenhäusern, Altenheimen, Hotels etc. Beim Versagen von Lithium-Ionen-Batterien werden schwere Elektrolytdämpfe frei, diese können sich ggf. vor der Entzündung im Bodenbereich sammeln und so einen zündfähigen See bilden, der zunächst nicht z. B. von optischen Rauchmeldern an der Decke detektiert wird. Hier sei insbesondere auch auf die mögliche Gefährdung von schlafenden Personen hingewiesen. Weiterhin ergibt sich hierbei natürlich auch eine eingeschränkte Selbstrettungsfähigkeit insbesondere bei älteren Menschen. Brandgefahr bei der Sammlung, bei der Lagerung und beim Recycling von gebrauchten oder beschädigten Batterien, teilweise noch im geladenen Zustand und mit nicht isolierten Anschlusspolen. Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) berichtet z. B., dass kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo in Deutschland der Kurzschluss einer nicht ordnungsgemäß behandelten Batterie in Entsorgungsfahrzeugen, Mülltonnen oder Sortieranlagen einen Brand verursacht.

Massentierhaltung
Vermehrt verwenden landwirtschaftliche Betriebe für die Haltung von Tieren Massentierställe, da diese Art der Tierhaltung wirtschaftlicher betrieben werden kann als Betriebe mit extensiver Tierhaltung, die eine ausgeprägte Bodennutzung aufweisen. Jedes Bundesland in Deutschland hat struktur- und landschaftsbedingt unterschiedliche Betriebsgrößen und Stallarten bei den jeweiligen Tierarten. Im Grundgesetz (GG), Tierschutzgesetz (TierSchG) und der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) ist der Schutz von Tieren bzw. in Haltungseinrichtungen eindeutig festgelegt. Nach der Musterbauordnung (MBO) sind bauliche Anlagen so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksamen Löscharbeiten möglich sind. Die Brandschutzbestimmungen in den Bauordnungen der Bundesländer enthalten keine konkreten Regelungen, wie die Rettung von Tieren wie bei Personen (Selbstrettung) ermöglicht werden kann. Die Rettung von Tieren ist aufgrund des unterschiedlichen Verhaltens im Brandfall und aufgrund der großen Anzahl u. a. auch bedingt durch die oft schnelle Brandausbreitung in landwirtschaftlichen Betrieben, sehr problematisch.

Herr Truthän, was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Stefan Truthän (Geschäftsführer der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH, aktiver Feuerwehrmann der Berliner Feuerwehr und Gründer des Projekts FUTURA/matchbox):

Herausforderungen zu nennen, ist nicht schwierig: Sie stehen ja vor uns. Mit Ausrufezeichen. Klimawandel, demografische Entwicklung, Digitalisierung. Diese drei sind nicht spezifisch für den vorbeugenden Brandschutz. Sie betreffen schlichtweg alles und jeden. Lassen Sie uns deshalb genauer vom vorbeugenden Brandschutz sprechen. Oder beginnen die Herausforderungen nicht schon mit diesem Begriff? Die Trennung von vorbeugendem und abwehrendem Brandschutz ist überholt. Vielmehr geht es doch darum, wie die Aufgaben der öffentlichen Sicherheit miteinander vernetzt werden und ihre Akteure künftig zusammenarbeiten. Wir brauchen einen smarten, proaktiven Brandschutz.

Wie wir da hinkommen? – Drei Antworten, drei Blickwinkel, drei Lösungen: Adaption, Nachhaltigkeit, Agilität.

Der heutige vorbeugende Brandschutz ist zu starr und unflexibel für eine Welt, deren Statik sich auflöst und modular wird. Neue Materialien treffen auf neue Bauweisen treffen auf neue Nutzungskonzepte. Wenn eine Schule abends Eventspace ist, welche Gebäudeordnung greift  dann? Wenn in jeder Wohnung eines Mehrfamilienhauses im Homeoffice gearbeitet wird, haben wir dann tagsüber ein Bürogebäude? Wenn die Welt flexibler wird, mehr Interpretationen möglich macht, dann muss auch der Brandschutz flexibler werden. Das ist Adaption.
Flexibilität bedeutet auch Entbürokratisierung. Wir brauchen Verfallsdaten für Bauordnungen. Die Stadt vereint moderne und frühere Bauweisen. In diesem Spannungsfeld steht der Brandschutz. Wir dürfen nicht mehr in Jahrzehnten denken. Die Digitalisierung bietet uns die Chance, jederzeit Daten zu erheben und auszuwerten. Daraus können wir Maßnahmen ableiten, die uns besser machen.

Von uns werden nachhaltige Innovationen gefordert. Bestens. Auch daraus erwachsen neue Chancen. Zum Beispiel die, Produkte nicht nur zu benutzen, weil sie in einem Gesetz stehen. Es wäre eine echte Revolution, das Unnütze vom Nützlichen zu trennen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir müssen weiterhin für Brandschutzmaßnahmen und -produkte werben. Aber unser Argument sollten nicht Verordnungen und Gesetze sein, sondern die Sinnhaftigkeit. So viel Brandschutz wie nötig, nicht aber so viel wie möglich. Und wenn wir schon dabei sind, sollten wir möglichst weitreichende Standards schaffen. Auf der einen Seite haben wir einen Flickenteppich unterschiedlichster Vorgaben. Auf der anderen Seite stehen Naturgesetze, die sich zwischen Brüssel, Berlin und Bielefeld nicht unterscheiden.

Protektionismus und Abschottung bringen nicht voran, sondern Kollaboration und Harmonisierung. Wir müssen voneinander und miteinander lernen – in agilen Strukturen, interdisziplinär und auf der Basis von Offenheit und Vertrauen.
Genau dazu laden wir ein. Auf ein Spielfeld, das es so noch nicht gegeben hat. Es heißt FUTURA/matchbox. FUTURA ist die Stadt der Zukunft. Sie hat ihre Heimat im Netz. Matchbox ist eine Testfläche in FUTURA, die es auch in der Realität und zum Anfassen gibt. Jeder kann FUTURA besuchen. Jeder kann sich dort einbringen. Eine prototypische Metropole mit allem, was dazu gehört. Dort wollen wir zusammenarbeiten mit Experten aus aller Welt, um das beste Wissen, echten Innovationsgeist und neue Ideen auszuprobieren. Ohne Risiko. Gemeinsam stellen wir uns der Frage, wie die Zukunft der öffentlichen Sicherheit aussehen kann. Wir proben den Ernstfall in der virtuellen Umgebung. Wir schauen nicht nur in die Zukunft, wir bewegen uns in ihr. Um die Zukunft zu gestalten.

Herr Wallasch, was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Dipl.-Ing. CEng MIFireE Karl Wallasch (Direktor bei Trigon Fire Safety in London; Studium im Bauingenieurwesen an der Bauhaus-Universität in Weimar):

Neue brandschutztechnische Richtlinien und Regelwerke
Seit der Grenfell-Brandkatastrophe im Jahr 2017 wurden in England mehrere brandschutztechnische Richtlinien und Regelwerke erneuert. Anfang 2020 wurde die Forderung nach flächendeckender Sprinklerung von Wohnungsbauten mit einer Höhe von mehr als 11 m eingeführt. Weitere Erneuerungen werden in den nächsten Jahren erwartet. Die Ingenieurin Dame Judith Hackitt wurde mit der Überprüfung des aktuellen rechtlichen Regelwerkssystems beauftragt. Die Resultate und Empfehlungen ihrer Arbeit wurden in einem Bericht zusammengefasst und veröffentlicht. Empfohlen wird dabei die Gründung einer neuen Dienststelle, die zwar neben den jetzigen existieren, sich aber speziell auf sog. „higher-risk“ Gebäude spezialisieren soll. Die Neueinführung von Regelwerken zielt auf eine verbesserte Kommunikation zwischen allen Beteiligten ab, soll deutlicher Funktionen und Verantwortungen darstellen, eine bessere Zusammenarbeit aller Beteiligten zwischen Entwurf, Detailplanung, Baukonstruktion, Übergabe und Gebäudemanagement bewirken. Zu erwarten ist, dass dies langfristig die Baubranche verändern wird.

Innovative Gebäude
Bauherren, Architekten, Projektteams und Projektziele werden auch weiterhin Brandschutzingenieure vor neuartige Problemstellungen stellen. Viele Bauprojekte sind von Zielen des Nachhaltigen Bauens geprägt, was zu neuartigen Bautypen, der Verwendung neuer Bauprodukte/-materialien oder neuer Bauweisen und -methoden führt. Wie der Einsatz von „Cross Laminated Timber“ (CLT) [s.g. Kernlagenholz] im Hochhausbau. Holz spielt eine wichtige Rolle in der Reduzierung von Kohlendioxid. Die Covid-19 Pandemie zeigt, dass wir darüber nachdenken müssen, wie Menschen in Zukunft wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen wollen. Das wird Brandschutzingenieure vor neue Herausforderungen stellen und die Anwendung innovativen ingenieurmässigen Denkens fordern, um für Gebäude eine flexible Nutzung und ein Mix unterschiedlicher Personengruppen zu ermöglichen, ohne dabei das Sicherheitsniveau zu verringern. Da aktuelle Richtlinien und Regelwerke neuartige Trends nicht schnell aufgreifen können, werden zuerst Planungsteams und Brandschutzingenieure mit neuen Herausforderungen konfrontiert und müssen Lösungen finden. Die Notwendigkeit, moderne Ingenieurmethoden (s.g. Performanced-Based Design) im Brandschutz anzuwenden, wird mit Sicherheit eine bedeutende Rolle spielen, um zukunftsfähige und sichere Gebäude erfolgreich liefern zu können.

Training, Ausbildung und Kompetenzen
Um auf die zukünftigen Herausforderungen und Veränderungen vorbereitet und imstande zu sein, die richtigen Antworten und Lösungen auf diese Fragen finden zu können, braucht die Industrie auf allen Ebenen ausgebildete und trainierte Brandschutzexperten. Die Brandschutzindustrie braucht Personal, das Richtlinien und Regelwerke korrekt anwenden, aber auch auf Veränderungen reagieren kann und sicherstellt, dass zukünftige Gebäude brandschutztechnisch korrekt geplant, gebaut und benutzt werden. Wir sind uns bewusst, dass derzeit nicht genügend Ingenieure eine Karriere im Bereich Brandschutz einschlagen. Zukünftige Veränderungen von Regelwerken und zusätzliche neue Verantwortungen werden die existierenden Ressourcen weiter belasten. Wir brauchen mehr koordinierte Initiativen zwischen Industrie, Instituten, Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten sowie der Regierung, um das Bewusstsein für die fantastischen und vielseitigen Karrieremöglichkeiten im Brandschutzbereich zu stärken; aber ebenso, um die richtige Ausbildung zu ermöglichen und um die notwendigen Kompetenzen auszubauen. Diese Herausforderung wird nur langfristig zu bewältigen sein, wenn alle Beteiligten aus Industrie, Institute, Hochschulen und Regierung verantwortungsvoll zusammenarbeiten.

Herr Dietrich, was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Matthias Dietrich (Dipl.-Ing. Sicherheitstechnik, RASSEK & PARTNER Brandschutzingenieure, Wuppertal und Würzburg):

Moderne Technik in seine Schranken weisen
Technik bestimmt unser Leben und insbesondere die computerunterstützte Verarbeitung von Daten hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Häufig geht diese schnelle Datenverarbeitung mit einer ebenso beschleunigten Freude an Umplanungen einher. Es fällt schwer hier Schritt zu halten und keine Datenwüsten zu schaffen, die gar nicht oder nicht hinreichend aufeinander abgestimmt sind. Vermehrt stellt sich die Frage, ob alles das, was technisch möglich, auch wirklich sinnvoll und zielführend ist. Das Vertrauen auf moderne Technik scheint vermehrt durch eine gefährliche Technikabhängigkeit abgelöst worden zu sein. Künftig wird es daher mehr denn je darauf ankommen, dass wir die Möglichkeiten moderner Technik nutzen, ohne uns hiervon das ingenieurmäßige Denken abgewöhnen zu lassen. Vielleicht müssen wir lernen, moderne Technik gelegentlich in ihre Schranken zu weisen.

Vernetzung als Chance und Risiko
Die Kommunikation der verschiedenen sicherheitstechnischen Anlagen und Einrichtungen in einem Gebäude ist von wesentlicher Bedeutung. Die hiermit einhergehenden Möglichkeiten können eine wirkliche Erhöhung des sicherheitstechnischen Niveaus darstellen. Diese Tatsache geht jedoch mit meiner Sorge einher, dass wir das Schicksal eines Gebäudes im Brandfall zunehmend der technischen Vernetzung von sicherheitstechnischen Anlagen und Einrichtungen überlassen. Im Zuge der komplexen Vernetzung verschiedenster Anlagen stelle ich mir sorgenvoll die Frage, ob genau diese Steuerungen im konkreten Bedarfsfall wirklich funktionsgerecht abgerufen werden können. In unserer beruflichen Praxis stellen wir regelmäßig fest, dass gute Brandschutzkonzepte durch aufgekeilte Feuerschutzabschlüsse, verschlossene Rettungswege, geöffnete Brandschottungen oder unzulässige Brandlasten in Fluchtwegen in ihrer Wirksamkeit erheblich beeinträchtigt werden. Wenn bereits grundlegende Brandschutzvorgaben regelmäßig ignoriert werden, dann fehlt mir manchmal der Glaube daran, dass die technische Kommunikation der sicherheitstechnischen Anlagen und Einrichtungen eines bestehenden Gebäudes den Stellenwert erhält, der hierfür eigentlich notwendig wäre. Es ist zu befürchten, dass zahlreiche Ansteuerungen bereits nach dem ersten Update dieser Anlagen nicht mehr funktionieren.

Aus Schaden klug werden
Die bauordnungsrechtlichen Brandschutzbestimmungen ändern sich regelmäßig. Es ist daher üblich, dass ein Gebäude nach einigen Jahren nicht mehr den aktuellen Brandschutzanforderungen entspricht. Folglich kann es nicht zielgerecht sein, dieses Abweichen von den aktuellen Rechtsvorschriften grundsätzlich als unzulässig gefährlich darzustellen. Es bedarf einer angemessenen fachlichen Analyse, welche Abweichungen von den aktuellen Vorschriften bei Bestandsbauten hingenommen werden können. Dies ist insbesondere deswegen von großer Bedeutung, da Gerichte in jüngster Vergangenheit bereits geringfügiges Abweichen von den aktuellen Bestimmungen als Begründung für die Anordnung einer Nutzungsuntersagung akzeptieren. Bauaufsichten, Sachverständige und Feuerwehren sind daher aufgerufen, Maßstäbe zu entwickeln, welche Abweichungen akzeptiert werden können und ab wann eine Anpassung gerechtfertigt erscheint. Hierbei sollte weniger auf die theoretisch-juristische, sondern auf eine praxistaugliche Lösung dieses Problems Bezug genommen werden. Aus meiner Sicht müssen hierbei die konkreten Einsatzerfahrungen der Feuerwehren eine zentrale Rolle spielen. Die Feuerwehren sind in ihrer Einsatzpraxis regelmäßig mit Einsatzszenarien in Bestandsgebäuden konfrontiert und können somit wertvolle Hilfestellungen liefern, unter welchen Parametern tatsächlich eine konkrete Gefahr für die Gebäudenutzer unterstellt werden muss.

Herr Meyer, was sind aus Sicht von G+H die drei größten Herausforderungen für die Zukunft im vorbeugenden Brandschutz?

Die Antwort von Jörg Meyer (Kommunikationsleiter G+H ISOLIERUNG GmbH):

Hersteller von Produkten und Systemen im baulichen Brandschutz sind vertriebsaktiv und haben mehr oder minder ihr Ohr am Markt. Mitunter fallen einem Hersteller ungelöste Probleme, Marktlücken etc. auf, die zu Produktideen führen. Als ein solcher Hersteller sieht G+H die größten Herausforderungen in der inzwischen fast systematisch erscheinenden Verhinderung von Innovation.

Brandprüfungen, -ergebnisse und -Prüfberichte
Es ist festzustellen, dass sich in den letzten Jahren die Zeitdauer von der Vereinbarung eines Termins für eine Brandprüfung bis zum Vorliegen eines Prüfberichts, der zur Beantragung eines Verwendbarkeitsnachweises dient, erheblich verlängert hat und inzwischen oftmals bei 1,5 bis 2 Jahren bei einzelnen Prüfstellen liegt!

Zeitdauer für die Erteilung eines Verwendbarkeitsnachweises
Die Zeitdauer von der Beantragung bis zur Erteilung eines Verwendbarkeitsnachweises hat sich über die Jahre deutlich negativ entwickelt und liegt inzwischen in den meisten Fällen zwischen 1 und 3 Jahren, in Einzelfällen sogar noch darüber.
Die time to market für eine innovative Idee liegt damit – zusammen mit der Prüfdauer – bei ca. 3-5 Jahren, vorgelagerte eigene Entwicklungszeit für ein neues Produkt nicht inbegriffen. Derartige Fristen verhindern jegliche Innovation. Mitunter läuft der Hersteller Gefahr, dass sich die Marktgegebenheiten längst geändert haben, wenn er mit seinem neuen Produkt auf den Markt kommt.

Komplexität
Die Aufrechterhaltung und Erlangung von Verwendbarkeitsnachweisen sind im Verlauf der letzten Jahre immer komplexer geworden. Die Abschaffung der Bauregelliste und Einführung der VVTB´s mit unterschiedlichem Stand der Einführung in den Bundesländern hat diesen Zustand noch verschärft. Mit Einführung von Bauartgenehmigungen wurde bei vielen Produkten aus einem Verwendbarkeitsnachweis zwei, was die Komplexität der Verwaltung und die damit verbundenen Kosten erhöht.

zuletzt editiert am 01.09.2021